in Wirtschaft

Die Eurozone steht gewaltig unter Druck: seitdem die wirtschaftlichen Spannungen erheblich zugenommen haben und Südeuropa in einer langanhaltenden Depression versunken ist, stellt sich die Frage nach den Ursachen.

Von Stefan Pietsch – Für Wissenschaftler wie Heiner Flassbeck und dem linken Mainstream ist die Sache klar. Deutschland mit seinen riesigen Exportüberschüssen und geringer Lohnentwicklung ist die eigentliche Gefahr für die Gemeinschaftswährung und trägt erhebliche Mitschuld an dem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Desaster am Mittelmeer. Nur wenn der Hegemon in der Mitte des Kontinents von seinen rekordhohen Leistungsbilanzüberschüssen herunterkommt, den heimischen Binnenmarkt stärkt und seine Produkte drastisch verteuert, kann Europa noch gelingen. Die Frage ist daher, ob Handelsbilanzen tatsächlich etwas über ökonomische Stabilität und Prosperität eines Landes aussagen oder ob ganz andere Faktoren ausschlaggebend sind.

Spätestens seit dem Beginn der Staatsfinanzkrise 2010 hat ein Schwarze-Peter-Spiel begonnen: Wer ist schuld, dass es in der Eurozone zu wachsenden wirtschaftlichen Ungleichgewichten gekommen ist? Für keynesianisch orientierte Ökonomen wie die überschuldeten Südländer ist die Antwort klar. Deutschland mit seinen wachsenden Leistungsbilanzüberschüssen habe die Mittelmeerstaaten in die Krise konkurriert. Die hiesige Lohnzurückhaltung habe erst den Wettbewerbsdruck entfaltet, dem die anderen Volkswirtschaften der Eurozone nicht standhalten konnten. Nur wenn Deutschland seine historisch hohen Exportüberschüsse abbaue, wäre es auch Italienern, Spaniern und Griechen möglich, von ihren negativen Leistungsbilanzsalden wegzukommen.

In der Wertung der deutschen Exporterfolge gibt es eine breite Phalanx einheitlicher Meinungen: vom stark links orientierten Heiner Flassbeck bis zum emeritierten Hans-Werner Sinn, dem langjährigen Leiter des Münchner ifo-Instituts, reicht die Schar der Kritiker, die in den Überschüssen einen Export der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit sehen. Deutschland lebe unter seinen Verhältnissen, mehr Wohlstand sei durch weniger Ausfuhren möglich. Die Disparitäten im Welthandel führen nach Ansicht der Kritiker zu Instabilitäten und steigender Verschuldung der Staaten mit Handelsbilanzdefiziten.

Bei den Rezepten gegen die konstatierte Malaise ist man sich schon nicht so einig. Während klassisch denkende Wissenschaftler eher die Aufgabe der Gemeinschaftswährung empfehlen, um alle Partnerländer wieder auf einen Wachstumspfad zurückzuführen, möchten die Südländer eine nachfrageorientierte Konjunkturpolitik betreiben dürfen. Hieran sind sie durch die Verschuldungsregeln des Maastricht-Vertrages gehemmt. Zudem verlangen sie von Deutschland neue Schulden und gleichzeitig eine gemeinsame Haftungsunion in der Eurozone. Die Keynesianer ergänzen die Palette um Forderungen nach deutlichen Lohnsteigerungen in Deutschland, solange, bis die Leistungsbilanzunterschiede ausgeglichen sind.

Doch ist das alles richtig und hält es einer näheren Überprüfung an Zahlen stand? Die erste Frage ist, ob ein Land auf Wohlstand verzichtet, wenn es sich an Exporterfolgen nährt. Selbst Kritiker von Leistungsbilanzüberschüssen gestehen zu, dass ein exportstarkes Land auch häufig mehr importiert. Die Menschen können sich etwas leisten, auch wenn am Ende des Tages ein Überschuss im Ausland verbleibt. Was mit diesen Salden passiert, dieser Frage werden wir ebenfalls nachgehen.

Eine Frage haben wir bereits im ersten Teil der Serie beantwortet: höhere Löhne über der Produktivität führen mit hoher Wahrscheinlichkeit zu steigender Arbeitslosigkeit. Diese Erfahrung hat Deutschland in den 1970er bis 1990er Jahren gemacht und in neuerer Zeit sind die Mittelmeeranrainer nicht um diese Erfahrung herumgekommen. Dieser Fakt gilt in der Ökonomenzunft als unstrittig. Wenn Flassbeck dennoch steigende Arbeitnehmerentgelte fordert, so will er einen Teil der in Europa grassierenden Arbeitslosigkeit nach Deutschland verlagern. Das macht ein Land aber ärmer und es fördert die gesellschaftliche Ungleichheit.

Die Verzichtsthese

Betrachten wir uns die zehn exportstärksten Nationen seit Anfang der 1970er Jahre, so fällt auf, dass sich darunter gleichzeitig mit die reichsten Länder der Welt tummeln. Mit China und Südkorea sind darunter noch zwei Aufsteiger, die seit den 1980er Jahren einen sagenhaften Aufstieg hinlegen.

Wenn Exporte Nationen nicht ärmer, sondern wahrscheinlich reicher machen, dann gilt vielleicht die umgekehrte These. Wer viel importiert, wird auf Dauer ärmer oder bleibt im Wirtschaftswachstum zurück. Doch auch diese Aussage gilt nicht, wie der Blick auf die Staaten zeigt, die in den letzten 45 Jahren die größten Defizite gefahren haben. Die USA, Großbritannien, Türkei, Australien und Neuseeland gelten als sehr wohlhabend oder zumindest wachstumsstark (Türkei). Die angelsächsischen Länder beherbergen mit New York, Los Angeles, San Francisco, London und Sidney sowie Darwin sehr große Finanzdistrikte.

Allein auf Portugal ließe sich die Verarmungsthese anwenden, wäre da nicht die Historie. Genauso wie der größere iberische Bruder Spanien gehören die Problemstaaten der Eurozone traditionell zu den Volkswirtschaften, die mehr importieren als exportieren.

Wir haben gerade einen interessanten Fakt festgestellt, nämlich dass Leistungsbilanzunterschiede rein gar nichts mit dem Wohlstand von Nationen zu tun haben. Ob Volkswirtschaften nun mehr importieren oder exportieren, sagt nichts über die Lebensverhältnisse in einem Land aus. Von daher muss man die These, jemand lebe wegen Unterschieden in der Leistungsbilanz über oder unter seinen Verhältnissen als das abtun, was es ist: Quatsch.

Wie lässt es sich erklären, dass die schönen Theorien über Handelsbeziehungen für den Papierkorb sind? Die Erklärung findet sich eher, wenn wir die Staaten unter einem anderen Aspekt analysieren. Die Unternehmen der exportstärksten Nationen, also Schweiz, Norwegen, Niederlande, Deutschland, Schweden und Japan sind weit überdurchschnittlich wettbewerbsfähig und in ihren Branchen häufig Weltmarktführer, nicht selten als Hidden Champions. Sie sind spezialisiert auf Investitions- und Luxusgüter sowie Finanzdienstleistungen. Genau das sorgt für hohe Pro-Kopf-Einkommen, hohe Erwerbstätigkeit gepaart mit außenwirtschaftlicher Stärke.

Am anderen Ende der Skala stehen die Angelsachsen, welche die Welt mit Kapital versorgen. Sie können das, weil sie den Unternehmen dieser Branche hervorragende Bedingungen bieten. Gleichzeitig gelten die USA, UK und Australien als außerordentlich attraktiv für Unternehmensgründungen im High-Tech-Bereich. Die modernsten Unternehmen haben in Kalifornien, London und Sidney ihren Sitz. Staaten wie die Slowakei, Estland und die Türkei wiederum zählen zu den bevorzugten Investitionszielen, wenn es sich um Massenprodukte handelt.

Das Problem der Südländer ist nicht, dass ihre Leistungsbilanzen nicht stimmen würden und Deutschland sie niederkonkurriert. Ihr Problem ist, dass sie keine der angebotsorientierten Bedingungen erfüllen. Sie gängeln wegen ihrem großen Staatssektor jede Unternehmertätigkeit, sind nicht attraktiv für Investitionskapital (Spanien bessert sich hier) und treiben ihre wettbewerbsfähigen Unternehmen aus dem Land. An dieser Stelle zeigt sich das Versagen der Makroökonomie, die mit ihren Theorien die Realität nicht erklären kann.

Leistungsbilanzüberschüsse – Gewinn oder Verlust?

Leistungsbilanzüberschüsse und Defizite schlagen sich gleichlautend als Abfluss in der Kapitalbilanz nieder. Die entsprechenden Statistiken über die „Foreign Direct Investments“ zeigen das.

Diesen Kapitalexport interpretieren die Kritiker von Leistungsbilanzüberschüssen nun aus Ausverkauf von Volksvermögen. Exportstarke Nationen würden nicht nur unter ihren Verhältnissen leben, also quasi ihren Bevölkerungen Wohlstandsgewinne vorenthalten. Den Defizitländern würden nicht nur die eigenen Waren qua Lohndumping aufgedrängt, sondern sie zudem in eine Verschuldungsspirale getrieben, da sie sich ja die gekauften Produkte gar nicht leisten könnten.

Nachdem wir die Verarmungsthese bereits ins Reich der Fabel verwiesen haben, wenden wir uns nun der Finanzierungsfrage zu. Die Angst, dass Leistungsbilanzdefizite zum Ausverkauf führen. In den 1970er und 1980er Jahren herrschte in den USA die Befürchtung, dass Japaner sich die Symbole amerikanischer Größe aneignen würden. In Großbritannien stiegen Nippons Konzerne zu den wichtigsten Investoren auf. Einigen der moralinsauren Kritiker schweben da anscheinend die Kolonialzeiten vor, als europäische Seefahrer rückständige Völker in der neuen Welt, in Afrika und Asien unterjochten und die Rohstoffe der Kolonien ausbeuteten.

Schon der Blick auf die USA und Großbritannien lässt Zweifel an dieser These laut werden. Trotz jahrzehntelanger Leistungsbilanzdefizite weisen die angelsächsischen Staaten weitgehend eine ausgeglichenes Verhältnis zwischen ausländischen Investitionen und eigenen Anlagen im Ausland auf (Chart Direct Investments Bestand in % GDP). So einfach scheint das nicht zu funktionieren.

Verwendung der deutschen Überschüsse

Exportstarke Länder stärken gleichzeitig ihre Investitionskraft – im Ausland. Für die verkauften Waren und Güter erhalten die Exporteure Forderungstitel, die bei Fälligkeit in liquide Mittel verwandelt werden. Die Bezeichnung „Devisen“ ist dabei etwas aus der Mode gekommen. Staaten, die weder eine starke Währung, noch Vermögenswerte oder gute Investitionsbedingungen im Tausch bieten können, finden am Welthandel nicht statt. Unter diesem Aspekt hat man einen Tort getan, in dem die europäische Politik wirtschaftlich erstarrten Ländern wie Griechenland aber auch Italien eine neue Währung verschaffte, für deren Stabilität die anerkannt soliden Deutschen haften. So nahm man diesen Volkswirtschaften den Druck zur Veränderung und Anpassung.

Über die Jahre hat Deutschland hohe Auslandsvermögen aufgebaut. Der Saldo und damit das echte Vermögen beträgt inzwischen 1,2 Billionen Euro. Zum Vergleich: das sind 42% des BIP und über 50% der deutschen Staatsschuld. Nur ein geringer Teil davon wird in Forderungstiteln gehalten, die dem Risiko des Ausfalls unterliegen. Das Gros wird in Unternehmensanteilen und Barvermögen gehalten. Wenn Mercedes stetig einen wesentlichen Teil seiner Produktion in die USA ausführt, dann ist es einsichtig, wenn hohe Dollarbestände aufgebaut werden.

Die erzielten Gewinne und liquiden Mittel werden entweder an die Anteilseigner ausgeschüttet oder in Direktinvestitionen umgewandelt. So baute der Daimler-Konzern Produktionswerke und Entwicklungszentren in den Vereinigten Staaten auf. Die dort produzierten Fahrzeuge werden dann im Export aber nicht für die deutsche Statistik gezählt, sondern gehen in die US-amerikanische Leistungsbilanz als Überschuss ein.

Das ist die klassische Win-Win-Situation im Außenhandel, die beide Nationen wettbewerbsfähiger macht und als Hebel für den Wohlstand wirkt.

Gründen Deutschlands Exporterfolge auf einem niedrigen Eurokurs?

Ein Hauptvorwurf von Seiten des IWF lautet, Deutschlands rekordhohe Exporte wären durch den niedrigen Eurokurs verursacht. Das erscheint plausibel, sind doch die USA seit 2015 unser wichtigster Handelspartner. In kein anderes Land werden mehr Waren ausgeführt als in die Vereinigten Staaten von Amerika. Auch die Plätze 3 (Großbritannien), 5 (China),8 (Polen) und 9 (Schweiz) werden in der Rangliste der führenden Exportdestinationen von Staaten belegt, die nicht zur Europäischen Währungsunion gehören. Schon diese fünf Länder nehmen 31% der deutschen Ausfuhren auf.

Betrachten wir jedoch die Entwicklung der Exporte in Relation zum GDP (Bruttoinlandsprodukt), so fällt auf, dass es im langfristigen Trend keinen Zusammenhang zwischen Ausfuhrquote und Währungsparitäten gibt. Seit den 1960er Jahren kennt die Kurve hier nur eine Richtung: stetig wird mehr ans Ausland verkauft. Ganz offensichtlich werden Nachteile durch Wechselkursveränderungen schnell durch erhöhte Wettbewerbsfähigkeit an anderer Stelle (über-) kompensiert.

Fazit

Die Betrachtung von Leistungsbilanzen unter dem Aspekt eines einfachen Win-Loose ist irreführend und falsch. Sowohl Überschüsse als auch Defizite können zu erheblichen Wohlstandsgewinnen führen, entscheidend sind die Investitions- und Angebotsbedingungen vor Ort. Gerade Handelsbeziehungen mit großen Ungleichgewichten wie die zwischen Deutschland und den USA können sich wirtschaftlich als außerordentlich stabil erweisen. Übertragen bedeutet dies, dass die Eurozone nicht durch Leistungsbilanzunterschiede gesprengt wird, sondern die Asymmetrie von politischem und gesellschaftlichem Willen, Bedingungen für ökonomische Prosperität zu schaffen.

Anmerkungen: Daten stammen von der OECD-Seite. Die Währungskurse aus DM-Zeiten wurden mit dem festen Eurowert umgerechnet. Länder, für die nur wenige Daten vorhanden waren, wurden aus den Betrachtungen ausgeschlossen. Dies betraf insbesondere Russland und Griechenland.

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Kommentar

  1. Die Globalisieirung unter neoliberaler Dominanz,
    wie sie seit den 1980 Jahren betrieben wird,
    führt zwangsweise zur Massenverarmung .
    Denn Billig&Willig sind die dominanten Vorgaben, unter denen die Globalisierer die Erde abgrasen. Und es sind die Globalisierer, die entsprechende Gesetze durchsetzen und defacto-Monopole mit ihrer Finanzindustrie und ihren Konzernen.
    Es sind weltweite „Sonderwirtschaftszonen“ in denen unter sklavenähnlichen Bedingungen produziert wird und diese Produktionsweise setzt die Preismaßstäbe.
    Und ob Staaten diesem Maßstab nun wie Deutschland mit Sozialdumping und zunehmenden Eineurojobs oder wie Italien mit einer wachsenden Schattenwirtschaft unter sklavenähnlichen Bedingungen folgen ist zweitrangig .

  2. Sie haben leider überhaupt nichts widerlegt! Sie wechseln dauernd in den Beispielen zwischen Ländern der Eurozone und Ländern mit eigener Währung! Warum hat man denn für den Euroraum ein Inflationsziel von knapp unter 2% vereinbart? Das kommt in dem Artikel gar nicht vor! Wenn es so unwichtig wäre, dann hätte man das ja nicht machen müssen, oder? Die Antwort ist ganz einfach: Die Eurozone ist ein Binnenmarkt mit einheitlicher Währung! Nach dem Festzurren der Wechselkurse zum Euro hätten sich die Preise entlang der von allen Ländern vereinbarten Inflaionsrate entwickeln müssen, um die Preise in diesem Einheitsmarkt stabil zu halten. DAS ist gründlich schief gelaufen. Die Inflationsrate wurde nur im Durchschnitt erreicht, in den Ländern …

    • war sie sehr unterschiedlich – übrigens ein Beweis dafür, dass die EZB NICHT die Inflation macht (sondern die Lohnstückkosten). So, und die Nullrunden (und faktische Reallohnsenkungen) bei den Löhnen in Deutschland wurden ja explizit damit begründet, man wolle die Wettbewerbsfähigkeit erhöhen! Wo kaufen Sie denn, wenn ein vergleichbares Produkt in Deutschland 20% billiger ist als z.B. in Frankreich (dort ist im übrigen die Produktivität absolut gesehen höher als in Deutschland)? Sie haben Flassbeck überhaupt nicht verstanden, sorry!

      • Stefan Sasse ist, eben weil er nichts von Ökonomie versteht, ja auch politischer Blogger. Man könnte ihn deshalb auch gleich als Mainstreampropagandist bezeichnen. Wie die meisten ökonomischen Schwachköpfe versteht er unter Wettbewerbsfähigkeit ohnehin nur die Fähigkeit, Produkte vergleichsweise kostengünstig herstellen zu können. Dabei werden in der Gesamtbilanz der materiellen Produktion dann meist qualitative Vergleichbarkeitskriterien gern ausgeblendet und die sozialen Folgekosten solcher ökonomischen Hebel wie Preisdumping, prekäre Arbeits- und Entlohnungsverhältnisse, Zeitarbeits- und Werksvertragsseuche, als auch sinkende Standards bei Arbeitssicherheit.

  3. Die Artikel hier in Neopresse werden auch immer dümmer.
    Lohnt sich fast nicht mehr hier zu lesen.
    Die lassen auch jeden Dummkopf seinen geistigen Durchfall hier absondern.
    In dem Artikel wurde viel Unsinn geschrieben nur um von dem realen Problem abzulenken: Neoliberalismus !