in Wirtschaft

Die deutsche Industrie droht, durch die Energiewende sei der Industrie-Standort Deutschland gefährdet. Die Wirklichkeit sieht ein klein wenig anders aus. Die Preise an der Strombörse sinken durch den Börsenhandel mit erneuerbaren Energien. Davon profitieren Großverbraucher elektrischer Energie.

Strom wird an der EEX in Leipzig gehandelt. Sie entstand 2002 durch die Fusion der deutschen Strombörsen Frankfurt und Leipzig. 2011 wurden am Terminmarkt nahezu 1100 Terawattstunden gehandelt, das Handelsvolumen bewegt sich seit 2006 auf etwa diesem Niveau. In dieser Zeit wuchs der Spotmarkt um gut 350% auf zuletzt 314 Terawattstunden (siehe Chart – Quelle). Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass seit 2009 das Marktgebiet Frankreich hinzugerechnet wird. (Eine Terawattstunde = eine Mrd. Kilowattstunden)

Der Trend geht klar vom Termin- zum Spotmarkt. Am Spotmarkt wird jeden Mittag Strom für den Folgetag versteigert. Für den ultrakurzfristigen Handel wurde eigens ein Intraday-Segment geschaffen, wo bis zu 45 Minuten vor Lieferung gekauft werden kann. Während am Terminmarkt die Grundversorgung mit längerfristigen Verträgen gesichert wird, werden am Spotmarkt kurzfristig benötigte, planbare Mengen gehandelt. Beide Märkte wirken in der Preisfindung zusammen, der Terminmarktpreis bildet sich letztlich aus der Erwartung eines mittleren Spotmarktpreises.

Ein Großteil der Unternehmen kauft den Strom nicht direkt an der Börse. Die Börsenpreise haben aber Leitfunktion für die in den Verträgen zwischen Großkunden und Versorgern festgelegten Preise.

Die Erneuerbaren Energien müssen laut EEG-Gesetz über die Börse gehandelt werden, sie stellen an manchen Tagen bis zu 50% des Stromangebots am EEX-Spotmarkt, an dem wiederum rund 40% des in Deutschland verbrauchten Stroms gehandelt wird.

Durch die Erneuerbaren Energien ist das Strom-Angebot bei in etwa gleichgebliebener Nachfrage seit 2008 spürbar angestiegen. Dadurch ist der Börsenpreis für eine Megawattstunde in diesem Zeitraum von 80 auf aktuell unter 50 Euro gefallen. Die Grenzkosten der Erneuerbaren Energien sind niedrig, weil sie keine variablen Energiekosten zu kalkulieren haben. Dadurch bleibt der Druck auf die Preise hoch und steigt mit dem Ausbau dieses Energiesektors.

Die Höhe der EEG-Umlage wird bestimmt durch die Differenz zwischen der gesetzlich festgelegten Einspeisevergütung einer Kilowattstunde aus Erneuerbarer Energie erzeugtem Strom und dem hierfür erzielten Börsenpreis. Mit sinkenden Spotmarktpreisen steigt die EEG-Umlage folglich an, wodurch Endverbraucher und von der EEG-Umlage nicht befreite Unternehmen nicht von den gesunkenen Strompreisen an der Börse profitieren.

Aktuell verbrauchen die deutschen energieintensiven Industrien Stahl, Chemie und Papier 18% der Strommenge, zahlen aber nur für die erste Million Kilowattstunden die volle EEG-Umlage, danach zunächst noch 10% und dann nur noch 0,05 Cent. Laut Bundesnetzagentur zahlen die von der Ausgleichsregelung betroffenen Unternehmen insgesamt nur 0,3% der EEG-Umlage. Durch die EEG-Novelle 2012 sinkt die Schwelle zur Befreiung von der EEG-Umlage ab 1.1.2013 noch weiter – von 10 auf 1 Gigawattstunde pro Jahr.

Die EEG-Umlage wird damit auf einen immer kleiner werdenden Kreis von Stromabnehmern verteilt. Zudem sind Großverbraucher von Netznutzungsentgelten befreit. Die Konsequenz: Die Großverbraucher profitieren in mehrfacher Hinsicht von dem durch die Erneuerbaren Energien verursachten Druck auf die Börsenpreise und von den damit verbundenen gesetzlichen Regelungen, während die übrigen Stromkunden, insbesondere die privaten Verbraucher die Zeche zahlen. Für den durchschnittlichen Haushaltskunden beträgt die EEG-Rechnung aktuell etwa 125 Euro im Jahr, bzw. 3,6 Cent pro KWh, im kommendem Jahr werden es knapp 4,0 Cent sein. Man erwartet auf Sicht einiger Jahre einen Anstieg auf jährlich über 170 Euro.

Die Industrie hingegen klagt fast schon hysterisch über steigende Energiepreise und warnt vor verheerenden Auswirkungen auf den Industriestandort Deutschland:

„Jede weitere Belastung für die Industrie schadet unserer Wettbewerbsfähigkeit als Exportnation Nr. 1 in Europa“, heißt es in einem Positionspapier der Energieintensiven Industrien Deutschlands (EID). Die Effekte auf die Strompreise seien ein Konstruktionsfehler des EEG. „Der Ausbau der erneuerbaren Energien hat durch das wenig kosteneffiziente Fördersystem dazu geführt, dass in Deutschland die Grenze der Belastbarkeit erreicht ist. Verbraucher und Industrie dürfen aber nicht gegeneinander ausgespielt werden.“

Die Wahrheit sieht ein wenig anders aus – die Privathaushalte tragen die Hauptlast, Großverbraucher sind befreit oder kostenmäßig gedeckelt. So sagt denn auch Uwe Leprich vom Institut für Zukunftsenergiesysteme, die Industrieunternehmen bekämen Strom so günstig wie lange nicht und profitieren von großzügigen Ausgleichsregeln: „Ich kann das Gejammer der Industrie nicht nachvollziehen.“

Nachtrag:
(4.10.12) Passt zum Thema: “Quotenmodell versus Einspeisevergütung: Aus der Praxis lernen

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