Wir sind ein Land im Krieg

In der vergangenen Woche brachte Armeegeneral Raymond „Tony” Thomas, Leiter des U.S. Kommandos für Sondereinsätze (SOCOM) seine Bestürzung über die Trump-Administration zum Ausdruck. „Unsere Regierung befindet sich noch immer in unglaublichen Turbulenzen,“ meinte Thomas. „Ich hoffe, dass sie bald damit klarkommen, weil wir ein Land im Krieg sind.

Von William J. Astore  – Was heißt das, wir sind ein Land im Krieg? Viele werden denken, dass das eine dumme Frage ist, aber ist es das? Sicher, wir haben grob geschätzt 10.000 Soldaten in Afghanistan, und dieser Krieg ist nicht vorbei. Sicher, die Vereinigten Staaten von Amerika helfen noch immer den irakischen Streitkräften (besonders in Mosul) gegen ISIS und damit verbundene terroristische Gruppen. Ja, die Vereinigten Staaten von Amerika und die NATO (gemeinsam mit Russland?) streben danach, ISIS und dem „radikalen islamischen Extremismus/Terrorismus“ den Garaus zu machen. Aber ergeben diese Bemühungen einen Weltkrieg wie den Ersten und Zweiten Weltkrieg?

Es ist kein Gefühl wie im Krieg – zumindest nicht in den Vereinigten Staaten von Amerika. Der Kongress hat keine formelle Kriegserklärung abgegeben. Wenige Amerikaner bringen Opfer (die Soldaten in Gefahr natürlich schon). Es gibt keine Rationierung. Keine Steuererhöhungen für die Finanzierung des Kriegs. Keine nationale Mobilisierung von Ressourcen. Keine Wehrpflicht. Keine Veränderung von Lebensstil oder Vorlieben. Nichts. Die meisten Amerikaner führen ihr normales Leben, ohne an den „Krieg“ und seinen Fortschritt (oder Mangel an Fortschritt) zu denken.

Hier liegt mein Punkt. Terrorismus, sei es radikal islamistischer oder durch weißen Rassismus bedingter, wird immer mit uns sein. Ja, er muss bekämpft werden, und auf vielfache Weise. Polizeiliche Maßnahmen sind eine davon. Politische und soziale Veränderungen, also Reformen, sind eine andere. Sammeln von Informationen. Gelegentlich ist militärisches Eingreifen berechtigt. Aber Terrorismus zu einer existenziellen Gefahr zu erheben heißt die Terroristen füttern. „Krieg“ ist, was sie wollen. Sie leben von dieser Rhetorik, einer Rhetorik, die ihre Selbstherrlichkeit steigert. Warum sie füttern?

Ein weiterer Aspekt: ein Krieg gegen den Terrorismus ist dem Wesen nach ein permanenter Krieg, da du nie alle Terroristen loswerden wirst. Und permanenter Krieg ist vielleicht der größte Feind der Demokratie – und ein mächtiger Wegbereiter von Autokraten. James Madison sah das ganz klar:

Von allen Feinden einer wahren Freiheit muss der Krieg vielleicht am meisten gefürchtet werden, weil er den Keim alles anderen umfasst und entwickelt. Krieg bringt Armeen hervor; von diesen kommen in der Folge Schulden und Steuern; und Armeen und Schulden und Steuern sind die bekannten Instrumente, mit denen man die Vielen unter die Herrschaft der Wenigen bringt.

Im Krieg wird auch die freie Verfügungsgewalt der Exekutive ausgeweitet; ihr Einfluss bei der Vergabe von Ämtern, Ehrungen und Entgelten wird vervielfacht; und alle diese Mittel zur Verführung der Köpfe kommen zu denen hinzu, die die Stärke der Menschen schwächen. Derselbe heimtückische Aspekt der republikanischen Staatsform kann verfolgt werden in der Ungleichheit der Vermögen und der Möglichkeiten des Betrugs, die aus dem Zustand des Kriegs hervorgehen, und in der Entartung von Anstand und Moral, die in beiden erzeugt werden. Kein Land kann seine Freiheit inmitten anhaltender Kriegsführung erhalten …

Will jemand, der Madison gelesen hat und sich für Demokratie engagiert, wirklich weitere, sagen wir Generationen lang „im Krieg“ sein? Für immer?

Allerdings weist General Thomas´ Kritik einen weiteren Aspekt auf, der erwähnt werden muss, und zwar seine Dreistigkeit bei der Kritik an der Regierung (und somit an seinem Oberbefehlshaber), sie kriege im „Krieg“ nicht die Kurve. Generäle sind dazu da, um Kriege zu führen, und nicht um die Regierung, der sie dienen, öffentlich zu kritisieren.

Kriegsrhetorik inspiriert nicht nur Terroristen und stärkt Autokraten, während sie die Demokratie schwächt: sie ermutigt auch Generäle. Die beginnen zu denken, dass sie, wenn das Land sich im Krieg befindet, eine mächtige Rolle innehaben sollten, um zu gewährleisten, dass es gut läuft, bis der Staat zu einem Apparat des Militärs verkommt (wie es in Deutschland im Ersten Weltkrieg der Fall war, als Feldmarschall Hindenburg und General Ludendorff Deutschland von 1916 bis zu seinem Zusammenbruch im November 1918 regierten).

Die Administration Trump hat bereits (langgediente und vor kurzem pensionierte) Generäle in die leitende Position von Verteidigung, Heimatlandsicherheit und Nationalem Sicherheitsrat berufen. Erinnern Sie sich an die Zeiten, als Zivilisten diese Positionen innehatten?

Noch ein Punkt: Sagen Sie, wenn die Vereinigten Staaten von Amerika jetzt ein „Land im Krieg” sind, wann werden wir wieder zu einem Land im Frieden werden? Wenn die Antwort ist „wenn der letzte Terrorist beseitigt ist,“ dann sagen Sie am besten gleich Lebewohl zu dem, was von der amerikanischen Demokratie noch übrig ist.

Quelle: bracingviews.com – Übersetzung: Klaus Madersbacher

4 Kommentare zu "Wir sind ein Land im Krieg"

  1. Und was macht man mit den ganzen Soldaten die dann nach Hause kommen und jede Menge Freizeit haben?

  2. Die helfen nicht…. die verkaufen eine Dienstleistung… die auch noch schön von den ländern finanziert wird… besser geht es doch garnicht…

  3. Auch wenn unter Betulichkeit des Gutmenschentums versucht wird, die Realität zu leugnen.
    Der Terror und der Kampf gegen den Terror stammen aus der gleichen Quelle. Es herrscht seit der Machtübernahme der Neocons mit ihrem liberalen Mantel vor gut 30 Jahren permanent Krieg.
    Es hat sich ein Tiefer Staat etabliert, der die Politik bestimmt und gerade versucht den neuen Präsidenten Trump auf Linie zu bringen.

  4. Ein sehr wichtiger Artikel, der einen krönenden letzten Absatz hat und zugleich eine ernsthafte Warnung an Europa, wenn es dafür, stand jetzt,schon zu spät: Die Parallelen sind erschreckend.
    In Europa wird der Bürger etwa sanfter manipuliert. Zu begründen sind folgende Vergleiche: Statt offizielles Posaunen gegen Terrorismus mit Erstinterventionen in Kriege gegen terroristisch geglaubte Staaten, wie seitens der US-Amis, kommen die Deutschen erst nachträglich in den Krieg hinein. Oft getarnt als humanitäre Hilfe für die verdeckte Waffenlieferungen. Jüngstes Beispiel sind diesmal die Weisshelme in Syrien.
    Um bei uns in Deutschland an den zunehmenden Krieg gegen Terror zu gewöhnen, sind nun auch elektronische Fußfesseln bei Terrorverdächtigen eingeführt worden.
    Das BKA und der BND im Auftrag der CIA überwacht und sammelt auch jeden Verdächtigen Privataustausch. Die Telekom hilft dabei.
    Ich frage mich, gegen wen richtet sich der Krieg tatsächlich?
    Sollte einer von uns oder mehrere gegen den Staat demonstrieren, so werden wir mit speziellen Kameras per Gesichtserkennung erfasst. Die Vorratsdatenspeicherung wird bei dem korrupten Staat angewendet. Wie schnell wird man hier im Land plötzlich terrorverdächtig?
    Der Krieg gegen die Unzufriedenen und weniger manipulierbaren Bürger hat im Namen des Terrors schon längst , auch in Deutschland begonnen. Schon wöchentliche Berichte von Hausdurchsuchungen von Terrorverdächtigen bis Reichsbürger sind Alltag in den Medien.
    Fazit: Auch in Deutschland wie Europa befinden wir uns in einem Krieg gegen Terror, der erst jetzt richtig begonnen hat. Spätestens wenn wie in Frankreich das erste große vom Staat intervenierte Attentat und großer Anschlag ereignet und ein Ausnahmezustand in Deutschland ausgerufen wird, könnten manchen Bürgern als Siebenschläfer die Augen aufgehen, was er noch darf und was nicht.

Hinterlasse einen Kommentar

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*