in Lateinamerika

Von Fabiana Frayssinet

Rio de Janeiro, 16. März (IPS) – Beim Entwurf einer neuen Einwanderungspolitik steckt Brasilien in dem Dilemma, wie bisher Immigranten aus humanitären Gründen aufzunehmen oder verstärkt gut ausgebildete Arbeitskräfte ins Land zu holen, um den Herausforderungen seiner wirtschaftlichen Entwicklung gewachsen zu sein.

Zu letzteren gehört die Bildungspsychologin und Marketingexpertin Vera Sardinha, die in ihrer Heimat Portugal arbeitslos war. Die 31-Jährige hat ihre Koffer gepackt und ist nach Brasilien gezogen, weil sie dort bessere Zukunftschancen für sich sieht. Brasilien gehört mit Russland, Indien, China und Südafrika zu den so genannten BRICS-Staaten, die weitaus höhere Wirtschaftswachstumsraten verzeichnen als die EU.

Ausländer, die mit einem Touristenvisum nach Brasilien einreisen, können dort aber keine Arbeitsstelle antreten. Selbst Portugiesen, die den Brasilianern durch Sprache, Geschichte und zum Teil auch durch die Kultur verbunden sind, haben es schwer, an Arbeitsvisa zu kommen.

„Man muss immer zeigen, dass man Kenntnisse besitzt, die Brasilianer nicht haben“, berichtet Sardinha. „Andernfalls wird der Visa-Antrag abgelehnt.“ Nach einigem Hin und Her konnte die Portugiesin damit punkten, dass sie große Erfahrungen in multinationalen Unternehmen gesammelt hat und damit aufgrund ihrer „globalen Perspektive“ als Arbeitsemigrantin in Frage kommt. Seitdem schafft sie in Brasilien für eine portugiesische Firma für Fernsehtechnologie.

Nicht alle Arbeitssuchenden aus Übersee werden fündig

„Sich vorzustellen, dass man in Brasilien leicht einen Job findet, ist eine Illusion“, erklärt Sardinha. “ Rechtsanwälte haben gar keine Chance. Besser sieht es dagegen für Ingenieure und Ökonomen aus.“

Die neue politische Strategie der Regierung zeigt deutlich, dass vor allem Interesse an hochqualifizierten jungen Bewerbern besteht. Der Zustrom gering ausgebildeter Arbeitskräfte soll hingegen begrenzt werden.

Der Leiter der Behörde für strategische Angelegenheiten, Ricardo Paes de Barros, sagte der Zeitung ‚O Globo‘, dass die Einschränkungen für Einwanderer, die während der Militärdiktatur 1980 festgeschrieben wurden, im Fall gut ausgebildeter Ausländer gelockert werden sollen. „Da Brasilien in der Welt inzwischen eine Insel des Wohlstands ist, wollen viele hoch qualifizierte Fachkräfte hierhinkommen“, betonte er. Jeder Antrag für ein Arbeitsvisum werde aber genauestens geprüft.

Brasilien folgt damit dem Beispiel Kanadas und Australiens, die bei der Erteilung von Arbeitsvisa ebenfalls strenge Kriterien anlegen. Dies liegt daran, dass staatliche Untersuchungen und die Nachfrage von Firmen gezeigt haben, dass in der sechstgrößten Wirtschaftsnation der Welt qualifizierte Arbeitskräfte Mangelware sind.

Das Ausländergesetz sieht unterschiedliche Regelungen für die Gewährung vorübergehender und unbegrenzter Aufenthaltsgenehmigungen und Arbeitsvisa vor. Die Herkunft eines Bewerbers und die Verfügbarkeit einheimischer Arbeitskräfte in der jeweiligen Berufssparte spielen eine Rolle. Zugleich werden auch Anträge von Flüchtlingen und anderen Personen berücksichtigt, die aus humanitären Gründen nach Brasilien kommen wollen.

„Der hauptsächliche Unterschied zwischen den Einwanderern von gestern und heute liegt darin, dass ihr Aufenthalt im Land jetzt nur noch dann gerechtfertigt ist, wenn sie einen Mehrwert bringen“, sagte Gaetano Francini, der italienische Vize-Präsident eines multinationalen TV-Konzerns.

Großer Bedarf im Öl- und Bergbausektor

Italienische Einwanderer seien früher „Bauern mit wenig Bildung“ gewesen, erklärte der brasilianische Politologe Mauricio Santoro von der unabhängigen Getulio-Vargas-Stiftung, dessen Familie einst selbst aus Italien eingewandert war. „Heute wandern Europäer nach Brasilien ein, die Bachelor-, Master- und Doktortitel haben.“ Brasilien sei nicht in der Lage, die auf dem Markt benötigten Ingenieure, Wissenschaftler und Techniker auszubilden.

Nach offiziellen Studien fehlen in Brasilien zurzeit zwischen 200.000 und 400.000 qualifizierte Arbeitskräfte. Dieses Defizit ist besonders spürbar, seit Brasilien in Feldern wie der Erdölindustrie, dem Bergbau und der Informationstechnologie rasant aufgeholt hat. Vorangetrieben wird die Nachfrage auch durch die bevorstehende Fußballweltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Spiele 2016. Zudem werden große Wasserkraftwerke errichtet, die die rasch steigende Nachfrage nach Energie befriedigen sollen.

Aus einer der Studie der Getulio-Vargas-Stiftung geht hervor, dass das Land spätestens 2014 mit einer Lücke von 800.000 Fachkräften rechnen muss. Zunächst zielt die neue Strategie der Regierung darauf ab, Interessenten aus Europa anzuwerben, wo die Jugendarbeitslosigkeit Rekordhöhen erreicht hat. Im vergangenen Jahr kamen beispielsweise 45 Prozent mehr Einwanderer aus Spanien als 2010.

Ausländeranteil derzeit bei nur zwei Prozent

Offiziellen Zahlen zufolge lebten Ende 2011 etwa zwei Millionen Ausländer legal in dem Land mit circa 198 Millionen Einwohnern. Schätzungen zufolge dürfte sich die Zahl der Ausländer ohne Papiere in Brasilien auf rund 600.000 belaufen.

Im Nachbarland Argentinien machen Ausländer mit Aufenthaltsgenehmigung dagegen 14 Prozent und in den USA 13 Prozent der Bevölkerung aus. Der Anteil der Einwanderer in Brasilien steigt allerdings rapide an. Laut der Regierung hat die Zahl der im Land geborenen Kinder von Ausländern im vergangenen Jahr um 50 Prozent zugenommen.

2011 wurden zudem 32 Prozent mehr Arbeitsvisa ausgestellt als im vorherigen Jahr. Die meisten Bewerber kamen aus China, das inzwischen zum wichtigsten Handelspartner und größten Investor in Brasilien aufgestiegen ist. Die weiteren Antragsteller kamen vorwiegend aus den USA, Portugal, Frankreich und Spanien.

Auch der Zustrom aus Haiti hat nach der Erdbebenkatastrophe Anfang 2010 deutlich zugenommen. Die brasilianische Regierung teilte im Januar mit, dass mehr als 4.000 Haitianer, die in den vergangenen zwei Jahren eingewandert seien, ein Bleiberecht erhalten sollen. (IPS/ck/2012)

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