JPMorgan warnt: Krise größer als 2008

An den internationalen Finanzmärkten gehören Warnungen inzwischen beinahe zum Alltag. Doch wenn Jamie Dimon, Vorstandschef von J.P. Morgan, öffentlich vor den wirtschaftlichen und geopolitischen Risiken der Gegenwart warnt, erhält das Gewicht. Der langjährige Banker gilt nicht als jemand, der leichtfertig Alarm schlägt. Gerade deshalb finden seine jüngsten Aussagen besondere Aufmerksamkeit – nicht nur an der Wall Street, sondern auch in Europa.

Wirtschaftliche Situation in Europa besonders bedenklich

Dimon beschreibt die gegenwärtige Lage als außergewöhnlich angespannt. Dabei verweist er nicht nur auf klassische Konjunkturthemen wie Inflation, Zinspolitik oder schwächere Wachstumsdaten. Seine Sorge richtet sich vielmehr auf die Kombination mehrerer Krisenherde gleichzeitig: geopolitische Konflikte, fragile Lieferketten, hohe Staatsverschuldung, handelspolitische Spannungen und strukturelle Schwächen westlicher Volkswirtschaften. Aus seiner Sicht entsteht daraus ein Umfeld, das schwer kalkulierbar geworden ist.

Besonders kritisch äußert sich Dimon zur wirtschaftlichen Situation Europas. Dort sieht er erhebliche strukturelle Herausforderungen, die sich über Jahre aufgebaut hätten. Gemeint sind unter anderem langsame Entscheidungsprozesse, hohe Regulierung, Investitionshemmnisse und eine im internationalen Vergleich nachlassende wirtschaftliche Dynamik. Gerade exportorientierte Länder wie Deutschland geraten dabei zunehmend unter Druck. Hohe Energiekosten, eine schwache Industrieproduktion und eine zurückhaltende Investitionsbereitschaft belasten das Wachstum.

Hinzu kommt die geopolitische Unsicherheit. Der Krieg in der Ukraine dauert weiter an, im Nahen Osten bestehen neue Spannungen, und gleichzeitig nehmen handelspolitische Konflikte wieder zu. Auch die von den USA angekündigten beziehungsweise diskutierten Zölle auf europäische Produkte sorgen in der Industrie für Nervosität. Für viele Unternehmen wird die langfristige Planung dadurch schwieriger.

Dimon sieht darin ein Risiko, das aus seiner Sicht von vielen Marktteilnehmern unterschätzt wird. Während Teile der Finanzmärkte weiterhin auf eine stabile wirtschaftliche Entwicklung hoffen, hält er die Wahrscheinlichkeit einer deutlichen Abschwächung für höher als viele Analysten. Dabei verweist er auch auf die Erfahrung vergangener Krisen. Anders als in rein finanziellen Verwerfungen würden heute wirtschaftliche, politische und sicherheitspolitische Risiken gleichzeitig wirken.
Die Aussagen des J.P.-Morgan-Chefs zeigen damit vor allem eines: In Teilen der internationalen Finanzwelt wächst die Sorge, dass die westlichen Volkswirtschaften vor einer Phase stehen könnten, die deutlich komplexer wird als klassische Konjunkturabschwünge vergangener Jahre.