Bäume pflanzen: ein revolutionärer Akt

Wer gerne mal zu Fuß unterwegs ist und mit aufmerksamem Blick durch die Landschaft wandelt, stellt schnell einmal fest, dass es immer weniger Grünflächen gibt. Wiesen werden zubetoniert, Hecken und Büsche entwurzelt, Bäume gefällt. Die Natur wird der menschlichen Megalomanie, sich durch die Errichtung monumentaler Betonklötze gleichsam verewigen zu wollen, geopfert. Doch es gibt eine immer breiter werdende Bewegung, die dieser Entwicklung zu begegnen versucht.

Etwa 3,3 Billionen Bäume gibt es auf unserem Planeten, das sind ungefähr 442 Bäume pro Mensch. Dabei waren es einmal mehr als doppelt soviel, denn etwa die Hälfte des weltweiten Baumbestandes hat der Mensch bereits abgeholzt. Dabei weiß man bereits seit grauer Vorzeit, was übermäßige Abholzung für Nachteile haben kann: So starb auf den Osterinseln die komplette Zivilisation aus, nachdem man die Wälder abgeholzt hatte, um die berühmten Statuen zu errichten. Auch die Etrusker und später die Römer sahen sich bereits mit dem Problem der abgeholzten Wälder konfrontiert; für ihre Kriegsflotten schlugen sie jede Menge Bäume, doch je mehr man die Wälder ausdünnte, desto mehr verkarstete die gesamte Landschaft drumherum. Die Auswirkungen sind stets ähnliche: Meist kommt zuerst der Wasserhaushalt aus der Balance, wodurch Landwirtschaft schwieriger wird, Kulturlandschaft nach und nach eingeht und mit ihr letztlich die Kultur, die diese einst bewirtschaftete.

Natürliche Funktionen

Wälder sind essentiell für einen ausgewogenen Wasserhaushalt. Mit ihrer Fähigkeit, unvorstellbare Mengen davon zu speichern und bei Sonnenschein über Verdunstung wieder in die Luft abzugeben, tragen sie wesentlich zu dem ausgewogenen Klima bei, an das die Älteren unter uns sich noch erinnern können. Trocken- und Dürreperioden in unseren Breitengraden sind maßgeblich der intensiven Abholzung geschuldet, genauso wie die anderen Wetterextreme.
Bei Überschwemmungen spielt zwar unser Faible, Flüsse in ein unnatürliches Bett zu zwängen auch eine große Rolle, aber man kann mit Fug und Recht behaupten, dass mehr Wald uns viele dieser Überschwemmungen ersparen würde. Auch große Murenabgänge, die im Sommer immer öfter ganze Ortschaften mitreißen, sind eine direkte Folge der Abholzung in den alpinen Zonen. Solange dort Bäume mit ihren starken Wurzeln das Erdreich zusammenhielten, war dieses Phänomen viel weniger verbreitet.
Vielleicht könnte man ja auch die gesamte Klimafrage auf eine Waldfrage reduzieren? CO2 sei ja angeblich das Problem – möglicherweise ist dieses Problem ja erst entstanden, seit man weltweit industriell Wälder in Grund und Boden rodet, deren Bäume ja bekanntlich dieses Gas nicht nur speichern, sondern sogar umwandeln können.

Der Mensch und der Wald

Auch für den Menschen hat der Wald beinahe unschätzbaren Wert. Gerade wir Europäer sind Kinder des Waldes, was schon in den Fabelwelten alter Kulturen wie der Kelten und Germanen zum Ausdruck kommt. Jeder, der einmal das Vergnügen hatte, einsam durch einen großen, alten Wald wandern zu dürfen, kennt dieses Gefühl der Ruhe und Zufriedenheit, das sich mit der Zeit einstellt. Ein tiefes Wohlgefühl breitet sich in einem aus, das nicht selten in Ehrfurcht umschlägt wenn man sich vergegenwärtigt, wie lange die erhabenen Bäume, die einen umgeben, schon auf das Geschehen dieser Welt hinabblicken.
Im Wald fallen die Lasten der sogenannten Zivilisation von einem ab, man wird gewissermaßen geerdet, fühlt sich wieder mit der Natur verbunden. Der Wald gab uns immer schon nicht nur Schutz und Nahrung, sondern auch Medizin in Hülle und Fülle; Migräne zum Beispiel kann man gut in den Griff bekommen, einzig indem man sich eine Weile im Wurzelwerk einer alten Eiche zur Ruhe legt.
Wissenschaftlich erwiesen ist auch, dass Kinder, die in waldreichen Gebieten aufwachsen, kräftiger, beweglicher und für den Rest ihres Lebens resistenter gegen typische Zivilisationserkrankungen sind als ihre Altersgenossen, die zum Beispiel in der Stadt aufwachsen.

Gründe der Ausdünnung

Der Hauptgrund dafür, dass immer mehr Wald verschwindet, ist der gleiche, aus dem überhaupt immer mehr Gutes auf dieser Welt vor die Hunde geht: das „liebe“ Geld. Gerade die letzten verbliebenen Regenwälder in Brasilien und Indonesien werden mit einer Vehemenz ausradiert, die das Raubtier Mensch in seiner ganzen tollwütigen Wildheit zeigt. Millionen Hektar werden samt allem Viehzeugs darin brandgerodet, um Ölpalmen und Biokraftstoffe anzubauen. Der Mensch gebärdet sich wie ein Irrer und zertrampelt mit Vehemenz sein eigenes Nest.
Hier in Europa fällt hingegen immer mehr Wald den Bio-Invasoren zum Opfer. So werden wir uns bald von den mächtigen Kastanien verabschieden müssen, die seit über 300 Jahren das Bild unserer Städte prägen. Die Miniermotte und der Pseudomonas-Keim machen den alten Gefährten schwer zu schaffen, es wird bereits nach einer widerstandsfähigeren Baumsorte zur Ersatzbepflanzung gesucht.
Die großen Forstgebiete, gerade in Zentral- und Nordeuropa, sind natürlich vorbildlich gepflegt; aber auch hier wird ohne Not viel abgeholzt, beziehungsweise das vorhandene Potential zur Wiederaufforstung nicht oder nur teilweise genutzt. Wenn man bedenkt, wie lange so ein Baum braucht um heranzuwachsen und sich zugleich den überall vorherrschenden Kahlschlag ansieht, wird einem schnell klar, dass es hier zunehmend an Balance fehlt.

Wer revoltieren will, soll Bäume pflanzen!

Und wenn es nur ein Birnen- oder Zwetschkenbaum ist, den man sich in den Garten stellt – einen Baum zu pflanzen, ist in der heutigen Welt mehr als nur ein Statement, sondern fast schon ein revolutionärer Akt. Entgegen des modernistischen Hightech-Wahns kniest du dich auf den Boden und wühlst mit den Händen im Dreck, um vielleicht als alter Mensch einmal auf einen Baum blicken zu können, den du vor einem halben Leben gepflanzt hast.
Die nächste Stufe von Guerilla Gardening – Guerilla Planting. Fortgeschrittene machen sich im Dämmerlicht mit einem Schößling auf den Weg oder sammeln auf speziellen Wanderungen Pflanzensamen, um sie an so vielen Orten wie möglich zu verteilen.
Und für diejenigen, die mit dieser wildromantischen Vorstellung vom Graben im Dreck nicht so viel anfangen können, gibt es inzwischen ja auch schon Möglichkeiten.
So existieren mittlerweile jede Menge Öko-Fonds, die in geschützte Waldgebiete investieren. Man kann sogar ganze Regenwaldgebiete kaufen, um sie so vor der Abholzung zu schützen. Auch die Suchmaschine Ecosia bietet einen tollen Service: Mit ihren Werbeeinnahmen finanzieren sie Baumpflanzungsprojekte auf der ganzen Welt. Schon mit wenigen Suchen hat man bald eine beträchtliche Anzahl von Bäumen mitfinanziert – und wie sich das für eine gute Gamification gehört, wir einem der aktuelle Stand auch stets in einem Fenster angezeigt.
Doch egal, für welche Methode man sich auch entscheidet: Hauptsache, man macht was. Denn im Gegensatz zum leblosen und starren Beton ist ein Baum ein lebendes und atmendes Wesen – und nicht zuletzt ein Freund.