in Sport

Das Massenphänomen der falschen Neun ging zu Beginn der WM 2014 in eine neue Runde und beschäftigt die Sportpresse seitdem immer wieder. Ein besonderer Fokus der Reporter liegt auch bei dieser Weltmeisterschaft, auf dem amtierenden WM Torschützenkönig Thomas Müller. Er schoss fünf der deutschen WM Tore, nur ein weiteres Tor im Finale hätte ihn mit dem Kolumbianer James Rodríguez gleichziehen lassen. Ein möglicher Hintergrund dieses Erfolgs, so wird ihm nachgesagt, sei seine Rolle als „falsche Neun“. Hierbei wird die falsche Neun als eine Position dargestellt, die die Rolle des klassischen Mittelstürmers einnimmt. Wir wollen nun im folgenden Abschnitt die neu/wieder-erfundene Position des modernen Fußballs genauer unter die Lupe nehmen.

Die ständig wiederkehrende Erklärung der falsche Neun ist, sie unterscheide sich im Wesentlichen, im variableren Aufbauspiel, von einem klassischen Mittelstürmer. Während des Aufbauspiels, lasse sich die falsche Neun ins offensive Mittelfeld zurückfallen, schaffe dort im besten Fall ein Überzahlspiel des eigenen Teams, sodass die Innenverteidiger der gegnerischen Mannschaft gezwungen seien, aus der Abwehrkette herauszubrechen, um Lücken im defensiven Mittelfeld zu schließen.

Soweit so gut. Aber gab es da nicht schon eine Position, die diese beschriebene Position, der falschen Neun, bereits ausfüllt? Richtig. Da gab es mal eine Position, die nannte sich „hängende Spitze“. Nun sagen aber die Fußballexperten, der Unterschied zwischen der falschen Neun und der hängenden Spitze läge darin, dass der falsche Neuner der nominell einzige Stürmer der Formation sei. Hingegen schafft die hängende Spitze den Übergang zwischen Mittelfeld und Stürmer. Das heißt, dass zu einer hängenden Spitze immer ein Mittelstürmer gehöre, dem sie zuspielen solle. Unschlüssig geben sich die Experten hingegen bei der Deutung der Formation von Manchester United, die oftmals mit zwei nebeneinander spielen hängenden Spitzen spielen lassen.

Die falsche Neun ist keine Position – sie ist ein Taktiksystem

Wenn man nun davon ausgehen möchte, dass vor jeder hängende Spitze ein Mittelstürmer spielen muss, damit die hängende Spitze nicht als falsche Neun, sondern auch als hängende Spitze bewertet wird, hätte man in den 1970ern sagen können, dass vor jedem Torwart ein Libero spielen muss, da Libero und der Torwart im klassischen Fußball oftmals eng miteinander verbunden waren. Als sich Strategien im Laufe der Zeit veränderten und der Libero weggefallen ist, hat man deshalb aber nicht die Position des Torwarts in „fliegender Holländer“, oder ähnliche absurde Bezeichnungen umbenannt, nur weil die davor spielende Position im System wegrationalisiert wurde. Der Torwart heißt heute wie damals Torwart. Der Grund liegt auf der Hand: Die Position und grundlegenden Aufgaben des Torwarts sind nach Wegfall des Liberos gleichgeblieben. Die Hauptaufgabe des Torwarts ist heute wie vor 40 Jahren immer noch, nach Möglichkeit, kein Tor zu kassieren. Geändert hat sich lediglich die taktische Marschroute des Torwarts. Neben klassischen Torwartqualitäten, muss er nun auch fußballerische Qualitäten eines Abwehrspielers mit ins Team bringen. Übertragen können wir das auch auf unserer hängenden Spitze.

Bei ihr wurde, wie beim Torwart, die direkt vorliegende Position aus dem System gestrichen. Dabei hat sich die Grundlegende Spielweise des hängenden Stürmers kaum verändert. Das taktische System des modernen Fußballs hingegen, verändert sich stetig. Den einzelnen Positionen bei taktischen Änderungen immer neue Namen zu geben ist schier lachhaft. Denn die falsche Neun ist keine Position, sie ist ein sehr komplexes Taktiksystem: In der Offensive hilft die hängende Spitze beim Spielaufbau, während die äußeren Mittelfeldspieler die entstandenen Räume im offensiven Mittelfeld einzunehmen versuchen, wenn ein gegnerischer Innenverteidiger den Laufweg der hängenden Spitze folgt und damit Lücken im Verteidigungsverbund reißt. Die Räume der äußeren Mittelfeldspieler hingegen füllen dann die Außenverteidiger, die dort sogar zum Teil die Rolle als Außenstürmer einnehmen.

Auch defensive Spieler haben im Spielaufbau ihre genauen Aufgaben. So fungiert zum Beispiel der Torwart schon beinahe als Libero im Spielaufbau, da der Gegner bei Kontern gerne sehr lange Bälle über die weit aufgerückten Innenverteidiger spielen. Der spielmachende defensive Mittelfeldspieler geht im Aufbau zurück, bis zwischen die Innenverteidiger, um gleich vom Abstoß an das Spiel zu bestimmen. Ein zurückgezogener Mittelfeldspieler sichert meist mit den Innenverteidigern die Defensive des Teams ab. Das Taktiksystem der falsche Neun aber nur auf den Fußball in der Offensive zu beschränken, wird ihrem Ruf nicht gerecht. Der Defensivarbeit ist mindestens genauso viel Beachtung zu schenken. Bei gegnerischem Ballbesitz wird der ballführende Gegenspieler früh gestört, um ein Aufbauspiel zu verhindern. Der eigene Stürmer wird bei gegnerischem Ballbesitz deshalb gerne als „erster Verteidiger“ bezeichnet, da auch er typische Antizipationen eines Abwehrspielers beherrschen muss. In der Vergangenheit war es oft, dass der Mittelstürmer sich eine Auszeit nehmen konnte, wenn der Gegner im Ballbesitz war. Der Stürmer in einem modernen System, wie der falschen Neun, arbeitet nach hinten wie jeder andere Spieler seines Teams. In der Defensiv-, wie auch in der Offensivarbeit, hat also jeder Spieler seine zugeteilte Rolle.

Dies sind Beobachtungen, die jeder Fußballfan, bei modern spielenden Mannschaften bereits gemacht hat und zeigt nur eine von unzählig vielen Variationen der falschen Neun auf. Die Komplexität im Fußball nimmt von Jahr zu Jahr zu, jedoch beschränken sich viele Fans und Journalisten gerne nur auf das Einfache, auf etwas was sie leicht verstehen. So wird bei der falschen Neun nur der Stürmer in den Fokus gestellt, da er die meisten Tore der Mannschaft erzielt. Man könnte fast meinen, dass die Fans nur noch die Sprache der Tore verstehen, aber nicht mehr die Sprache des Fußballs.

Kommen wir zurück zum Kern des Textes. Den Trainern ist die Debatte über die falsche Neun mittlerweile zuwider. Dies ist nicht nur bei Jogi Löw anzumerken, sondern auch bei anderen Trainern, die sehr variabel spielen lassen. Ihnen ist es zu einfach und zu simpel, Gespräche über eine Taktik zu führen, die in der Öffentlichkeit auf einen Spieler reduziert wird. Sie weichen in Interviews Fragen zur falschen Neun immer wieder geschickt aus. Interessant wären hingegen allemal die Reaktionen der Presse, sollte unser Bundestrainer im nächsten Interview zum Erstaunen der Sportpresse anmerken, dass Philipp Lahm eine sehr gelungene „falsche Neun“, bei dieser WM, gespielt hat.

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