in Wissenschaft

Sah es noch vor einigen Tagen so aus, als würde ein neuer Wettlauf zum Mond zu einer Konfrontation zwischen China auf der einen und Russland, den USA, Kanada, Japan und Europa auf der anderen Seite führen, so wirft ein neues Russisch-Chinesisches Raumfahrtabkommen die Frage auf, wer mit wem in Zukunft wieviele Raumstationen im Mond-Orbit oder auf der Mondoberfläche errichten wird.

Schon im September wurde klar, dass die USA, Russland, EU, Kanada und Japan gemeinsam erste konkrete Schritte in Richtung einer Besiedlung des Mondes unternehmen. Wie die NASA bestätigte, wird es zu einer Zusammenarbeit mit ROSKOSMOS beim Bau und Betrieb einer Raumstation in der Nähe des Erd-Mondes kommen.

Die gemeinsame Erklärung wurde bereits am 27.September 2017 im Australischen Adelaide im Rahmen des 68th International Astronautical Congress unterzeichnet. Die zu bauende Raumstation soll als „Deep Space Gateway“ dienen, als Tor zur Erforschung der Tiefen des Alls aber auch zur Erforschung und möglicherweise permanenten Besiedlung des Mondes. Ziel ist es, den von Menschen besiedelten und genutzten Raum über die Erde hinaus in das Sonnensystem auszudehnen. Die Raumstation selber soll als Raumhafen dienen, von dem aus Expeditionen zum Mond und zurück zur Erde, aber auch zu anderen Planeten erfolgen sollen.

Insbesondere die bemannten Expeditionen zum Mars stehen dabei im Fokus der NASA, die mit ihrem neuen Raumtransporterprogramm „ORION“ konsequent auf dieses Ziel hinarbeitet. Am Projekt „Deep Space Gateway“ werden auch die anderen bisherigen Betreiber der Internationalen Raumstation ISS mitwirken, so die Europäische ESA, die Japanische JAXA sowie die Kanadische CSA. Die Raumstation soll in den 2020ger Jahren errichtet werden, die Testphase für den Orion Raumtransporter soll bereits 2019 stattfinden.

Während die USA bereits von 1969 bis 1972 insgesamt 12 Astronauten auf der Mondoberfläche einsetzen konnte, bieten sich so auch für die übrigen Teilnehmerstaaten somit die Gelegenheit, erstmalig selbst bemannte Mondlandungen und Expeditionen durchzuführen. Russland kann somit die Mission erfüllen, die die UdSSR aufgegeben hatte. Bemerkenswert an der Unterzeichnung der Gemeinsamen Erklärung von NASA und ROSKOSMOS ist, dass die Kooperation zwischen den beiden Raumfahrtorganisationen immer noch funktioniert, während sich die USA und Russland politisch eher in einer Phase eines neuen Kalten Krieges befinden. Hier setzen die Raumfahrtorganisationen auf die Zukunft, sicherlich im Wissen, dass sich die politische Zustände stets ändern.

Dass eine Kooperation im Weltraum trotz politischer Spannungen auf der Erde möglich ist, bewiesen die USA und die Sowjetunion bereits im Juli 1975. als ein NASA Raumtransporter „Apollo“ sowie eine Sowjetische Raumkapsel „Sojus“ für fast zwei Tage aneinander gekoppelt wurden und sich beide Crews unmittelbar begegnen konnten. Die Apollo-Sojus-Mission des Jahres 1975 hatte vor allem politische und PR- Gründe, der Erfolg bildete jedoch auch die technische Grundlage für spätere Kooperationen.

Die heutigen gemeinsamen Missionen haben mit Sicherheit auch eine wesentliche politische Komponente, jedoch benötigen bemannte Raumfahrtmissionen zum Mond oder zu anderen Planeten auch immense finanzielle und technische Ressourcen, die die Möglichkeiten einzelner Staaten überstrapazieren können. Eine bereits frühzeitige Kooperation kann zudem verhindern, dass die teilnehmenden Staaten im Weltraum Konflikte militärisch austragen. Bereits unter US-Präsident Ronald Reagen wurde in den 1980ger Jahren ein Programm initiiert, dass zur Abwehr auf die USA anfliegender Nuklearsprengköpfe im Weltraum postierte Waffensysteme verwenden sollte. (1)

Die neue Zusammenarbeit der USA, Russlands und auch der Europäer ist daher von größter Wichtigkeit für die Deeskalation zur Zeit herrschender Konflikte, eine Art von Diplomatie auf einer anderen Ebene. Nach den jüngsten Aktivitäten Chinas und den Reden Xi Jinpings zu urteilen, schien eine derartige Zusammenarbeit mit China nicht möglich sein. Um so überraschender kam somit jetzt die Erklärung von Roskosmos über die Unterzeichnung des Kooperationsvertrages zwischen der Regierung der Russischen Föderation und der Regierung der VR China (2).

Demnach sollen ROKOSMOS und die China National Space Administration (CNSA) sowohl bei der Erforschung des Mondes, bei der Entwicklung von Raumfahrtzeugen und Komponenten, der Fernerkundung als auch bei der Beobachtung des für die Raumfahrt immer gefährlicher werdenden Weltraumschrotts kooperieren.

Langfristig sind interplanetare Großprojekte auch wirtschaftlich von größtem Interesse. Steht jetzt noch die Wissenschaft bei den Betreibern von ISS und der Zukünftigen Station Deep Space Gateway im Vordergrund, so zeigt sich schon jetzt, dass immer mehr Privatfirmen und Konzerne an der Raumfahrt verdienen. Bisher gilt das vor allem für Firmen, die die entsprechenden Ausrüstungen und Komponenten bauen, aber schon mit SpaceX zeigt sich, wie lukrativ es ist, in die Raumfahrt auch von nicht staatlicher Seite her zu investieren.

Die Gewinnung von Rohstoffen auf dem Mond, dem Mars und anderen Planeten oder Planetoiden ist längst kein Science Fiction mehr, sondern ein Ziel, auf dass international hingearbeitet wird. So ist es auch nur eine Frage der Zeit, bis auch die globalen Börsen die Raumfahrt als einen oder möglicherweise den wichtigsten Markt der Zukunft entdecken und ebenfalls einen Wettlauf zum Mond und zu den Planeten entfachen, der von einer Art neuen Goldgräberstimmung getragen wird.

Während Russland also sowohl mit den USA und Europa einerseits als auch mit China andererseits nunmehr kooperiert, bleibt abzuwarten, wie sich diese Kooperation auf das Verhältnis USA und China sowie China und Europa auswirkt. Zwar kam es bereits zu zwei gemeinsamen Übungen im Überlebenstraining von ESA Astronauten und chinesischen Taikonauten, aber es bestehen immer noch Konflikte insbesondere zwischen den USA und China. Aus Sicherheitsgründen hatte 2011 die NASA jegliche Kooperation mit China eingestellt. Zwar hatte 2015 die ESA mit China einen Kooperationsvertrag unterzeichnet in dessen Folge es zu den oben beschriebenen, gemeinsamen Trainingsmissionen kam.

Ob sich diese Kooperation jedoch mittelfristig fortsetzen lässt, wird ganz entscheidend davon abhängen, ob China tatsächlich an einer Kooperation interessiert ist oder wie zuvor versuchen wird, an Schlüsseltechnologien zu gelangen. In diesem Punkt hatte bereits Russland und jetzt auch die USA äußerst schlechte Erfahrungen mit China machen müssen (3), weshalb die Kooperation zwischen der chinesischen CNSA und ROSKOSMOS jetzt um so erstaunlicher ist.

Andererseits ist diese Kooperation in der Raumfahrt zwischen China und Russland auch die konsequente Weiterführung der sonstigen politischen und wirtschaftlichen Kooperation der beiden Großmächte.China arbeitet im Übrigen bereits auch an einem eigenen nationalen Programm zur Errichtung einer eigenen, chinesischen Raumstation sowie an einem Programm zur wirtschaftlichen Ausbeutung des Mondes.

Spannend wird es jetzt, zu sehen, was von diesen Kooperationsverträgen in die Realität umgesetzt wird. Ob die Politik auf dem Erdboden dann im Weltraum zu neuen Konflikten und doch noch zu einem neuen Wettlauf zum Mond führt. Oder wird es zu neuen Allianzen oder sogar zu einem globalen „Zusammenrücken“ kommen? Dies bleibt abzuwarten, spannend wird es in jedem Fall.

Anmerkungen:
(1) Strategic Defense Initiative (SDI)
(2) roscosmos.ru
(3) hlosangeles.cbslocal.com

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