in Wirtschaft

Ganze 41,8 Millionen Menschen gehen in Deutschland einer Erwerbstätigkeit nach. Seit 2002, dem Jahr vor Inkrafttreten der »Agenda 2010«, ist die Zahl der Beschäftigten demnach um 2,5 Millionen gestiegen. Was auf den ersten Blick erfreulich scheint, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung jedoch als ein groß angelegtes Täuschungsmanöver.

Merkel und Rösler klopfen sich selbst auf die Schulter: Trotz der immer noch akuten europäischen Wirtschaftskrise zeigt sich die deutsche Wirtschaft vergleichsweise robust. Während viele andere europäische Staaten in den letzten Jahren von Jahr zu Jahr tiefer absackten, musste Deutschland nur kurzzeitig eine Delle hinnehmen. Dies wirkte sich auch auf den deutschen Arbeitsmarkt aus: Die Zahl der Arbeitslosen blieb vergleichsweise niedrig, und die Beschäftigungszahlen erstaunlich stabil. Anscheinend hatte die damals unter Bundeskanzler Schröder beschlossene Arbeitsmarktreform Wirkung gezeigt. Oberflächlich betrachtet zumindest.

Der soziale Abstieg

Aus Angst davor, den totalen sozialen Abstieg erleben zu müssen, und sich als »Hartzer« durchs Leben schlagen zu müssen, nehmen unzählige Menschen selbst die prekärsten Arbeitsverhältnisse in Kauf. Lieber für 3,50€ die Stunde arbeiten und zur Not »aufstocken«, als gänzlich vom Wohlwollen der Arbeitsagenturen abhängig sein. Das sind etwa 600€ im Monat – für eine Vollzeitstelle. Auch da zeigt sich, dass die Einführung eines Mindestlohns durchwegs positive Auswirkungen hätte. Selbst wenn es nur 8,50€ wären.

Aber auch die Zahl der Leiharbeiter stieg rasant an: Innerhalb von nur 10 Jahren erlebte die Leiharbeitsbranche einen regelrechten Boom. Von anfangs 310.000 Leiharbeitern wuchs die Zahl auf ganze 820.000 im Jahr 2012 an. Doch die Wachstumszahlen trügen – rund die Hälfte davon sind wirklich neue Jobs, der Rest hat nur die besser bezahlten Arbeitsstellen ersetzt. Lohneinbußen von 25% und mehr sind hierbei keine Seltenheit. Dabei war die Leiharbeitsbranche lediglich dazu gedacht, Überstunden zu reduzieren und dafür beschäftigungslose Menschen in die Arbeitswelt zurückzuführen.

Hinzu kommen die Minijobs – Teilzeitstellen mit maximal 450€ Entlohnung, und Stundensätze von nicht selten unter 6€. Inzwischen beläuft sich die Zahl der Minijobber auf rund 7,5 Millionen. Für ganze 5 Millionen von ihnen ist dies die Hauptbeschäftigung. Damit arbeiten beinahe 12% aller Beschäftigten in Deutschland für einen Lohn, der gerade einmal ein paar Euro mehr einbringt als der Hartz-4-Eckregelsatz von 382€.
Das deutsche »Jobwunder« durch die rot-grünen Arbeitsmarktreformen, welche auch von schwarz-rot und schwarz-gelb weitergeführt wurden, ist weitestgehend eine Augenwischerei. Studien zufolge haben in den letzten Jahren vor allem kleinere Betriebe aus Kostengründen Vollzeitstellen gestrichen, und stattdessen Teilzeitkräfte und Minijobber angestellt. So kommt es auch, dass inzwischen rund 2 Millionen Menschen unfreiwillig in Teilzeit arbeiten müssen, weil sie keine Vollzeitstelle erhalten. Darunter zunehmend auch Männer mit guter Ausbildung.

Selbstständigkeit und Armut

Ein weiterer »Erfolg« ist auch die sogenannte »Ich-AG«, und die zunehmende Zahl an Einpersonenunternehmen. Von 1,7 Millionen im Jahr 2002 wuchs die Zahl dieser Beschäftigten auf 2,2 Millionen im Jahr 2012. Besonders in den »kreativen Berufen« stieg die Zahl der Soloselbstständigen drastisch an. Von der IT-Branche über Journalisten, Publizisten, Musikern und Malern, hin zu Ingenieuren, Dolmetschern und Psychologen. Der Gang in die Selbstständigkeit als oftmals letzter Ausweg, anstatt sich von einem schlecht bezahlten befristeten Arbeitsvertrag zum nächsten zu hangeln.

Dies führt jedoch auch dazu, dass sich viele dieser Menschen keine Krankenversicherung mehr leisten können. Inzwischen sind schon etwa 140.000 Menschen in Deutschland nicht krankenversichert. Zustände, die man in einem der reichsten Länder der Welt nicht erwarten würde. Doch wenn mit rund 7,3 Millionen Menschen ganze 22% aller Beschäftigten schon als Niedriglöhner gelten, weil sie weniger als 9,54€ brutto pro Stunde verdienen, sind diese Entwicklungen kaum zu vermeiden. Besonders tragisch ist, dass inzwischen 900.000 Menschen mehr als 50 Stunden in der Woche arbeiten müssen, und dennoch Geringverdiener sind.

Die Dumpinglohnrepublik

Deutschlands »Jobwunder« wurde teuer erkauft. Der Preis: Eine ständig steigende Zahl von Menschen in prekären Beschäftigungsverhältnissen und eine ständig wachsende Armut. Dumpinglöhne wie man sie eigentlich in Osteuropa vermuten würde sind allgegenwärtig. Und während beispielsweise Österreich über ein bundesweit gültiges Kollektivvertragssystem für sämtliche Branchen kennt, macht in Deutschland beinahe Jeder was er will. Die Einen haben Branchentarifverträge, manche Unternehmen ihre eigenen Tarifverträge, und viele Unternehmen sogar gar keine. Und so kommt es, dass zum Beispiel Edeka konzernweit den Tariflohn von 12,24€ pro Stunde bezahlt, während ein freier Edeka-Kaufmann in Hamburg seinen Verkäuferinnen gerade einmal 6,50€ pro Stunde zugestand. Und Lidl? Lidl verkündete stolz, einen unternehmensweiten Mindestlohn von 11€ brutto zu zahlen. Das ist die deutsche Arbeitsmarktrealität.

Inzwischen sind übrigens mehrere Beschwerden gegen Deutschland wegen Wettbewerbsverzerrung bei der EU-Kommission eingegangen. Ob es was bringt, darf bezweifelt werden. Nur Eines ist sicher: Egal ob Union, SPD, Grüne oder FDP – sie alle haben diese Entwicklung aktiv unterstützt. Und da wohl wieder zwei von diesen Parteien die nächsten vier Jahre regieren werden, dürfte sich an der prekären Lage auch weiterhin nichts ändern.

Diese und tausende andere News finden Sie ab jetzt auch auf Krisenfrei.de
  • Deutschlands größte alternative Suchmaschine
  • Über 2000 News aus allen TOP Quellen
  • Unabhängig und Übersichtlich
>>> JA, ich möchte alle alternativen News auf einen Blick


Dein Kommentar

Kommentar

  1. Die Kosten steigen enorm .
    Die Kosten der Machthaber für ihren Machterhalt .
    Einschlägiger Journalismus wird finanziert,
    einschlägige Lobbys an der Stange gehalten,
    einschlägiges Expertentum muß finanziert werden ,
    think tanks und NGOs
    die Überwachung muß finanziert werden
    und das Heer der Mitläufer ,
    Bürokratien ,wie Brüssel ,wollen finanziert sein ,
    Söldnerarmeen werden finanziert ,
    die militärische Kontrolle der Welt durch die USA wird finanziert
    und Kriege werden finanziert .
    Und wer muß dafür (Sklaven)Arbeit leisten ?
    — siehe Beitrag Marco Maier —
    und viele Deutsche meiinen noch immer
    auf den Titel „Exportweltmeister“ stolz sein zu dürfen .