Westliche Konzerne haben die nordirakischen Ressourcen seit Jahren fest im Blick

Im Irak ist mit dem Vormarsch der IS-Milizen eine neue Krise entbrannt. Die Autonome Region Kurdistan spielt dabei eine zentrale Rolle. Mit Waffenlieferungen und mit Hilfe der US-Airforce sollen die kurdischen Streitkräfte die radikalen Armeen des „Islamischen Staats“ stoppen. Doch der kleine Staat im Staate hat auch riesige Ressourcenvorkommen, auf die westliche Kreise und auch deutsche Konzerne schon länger einen festen Blick geworfen haben.

Entstehung eines eigenen Staates

Entsteht im Nordirak auf lange Sicht ein kurdischer Staat? „Es sieht ganz danach aus“, meint Friedbert Pflüger. Es sei zwar gut möglich, daß die Zentralregierung des Iraks in Bagdad und die Autonomieregierung in Erbil für den Kampf gegen den „Islamischen Staat“ (IS) noch einmal gemeinsam agieren. Wahrscheinlicher aber sei auf lange Sicht die Abspaltung des bisher autonomen Gebiets, urteilt der ehemalige CDU-Außenpolitiker, der Parlamentarischen Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium war, bevor er 2009 aus der Politik ins Beratergeschäft wechselte. „Aus westlicher Sicht ist das alles jedoch kein Problem“, schreibt Pflüger, der auch  Leiter des Rohstoff-Arbeitskreises der „Atlantik-Brücke“ ist, in einem aktuellen Onlinebeitrag für die Fachzeitschrift Internationale Politik: Ganz wichtig sei „die Unterstützung des Westens für die kurdische Region“ im aktuellen Kampf gegen den IS „eine humanitäre und geopolitische Aufgabe ersten Ranges“.

„Energiegroßmacht“ Irak-Kurdistan

Das Gebiet im Norden des Iraks, das auch Irak-Kurdistan genannt wird spielt tatsächlich eine große Rolle auf dem internationalen Öl- und Gasmarkt. Der Irak als Ganzes besitzt die weltweit drittgrößten Ölvorkommen. Davon liegen allein in der Autonomem Region Kurdistan schätzungsweise 45 Milliarden Barrel Öl. Damit liegt man weltweit auf Rang 6. Eines der größten Ölfelder der Welt ist das Kirkuk-Ölfeld. Schätzungen gehen davon aus, dass 1930 etwa 16 Milliarden Barrel Öl im Feld lagerten. Wie Bohrergebnisse aus den Jahren 2007–2009 zeigen, befinden sich in der Region einige Felder mit mehr als 1 Mrd. Barrel Öl. Das sind im weltweiten Maßstab betrachtet gewaltige Vorkommen. Die erzielten Testförderraten an den durchgeführten Bohrungen zählen zu den höchsten der Welt. Bis zu 40.000 Barrel pro Tag (bopd) wurden gemessen.

Diese Ölvorkommen sind auch Grund für den jahrelangen Streit zwischen der kurdischen Regionalregierung und der Zentralregierung in Bagdad. Die kurdische Regierung hat seit 2003 mit 24 westlichen Ölgesellschaften (u.a. DNO ASA, Genel Enerji, Heritage Oil, KNOC, MOL, Dana Gas, OMV, Hunt, WesternZagros Resources, Sinopec, Gulf Keystone Petroleum, Vast Exploration, Groundstar Resources, Talisman Energy, Niko Resources) Verträge zur Erforschung und Ausbeutung von Ölfeldern geschlossen. Seit dem Mai 2014 exportiert aber auch Irak-Kurdistan selbständig Öl nach Europa.

Konzerne haben die nordirakischen Ressourcen seit Jahren fest im Blick

Geopolitische Rolle der autonomen Region Kurdistan? Aber sicher. „Irak-Kurdistan“ sei „eine Energiegroßmacht“, stellt Friedbert Pflüger trocken fest. „Die Region sei zu einem beachtlichen Player auf der Bühne der globalen Energiepolitik geworden“.

Laut der jungen Welt haben „Interessierte Kreise in Deutschland (…) die nordirakischen Ressourcen seit Jahren fest im Blick. Ende August 2010 schloß der Essener RWE-Konzern sogar schon einmal eine Kooperationsvereinbarung mit der Regionalregierung in Erbil, um sich Zugriff auf das dortige Erdgas zu verschaffen. RWE beteiligte sich damals an den Planungen für die »Nabucco«-Pipeline, die Erdgas aus dem Kaspischen Becken nach Europa leiten sollte, und bemühte sich um zusätzliche Lieferanten für die Röhre. Die Kooperationsvereinbarung mit Erbil führte allerdings zu heftigem Ärger mit Bagdad: Die Zentralregierung pochte auf ihr Mitbestimmungsrecht in Rohstoffragen – auch, weil sie sich wohl im klaren war, daß eine Pipelineverbindung über die Türkei zum Mittelmeer Erbil viel Geld und damit die Möglichkeit zur Sezession verschaffen würde. Für den RWE-Deal setzte sich Anfang 2011 der damalige Entwicklungsminister Dirk Niebel persönlich in der irakischen Hauptstadt ein – vergeblich: Das Vorhaben scheiterte. Pluspunkte in Berlin hat die irakische Regierung sich damit nicht verschafft.“

Dennoch scheinen die kurdischen Öl-Vorkommen eine sehr große Rolle in der westlichen Welt zu spielen: Als die CDU/CSU-Bundestagsfraktion am 20. März 2013 einen Kongress über „Außenpolitische Aspekte der deutschen Rohstoff- und Energiesicherheit“ im Reichstag abhielt, da sprach – in Anwesenheit von Klaus Schäfer, ehemals Vorstandschef von E.on Ruhrgas – auch Nechirvan Barzani. Der Ministerpräsident Irak-Kurdistans, ein Neffe des Autonomiepräsidenten Massud Barzani, pries die Erdgasvorrätedes Gebietes vor allen Anwesenden an – und machte das gleiche, als er tags drauf bei Bundeskanzlerin Merkel vorsprach. „Die riesigen Öl- und Gasvorräte, die in Kurdistan seit 2007 entdeckt wurden“, seien „wichtig für die künftige Energieversorgung Europas“, warb Dilschad Barzani,  der Repräsentant der Regionalregierung in Deutschland kürzlich in einer PR-Broschüre aus seiner Heimat. Zu den einflußreichsten Lobbyisten in puncto nordirakisches Gas zählt natürlich auch Friedbert Pflüger, der unter anderem die Beratungsfirma „Kurdish German European Business Alliances“ mit Filialen in Berlin und selbstverständlich auch in Erbil betreibt. Als am 2. Juli, auf einem Symposium in Berlin, die „Atlantik-Brücke“ – ein einflussreicher transatlantischer Think-Tank –   über Alternativen zu russischen Energierohstoffen diskutierte, da empfahl Pflüger neben Schiefergas aus den USA auch dringend Erdgas aus der Autonomen Region Kurdistan.

QUELLEN:

Junge Welt, Interessen in der westlichen Welt: http://www.jungewelt.de/2014/08-25/001.php
Wikipedia, Erdölvorkommen Nordirak: http://de.wikipedia.org/wiki/Autonome_Region_Kurdistan#.C3.96l-_und_Gasvorkommen
Atlantik-Brücke, Symposium in Berlin: https://www.atlantik-bruecke.org/programme/vortrags-und-diskussionsveranstaltungen/weitere-veranstaltungen/ag-aussen-und-sicherheitspolitik-russland/
KGE-BA, Friedbert Pflüger Konzern-Verbindungen: http://www.kge-businessalliances.com/