in Wissenschaft

Nahezu jeder kennt den Placebo-Effekt. Man nimmt eine wirkungslose Tablette, im Glauben es handelt sich um ein Medikament mit aktiven Inhaltsstoffen und in vielen Fällen zeigt sich dennoch ein positiver Effekt in gewünschter Richtung.

Nun gibt es aber etwas Neues zum Placebo-Effekt. Aktuelle Studien zeigen Placebos wirken auch dann, wenn die Menschen wissen, dass es sich um ein Placebo, also eine Pille ohne aktive Inhaltsstoffe handelt.

Studien zum Open-Label Placebo

Ted Kaptchuk, Direktor des Programms in Placebo-Studien an der Harvard University und Professor für Medizin an der Harvard Medical School hat in seiner bekanntesten Studie im Jahr 2010, achtzig Patienten mit Reizdarmsyndrom, einer schmerzhaften Erkrankung mit wenig verfügbaren Behandlungen, untersucht. Eine Gruppe der Teilnehmer bekam keine Behandlung. Die andere Gruppe bekam als solche gekennzeichneten Placebo-Pillen, und es wurde ihnen gesagt die Medikamente wären nicht echt. Aber die Forscher erklärten den Patienten auch, dass viele eine Verbesserung durch Placebos erleben. Zur Überraschung aller, berichtete diese Gruppe doppelt so oft von Verbesserungen als die unbehandelte Kontrollgruppe.

Ein Reporter interviewte eine Teilnehmerin der Studie, die berichtete, dass ihre Symptome wie Krämpfe, Blähungen, Durchfall  verschwunden sind, sagte Kaptchuk. Einige der Patienten kamen sogar zurück und hätten um mehr Pillen gebeten.

Der große Vorteil des Open-Label Placebo sei laut Kaptchuk, dass es ein ehrlicher Placebo ist. Es sei kein Betrug beteiligt. Mittlerweile gibt es auch Studien mit Depressionen und Migräne, die einen erheblichen Nutzen aufzeigen.

Eine Gruppe von Forschern an der University of Alabama at Birmingham und der Harvard University wollen das nun bei Krebsüberlebenden untersuchen. Menschen, die Krebs überlebt haben, leiden oft noch lange unter einer anhaltenden Müdigkeit. Diese stellt eine starke Beeinträchtigung für die Lebensqualität dar, und es gäbe derzeit keine ausreichende Behandlung. Placebos könnten das sein, was sie brauchen.

Wie erklärt sich der Open-Label Placebo-Effekt?

Kaptchuk und andere Forscher untersuchen verschiedene Möglichkeiten, wie es sein kann, dass eine Pille, die bekannterweise keine wirksamen Inhaltsstoffe enthält, dennoch einen gesundheitlich positiven Effekt bewirken kann.

Kevin Fontaine, Vorsitzender des Department of Health Behavior in der University of Alabama at Birmingham School of Public Health, der sich seit mehreren Jahren für die Placebo Forschung von Kaptchuk interessiert, nimmt an, dass es sich um Elemente der klassischen Konditionierung handelt. Im Laufe des Lebens, nehmen die Menschen eine Pille und sehen einen Effekt. Sie nehmen z. B. ein Aspirin, und ihre Kopfschmerzen verschwinden. So entsteht eine Verbindung in unserem Kopf, dass das Ritual der Einnahme von Tabletten tatsächlich eine positive Wirkung hat.

Ebenso kann es laut Fontaine eine Sache von Erwartungen sein. Sie reden über alle Studien, die eine Wirkung gezeigt haben, sodass die Personen die Erwartung entwickeln, eine positive Wirkung zu haben, wenn sie diese Pillen nehmen. Genau das passiert routinemäßig in der klinischen Versorgung, erläutert Fontaine. Wenn ein Arzt einem Patienten ein Rezept schreibt, erwartet der Patient, dass es helfen wird.

Eine weitere Idee, die vor allem Kaptchuk vertrat, sei die Rolle der unbewussten Mechanismen. Geht man in einen Horrorfilm weiß man, es ist nicht real, und doch entsteht eine physiologische Reaktion. Die Pillen können ebenso die Vorstellung anregen und eine therapeutische Reaktion simulieren.

Interessant sei, dass Menschen mit Alzheimer nicht auf Placebos ansprechen. Das könnte laut Fontaine daran liegen, dass der präfrontale Kortex beeinträchtigt ist, sodass sie keine Erwartung entwickeln können, oder sie sich dessen nicht bewusst sind.

Werden diese Forschungen erfolgreich weitergeführt, könnte das in der Medizin einiges bewegen. Man darf gespannt sein!

Quellen:

http://www.sciencedaily.com/releases/2015/06/150622125159.htm

http://www.uab.edu/news/innovation/item/6199-how-open-label-placebos-turn-fake-pills-into-real-treatment

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Dein Kommentar

Kommentar

  1. Ein sehr schöner Beitrag mit guten Beobachtungen und gut nachvollziehbaren Schlussfolgerungen!

    Allein die Zuwendung zum Hilfesuchenden löst in seinem Inneren Mechanismen aus, die Automatismen der Hilfe in Gang bringen können. An Stelle des Placebos kann man auch auf Null herunter geschüttelte homöopathische Mittel nehmen oder ganz auf materielleStoffe verzichten. Wenn man weiter forscht, wird man nach meiner Einschätzung feststellen, dass allein die Zeit, die der Therapeut dem Patienten schenkt, ihr Geld wert ist.

  2. Man könnte vermuten, dass die Wirkung vom Unterbewußtsein ausgelöst wird. Dieses hat gelegentlich sein Eigenleben und ist nicht immer rational.