Kommentar: Und wieder streikt die (GDL) DB!

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Es ist Donnerstag Nachmittag. Ich mache mich im Süden Münchens auf den Weg in den Norden von Dachau. Am Marienplatz angekommen zeigt mir die Anzeigetafel gähnende Leere. Ein Moment der Verwirrtheit und einen weiteren Blick später erkenne ich, was das Problem ist: Streiks. Der S-Bahn Fahrplan ist auf ein Minimum reduziert und ich verpasse meinen Anschluss in Dachau.

„Aufgrund von Streiks der GDL ist der DB Zugverkehr beeinträchtigt. Bitte achten Sie auf Anzeigen…“. Während ich weiter auf meine S-Bahn warte, fange ich an darüber nachzudenken. „Aufgrund von Streiks der GDL…“. Mir fallen frühere Streiks und die Unzufriedenheit ein, die sich zunehmend äußert, je länger der länger der Tarifkonflikt andauert. Doch was bedeutet es eigentlich, wenn „aufgrund von Streiks der GDL“ der Betriebsablauf gestört wird? Dem Informationsschriftzug der Anzeige zur Folge ist es die alleinige Schuld der GDL und wird so auch an die Fahrgäste vermittelt. Dies macht mich stutzig. Wie sieht die Situation denn wirklich aus?

Was ist eigentlich die Deutsche Bahn?

Um die Situation besser zu verstehen, ist es sinnvoll zu betrachten, wo die Deutschen Bahn neben dem Personentransport in Deutschland sonst noch involviert ist. Als größtes staatliches Unternehmen in Deutschland ist die Deutsche Bahn schon lange nicht mehr nur im Personen und Cargo Transport in Deutschland tätig. Neben dem Inlandsbetrieb ist die Bahn als weltweites Logistikunternehmen aktiv. Güter werden auf unterschiedlichen Transportwegen durch Europa, Asien und Amerika transportiert. In weiteren Bereichen investiert die Bahn horrende Summen in ausländische Verkehrsunternehmen [1]. Beispiele: 2010 übernahm die DB den britischen Konzern Arriva für 2,7 Millarden (!) Euro [2]; 2013 kauft sie das tschechische Busgeschäft der niederländischen Firma Abellio [3]. Weiter ist der Konzern an Projekten in China und der Mongolei beteiligt. Das Geschäft ist rentabel: 2012 konnte die Deutsche Bahn einen Gewinn von 2,7 Milliarden Euro verbuchen. [4]

Die Lokführer bekommen von den Gewinnen meist wenig mit, im Gegenteil. Neben den bekannten Stellenstreichungen im gesamten Betrieb stehen viele Probleme zwischen den Zeilen. „Dann pinkelt man eben in die Thermoskanne, das ist ganz normal“, berichtet ein Lokführer. Der Zeitplan ist genauestens getaktet. Zwischenfälle sind Alltag und so kommt es regelmäßig vor, dass noch nicht einmal Zeit für die Toilette bleibt – im Lokführerbereich des hochmodernen ICEs gibt es zumindest keine.

Der Arbeitsalltag der Lokführer: „Dann pinkelt man eben in die Thermoskanne, das ist ganz normal.“

Über die Folgen von Extremsituationen wie Zugausfällen oder Suizidfällen finden sich auch eher selten in den Medien wieder. Nach der Kollision eines ICEs mit einer Wildschweinfamilie mitten in der Nacht muss der Lokführer den gesamten Zug evakuieren und die Weiterfahrt organisieren. Die zusätzliche Zeit verschiebt den Feierabend – bezahlt wird sie selbstverständlich nicht. Wenn sich jemand vor den Zug wirft ist es meist zu spät. Der Lokführer muss unweigerlich mit ansehen, wie der Zug langsam bremst, bis es knallt. Im Schnitt ereignen sich pro Tag 2-3 Personenunfälle in Deutschland, die meisten sind Suizide. Die psychischen Folgen sind schwer nachzuvollziehen. Die Vital-Klinik Buchenholm hat sich auf durch die hohe Arbeitsbelastung zusammengebrochene Bahnangestellte spezialisiert und versucht diese dann wieder berufs- und lebensfähig zu machen.

„Ein Job bei der Bahn ist manchmal körperliche und seelische Schwerstarbeit und obendrein nicht besonders gut bezahlt. Reich wird bei der Bahn nur das gehobene Management“.

Ein Lokführer bekommt ein bisschen über 3000€ Brutto, nach 25 Jahren Betriebszugehörigkeit wohlgemerkt. Berufsanfänger kommen auf etwas über 2000€ Brutto. In anderen Tätigkeitsbereichen der Bahn sieht es ähnlich aus.

Als Staatsunternehmen ist der Staat, also wir alle in Form unserer Steuergelder, Besitzer dieses Unternehmens. Die Kosten für diesen Besitz: allein 3,5 Milliarden Euro für die Instandhaltung und den Ausbau des Streckennetzes. Doch das Geld scheint nicht so wirklich dort anzukommen. Besonders Regionalstrecken sind seit Jahren von Stilllegungen betroffen – sie sind nicht mehr rentabel. Zusätzlich verschwinden immer mehr Schalter an Bahnhöfen und werden durch Automaten ersetzt, was vor allem ältere Menschen vor schwer lösbare Aufgaben stellt. „Von den derzeit 2350 Mitarbeitern der Fahrkarten-Verkaufsstellen sollen bis zum Jahr 2016 rund 700 Stellen abgebaut werden“ [5], ist 2011 zu lesen. Schon in den letzten Jahren hat sich die Anzahl von DB-Schaltern von über 1000 auf rund 400 reduziert.

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Mangelhafter Service und stetig steigende Fahrkartenpreise

Während der Reisende von der finanziellen Seite meist wenig mitbekommt, darf er sich mit anderen Dingen befassen: Verspätungen, technische Probleme, jährliche Preiserhöhungen, überarbeitete und unfreundliches Zugpersonal. In den letzten zehn Jahren sind die Kosten für den Reisenden für eine 10-Kilometerstrecke von 1.70€ auf 2.40€ und auf einer 101-Kilometerstrecke von 14.20€ auf 20.10€ angestiegen (Stand: Dez. 2013) [6]. Laut einem Test von Stiftung Warentest im Jahr 2007 waren ein Drittel aller Verbindungen um mehr als vier Minuten verspätet, jeder siebte Zug um mehr als zehn Minuten. Ein Fahrdienstleiter beschreibt das Entstehen technischer Defekte als ein Resultat der Sparpolitik des Konzerns:

„Nicht selten wird erst ausgebessert, wenn die Weiche sprichwörtlich auseinanderfällt.“

Gleichermaßen ist die Frequenz der Lokwartungen zurückgegangen – die Zahl der Lokausfälle hat sich seitdem deutlich erhöht. Die Sparpolitik der deutschen Bahn gelangt so direkt zum Kunden, auch in Form von Streiks.

Fazit: Ich bin eine Stunde später am Ziel, was mir persönlich keine wirklichen Nachteile bereitet. Anderen dagegen schon. Die Position der Deutsche Bahn in den Tarifverhandlungen mit der GDL zögert die Einigung unnötig in die Länge. Die Anschuldigungen, es gehe der GDL um einen Machtkampf [7], kann ich verstehen, denn gegen einen Konzern dieser Größe braucht man Macht, um Forderungen Ausdruck zu verleihen. Wie sonst sollen die Beschäftigungen eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen erreichen. Somit wird der Tarifstreit auf den Kosten der Fahrgäste ausgetragen. Die Deutsche Bahn scheint das in Kauf zu nehmen. Um die wartenden Fahrgäste richtig zu informieren, sollte es deshalb heißen:

„Aufgrund von Streiks der Deutschen Bahn ist der Zugverkehr beeinträchtigt.“

Quellen:

[1] http://signalarchiv.de/Meldungen/10000056
[2] http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/milliardenuebernahme-deutsche-bahn-kauft-britischen-konkurrenten-a-690536.html
[3] https://owc.de/2013/11/29/deutsche-bahn-kauft-tschechisches-busgeschaeft/
[4] http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/volle-fernverkehrszuege-deutsche-bahn-faehrt-rekordgewinn-ein-12113195.html
[5] http://www.welt.de/wirtschaft/article13555189/Bahn-streicht-700-Stellen-in-Reisezentren.html
[6] http://www.pro-bahn.de/fakten/fahrpreise.htm
[7] http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/bahnstreik-bahn-und-gdl-streiten-zugausfaelle-schon-am-morgen-a-997227.html

Zusätzliche Quelle:

Esser, C. & Randerrath, A. (2010). Schwarzbuch Deutsche Bahn. C. Bertelsmann Verlag (Frankfurt am Main).

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