in Umwelt

Von Carey L. Biron – Washington (IPS) – In den USA steht eine neue Generation herbizidresistenter Nutzpflanzen vor der Zulassung. Wie aus Washington zu hören ist, tritt die biotechnologische Landwirtschaft mit drei neuen genmanipulierten Mais- und Sojasorten in die nächste Phase.

Bisher haben die USA sechs modifizierte Nutzpflanzen zugelassen, die gegen das Herbizid ‚Roundup‘ der US-Biotechnologiefirma Monsanto resistent sind.

Die Anwendung der Roundup-Ready-Technologie ist dort zwar weit verbreitet, doch hat die Hälfte der US-amerikanischen Bauern inzwischen festgestellt, dass unerwünschte Wildpflanzen gegen den Roundup-Wirkstoff Glyphosat immun geworden sind.

Wie aus einer letztjährigen Untersuchung der ‚Stratus AG‘, einem Agrarforschungsunternehmen mit Sitz in Kanada, hervorgeht, hat sich die US-Agrarfläche, auf der glyphosatresistentes Unkraut wächst, seit 2010 auf fast 24,7 Millionen Hektar verdoppelt. Im Jahr 2012 berichtete die Hälfte der US-Farmer, dass auf ihren Feldern glyphosatresistente Problempflanzen wachsen.

In Reaktion darauf gab das US-Unternehmen ‚Dow AgroSciences‘ bekannt, ein neues Set genmodifizierter Agrarpflanzensorten entwickelt zu haben, die sowohl gegen Glyphosat als auch gegen 2.4-Dichlorphenoxyessigsäure (2.4-D) resistent sind. 2.4-D ist ein Wirkstoff, der in dem Entlaubungsmittel ‚Agent Orange‘ enthalten war, das im Vietnamkrieg flächendeckend versprüht wurde. Dem Unternehmen zufolge winken nach eigenen Angaben Einnahmen in Milliarden-Höhe.

„Dow könnte mit seinem neuen Produkt die nächste Generation genetisch veränderter Nahrungsmittelpflanzen einläuten“, so Bill Freese vom ‚Centre for Food Safety‘, einer der biotechnologischen Landwirtschaft gegenüber kritisch eingestellten Organisation mit Sitz in Washington.

Herbizidresistenzen nehmen zu

„Das Dow-Produkt wird als Lösung für das Problem der glyphosatresistenten Unkrautpflanzen beworben. Tatsächlich jedoch wird es nur dazu führen, dass Unkrautpflanzen immer neue Resistenzen ausbilden und immer schwerer zu kontrollieren sind“, betonte er.

„Wie wir bereits bei Roundup Ready beobachten konnten, sind diese Systeme extrem gut darin, die Resistenzen der Unkrautpflanzen zu stärken.“

Am 30. April hatte die US-Umweltschutzbehörde EPA die Zeitspanne für die öffentliche Debatte des Dow-Antrags auf 30 Tage festgelegt. Die weitere Behörde, die über den Antrag der Biotechnologiefirma entscheidet, ist das US-Agrarministerium, das dem Antrag auf Zulassung von einer Mais- und zwei Sojasorten bereits provisorisch zugestimmt hat.

Indem die EPA den Beginn der finalen Phase des Zulassungsprozesses bekannt gab, signalisierte sie ihre Unterstützung für das als ‚Enlist Duo‘ bekannte Dow-Produkt. „Unkraut wird zunehmend resistent gegen glyphosathaltige Herbizide, was den Bauern Probleme bereitet“, hieß es in einer Stellungnahme der Behörde. Weiter hieß es, dass EPA mit der Zustimmung zu Enlist Duo den US-Farmern eine zusätzliche Waffe gegen die Verbreitung glyphosatresistenter Problempflanzen zur Hand gegen würde.

Tatsächlich sieht es ganz danach aus, als würde den US-Bauern künftig eine Vielzahl genetisch modifizierter Organismen (GMOs) zur Auswahl gestellt. Nach Angaben von Bill Freese geht es bei neun von 14 Anträgen um die Zulassung von GMOs um herbizidresistente Sorten.

Nach Ansicht von Kritikern spricht eine Vielzahl von Gründen gegen die die Zulassung der Dow-Produkte, vor allem was die Wirkung des erhöhten Einsatzes von 2.4-D angeht. In der US-Landwirtschaft kommen bereits jährlich mehr als 11,7 Millionen Kilogramm der Substanz zur Anwendung. Nach Schätzungen des US-Agrarministeriums könnte sich die Einsatzmenge nach der Zulassung von Enlist Duo mehr als versechsfachen.

Gesundheitsprobleme befürchtet

Doch schon der vergleichsweise niedrige 2.4-D-Einsatz in den letzten Jahren gibt Anlass zur Sorge. Gesundheitsexperten machen 2.4-D für die Zunahme von bösartigen Erkrankungen der Lymphe (Non-Hodgkin-Lymphome) und für Parkinson verantwortlich. Darüber hinaus wird es mit einem erhöhten Risiko, dass die Kinder von Farmarbeitern, die mit 2.4-D in Kontakt kamen, mit Geburtsdefekten zur Welt kommen, in Verbindung gebracht.

„2.4-D ist in vielerlei Hinsicht giftiger als Glyphosat. Es kann zu Krebs, einer geringeren Spermienbildung, Lebererkrankungen und anderen Gesundheitsproblemen führen. Und es ist nach wie vor mit Dioxinen versetzt“, berichtet Paul Achitoff von der Umweltorganisation ‚Earthjustice‘.

„Bemerkenswert ist, dass Regierungsinspektoren offen einräumen, dass es aufgrund von vorangegangenen Deregulierungen zu Glyphosatresistenzen auf einer Fläche von mehr als 20 Millionen Hektar gekommen ist. Jetzt wollen sie dieses Problem ausgerechnet mit dem erhöhten Einsatz einer toxischen Chemikalie lösen. Und der Kongress hat für das Problem nur ein Gähnen übrig.“

Auch die nahe gelegenen Felder und die Ökosysteme könnten von Negativauswirkungen betroffen sein. 2.4-D hat sich als höchst flüchtig herausgestellt. So kann der Wirkstoff leicht von Winden fortgetragen werden und auch ins Grundwasser gelangen.

Angesichts der Tatsache, dass die Substanz entwickelt wurde, um Wälder flächendeckend zu entlauben, dürften die Folgen für Flora und Fauna verheerend sein. Die EPA und der Nationale Fischereidienst fanden bereits heraus, dass schon die geringen Dosen 2.4-D, die in den letzten Jahren in den USA freigesetzt wurden, ausreichten, um sich negativ auf bedrohte Arten auszuwirken.

Am landwirtschaftlichen Scheideweg

In einem in diesem Jahr veröffentlichen Brief haben 144 Landwirtschafts-, Nahrungsmittel-, Gesundheits-, Verbraucher-, Fischerei- und Umweltorganisationen an die US-Regierung appelliert, die Dow-Produktzulassung zu verhindern.

Die Landwirtschaft sei an einem Scheideweg angelangt, warnten sie. Der eine Weg führe zu einer zunehmenden Verbreitung alter und giftiger Pestizide, zu Gerichtsverfahren über die allmähliche Vergiftung von Nutzpflanzen, zur Resistenz widerspenstiger Unkrautpflanzen und zu stark ansteigenden bäuerlichen Produktionskosten, heißt es in dem Schreiben.

„Das ist der Weg, den die US-amerikanische Landwirtschaft einschlagen wird, wenn sie die neuen Mais- und Sojasorten sowie alle anderen zu diesem Zweck bereitstehenden herbizidresistenten Agrarpflanzen zulässt.“

Die ‚biotechnologische Revolution‘ beschränkt sich nicht allein auf die USA. Obwohl GMOs zunächst in den USA an Boden gewannen, haben sie in anderen Ländern – sowohl des Nordens als auch des Südens – Fuß gefasst. Allerdings ist das US-Regulierungssystem laxer als in manch anderen Staaten.

Oft genug werden diese neuen Technologien als wichtige Gelegenheit gehandelt, die Ernten insbesondere in landwirtschaftlich ungastlichen Gebieten steigern und somit zum Kampf gegen den Hunger und für Ernährungssicherheit beizutragen. Doch Freese vom Center for Food Safety zufolge sind diese Argumente nichts als Augenwischerei.

„Biotechnologie hat in Entwicklungsländern nichts verloren“

„Es wird gern behauptet, dass Biotechnologie in der Lage ist, die Welt zu ernähren, doch tatsächlich hat sie in den Entwicklungsländern nichts verloren. Die meisten Bauern dort können sich diese Form der Produkte nicht leisten.“

Auch sei die Biotechnologie alles andere als ein humanitäres Anliegen.

„Es geht darum, den Pestizideinsatz in der industriellen Landwirtschaft der reichen Länder zu fördern.“

Wie Freese betont, wird seine Organisation die EPA angesichts der Tragweite der Entscheidung dazu bewegen, die Zeitspanne für die öffentliche Diskussion über Enlist Duo zu auszuweiten. Dow hofft, dass seine neuen Genpflanzen spätestens im nächsten Jahr ausgebracht werden.

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Kommentar

  1. Warum sollen die Pflanzen es besser haben als die Menschen, die sich mit dem hemmungslosen Einsatz von Antibiotika Generationen resistenter Erreger beschafft haben!

  2. Nach den dramatischen Ergebnissen einer Studie bzgl. der Wirkung von Genfood auf Ratten ist mit drastischer Zunahme von Erkrankungen nach Einnahme des Genfoods in Europa zu rechnen.

    Dow Chemical – dieser Konzern macht ca. 20 % seines Umsatzes via Belieferung der Pharmaindustrie, welche dann die zusätzlichen Erkrankten behandelt.

    Wenn die Genfood-Produkte also die Menschen krank machen wirkt sich dies folglich umgehend auf den 20%-Anteil von Dow Chemical aus.

    Nein, das ist kein Interessenskonflikt. Wir wollen doch nicht naiv sein. Dies ist gezielte Strategie, darauf kann man sich verlassen, schlichte BWL-Logik!

    • Das anvisierte Freihandelsabkommen mit den USA, welcher sich Merkel willig anbiedert wie eine billige Straßenhure wird mit ziemlicher Sicherheit dafür sorgen, dass Dows Produkte bald auf hiesigen Tellern landen und sei es auch nur indirekt über Tierfutter.

      Und der Bürger hier will auch gerne Genfood essen – anders ist die Wahl von NSA-Merkel nicht zu erklären.

      Wer an der Wahlurne schläft, wird nach der Wahl zur Ader gelassen!

      Mahlzeit!