in Wirtschaft

Berlin, 29. November (IPS/SB) – Die Brandursache im engeren Sinne mag noch ungeklärt sein. Die gesellschaftliche Antwort auf die Frage nach dem Zustandekommen der Katastrophe in der Textilfabrik ‚Tazreen Fashion Limited‘ in der Nähe von Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch, hingegen bedarf keiner kriminalistischen Untersuchung. Sie ist dem Kostensenkungsdruck in einer Form der Güterproduktion geschuldet, die ohne die deregulierte internationale Arbeitsteilung kaum rentabel wäre.

80 Prozent aller Exporte Bangladeschs stammen aus dem verarbeitenden Gewerbe im Textilbereich, und das nicht, weil die Näherinnen und Näher des Landes so viel besser arbeiten als die Konkurrenz in anderen Regionen des globalen Südens. Die 4.500 Textilunternehmen Bangladeschs beschäftigen unter Sklavenhalterbedingungen drei Millionen Menschen, davon gut 90 Prozent Frauen. Die dort gefertigten Kleidungsstücke sind für die Metropolengesellschaften Nordamerikas und Westeuropas bestimmt.

Erst im September waren im pakistanischen Karatschi nach abschließender Zählung 259 Arbeiterinnen und Arbeiter in den Flammen eines Feuers umgekommen, das in einer Textilfabrik ausbrach. Die Feuerschutzvorkehrungen und Fluchtmöglichkeiten waren so ungenügend, dass viele Lohnsklavinnen und Lohnsklaven die Ausbeutung ihrer Arbeitskraft auch noch mit dem Leben bezahlen mussten. Ein Gutteil der 650 Beschäftigten musste sterben, damit hierzulande die Reproduktion der Lohnarbeit auf einem Niveau erfolgen kann, die die Profitrate der Unternehmen und das Einkommen ihrer Angestellten sichert.

Auch die bislang 109 Toten und über 200 Verletzten, die bei der Brandkatastrophe in Dhaka zu Schaden kamen, sind keinem bloßen Arbeitsunfall oder einem schicksalhaften Unglück zum Opfer gefallen. Katastrophen dieser Größenordnung sind allemal vermeidbar, wenn nur der Mensch und nicht die Kapitalverwertung an erster Stelle rangieren würde. Das gilt umso mehr, als in Bangladesch in den Jahren 2006 bis 2010 insgesamt 471 Näherinnen bei Bränden in Textilfabriken ums Leben kamen.

So ist der Feuertod das Fanal einer Ausbeutung von Menschen durch Arbeit, die in allererster Linie anzuprangern wäre, wenn Empörung etwas verändern könnte. Zweifellos ist die Forderung der ‚Clean Clothes Campaign‘ (CCC) an die Auftraggeber, ein Brandschutzabkommen mit Gewerkschaften und Arbeitsrechtsorganisationen zu unterzeichnen, sinnvoll. Dennoch liegt die Wurzel des Übels in einem Gesellschaftsmodell, dem die Ausnutzung internationaler Produktivitätsunterschiede im Rahmen der Globalisierung ein Vitalfaktor ersten Ranges ist.

Arbeitskraft zu Schleuderpreisen

Die industrielle Produktion in den Ländern des HighTech-Kapitalismus ist so produktiv geworden, dass menschliche Arbeit, die nicht höchsten Standards an Ausbildung und Expertise genügt, zu Schleuderpreisen erhältlich ist. Das hat zu einer Abwanderung eines Großteils der deutschen Textilindustrie in Billiglohnländer geführt. Dort sind die Arbeitsbedingungen so dereguliert und die Lohnniveaus so gering, dass die in den Ländern der Auftraggeber endende Wertschöpfungskette das Gros des Profits denjenigen entziehen, die den größten und härtesten Teil der dazu erforderlichen Arbeit geleistet haben.

Allein die Bundesrepublik hat nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 2011 Bekleidung im Wert von drei Milliarden Euro aus Bangladesch importiert. Die Fabrik der ‚Tuba Group‘, in der das Feuer ausbrach und die laut Unternehmenshomepage unter anderem für ‚C&A‘, ‚Carrefour‘ und ‚Walmart‘ produziert, soll mit ihren 1000 Näherinnen und Nähern monatlich eine Million T-Shirts, 800.000 Polo-Shirts und 300.000 Fleecejacken herstellen.

Hungerlöhne

Stundenlöhne von 15 US-Cent sind üblich in einer Textilindustrie, deren Arbeiterinnen sich nicht einmal die Billigprodukte, die sie erzeugen, leisten können. Das Jahresdurchschnittseinkommen lag 2010 in Bangladesch bei 641 US-Dollar, während der weltweite Durchschnitt 8.985 Dollar betrug.

Im Weltentwicklungsindex nimmt das Land den 146. Platz von 182 Ländern ein, was bedeutet, dass seine Bevölkerung langfristig dazu verdammt ist, als Humanressource in den Konsumgütern reicherer Gesellschaften aufzugehen.

Anstatt die eigene Bevölkerung mit den zum Leben erforderlichen Gütern auszustatten, kommt die in Bangladesch verrichtete Arbeit in erster Linie der eigenen Oligarchie wie deren internationalen Partnern zugute. Da das auf den Export billiger Arbeit in Hochlohnländer setzende Entwicklungsmodell dafür sorgt, dass der Großteil der Bevölkerung arm und der Preis der Arbeit niedrig bleibt, wäre eine sozialistische Perspektive gerade für die Menschen in den ärmsten Ländern der Welt attraktiv.

Auch deshalb wird dafür gesorgt, dass sie unter dem täglichen Überlebensdruck kaum zur Besinnung kommen können oder, wie nach den Aufständen in der Textilindustrie Bangladeschs 2006 geschehen, sich aus blanker Not der Peitsche des Mangels und der Unterdrückung beugen.

Diese und tausende andere News finden Sie ab jetzt auch auf Krisenfrei.de
  • Deutschlands größte alternative Suchmaschine
  • Über 2000 News aus allen TOP Quellen
  • Unabhängig und Übersichtlich
>>> JA, ich möchte alle alternativen News auf einen Blick


Dein Kommentar

Kommentar