in Wirtschaft

Europa ist vor dem Zerfall! Nicht nur in Großbritannien ist die Art der populistisch motivierten Unzufriedenheit auf dem Vormarsch, die schon den BREXIT schürte. Schon seit längerer Zeit sprechen viele Anzeichen dafür, dass die politischen Entscheidungsträger das zentrale Ziel des europäischen Projektes aus den Augen verloren haben: Die Sicherstellung des Wohlergehens aller Europäer!

Der erste Bericht über die menschliche Entwicklung, im Auftrag der Vereinten Nationen aus dem Jahr 1990, formulierte es abschließend so:

„Die Menschen sind der wahre Reichtum einer Nation!“

Diesem Grundsatz schenken Regierungen, Eliten, ideologische Gruppierungen und sonstige Führer weltweit nicht die angemessene Beachtung.

Die einzige und beste Möglichkeit, von den Menschen eines Landes oder einer Region zu profitieren, besteht in der Herstellung sozialer Gerechtigkeit. Sie ist der Grundstein für den Erfolg eines dauerhaft friedlebenden Systems. Der indische Wirtschaftswissenschaftler und Philosoph, Amartya Sen, kam in seinem für diese Thematik maßgeblichen Buch „The Idea of Justice“ zu der Schlussfolgerung, dass wahre soziale Gerechtigkeit nicht die Gleichbehandlung aller, sondern eher die ungleiche Behandlung der Menschen zugunsten der Armen und am stärksten Benachteiligten erfordert.

Hiermit reicht die bloße Gleichheit vor dem Gesetz oder im Hinblick auf öffentliche Finanzen nicht aus, wenn nicht auch die unterschiedlichen Ausgangsbedingungen Einzelner oder Gruppen in einer Gesellschaft Berücksichtigung finden. In Anerkennung dieser Tatsachen hat man in allen UN-Entwicklungsberichten seit dem Jahr 1990 mit Nachdruck darauf hingewiesen, dass sich sowohl Wirtschaft als auch die Gesellschaft stärker präsentieren, wenn die Politik das Wohlergehen der Menschen als primäres Ziel ansieht.

Diese angestrebte Perspektive hat in der Vergangenheit noch keinen ausreichenden Zugang in die elitären Kreise der politischen Entscheidungsfindung in der Europäischen Union gefunden. Dort, wo wohlgesinnte Ökonomen und Politiker oftmals glauben, das Richtige zu tun, wenn sie Haushalte ausgleichen und Ausgaben kürzen und dieses in der Regel durch die Senkung des Budgets für Gesundheit, Bildung und Infrastruktur. Trotz wenig belegbarer Erfolge aus der Vergangenheit, sind diese politischen Entscheidungsträger der Auffassung, dass die Haushaltsdisziplin von heute zu einer stärkeren Wirtschaft von morgen führen wird.

Diese Denkweise ist Fundament, der augenblicklich in Europa angewandten Kombination von politischen Maßnahmen, in der man „Sparpolitik“ mit „Strukturreformen“ verbindet. In der Folge bedeutet das, weniger Ausgaben für das soziale Sicherheitsnetz und weniger Regulierungen zum Schutz der Arbeitnehmer. Die Kosten dieser Politik tragen in den allermeisten Fällen die „Armen“ und die sogenannte „Mittelschicht“.

Aus diesem Ansatz der zentralen europäischen „Leitlinienpolitik“ ergeben sich aber auch noch andere Probleme und diese verheißen für die Einkommen der meisten Menschen nichts Gutes. Der weltweit bekannte britische Ökonom Anthony Atkinson untersuchte die Wirtschaftsleistungen Großbritanniens aus Sicht der „ungleichen Verteilung“. Seine Studien ergaben, dass in den 1980er Jahren, die als ein Jahrzehnt starken Wachstums galten, die ungleiche Verteilung erheblich größer war, als in den 1990er Jahren, welche mit einem deutlich niedrigerem Wachstum betrachtet werden müssen.

Atkinsons Studien weisen somit eine entscheidende Frage auf: Wer profitiert vom wirtschaftlichen Wachstum? Viele oder wenige? Ist die Ansicht gerechtfertigt, die Wirtschaft wächst, wenn eine kleine Minderheit den Löwenanteil der Zuwächse erhält, wenn der größte Teil leer ausgeht oder weniger hat als zuvor. Hier verliert das Konzept des wirtschaftlichen Wachstums einen Großteil seiner Bedeutung.

Das vorherrschende Paradigma der europäischen Wirtschaftspolitik führt so zu einem weiteren Problem. Abstrakten ökonomischen Indikatoren wird mehr Bedeutung beigemessen als den Menschen. Da das Bruttoinlandsprodukt das bevorzugte Maß für den Wert einer Wirtschaft darstellt, werden viele Faktoren, die zu menschlichem Wohlergehen beitragen außer Acht gelassen.

Ausgaben für grundlegende Bedürfnisse der Menschen, wie Gesundheit, Bildung, Altersabsicherung werden als zusätzlicher Aufwand und nicht als maßgebliche Investitionen, auch für die Zukunft, angesehen. Würden politische Entscheidungsträger hier umdenken und derartige Ausgaben als Investitionen sehen, könnten sie beginnen darüber nachzudenken, wie man Erträge maximiert.

Wie bei allen Investitionen in Human- oder Anlagekapital, kann es an der Spitze zu sinkenden Erträgen kommen. Anstatt also wirtschaftliche Vorteile fast ausschließlich den „Reichen“ zukommen zu lassen und darauf zu vertrauen, dass die Zugewinne nach „unten durchsickern“ werden, sollten politische Entscheidungsträger eher bewerten, ob Investitionen, die größere Chancen für die „Armen“ und die „Mittelschicht“ beinhalten, nicht einem im Endeffekt größeren Nutzen und Beitrag zum Wirtschaftswachstum leisten könnten.

Beispielhafte Erfolge aus der Vergangenheit gibt es hierfür, wie den „Servicemen‘s Readjustment Act“, besser bekannt als „GI-Bill“, in den USA, im Jahr 1944. Dringend benötigte Ausbildungsmöglichkeiten wurden damals den Veteranen des zweiten Weltkriegs ermöglicht, die so in die Produktivwirtschaft zurückkehren konnten. Diese so besser ausgebildeten Arbeitskräfte, schufen dann für den Großteil der Amerikaner eine Phase dauerhaft steigender Einkommen.

Eine weitere Problematik der momentanen Politik ist, dass die oberste Zielsetzung nicht mehr die Vollbeschäftigung ist. Lang schon ist es an der Zeit, zu den makroökonomischen Strategien der 1950er und 1960er Jahre zurückzukehren. In diesem Rahmen waren die Vorteile der Vollbeschäftigung zur Förderung der sozialen Stabilität und des nachhaltigen Wachstums uneingeschränkt anerkannt. Das Modell zeigt beispielsweise in vielen skandinavischen Ländern, dass ein hoher Beschäftigungsgrad von Vorteil für die Wirtschaft ist, erzielt man damit entsprechende Steuereinnahmen, um die hohen sozialen Investitionen zu finanzieren und setzt damit eine positive Dynamik in Gang.

Zahlreiche europäische Länder befinden sich hingegen in einer Art Teufelskreis. Die aus Brüssel verordnete „Sparpolitik“ verschärft hierbei noch die Problematik, vor allem die der Jugendarbeitslosigkeit. Dies ist nicht nur unnötig, sondern auf Dauer noch kostspieliger, denn man läuft hierdurch Gefahr eine ganze Generation hervorzubringen, die nicht gerüstet ist, um zukünftiges Wachstum voranzutreiben. Der bedeutende Ökonom John Maynard Keynes formulierte es so: „Die richtige Zeit für Sparpolitik ist der Boom und nicht die Krise!“

Im gegenwärtigen Abschwung sollten die europäischen Länder zwingend in ihr Humankapital investieren, um das potentielle Wachstum ihrer Ökonomien anzukurbeln.

Noch ein Problem besteht darin, dass aufgrund der europäischen Fiskalpolitik, die Innovation und Kreativität nicht in den Vordergrund gerückt wird. Diese beiden Aspekte profitieren nicht nur von einem vorteilhaften regulatorischen Umfeld, sondern auch von qualitativ hochwertiger Ausbildung und Infrastruktur. Brüssel und die europäischen Regierungen müssen Bürokratie abbauen, damit Unternehmer höhere Risiken auf sich nehmen können. Unternehmen mit zukunftsorientierten Technologien sind allerdings auch auf Menschen angewiesen, die Zugang zu guter Ausbildung und leistungsfähigen Bildungssystemen hatten.

Europa verfügt zwar über einen wachsenden „Tech for Good – Sektor“, in dessen Rahmen auch Technologie für gemeinnützige Zwecke eingesetzt wird, aber ein langfristiger Erfolg kann sich erst einstellen, wenn dieser von einer modernen Infrastruktur unterstützt wird, der dann in der Regel auch öffentliche Ausgaben erfordert.

Banken- und Eurorettung, Sparpolitik und Finanzkrisenmanagement der „europäischen Neuzeit“ haben die Grundvoraussetzungen für die Menschen in Europa nicht zum Besseren gewendet. Die politischen Entscheidungsträger in Europa müssen in fast allen Bereichen umdenken und ihr Handeln anpassen, um ihren eigentlichen Reichtum, die Menschen, wieder in den Vordergrund zu rücken.

Regierungen, deren zentrales Ziel die Maximierung des Wohlergehens ihres Volkes darstellt, fördern damit letztendlich nicht nur höheres wirtschaftliches Wachstum, sondern sorgen damit auch flächendeckend für eine vernünftigere Politik.

Quellen: Human Development Index, „The Idea of Justice“, Amartya Sen, University of Oxford (Anthony Atkinson), European Commission, SR-Act (USA), John Maynard Keynes, Center for Economic Research Paris (Jean-Paul Fitoussi) und Human Development Report Office (Khalid Mailk) “Putting People first in Europe” (aus dem Englischen), Wikipedia

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Kommentar

  1. Die absolut stimmige Darlegung endet mit einem Appell an die Politik, für eine gerechtere Verteilung zu sorgen, die am Ende auch mehr Wohlstand für ale verspricht. Der Autor beklagt, dass „diese angestrebte Perspektive in der Vergangenheit noch keinen ausreichenden Zugang in die elitären Kreise der politischen Entscheidungsfindung in der Europäischen Union gefunden hat.“ Er spricht auch von Eliten von wohlgesinnten Kreisen und der Politik.

    So viel Rücksichtnahme ist bei der längst vom Großkapital korrumpierten Üolitikerkaste in USA und Europa nicht angebracht!
    Die Kaputtsparer begehen ein Verbrechen an den Völkern!

  2. Europa ist eine US Kolonie.
    Die Kolonie hat die Afgabe zu arbeiten, zu produzieren und dem Imperium Gewinn zu bringen.
    Die gesamte Finanzindustrie und verbunden damit die Politik
    entzieht der arbeitenden Bevölkerung mehr und mehr ihrer Arbeitsleistung – Um den Reichtum des Imperiums zu mehren, aber auch um ihre eigene Ausbeutung und Unterdrückung zu finanzieren.

    Der Kolonie werden die Intellektuellen und Strategischen Grundlagen entzogen, die elementaren Technologischen Machtfaktoren
    und heute sind wir an einem Punkt, wo auch Deutschland nicht mehr souverän in der Lage ist, die für Deutschand gültigen Gesetzt zu formulieren
    und viele von der US Anwaltsindustrie geschrieben werden.

    • Hallo Brücke,
      alles richtig gesagt. Jetzt sagen Sie mir bitte noch, mit wem kann ich über das von Ihnen Gesagte reden. In welchem Umfeld Sie leben kann ich ja nicht wissen. In meinem Umfeld finde ich kaum Gesprächspartner, die nur einigermaßen diese Proplematik verstehen. Bei mir im ländlichem Raum (Thüringen) sind alle „glücklich“.

      • Propaganda wirkt.
        Inquisition wirkt.
        Die effektivste Zensur ist die Selbstzensur.
        Kritische Themen sind negativ belegt.
        Wer nicht glücklich ist, ist Verlierer.
        Mit unkonformen Ansichten ist man ein Spinner und Verschwörungstheoretiker.
        Man kann im Bekanntenkreis ab und an kritische Fragen einwerfen,
        aber mit Vorsicht, sonst schwindet der Bekanntenkreis.
        Ausnehmend selten ist ein offenes Gespräch möglich .
        Im eigenen Umfeld sind es meist wenige, aber das Internet führt kritische Denkweisen zusammen.
        Die Menschen sind dann doch immer wieder auch bereit, über ihren Schatten zu springen, denn die glückliche Welt ist eine Seifenblase und das spüren die Menschen.

  3. Die Diskussionen in den Foren (auch hier) werden doch von Menschen geführt welche sich mit Politik beschäftigen und den gewissen Durchblick haben. Dem normalen BRD- Bürger geht selbst die derzeitige deutsche Politik am Hin….. vorbei. Die meisten Deutschen machen die Augen und die Ohren zu und wollen gar nicht wissen was wirklich in Deutschland derzeitig geschieht. Ein Austausch von Informationen und Meinungsäuserungen sind nur in den Foren zu finden. Die Deutschen haben sich bereits ergeben.

    • … ergeben kann sich nur, wer gekämpft hat und kämpfen kann nur, wer ein Unrecht sieht und ein Unrecht sehn, kann nur, wer keine Angst um seine heile Welt hat. Und sie ist bei den meisten, trotz aller Sorgen und Nöte immer noch heil genug, – im Vergleich zu Kriegsgebieten.
      Gewohnheiten vermitteln Sicherheit, da ist es nur logisch, dass da keiner raus will. Aber sie werden müssen, früher oder später, und das wissen sie im Hinterstübchen. Und umso mehr sie es wissen, umso fuchtiger werden sie, wenn da Leute sind, die ihnen die vermeintliche Sicherheit wegnehmen wollen. Es ist eine ganz normale Abwehrreaktion !
      Die Bevölkerung in Sicherheit zu wiegen ist ein Drahtseilakt der Regierenden, aber die taumeln schon mächtig. Eine Frage der Zeit !

  4. Mathematik für Anfänger:
    15 Millionen Arbeitslose (Veröffentlicht am 2. Oktober 2013 von Karl Weiss)
    + 2 Millionen Flüchtlinge
    _____________________
    = 17 Millionen Arbeitslose

    Mathematik für Anfänger:
    15 Millionen deutsche Arbeitslose
    – 1 Millionen Flüchtlinge die eine Arbeit erhalten
    _____________________
    = 16 Millionen deutsche Arbeitslose

    Der Kuchen ist verteilt:
    10 Gäste, die keinen Kuchen haben
    + 10 weitere Gäste
    _____________________
    = 20 Gäste ohne Kuchen