in Lateinamerika

Von Marianela Jarroud

Santiago, 22. März (IPS) – Im Streit um ein geplantes Wärmekraftwerk haben Bewohner der Kleinstadt Totoral im Norden Chiles einen ersten Sieg gegen einen finanzstarken Investor errungen. Umweltschützer zufolge stellt die Anlage eine Gefahr für den Artenreichtum der Küstenregion dar.

In der Atacama-Wüste mehr als 800 Kilometer nördlich der Hauptstadt Santiago soll der größte Wärmekraftwerkskomplex Südamerikas entstehen. Hinter dem Projekt ‚Castilla‘ steht das Energieunternehmen MPX, eine Tochterfirma der EPX-Gruppe des brasilianischen Milliardärs Eike Batista. Laut dem US-Magazin ‚Forbes‘ nimmt Batista auf der Liste der reichsten Personen der Welt den siebten Platz ein.

Die Kosten für den Bau der aus acht Wärmekraftwerken bestehenden Anlage werden mit 4,4 Milliarden US-Dollar beziffert. Die sechs Kohle betriebenen Anlagen sollen jeweils 300 Megawatt (MW) Strom, die restlichen zwei mit Erdöl betriebenen Kraftwerke je 127 MW produzieren. Insgesamt würde der Komplex 2.100 MW zu einem Stromnetz beitragen, über das 90 Prozent der chilenischen Bevölkerung versorgt wird und das sich in der Hand eines Oligopols aus den Unternehmen ‚Endesa‘, ‚Colbún‘ und ‚AES Gener‘ befindet.

Sorge um Artenvielfalt und Existenzgrundlagen

Den Befürwortern zufolge ist der Standort gut gewählt, weil das vorgesehene 240 Hektar große Areal für die industrielle Nutzung freigegeben wurde. Die Gegner hingegen warnen vor negativen Folgen für Umwelt und Landwirtschaft.

„Die Pazifikküste bei Punta Cachos ist ein Gebiet von großer mariner Biodiversität“, sagte Alex Muñoz, der die chilenische Sektion der Umweltorganisation ‚Oceana‘ leitet. In dem Küstengewässer sind unter anderem Humboldt-Pinguine, Guanokormorane sowie eine Kolonie von Meeresschildkröten heimisch.

Um die Generatoren der Kraftwerke zu kühlen, benötigt ‚Castilla‘ täglich Millionen Liter Meerwasser, das später zu deutlich erhöhten Temperaturen in den Pazifischen Ozean zurückgepumpt werden soll.

Wie Muñoz warnte, verändert wärmeres Wasser jedoch die gewohnten Abläufe der Meeresökosysteme. Das daraus entstehende Ungleichgewicht bedroht die Artenvielfalt und nimmt den lokalen Gemeinden ihre Existenzgrundlagen. Thermokraftwerke sonderten zudem Substanzen wie Stickstoffoxyd, Schwefeldioxyd und Schwermetalle wie Quecksilber ab, die der menschlichen Gesundheit schadeten, warnte Sara Larrain, die Direktorin der Umweltgruppe ‚Chile Sustentable‘.

„Bei der Verbrennung von Kohle wird Quecksilber in Form von Gas frei“, sagte Muñoz. Das Schwermetall steige in die Atmosphäre auf, kondensiere dort und gelange später ins Meer. Der Verzehr von Fisch oder Meerestieren, die mit Quecksilber belastet seien, könne bei Föten Fehlentwicklungen des Gehirns und bei Erwachsenen Herz- und Lungenkrankheiten hervorrufen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO zählt Quecksilber zu den zehn gesundheitsschädlichsten Chemikalien.

Das Projekt sieht auch den Bau eines Hafens vor, wo Kohle abgeladen werden soll. Außerdem sollen ein neues Straßennetz und Lagerhallen entstehen. Ein 100 Hektar großes Gelände ist für die Aufbewahrung von kontaminierter Asche bestimmt.

Gesetz aus Pinochet-Zeit gibt privatem Sektor Macht

Wie Larrain erläuterte, wurde das geltende Gesetz zur Stromversorgung 1982 während der Militärdiktatur von General Augusto Pinochet eingeführt. Die Stromproduktion sei damit vom Staat auf den Privatsektor übergegangen. Seitdem entschieden private Unternehmen, welche Technologien eingesetzt würden, erklärte sie.

Die größten Gegner des Vorhabens sind die Einwohner der Stadt Totoral, die gegen das Projekt Verfassungsbeschwerde eingelegt hatten. Ihre Beharrlichkeit wurde belohnt. Am 6. März entschied ein Berufungsgericht in Antofagasta gegen die Kraftwerksanlage. Zur Begründung hieß es, dass die Umweltgenehmigung für den Bau von ‚Castilla‘ auf einem illegal beschafften Bericht basiere und somit ungültig sei.

Als nächstes wird der Streit vor dem Obersten Gerichtshof in Santiago de Chile verhandelt. Das Unternehmen und der staatliche Verteidigungsrat, der als von der Regierung unabhängiges Organ mit staatsanwaltlichen Kompetenzen die Interessen des Staates vertritt, beantragten am 14. März die Überprüfung des Urteils. Larrain äußerte sich zuversichtlich, dass das in Antofagasta gefällte Urteil Bestand haben wird.

Wirtschaftsminister Pablo Longueira kritisierte, dass der einstweilige Stopp des Projektes „dem Land großen Schaden zufügt“. Muñoz wies jedoch darauf hin, dass Chile enorme Wettbewerbsvorteile bei der Produktion eines großen Teils seiner Energie aus erneuerbaren Quellen wie Wind, Sonne und Gezeiten habe. (IPS/ck/2012)

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