in Wirtschaft

Von Carey L. Biron

Washington, 12. Dezember (IPS) – Ein neuer Bericht des Nationalen Geheimdienstrates (NIC) der USA geht davon aus, dass die größte Wirtschaftsmacht spätestens 2030 von China werden wird. Das schließe aber nicht aus, dass die Vereinigten Staaten auch weiterhin zu den großen globalen Akteuren gehörten. Doch das globale Erstarken der Mittelschicht vor allem in Entwicklungsländern wird einschneidende Veränderungen mit sich bringen.

Der am 10. Dezember in Washington vorgestellte Report, dem vierjährige Recherchen vorausgegangen sind, sieht eine neue multipolare Welt im Entstehen, in der die Machtverhältnisse breit gestreut sein werden. „Asien wird auf internationaler Ebene mächtiger sein als Nordamerika und Europa zusammen“, heißt es in ‚Global Trends‘. China werde aller Wahrscheinlichkeit zur stärksten Wirtschaft avancieren und die USA bereits vor 2030 überflügeln. Zudem werde das Wohlergehen der Weltwirtschaft zunehmend von der Situation in den Entwicklungsländer abhängen und weniger von der Lage im Westen.

Nach Ansicht des NIC, einer Denkfabrik der US-amerikanischen Geheimdienste, wird diese Evolution durch eine weltweit enorm erstarkte Mittelschicht vorangetrieben, die besser ausgebildet sein und mehr Zugang zur Gesundheitsversorgung haben wird. Den Prognosen zufolge wird sich die extreme Armut innerhalb der nächsten 20 Jahre halbieren.

Selbst die konservativsten Modelle, die NIC der Analyse zugrunde legte, sehen eine Verdoppelung oder gar Verdreifachung der Stärke der weltweiten Mittelschichten vorher. Asien und Afrika bewegen sich hierbei an der Spitze. Die künftige globale Führungselite wird sich demnach wahrscheinlich aus den oberen Etagen dieser neuen Bevölkerungsschicht rekrutieren.

Westen verliert an Einfluss

„Wir betreten unbekanntes Terrain. Wir haben noch nie eine Welt erlebt, in der die Mittelschicht in den meisten Ländern den Großteil der Bevölkerung ausmachen wird“, sagte Matthew J. Burrows, der Hauptautor der Studie. „Es geht hier nicht nur um Asien, sondern um alle Entwicklungsländer, die wirtschaftlich vorankommen. Der traditionsreiche Westen ist in vielerlei Hinsicht in der Minderheit. Das ist eine gewaltige Veränderung.“

Nach Ansicht von Burrows werden einige Veränderungen dazu führen, dass Einzelpersonen erheblich mehr Möglichkeiten erhalten, sich zu entfalten. Dies sei „der größte Mega-Trend“, betonte er. Dieses Phänomen sei in früheren Bericht, die zuerst die Rolle des Staates beleuchtet hätten, noch nicht berücksichtigt worden.

Ein ebenfalls in diesem Jahr erschienener Report des EU-Instituts für Sicherheitsstudien (EUISS), der Prognosen mit Blick auf das Jahr 2030 stellt, fokussiert sich auch auf das Erstarken der Mittelschicht auf der Welt und die neuen Handlungsmöglichkeiten Einzelner.

Angesichts der Tatsache, dass die meisten Länder solche langangelegten Untersuchungen nicht finanzieren können, wird der alle vier Jahre veröffentlichte Bericht Global Trends weltweit gelesen. Regierungsvertreter und Wissenschaftler in 20 Staaten konnten bereits vorab einen Blick auf die Studie werfen.

„Als wir vor 15 Jahren mit Global Trends begannen, sprachen wir über Kontinuität und darüber, dass die USA für immer eine unipolare Macht bleiben würden“, erinnerte sich Burrows. „Während des vergangenen Jahrzehnts haben mehrere Ereignisse jedoch eine neue Realität geschaffen. Mittlerweile haben wir erkannt, dass wir in einer Zeit mit rapiden Veränderungen leben.“

Diese Veränderungen könnten allerdings durch viele Faktoren behindert werden. Der NIC-Bericht warnt vor allem vor den Folgen eines länger anhaltenden Niedergangs der globalen Wirtschaft, dem Auftreten gefährlicher Krankheiten und den Auswirkungen des Klimawandels auf die Rohstoffvorkommen. Letztes gibt wegen des erwarteten Anwachsens der Mittelschichten besonderen Anlass zur Sorge

Selbst wenn viele der sozialen und wirtschaftlichen Vorhersagen in dem Report einträfen, ist zweifelhaft, ob das neue multipolare System sein wird wie das bisherige hegemoniale System. Die Kehrseite der größeren Mitwirkungsmöglichkeiten des Einzelnen bestünde darin, dass „Einzelpersonen und kleine Gruppen in der Lage sein werden, Gewalt in großem Stil auszuüben. Diese Kompetenz war früher ein Staatsmonopol“, heißt es in dem Bericht.

Konflikte politisch lösen

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK), die älteste Hilfsorganisation der Welt, berichtet, dass etwa 95 Prozent der Gewalt, mit der das Komitee zurzeit konfrontiert sei, von internen Konflikten herrühre. Pierre Krahenbuhl von IKRK fürchtet, dass viele der heutigen Konflikte auch noch in einigen Jahrzehnten schwelen werden, sollten sie nicht auf politischer Ebene behandelt werden. Bisher habe man sich ihnen nur auf militärischem Wege und durch Entwicklungsstrategien genähert.

„Wir leben in einer Zeit, in der Militär, Wiederaufbau, Entwicklung und humanitäre Hilfe eine Rolle spielen“, erklärte Krahenbuhl. „Das politische Paradigma wird wesentlich weniger unterstützt.“ In den vergangenen zehn Jahren habe vor allem die westliche Welt vorzugsweise an militärische Interventionen gedacht. Inzwischen sei man der Ansicht, dass die Staaten Konflikte politisch lösen sollten.

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