Kambodscha: Proteste gegen Hungerlöhne – Druck auf internationale Hersteller wächst

Von Minh Le – New York (IPS) – In der kambodschanischen Bekleidungsindustrie kommt es in regelmäßigen Abständen zu Streiks und Protesten. Doch seit am 3. Januar in der Hauptstadt Phnom Penh die Sicherheitskräfte fünf Demonstranten erschossen und mehrere Dutzend verletzten, ist klar, dass das Problem der Hungerlöhne einer nachhaltigen Lösung bedarf.

„Denn die Menschen werden die derzeitige Situation fortgesetzter Armut nicht länger dulden“, warnt Anannya Bhattacharjee von der ‚Asia Floor Wage Alliance‘ mit Sitz in Neu-Delhi. „Der Zorn der Arbeiter nimmt zu. Die Stimmung ist explosiv.“

Gesetzliche Mindestlöhne, die von Regierungen und Industrieunternehmen festgelegt werden, liegen meist unterhalb der Lohnforderungen der Beschäftigten. Im Fall von Kambodscha hatten die Behörden zunächst einer Erhöhung des Mindestlohns von 80 auf 95 und schließlich auf 100 US-Dollar zugestimmt. Doch die Demonstranten beharren auf ihrer Forderung von 160 Dollar.

Die Nichtregierungsorganisation Asia Floor Wage, die sich für höhere Mindestlöhne in Asiens kleidungproduzierenden Ländern einsetzt, ist der Meinung, dass in Fällen, in denen der staatliche Mindestlohn unzureichend ist, die multinationalen Konzerne zur Kasse gebeten werden sollten.

Kluft zwischen Mindestlohn und Existenzminium

„Die Näherinnen und Näher produzieren für die gesamte globale Industrie. Deshalb sollten die Multis für die Differenz zwischen Mindestlohn und Existenzminimum aufkommen“, betonte Bhattacharjee. „Obwohl das bestimmt keine unfaire Forderung ist, weigern sich die Markenfirmen, die Mittel dafür bereitzustellen.“

Größere Markenhersteller wie ‚American Eagle Outfitters‘, ‚Gap‘ und ‚Levi Strauss & Co‘ haben gegen die blutige Niederschlagung der Arbeiterproteste in Kambodscha protestiert. In einem offenen Brief drängen sie Kambodschas Regierung und die Gewerkschaften dazu, Mechanismen für eine regelmäßig Überprüfung des Lohnniveaus zu schaffen.

In einer Stellungnahme gegenüber IPS erklärte Levi Strauss & Co., sich für eine friedliche Lösung der politischen Unruhen einzusetzen. Ein Gap-Sprecher erklärte, dass sein Unternehmen jede Form von Gewalt ablehne und für Verhandlungen zugunsten einer friedlichen Konfliktlösung unter Beteiligung aller betroffenen Akteure eintrete.

Das ‚International Labour Rights Forum‘ mit Sitz in Washington ist jedoch der Meinung, dass Markenfirmen und Einzelhändler mehr tun müssen, um den Arbeitern in Kambodscha zu helfen.

„Sie sollten für die in Kambodscha gefertigten Kleidungsstücke mehr zahlen und dafür sorgen, dass sich dies in den Löhnen der Beschäftigten niederschlägt“, sagte Liana Foxvog, Pressesprecherin des Forums.

Foxvog zufolge haben die multinationalen Unternehmen in den letzten 20 Jahren ein weltweites Netz von Lieferketten aufgebaut und damit einen Wettbewerb der Dumpingpreise losgetreten. Die Folge seien Niedriglöhne, Verstöße gegen das Versammlungsrecht und miserable Arbeitsbedingungen.

„Wir brauchen ein System, das sich vom derzeitigen Business-as-usual-Modell der Markenfirmen und Einzelhändler abhebt, die bei verschiedenen Fabriken anfragen, ob sie T-Shirts auch für zwei Dollar das Stück produzieren“, erläuterte Foxvog. „Lehnt ein Fabrikant ab, findet sich ein anderer, der akzeptiert. Das bedeutet, dass das ausbeuterische System auch 2014 fortbestehen wird.“

„Wir wissen, dass die Unternehmen mehr zahlen können“

Die Lösung des Problems sieht die Expertin darin, dass die Markenfirmen und Einzelhändler mit den Zulieferern in eine langfristige Beziehung treten, um auf diese Weise mehr Einfluss auf die Arbeitsbedingungen im Ausland zu nehmen.

„Wir müssen ein für alle Mal sicherstellen, dass die Beschäftigten faire Löhne erhalten und nicht länger von Hunger und häufigen Ohnmachtsanfällen bedroht sind“, sagte sie. „Wir wissen, dass die Unternehmen mehr zahlen können.“

Mehr als einen Monat nach dem Tod der fünf Demonstranten in Phnom Penh ist ein Ende der Krise nicht in Sicht. Die Menschenrechtsorganisation ‚Human Rights Watch‘ hat die kambodschanische Regierung am 3. Februar aufgefordert, dafür zu sorgen, dass die Beschäftigten, die für die Gründung von Gewerkschaften und ihre Arbeitsrechte eintreten, nicht länger eingeschüchtert und bedroht werden.

Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) zeigte sich „zutiefst beunruhigt“ über die fortgesetzte Gewalt in Kambodscha und forderte die Regierung erneut auf, eine unabhängige Untersuchung der Übergriffe auf die Demonstranten vorzunehmen.

Kambodschas Wirtschaft hängt von der Textilindustrie ab. Diese beschäftigt eine halbe Million Menschen und ist für fast die Hälfte der Exporte des Landes verantwortlich. Der ILO zufolge überschritten die Textilexporte im letzten Jahr erstmals die Fünf-Milliarden-Dollar-Grenze. Die Beschäftigten sind mehrheitlich Frauen, die mit ihren Verdiensten ihre Familien versorgen.

Laut Jill Tucker vom ILO-Projekt ‚Better Factories Cambodia‘ in Phnom Penh haben sich die Arbeitsrechte in der Bekleidungsindustrie seit 2010 verschlechtert. Gleichzeitig wies sie darauf hin, dass nicht jeder Fertigungs- ein Ausbeuterbetrieb ist. Um konkurrenzfähig zu bleiben, werden die Löhne in den Entwicklungsländern „künstlich niedrig“ gehalten. Doch die Verbraucherpreise legten zu.

Anders als in anderen Produzentenländern konzentriert sich in Kambodscha die Herstellung von Kleidungsstücken auf die Hauptstadt. Dort seien die Lebenshaltungskosten allerdings deutlich höher.

„Wären die kambodschanischen Arbeiter mit ihrer Arbeit und ihren Arbeitsbedingungen zufrieden, würden sich die Streiks von sich aus erledigen“, ist Tucker überzeugt. Das derzeitige System, das darauf abzielt, den Kunden preiswerte und hochwertige Massenware anzubieten, sei wirtschaftlich und ökologisch untragbar. „Wir haben ein Überangebot an Billigklamotten, das die Nachfrage nach Kleidungsstücken zehn Jahre lang decken kann.“

Benjamin Powell, Leiter des Instituts für freie Marktwirtschaft der Technischen Universität Texas, ist der Meinung, dass es für die Verbraucher keinen Grund gibt, sich schuldig zu fühlen, wenn sie preiswerte und in Entwicklungsländern gefertigte Produkte kaufen. So verrufen die Fabriken dort auch sein mögen, könnten sie durchaus zur wirtschaftlichen Entwicklung in den armen Ländern und schließlich auch zur Verbesserung der Löhne und Arbeitsbedingungen beitragen, meinte er.

Kambodscha ist es zwar in den letzten sieben Jahren gelungen, die Armutsrate von 50 auf 20 Prozent zu drücken. Dennoch wird es von der Weltbank nach wie vor als einkommensschwaches Land eingestuft. Die 7,1 Millionen Kambodschaner verfügen über ein Pro-Kopf-Einkommen in Höhe von 880 Dollar pro Jahr. In Hongkong hingegen beträgt es 36.560 Dollar.

Bhattacharjee von Asia Floor Wage zufolge wird es Ländern wie Bangladesch und Kambodscha nur dann gelingen, in die nächste Entwicklungsliga aufzusteigen, wenn es ihnen gelingt, das Problem der Billiglöhne zu lösen. Die kleidungproduzierenden Länder sollten ihre Wettbewerbsfähigkeit nicht auf den Rücken der Arbeiter austragen, sondern stattdessen ihre Vorteile im Logistik- und Rohstoffbereich nutzen.

Auch wenn die die Proteste in Kambodscha eine zunehmend politische Dimension annehmen und Forderungen nach mehr Demokratie und fundamentalen Menschenrechten immer lauter werden, steht für Bhattacharjee fest, dass die Menschen vor allem aus wirtschaftlichen Gründen auf die Straße gehen.

„Sie wollen höhere Löhne“, versicherte sie. „Damit hat alles angefangen.“