US- Wahlkampftheater oder kollektive Schafsgrippe?

Die meisten der US-Bundesstaaten haben ihren Vorwahlkampf bereits hinter sich gebracht, nur wenige Entscheidungen stehen noch offen.

Bei den Republikanern sieht es „against all odds“ ganz danach aus, als ob der exzentrische Milliardär und Krawallo Donald Trump sich durchsetzen könnte; bei den Demokraten ist das Rennen zwischen Hillary Clinton und Bernie Sanders enger, als sich das viele erwartet hatten. Dennoch kann man davon ausgehen, dass sich letztlich das Geld – und somit Clinton – durchsetzen werden.

Besonders interessant für den neutralen Beobachter sind in diesem Vorwahlkampf allerdings weniger die Sperenzchen der verschiedenen Kandidaten, als vielmehr das absonderliche Verhalten des Wahlvolkes. Man muss sich ernsthaft fragen, ob die Leute denn gar nichts aus dem doppelten Reinfall mit Obama gelernt haben. Damals, bei seiner ersten Kandidatur, bestand ja wirklich noch so etwas wie Grund zur Vorfreude; der erste Schwarze, und dann noch dazu ein Bürgerrechtler – natürlich wurde von vielen Seiten große Hoffnung in seine Präsidentschaft gelegt. Nach Acht Jahren mit dem Kriegstreiber Bush sehnten sich nicht wenige nach mehr Menschlichkeit, nach einer Entspannungspolitik auf internationaler Ebene und etwas mehr sozialem Zusammenhalt innerhalb der Gesellschaft.

Für all dies stand Obama, deshalb konnte er sich auch den schwachen und leicht dümmlichen Slogan „Yes, we can!“ erlauben; eine hohle Phrase, die im Prinzip gar nichts aussagt. Dem entsprechend war dann auch seine Präsidentschaft; außer heißer Luft und jeder Menge illegaler Drohnenmorde hat der einstige Hoffnungsträger nicht viel zusammengebracht. Nicht einmal den Schandfleck Guantanamo vermochte er zu schließen, obwohl man ihm allein schon für die Ankündigung dessen in vorauseilendem Gehorsam den Friedensnobelpreis nachgeworfen hatte.

Doch die aktuellen Wahlkampfslogans sind um nichts besser: „Make America great again“ lautet der von Trump, wobei der Kandidat hat auch gleich wiederholt klarstellte, was man sich darunter vorzustellen hat. Außenpolitik a lá Bush (im Zweifelsfall schmeißt man Bomben), Innenpolitik nach McCarthy, nur dass diesmal Latinos und Moslems die Rolle der Kommunisten übernehmen sollen. Dreister allerdings erscheint das „Fighting for us“, mit dem Hillary – oder Hitlary, wie sie von ihren Gegnern gern bezeichnet wird – Clinton antritt. Eine Frau, deren Wahlkampf hauptsächlich von der Wall Street und multinationalen Konzernen bezahlt wird, gibt also vor, „für uns“ zu kämpfen – Aha.

Am befremdlichsten an dieser Chose ist allerdings immer noch das Verhalten des US-Stimmviehs. Das scheint mit einer besonderen Lernresistenz geschlagen zu sein, denn immer noch hängt es den redenschwindgenden Polit-Clowns in untertäniger Ergebenheit, ja teilweise fast religiöser Verzückung nahe, an den Lippen. Wer sich die Fernsehbilder einiger Wahlkampfveranstaltungen angesehen hat, kennt das Prozedere: Ein Kandidat steht am Rednerpult, brüllt sich fast heiser beim Dreschen eines dummen Spruches nach dem anderen und wird nach jedem Satz vom frenetischen Jubel der Fähnchen und Schilder schwenkenden Herde unterbrochen. Die Jubelperser beschränken sich dabei nicht auf höflichen Applaus, sondern kreischen und flippen, als wären sie auf einem Rock-Konzert. Fast könnte man den Eindruck gewinnen, das Stimmvieh leide unter kollektiver Schafsgrippe.

Haben die Leute denn gar nichts aus dem Reinfall mit Obama gelernt? Das massenpsychologische Phänomen des Gruppenzwangs scheint jedenfalls immer noch stärker zu sein als jede Vernunft; verwunderlich ist aber, dass es immer noch genug Menschen zu geben scheint, die Freude daran haben, auf solche Veranstaltungen zu gehen und sich stundenlang anlügen zu lassen. Gerade Trump erfreut sich ja so großen Zulaufs, weil er angeblich gegen das Establishment sei; nun, er finanziert sich seinen Wahlkampf zumindest selbst – im Gegensatz zu Clinton, hinter der der gesamte Finanz-Pharma-IT-Agro-Militärische Komplex zu stehen scheint. Doch anzunehmen, dass ein Multi-Milliardär weniger zu diesem Sumpf namens Establishment gehört als die Gattin eines Ex-Präsidenten, erscheint selbst für amerikanische Verhältnisse eine optimistischer Herangehensweise.

Solange jedoch die Macher dieser Wahlspektakel, Werbefirmen, Psychologen und was da sonst noch alles gut bezahlt wird, um das Stimmvieh einzulullen, die Massen derartig gut im Griff haben, wird sich weder in den USA noch im Rest der Welt so bald etwas ändern.