Staatsbankrott USA – Aufgeschoben, nicht aufgehoben

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Von René Zeyer

Die Finanzkoryphäen haben ihres Amtes gewaltet. Die eine Hälfte sah den Weltuntergang, die andere kein Problem. Aber wie geht’s weiter?

Die USA sind bei rund 17 Billionen Dollar Staatsschulden angelangt. Das sind 106 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP). Also alles, was in einem Jahr an Wertschöpfung hergestellt wird. Also eigentlich unbezahlbar. Oder nicht?

Wie kriegt man’s wieder weg?

Die klassische Theorie lautet: Kein Problem. Mit einer einfachen Excel-Tabelle kann man vorrechnen, wie dieser Schuldenberg verschwindet oder sich zumindest halbiert. Man setzt ein jährliches Wirtschaftswachstum von 2, 3 oder 5 Prozent ein und beweist mit mathematischer Sicherheit, dass die Staatsschulden in rund 30, 20 oder gar 10 Jahren deutlich reduziert oder verschwunden sein werden. So sicher, wie im Dezimalsystem 1 + 1 = 2 ist. Plus die den Laien immer wieder verblüffende Wirkung der Prozentrechnung. Das kann man so sehen, das ist mathematisch völlig richtig. Aber natürlich falsch.

Denn jede mathematische Rechnung ist nur so gut wie die Hypothesen, auf der sie beruht. Seit Erfindung des Kapitalismus gab es weder in den USA noch sonstwo auf der Welt einen ununterbrochenen Konjunkturzyklus, in dem länger als zehn Jahre nur fröhliches Wirtschaftswachstum herrschte. Zudem gibt es zwei weitere Faktoren, die all diese Rechnereien obsolet werden lassen. Es gab noch nie ein solches Geldvolumen, das zudem jeden Monat um mehr als 80 Milliarden Dollar aufgepumpt wird. Und es gab’s noch nie, dass die eigene Notenbank der grösste Gläubiger eines Staates ist.

Sonderfall USA

Der US-Dollar ist weiterhin Weltwährung, sozusagen das Urmeter aller Währungen. Als wichtigste Handels- und Reservewährung Nummer eins der Benchmark. Selbst andere Notenbanken hängen von ihm ab, nicht zuletzt die Schweizerische Nationalbank (SNB), die gefährlicherweise zu den grössten Gläubigern der USA gehört. Sollte dem Dollar etwas Gravierendes passieren, wäre das so, wie wenn der Urmeter in Paris mal um zehn Zentimeter verkürzt wird. Das ist die grosse Stärke des Dollar. Und die grosse Stärke der USA, die tatsächlich am Urmeter feilen können und das auch ungeniert tun, indem sie den Wert des Dollar im Devisenhandel nach unten fallen lassen und sich alleine damit Multimilliarden an Schulden entledigen.

Die Sicherheit einer Währung hängt ja normalerweise, wenn wir sie als Handelsgut wie alles andere betrachten, vom Vertrauen ab, das Gläubiger ins sie setzen. Verliert sie das, was in Asien oder Afrika immer mal wieder passiert, dann rauscht der Wert senkrecht nach unten – grosse Krise. Da aber beim Dollar weiterhin die ganze Welt als Gläubiger mit diesem Schuldner verklammert ist, die wichtigsten Rohstoffe weiterhin am Dollar gemessen werden, können die USA eigentlich machen, was sie wollen. Gefährlich wird’s erst, wenn beispielsweise China seine Währung nicht nur völlig konvertibel macht, sondern auch versucht, sie als neue Hauptweltwährung durchzusetzen.

Schon mit dem Euro wurde das versucht. Man kann nicht häufig genug daran erinnern, dass es wohl der tödlichste Fehler Saddam Husseins war, seine Ölverkäufe von Dollar auf Euro umstellen zu wollen. Aber das hat sich inzwischen, durch die anhaltende Krise der Fehlgeburt Euro, erledigt. Und wann China, vielleicht zusammen mit Russland, eine neue Weltwährung gebacken kriegt, ist zurzeit noch unvorhersehbar. Aber es gibt ein noch grösseres Problem mit dem Dollar.

Die impliziten Schulden

Was Staaten als Haushaltsbudgets vorlegen, würde in der sogenannten Realwirtschaft als Bilanzbetrug strafrechtlich verfolgt. Denn sie geben weder ihre Vermögenswerte an, noch weisen sie implizite Schulden aus. Darunter versteht man alle zukünftigen Zahlungsversprechungen, die nach jedem Rechnungslegungsstandard der Welt in einer anständigen Abgrenzungsbuchhaltung ausgewiesen werden müssen. Also nicht nur im Fall von Staaten beispielsweise zukünftige Rentenzahlungen und Pflegeleistungen. Das ist ebenfalls einigermassen berechenbar und würde im Fall der USA die ausgewiesenen Staatsschulden schon heute mindestens verdoppeln.

Nun kann man natürlich sagen, ob 17 oder 34 Billionen, was soll’s? Dann druckt die Fed, die US-Notenbank, halt noch schneller Dollar, bzw. stellt sie durch einen Klick her. Das Problem ist aber, dass nicht nur Monetaristen davor warnen, dass eine sich immer mehr aufpumpende Geldblase, der keine gleiche oder zumindest ähnliche Steigerung des BIP gegenübersteht, irgendwann mal platzen muss. Schlimmer hier: Kommen die USA ihren eingegangenen Zahlungsversprechungen nach, und das bei demographischen Verhältnissen, in denen Abermillionen in den nächsten Jahren ins Rentenalter eintreten werden, während die Zahl der in den Wirtschaftsprozess einsteigenden Jungen dramatisch abnimmt, muss diese Blase platzen. Oder aber, der Staat kommt seinen Versprechungen nicht nach. Dann explodiert die Gesellschaft.

Die nächsten Stolpersteine

Bei allem Frohlocken, dass die USA mal wieder wenige Stunden vor der Deadline eine drohende Zahlungsunfähigkeit vermieden haben: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Der Shutdown ist nur bis Mitte Januar 2014 aufgehoben, die Schuldengrenze wurde nur soweit angehoben, dass die USA bis 7. Februar 2014 flüssig sind. Aber als Kollateralschaden müssen sich nun die übrigen Big Player der Weltwirtschaft, also China, Japan, Russland usw. ernsthaft überlegen, wie sie aus der Geiselhaft des Dollar rauskommen. Und Deutschland? Ach, die haben ja den Euro und Probleme bei der Regierungsbildung. Wir sind aber gespannt darauf, was sich die SNB, immerhin der viertgrösste ausländische Gläubiger des Dollar, einfallen lässt. Wir stellen mal die Vermutung in den Raum: nichts. (Erschienen auf: www.journal21.ch)