in Umwelt

Von Fabiana Frayssinet – Buenos Aires (IPS) – Seit die Weltgesundheitsorganisation (WHO) im März die Agrochemikalie Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend für Menschen“ eingestuft hat, nimmt die Kampagne für ein Verbot des Pestizids in Lateinamerika immer mehr an Fahrt auf. Glyphosat ist das in der Region meistverkaufte Unkrautvernichtungsmittel, mit dem insbesondere Gentechnikpflanzen besprüht werden.

Nach Ansicht von Sozialaktivisten und Wissenschaftlern können sich die lateinamerikanischen Regierungen angesichts der Untersuchungsergebnisse der WHO-Krebsforscher nicht länger auf dem alten Argument ausruhen, dass die Schädlichkeit des Wirkstoffes nicht beweisen sei.

„Wir sind der Meinung, dass die Vorsichtsmaßregel gelten sollte“, erklärte Javier Souza, Koordinator von ‚Rap-Al‘, einem Aktionsbündnis gegen Agrarchemikalien.

„Wir wollen nicht, dass die Entscheidung, Glyphosat aus dem Verkehr zu ziehen, weiter aufgeschoben wird, nur weil wir immer neue Untersuchungen abwarten müssen.“

Wie Carlos Vicente, Leiter der Non-Profit-Organisation GRAIN, erinnert, wird der südamerikanische Markt seit Mitte der 1970er Jahre mit dem Herbizid aus dem Hause des US-Biotechnologiekonzerns ‚Monsanto‘ überschwemmt.

Seinen Siegeszug verdankt Glyphosat vor allem dem massiven regionalen Anbau transgener glyphosatresistenter Nahrungspflanzen wie ‚Roundup Ready‘-Sojabohnen in Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay, so der Vertreter der internationalen Gruppe, die sich für die kleinbäuerliche und nachhaltige Landwirtschaft engagiert.

In der Region wird transgenes Soja inzwischen auf einer Gesamtfläche von 50 Millionen Hektar angebaut und jährlich mit 600 Millionen Litern Glyphosat besprüht. Alle Gensaaten, die in Argentinien, Bolivien, Brasilien, Paraguay und Uruguay ausgebracht werden, wachsen auf einer Gesamtfläche von 83 Millionen Hektar.

Die neue Einstufung der WHO vom 20. März sei wichtig, weil sie zeige, dass sich trotz allen Drucks, den Monsanto ausübe, um die Verwendung seiner Produkte zu erreichen, die unabhängige Wissenschaft durchgesetzt habe, die das Gemeinwohl und nicht die Interessen von Konzernen im Auge habe, betont der GRAIN-Chef.

Monsanto verkauft das Glyphosat unter dem Markennamen ‚Roundup‘. Das Pestizid gelangt aber auch als ‚Cosmoflux‘, ‚Baundap‘, ‚Glyphogan‘, ‚Panzer‘, ‚Potenza‘ und ‚Rango‘ in den Handel. Zum Einsatz kommt es nicht nur bei transgenen Pflanzen, sondern ebenso bei normalem Gemüse, Tabak, Obstbäumen, in Eukalyptus- und Kiefernpflanzungen, in städtischen Gartenanlagen und entlang von Bahngleisen.

Während der Wirkstoff in der traditionellen Landwirtshaft nach dem Keimen des Saatguts beziehungsweise vor dem Ausbringen der Setzlinge verwendet wird, kommt er auf den Genfeldern während der Pflanzzeit zum Einsatz. Laut Rap-Al führt dies dazu, dass eine Vielzahl von Pflanzen und die umliegenden Gebiete verseucht werden.

„Diese Glyphosat-Niederschläge haben direkte und inzwischen unübersehbare Auswirkungen auf die Ökosysteme, auf die Gemeinschaften, auf die Böden und auf die Gewässer“, fügt er hinzu.

„Wir dürfen nicht länger zulassen, dass diese Gifte die Artenvielfalt gefährden, Klimaveränderungen begünstigen, Böden unfruchtbar machen, Luft und Gewässer verseuchen und dann auch noch beim Menschen Krankheiten wie Krebs erzeugen“, so auch der Leiter der brasilianischen Landlosenbewegung MST, João Pedro Stédile.

Rafael Lajmanovich, Experte für Umweltgifte an der argentinischen ‚Universidad Nacional del Litoral‘, hat sich ausgiebig mit Glyphosat befasst.

„Die Studien mögen zwar keinen Bezug zur menschlichen Gesundheit und zur Entstehung von Krebsgeschwüren beim Menschen haben, doch konnte in den Embryonen von Amphibien die Bildung von Karzinomen festgestellt werden“, sagte der Experte, Mitglied des staatlichen Nationalrats für wissenschaftliche und technologische Forschung. „Ferner konnten wir nachweisen, dass Glyphosat Einfluss auf die Aktivität wichtiger Enzyme bildender Systeme (Cholinesterasen) nimmt, wodurch ihm ein gewisser Grad an Neurotoxizität zukommt.“

Bei epidemiologischen Untersuchungen in von den Glyphosat-Einsätzen betroffenen Gemeinden wurde eine Reihe weiterer Auswirkungen wie Atemwegserkrankungen, Allergien, Fehlgeburten, Missbildungen bei Neugeborenen und ein erhöhtes Auftreten von Tumorerkrankungen festgestellt.

Vicente zufolge liegen in vielen lateinamerikanischen Ländern Untersuchungsergebnisse vor, die in Richtung der WHO-Einschätzung gehen. In Argentinien, wo laut GRAIN im Jahr 2011 238 Millionen Liter Glyphosat ausgebracht wurden, zeigen Studien in den Provinzen Rosario und Córdoba eine Zunahme von Krebserkrankungen, die zum Teil um das Drei- bis Vierfache über dem nationalen Durchschnitt lagen.

In Kolumbien verweist die Agronomin Elsa Nivia, lokale Leiterin des Pestizid-Aktionsnetzwerks PAN, auf 4.289 Fälle von Haut- und Magenkrankheiten, über die lokale Behörden in den ersten beiden Monaten 2001 berichtet hatten. Des Weiteren wurde bekannt, dass 178.377 Tiere inklusive Pferde, Rinder, Schweine, Hunde, Enten, Hühner und Fisch, verendet sind, weil sie mit Glyphosat in Berührung kamen.

Rap-Al-Koordinator Souza kritisiert, dass das Herbizid in Lateinamerika uneingeschränkt in Geschäften für Futtermittel und Agrochemikalien sowie in Baumärkten erhältlich ist. Oftmals würden die Pestizide in kleinen Portionen in Limonadenflaschen verkauft.

Stédile, Mitglied der internationalen Bauernorganisation ‚La Vía Campesina‘, hofft nun, dass Lateinamerika und Europa dem niederländischen Beispiel folgen und Glyphosat verbieten werden.

Allerdings darf dies Vicente zufolge nicht dazu führen, dass Glyphosat durch andere Herbizide ersetzt wird, von denen einige sogar noch giftiger seien. Vielmehr müsse endlich der Umstieg auf eine agroökologische kleinbäuerliche Landwirtschaft erfolgen, „die die Ernährungssouveränität unserer Völker respektiert.“

Stédile zufolge halten die südamerikanischen Regierungen trotz der Gesundheits- und Umweltschäden an der transgenen Landwirtschaft fest, weil sie dem Irrglauben verfallen seien, mit ihrer Hilfe die Handelsdefizite ausgleichen zu können. Diese ‚Exportillusion‘ verhindere, dass sie sich mit einem Problem auseinandersetzten, dass der MST-Chef als den “ wahren Völkermord“ bezeichnet.

Monsanto wiederum hat die WHO-Entscheidung heftig kritisiert und den Bericht der WHO Krebsforschungsabteilung als Produkt einer ‚Junk Science‘ [Forschung, mit der Vertreter bestimmter Interessen versuchen, von der Staatsgewalt ausgehende Entscheidungen zu ihren Gunsten zu beeinflussen] bezeichnet. Auch sei die WHO-Einschätzung mit den zahlreichen Untersuchungsergebnissen staatlicher Regulierungsstellen in aller Welt nicht kompatibel, die das Pestizid als ungefährlich für die menschliche Gesundheit eingestuft hätten.

Lajmanovich meint dazu jedoch, dass die WHO als internationale Organisation der menschlichen Gesundheit verpflichtet und somit über jeden Vorwurf erhaben sei. Außerdem erinnert er daran, dass Monsanto die wissenschaftliche Arbeit der WHO für gut befunden habe, solange die Organisation Glyphosat als unbedenklich für die menschliche Gesundheit eingestuft habe.

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  1. Monsanto und Syngenta, keiner braucht euch, keiner will euch. Kein Tag vergeht ohne Horrormeldung um euch. Ohne euch wäre die Welt ein gutes Stück besser.