in Wirtschaft

Die Sendung monitor brachte es, und nun weiß es also auch der Fernsehzuschauer: die neuen Stromtrassen sind überflüssig und haben mit der Energiewende nichts zu tun. Bauen wird man sie trotzdem.

Wo lässt’n du wenden? – Das war ein schnoddriger Witz, dessen Sinn sich heute kaum noch jemandem erschließt. Als noch auf langlebige Kleidung geachtet und das Geld knapp war, brachte man abgetragene Kleider und Anzüge zum Schneider und ließ sie wenden.
Heute wenden wir andere Dinge. Energie. Was beide Wenden gemeinsam haben: sie sind rein technologische Vorgänge. Dabei hatte die Energiewende das Potential für riesige soziologische Neuentwicklungen. Doch das ist nicht erwünscht.

Zunächst die Fakten. Wie die Sendung noch einmal zeigt, sind es nicht selbsternannte Experten und Störenfriede, die den Netzausbau in Frage stellen, sondern renommierte Wissenschaftler. Christian von Hirschhausen, TU Berlin, Experte für Infrastrukturpolitik, sowie der Wirtschaftswissenschaftler  Lorenz Jarass von der FH Wiesbaden haben berechnet, dass die Trassen für die langfristige Sicherstellung der Energieversorgung nicht erforderlich sind. Die Aussagen dazu sind eindeutig. Hirschhausen:

„Unsere Berechnungen zeigen, dass die Versorgungssicherheit Süddeutschlands, inklusive der Abschaltung der Atomkraftwerke … nicht gefährdet ist, auch Mitte der zwanziger Jahre, und dass sie nicht davon abhängt, ob jetzt diese HGÜ-Leitungen gebaut werden.“

Die Sendung zeigt prägnant, dass zwei der drei geplanten Trassen überhaupt nichts mit der Energiewende zu tun haben, sondern Strom aus den westfälischen und sächsischen Braunkohlerevieren transportieren sollen. Claudia Kemfert, Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, die in den Medien regelmäßig als ausgewiesene Expertin zitiert wird, lässt daran keinen Zweifel:

„Wir werden Kohlestrom transportieren über diese teuren Leitungen, die unsere Treibhausgasbilanz verschlechtern.“

Was geschieht hier also? Das eingangs genannte soziologische Potential der Energiewende wird bewusst unterminiert. Der Umstieg auf erneuerbare Energien hätte die Struktur des Energiesektors radikal verändern können: weg von der zentralen, monopolistisch gesteuerten Versorgung, hin zu einer dezentralen, auf regionale und genossenschaftliche Lösungen setzende Struktur. Es wäre ein Meilenstein auf dem Weg zu einer gemeinwohlorientierten Gesellschaft. Energieunternehmer Matthias Willenbacher hat diesen Konflikt zwischen öffentlichen und Monopolinteressen in seinem Buch „Mein unmoralisches Angebot an die Kanzlerin“ eindrucksvoll belegt. (Sehr lesenswert! – hier eine Rezension)

Nun kann man einem Energiekonzern nicht verdenken, wenn er seine Interessen wahrnimmt. Es ist ja auch eine zu einmalige Gelegenheit, die sich hier bietet. Wegen der knapper und teurer werdenden Ressourcen hätte man sowieso in erneuerbare Energien investieren müssen. Aber wie jeder Unternehmer, der Investitionen tätigt, hätte man sie selbst finanzieren und dafür geradestehen müssen. Das wird jetzt zum großen Teil auf den Steuerzahler abgewälzt. Der trägt am Ende auch das Risiko für Fehlinvestitionen. Lorenz Jarass:

„Wenn diese Netze gebaut werden, müssen diese Investitionen vom Stromverbraucher bezahlt werden, obwohl sich später herausstellen wird, dass diese Leitungen gar nicht erforderlich sind.“

Kein Wunder also, dass die Energielobby alles tut, um keinen Zweifel an der Richtigkeit des eingeschlagenen Weges aufkommen zu lassen. Mit Erfolg. Der zuständige Minister Siegmar Gabriel, vom monitor-Reporter auf die Expertenaussagen angesprochen, trifft die folgende fundierte Aussage:

„Das ist mit Sicherheit nicht richtig.“

Und Frau Merkel wird bei nächster Gelegenheit wieder unbeirrt verkünden:

„Wer Ja sagt zu erneuerbaren Energien, muss auch Ja sagen zum Netzausbau.“

Bleibt die Hoffnung, dass die in Bayern aufbegehrenden Bürger sich von diesen hohlen Sprüchen nicht beeindrucken lassen, dass die Sendung ihnen Argumente und Mut für ihren Widerstand gegeben hat.

Dein Kommentar

Kommentar

  1. Auch wenn wir mal vom akuten Fall der neuen Stromtrassen absehen, ist die ganze Diskussion um die Energiewende nur eine Geisterdiskussion.

    Es gibt neuartige Entwicklungen, die nicht nur neue Stromtrassen überflüssig machen, sondern die AKWs, Kohlekraftwerke, sowie Windenergie und andere gleich mit.

    http://einarschlereth.blogspot.se/2014/01/saubere-energie-fast-kostenlos.html#more

    Das ist aber keineswegs die einzige Neuentwicklung. Dass die Kraftwerkslobby alles daran setzt, dass diese neuen Techniken gar nicht erst in das Bewustsein der Öffentlichkeit gelangen, versteht sich von selbst. Und wenn doch, werden die neuen Möglichkeiten lächerlich gemacht.