in Wirtschaft

Der DAX-Konzern Siemens wird sich in den nächsten zwei Jahren von seinem Gasturbinengeschäft trennen. Die Wirtschaftsmeldung, die so nüchtern daherkommt, entfaltet angesichts der Umstände und eines politischen Klimas, in welchem die Arbeiterpartei SPD um ihre Existenz kämpft, eine enorme Brisanz. Es war daher auch der ehemalige Bürgermeister von Würselen, der das Sperrfeuer auf das deutsche Vorzeigeunternehmen eröffnete und sich dabei gewaltig im Ton vergaloppierte, allerdings nicht zum ersten Mal.

Von „asozialem Verhalten“ bis „Manchester-Kapitalisten“ war aus dem Willy-Brandt-Haus die Rede, weil die Leitung in der Münchner Konzernzentrale mit der Abtrennung des Geschäftsbereichs auch knapp 7000 Jobs auf der Kippe stehen, die Hälfte davon in Deutschland. Die drei in Rede stehenden Werke werden in strukturarmen Regionen wie in der Grenzstadt Görlitz zu Polen betrieben. Während im schlaffen Wahlkampf im Spätherbst das Plastikthema Digitalisierung die FDP und der Klimawandel die Grünen vorantrieb, haben insbesondere strukturkonservative Parteien wie die SPD und in deren Konzert die Gewerkschaften große Akzeptanzprobleme mit wirtschaftlichen Veränderungen, welche nicht zuletzt die Politik selbst befeuert hat.

Für die alten abgestandenen Klassenkampfauftritte muss der Konzerngewinn herhalten, der bei Siemens ein Rekordhoch erreicht haben sollte. Doch das ist bereits reiner Populismus, das Traditionsunternehmen erwirtschaftete auch im Geschäftsjahr 2017 (Siemens bilanziert immer im September, abweichend zum Kalenderjahr) einen Gewinn vor Steuern von 8,4 Milliarden Euro, was sich auf Vorjahresniveau bewegt. Die Umsatzrendite sank geringfügig von 9,6 Prozent auf 9,3 Prozent. Der Nachsteuergewinn fiel mit 5,6 Milliarden Euro sogar 1,8 Milliarden Euro niedriger als 2016 aus. Nach Gewinnmaximierung durch das Top-Management sieht das nicht aus, eher nach solidem Wirtschaften.

Es ist auch eine unternehmenspolitisch höchst alberne Vorstellung, Unternehmen so lange geschäftliche Neuorientierungen zu verbieten, wenn diese mit Entlassungen einhergehen. Die Produktion großer Gasturbinen gehört zum Segmentbereich Power and Gas, der umsatzstärkste Zweig. Nun muss sich jede Unternehmensleitung fragen, ob ihre Produkte auch in der Zukunft noch gefragt sind, wie sich der Markt verschiebt und mit welcher Auslastung und Kapazitäten zu planen ist. In dem Anlagengeschäft sind die Daten mehr als eindeutig und sie zeigen, dass der Vorzeigekonzern eher zu lang zugewartet hat.

Das Geschäft mit den großen Gasturbinen ist weltweit drastisch eingebrochen, vorangetrieben durch veränderte Anforderungen an die Energieversorgung wie Energieproduktion. Gas- und Kohlekraftwerke werden nicht in dem Stil gebaut wie einstmals geplant, die Förderung erneuerbarer Energien treibt die Entwicklung zu kleinen, dezentralen Lösungen. Während die großen Hersteller wie General Electric (GE) und Siemens über Produktionskapazitäten von 400 Einheiten verfügen, werden inzwischen nur noch 110 Gasturbinen im Jahr nachgefragt. Entsprechend stehen alle Anbieter vor dem gleichen Problem. Es erscheint unwahrscheinlich, dass unter diesen Marktbedingungen Siemens potente Käufer für seine Werke finden wird.

In einem öffentlichen Wutbrief an Martin Schulz rechtfertigt nun Konzernchef Joe Kaeser die einschneidenden Maßnahmen, der wie der Blinde von der Farbe schreibt oder besser zetert. Siemens ist ein gebranntes Kind, schließlich verpasste man den Mobilfunktrend in der Telekommunikation, was nach großen Verlusten zur Abtrennung und Schließung der Traditionssparte führte und die Restrukturierung des gesamten Konzerns notwendig machte. Es ist der Job eines Vorstandes, das Unternehmen vor einer solchen Situation zu bewahren.

Der ehemalige Finanzvorstand streicht denn auch die Marktführerschaft bei der Installation von Windkraftanlagen und Solarpanels hervor. Ebenso stellte Siemens im abgelaufenen Geschäftsjahr 38.000 neue Beschäftigte ein und stellt die auf fünf Jahre hochgerechnete Zahl von 16.000 Neueinstellungen allein in Deutschland den 2.900 Jobverlusten gegenüber.

Wie stets schlägt sich die Politik in die Büsche, wenn sie den Bürgern die Konsequenzen ihrer Entscheidungen erklären müsste und die Folgen verteidigen. Es ist reiner Populismus, sich die neu entstandenen Jobs in der Solar- und Windkraft ans Revers zu heften, aber Unternehmen nicht nur bei der Kommunikation der Jobverluste in den überholten Industrien allein zu lassen, sondern sie noch frontal anzugreifen. Deutschland hat unter Führung und Verantwortung der Sozialdemokraten eine überhastete Energiewende eingeleitet mit wenig Rücksichten auf die großen Energieerzeuger und Betreiber von Atomkraft-, Kohlekraft- und Gasanlagen. Mit kurzen Übergangsfristen ließ man der Wirtschaft wenig Zeit, sich auf veränderte Bedingungen einzustellen.

Seit Jahren gehören die Energieversorger, einstmals reine Gewinnmaschinen, zu den Sorgenkindern der Börse. Atomkraftwerke werden nur noch im Ausland gebaut, der Wettbewerb im Anlagengeschäft ist hart und kapitalintensiv. Fehlplanungen bedeuten für Jahre Verluste und Beschädigung der Bonität. Es ist daher vernünftig, das Siemens die Reißleine zieht und sich von einem Geschäft verabschiedet, dem nicht zuletzt die Politik mit ihren Entscheidungen die Grundlage entzogen hat. Es gebietet der Anstand, dass Politiker Unternehmen ob solcher Notwendigkeiten nicht noch öffentlich an den Pranger stellen. Doch Stil und Anstand ist von diesem SPD-Vorsitzenden schon lange zu viel verlangt.

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  1. Nein, das ist keine Ausrede für Siemens. Herr Sasse hat vollkommen Recht. Guter Artikel. Nur dass die überhastete Energiewende wohl eher hauptsächlich auf das Konto der selbsternannten Alleinherrscherin geht, allerdings natürlich während der Regierungsbeteiligung der SPD, so das sie das natürlich auch mitzuverantworten hat. Die Worte Stil und Anstand wirken in der Tat befremdlich im Zusammenhang mit Martin Schulz.
    Aber eigentlich auch im Zusammenhang mit unserer gesamten Regierung und mit sämtlichen Parteivorsitzenden, ausgenommen AfD, FDP und Linke. Und eigentlich kann man da auch fast sämtliche Minister gleich mit einschließen.

  2. Der Hauptgrund für den Rückgang von Aufträgen für Siemens sind die völlig unnötigen Wirtschaftssanktionen gegen Russland.Siemens hat für den russischen Energie-Sektor zahlreiche Turbinen und ähnliches geliefert,für Bahn-Anlagen in Russland war Siemens der Hauptlieferant.Der Kardinalsfehler der Politik sind die Wirtschaftssanktionen gegen Russland.Es ist für die Beschäftigten natürlich bitter wenn sie ihre Arbeit verlieren.Man sollte bei solchen Dingen nicht populistisch reagieren,sondern die Wahrheit sagen und aufzeigen wo die wirkliche Ursache für dieses Desaster sind.Und noch einmal-Es sind die Wirtschaftssanktionen gegen Russland-Ein Großkunde ist weggebrochen-Ich bin selbst Unternehmer-Inhaber eines Copyshop in Pforzheim.

    • Damit haben Sie völlig Recht,siehe mein Kommentar oben.Wie sie sicherlich wissen geht die amerikanische Vormacht weltweit ihrem Ende zu.Die USA hat bekanntlich die größte Staatsverschuldung aller Zeiten.Nord-Korea hält sich die USA bis jetzt nach vielen Zerstörungen dadurch erfolgreich vom Leibe.Korea ist ein technologisch hochentwickeltes Land.