Vorwärts in die Vergangenheit

„Früher war alles besser“ – wer kennt ihn nicht, den bereits von vielen Generationen genutzten Ausdruck einer nostalgischen Verklärung von persönlichen Erinnerungsphasen. Sicherlich, im eigenen emotionalen Empfinden trifft diese Aussage oftmals zu und vielleicht ist es gerade dieser Umstand, der politischen Ambitionen zu neuem Aufschwung und Macht verhilft.

Der politische Wille

Was will Politik? Wenn Angela Merkel sich in diesem Jahr zu ihrer vierten Amtszeit zur Verfügung stellt, was treibt sie an? Ist es der Gedanke und die tiefe innerliche Überzeugung dem Volk zu dienen, welches ihr den legitimierten Auftrag dazu gegeben hat? Ist es der von Eitelkeiten und Selbstüberschätzungen zerfressene Glaube an die eigenen Fähigkeiten? Oder ist es die Machtverliebtheit in den festgefahrenen Strukturen eines politischen Kasperletheaters, welches sich fest im Griff außenstehender Eliten befindet? Ferner könnte man sich fragen, ob es in einer Demokratie überhaupt sinnvoll ist, das höchste Amt im Staat, über einen so langen Zeitraum, an eine Person zu vergeben.

Ist der politische Wille auch der Wille des Volkes? Oder gilt vielmehr nicht auch die zugegebenermaßen gefährlich anmutende These, dass der Großteil des Volkes eigentlich viel zu „dumm“ ist, um zu wählen. Zu gleichgültig, um Veränderung und Wirkung herbeizuführen. Die Politik kennt diesen Umstand und gerade deshalb verspricht sie, lügt sie und widerspricht sich. Das Wahlvolk nimmt dieses seit eh und je als einen von einer höheren Macht ausgegebenen Fakt hin.

Programmatik und Versprechen

In der Vergangenheit unterlagen Wahlen einer vorgegebenen Parteiprogrammatik und dem damit verbundenen Umsetzungswillen. So führten in den 80er Jahren beispielsweise die Kampagnen von Ronald Reagan und Margaret Thatcher zum Erfolg, durch das Versprechen, dass der Kapitalismus der freien Märkte zu mehr Wachstum führe und damit den Wohlstand fördere. „Reaganomics“ und „Thatcherismus“ setzten so, wenn auch auf unterschiedliche Weise, neue Erfolge und Impulse in der Wirtschaftspolitik.

In der heutigen Zeit lassen sich Wahlen gewinnen oder zumindest Erfolge erzielen, indem man die „gute alte Zeit“ beschwört. Nostalgie und „zurück in die Vergangenheit“ sind die Schlagwörter neuer Kampagnen. Der Wahlsieg von Donald Trump bei den US-Präsidentschaftswahlen hat es aufgezeigt. „Wir drehen die Uhr zurück“ und „wir machen Amerika wieder groß!“

Dieses simple Vorgehen funktionierte auch bei der Abstimmung zum britischen „Brexit“. Nigel Farage, ehemaliger Parteichef der britischen Unabhängigkeitspartei (UKIP) und Chefstratege der Brexitbefürworter beschwor die damalige Stärke und Größe des Empire. Die schlichte Forderung: „Wir müssen die Kontrolle wiedererlangen!“ erzielte entsprechende Wirkung.

Die Verklärung der Vergangenheit

Diese reaktionären Grundgedanken zur Schaffung neuer politischer Macht und Einflussnahme, ziehen sich mehr und mehr durch die westlichen Industrienationen und deren Schwellenländer. Ungarn, Polen, Frankreich sind nur einige Beispiele. Marine Le Pen, politische Führerin des rechtspopulistischen „Front National“ und Kandidatin zur nächsten französischen Präsidentschaftswahl, verklärt die Zeiten, in der die französische Regierung die Grenzen kontrollierte, die Industrie schützte und die Währung aktiv beeinflusste. Le Pen behauptete, dass eine Politik mit derartigen Lösungen, die bereits in den 1960er Jahren funktioniert habe, auch heute wieder zum Erfolg und zu Wohlstand führen würde.

Ein Phänomen, das augenscheinlich funktioniert. Das Wecken emotionaler Bindungen mit einer ersehnenswerten Vergangenheit, gepaart mit etwas Populismus und einer charismatischen politischen Führungspersönlichkeit – betrachten wir dieses objektiv, würden wir dann nicht zu dem Schluss kommen, dass mit diesem Konzept auch in Deutschland zweistellige Wahlergebnisse relativ einfach zu erzielen sein könnten?

Viele Wähler im Westen sprechen auf derartige Äußerungen und Zielsetzungen an. Einer der Gründe für den Wandel innerhalb der Gesellschaft besteht darin, dass ein Großteil der Bürger das Vertrauen in Fortschritt und Zukunft verloren hat. Eine verfehlte, sich immer mehr vom Volk entfernende Politik hat dieses noch beflügelt. Viele Menschen glauben einfach nicht mehr, dass ihnen die Zukunft Verbesserungen bescheren kann oder dass es ihre Kinder einmal besser haben werden als sie selbst. Diese Ängste um die Zukunft, begünstigen den nostalgischen, verklärten Blick in die Vergangenheit.

Zukunft unter dem Damoklesschwert

Der Fortschritt hat an Glanz und an Glaubwürdigkeit verloren. Die Gesellschaften sind überaltert. Die Einkommen steigen kaum spürbar und es droht Altersarmut. Rücklagen und Sparen lohnt nicht mehr. Wirtschafts- und Finanzkrisen haben ein Übriges dazu getan. Für die Generationen unter 30 Jahren drückt sich der neue Normalzustand zwischen Rezession und Stagnation aus.

Das Rückgrat der großen industriellen Nachkriegsgesellschaften, die sogenannte Mittelklasse und Bürgerschicht, sind nach unten durchgereicht worden oder der digitalen Revolution zum Opfer gefallen. Globalisierung und Automatisierung haben das fragile Gebilde dem Einsturz noch weiter entgegengesteuert.

Der soziale, gesellschaftliche Fortschritt in der Vergangenheit, beruhte darin, dass der Nutzen aus Technologie und Wirtschaft entsprechend aufgeteilt wurde. Dies führte dazu, dass vergangene Generationen in der Lage waren, mehr Einkommen zu erzielen als ihre Eltern. Bereits in den 80er Jahren waren es nur noch 50% auf die diese Aussage zutraf. Eine immer langsamere Entwicklung der Weltwirtschaft aber auch eine deutliche, immer ungleichere Einkommensverteilung führte diesen Prozess herbei.

Der Glaube an Zukunft und Fortschritt war seit der Nachkriegszeit stets Motor und Grundvoraussetzung des sozialen und politischen Gesellschaftsvertrages. Die Entstehung einer großen Kluft innerhalb von Gesellschaften und eine immer weiter voranschreitende ungleiche Verteilung der Lebenseinkommen untergräbt die Basis des Sozialvertrages, der den Fortbestand eines harmonischen Miteinanders gewährleistet.

Die Welt von heute scheint mehr denn je gespalten. Die Idee des Fortschritts für die Gesellschaften des 21.Jahrhunderts muss von Grund auf überdacht werden. Eine entsprechende politische Agenda ist unausweichlich, um soziale Gerechtigkeit, Frieden und Zufriedenheit zu gewährleisten.

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