Parallele zu Afghanistan 1979 und Ukraine 2014

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Obwohl eine Distanz von 3500 Kilometern (Luftlinie) die Ukraine von Afghanistan trennt, die Völker der beiden Länder unterschiedlicher nicht sein könnten, so teilen sie dennoch eine Gemeinsamkeit. Zwar liegen 35 Jahre zwischen diesen Ereignissen, doch die Absicht ist dieselbe geblieben.

Afghanistan 1979

In Afghanistan regierte 1979 das Regime von Nur Mohammed Taraki, der sich erst ein Jahr zuvor an die Macht geputscht hatte. Nur Mohammed Taraki unterhielt enge Beziehungen zur damaligen Supermacht Sowjetunion (weil sein Regime ohne die Rückendeckung der UdSSR nicht überlebt hätte), welche sich bekanntlich mit den Vereinigten Staaten von Amerika im Kalten Krieg befand. Für die Sowjetunion war Afghanistan ein wichtiges strategisches Land im Kampf um die Vorherrschaft in der Region. Man träumte in Moskau von einem direkten Zugang zu den warmen Gewässern des Indischen Ozeans und Afghanistan bot aus sowjetischer Sicht die einzige Möglichkeit dazu.

Nur Mohammed Taraki konnte sich jedoch nicht lange an der Macht halten. Bereits im September 1979 stürzte ihn sein Mitverschwörer von 1978 und wegen seiner Brutalität berüchtigter Chef der Geheimpolizei, Hafizullah Amin und liess kurz daraufhin Taraki ermorden.

Mit dem Ende der Herrschaft von Taraki endete auch die „gute“ Beziehung zwischen Kabul und Moskau, die Hafizullah Amin als „Gefahr für die Stabilität von Afghanistan“ betrachteten. Als ob Amin diese Einschätzung bestätigen wollte, startete er nach der Machtergreifung einen gnadenlosen Kampf gegen die Aufständischen ausserhalb von Kabul, die von der pro-sowjetischen Regierung nichts wissen wollten und seit dem Putsch 1978 verfolgt wurden.

Während bereits Nur Mohammed Taraki ab Ende 1978 immer wieder um sowjetische Militärunterstützung gegen die Aufstände bat, lehnte Moskau diese Möglichkeit jedesmal ab und forderte eine politische Lösung. Mit Hafizullah Amin aber verschärfte sich die Situation drastisch und führte zu einem Bürgerkrieg gegen die kommunistische Regierung in Kabul. Die Führung in Moskau traute Hafizullah Amin aber nie über den Weg und vermutete immer, dass er geheime Kontakte zu den USA aufgrund seines langjährigen Aufenthaltes dort und Studiums an der Columbia University unterhielt. Mit der zusehends schlechteren Lage in Afghanistan und der potentiellen Gefahr, dass Amin die USA und somit die NATO ins Land holt und somit den grössten Widersacher direkt an der südlichen Grenze des Riesenreiches vorgefunden hätte, entschied man sich in Moskau Anfang Dezember 1979 Hafizullah Amin zu liquidieren und das Land zu „stabilisieren“.

Dieser Entschluss mündete schliesslich in der sowjetischen Invasion von Afghanistan an Heiligabend 1979.

Die offizielle Story der CIA lautete, dass man erst nach der sowjetischen Invasion, irgendwann im Jahr 1980 anfing die afghanischen Mujahedin im Kampf gegen die Sowjets zu unterstützen.

Doch 1998 bestätigte Zbigniew Brzezinski, der 1979 nationaler Sicherheitsberater von US-Präsident Jimmy Carter war, dass die US-Hilfe bereits 6 Monate vor der sowjetischen Invasion für die Opposition anlief. Am 3. Juli 1979 unterzeichnete Jimmy Carter eine präsidiale Direktive zur Unterstützung der Opposition, und machte damit lediglich das zur präsidialen Angelegenheit – zwar noch im Geheimen – was aber schon 1978 seinen Anfang durch die CIA nahm, also über ein Jahr vor der sowjetischen Invasion!

So sagte Brzezinski selbst, dass er an dem Tag an dem Präsident Carter die Direktive unterzeichnete, ihm ein Memo zukommen liess in welchem er darauf hinwies, dass

diese Hilfe (US Hilfe für afghanische Opposition) meiner Meinung nach das sowjetische Militär zur Intervention veranlassen wird.“ Weiter meinte Brzezinski, dass „diese geheime Operation eine exzellente Idee war„, weil diese die „Russen dazu gebracht in die afghanische Falle zu tappen„.

Damit gab Brzezinski das zu, was die Sowjets 19 Jahre zuvor schon vermutet und sich davor gefürchtet haben. Es war eine „afghanische Falle“ in die das Riesenreich „getappt“ ist. Das Ziel war also nicht die Unterstützung des „afghanischen Volkes“ wie es immer wieder hiess, sondern von Anfang an die Sowjetunion. Wen man da in Afghanistan und Pakistan für dieses Ziel unterstützte spielte nur eine untergeordnete Rolle, wenn überhaupt. Es ist aber bemerkenswert dass die Baltimore Sun sich 1992 über diese Frage den Kopf zerbrach und feststellte, dass er (Gulbuddin Hekmatyar, grösster Nutzniesser der amerikanischen „Hilfe“ schon seit 1978) in den „kommenden Tagen von den US-Politikern als Monster gebrandmarkt wird. Einer der größtenteils von den USA geschaffen wurde.“

Ukraine 2014

Während Afghanistan seit 1978 Schauplatz des US-Stellvertreterkrieges gegen das „Reich des Bösen“ war – so wurde die UdSSR von Ronald Reagan genannt – ist es heute prinzipiell die Ukraine (und zum Teil auch in Syrien und Iran) wo Washington den Versuch unternimmt, Russland wieder in eine Falle tappen zu lassen. Doch wir leben heute in einer anderen Zeit als das der Fall vor 35 Jahren war. Der Kalte Krieg ist seit 25 Jahren zu Ende und Russland zählte offiziell seitdem nicht mehr zu den Feinden der USA.

Was auffällt sind die Parallelen zum Vorgehen in Afghanistan und jetzt in der Ukraine. In Kiev regierte auch eine pro-russische Regierung, die sich nicht dem westlichen Diktat beugen wollte. Im Unterschied zu Afghanistan aber wurde die Regierung von Viktor Janukovitsch 2010 demokratisch gewählt und legitimiert. Wie ich im Bericht „Warum Ukraine?“ geschrieben habe, war es noch vor der Wahl von Janukovitsch und erst Recht danach das Ziel der USA, die NATO an die Grenzen von Russland auszuweiten. Wie in Afghanistan unterstützte die USA dabei die Opposition der Zentralregierung, um die eigenen Ziele zu verwirklichen.

Während es sich in Afghanistan hauptsächlich um militärische Hilfe (Waffen, Ausbildung usw.) handelte, waren es in der Ukraine moderne Massnahmen wie die „Farbenrevolutionen“ und politische Koerzion, einhergehend mit wirtschaftlichen Verlockungen.
Auch die militärische Dimension der amerikanischen Hilfe, oder der „5 Milliarden US-Dollar Investition“ wie es Victoria Nuland, Leiterin der Europa-Abteilung des US-Aussenministeriums, nannte, liess nicht lange auf sich warten. Nach dem erfolgreichen Putsch gegen die gewählte Regierung von Viktor Janukovitsch (auch wenn er korrupt und mit anderen Mängeln behaftet war, er war nichtsdestotrotz demokratisch gewählt) und der Installation der Putschistenregierung unter Arseniy Jatsenjuk, konnte die militärische „Hilfe“ anlaufen. Dass dabei auf Faschisten und Neo-Nazis zurückgegriffen werden musste die zwar gerne die Handlanger von Washington spielten solange ihre eigene Agenda davon unberührt blieb, störte die Amerikaner ebensowenig wie die Islamisten in Afghanistan des Typs Gulbuddin Hekmatyar die heute als „Terroristen“ bezeichnet würden. (Hekmatyar wurde sogar die Ehre zuteil und traf sich in London mit der britischen Premierministerin Margaret Thatcher.)

Natürlich wusste Washington, dass der neue Partner in der Ukraine nicht dem demokratischen Ideal entsprach welches man gerne der eigenen Bevölkerung verkaufen wollte. Insbesondere Oleh Tyahnybok der Partei Svoboda war der problematischste Aspekt der Partnerwahl, die 1999 von der israelischen Tel Aviv Universität als „extremistische, rechtsgerichtete, nationalistische Organisation die ihre Identifikation mit der deutschen Nationalsozialistischen Ideologie hervorhebteingestuft wurde. Das hinderte aber weder den als Kriegstreiber berüchtigten Senator John McCain bereits im Dezember 2013 diese Opposition zu unterstützen, noch Victoria Nuland der Partei an die Macht zu verhelfen. Wie gesagt, der Zweck heiligte die Mittel bereits in Afghanistan vor 35 Jahren und tat es auch in der Ukraine im Jahr 2014. Nicht die Ukraine war das Ziel, sondern Russland, und dafür war jedes Mittel recht.

Nach dem Putsch liefen die Vorbereitungen in der CIA-Zentrale in Langley auf Hochtouren. Der Direktor des Geheimdienstes, John Brennan, flog Anfang April nach Kiev und tauschte mit Sicherheit nicht nur Nettigkeiten aus. Es ging um die Planung wie man es zusammen gegen Russland aufnehmen könnte. Und dafür schien Brennan genau der richtige Mann zu sein. Mit seiner Erfahrung in der Bewaffnung von „Aufständischen in Libyen, Syrien und Venezuela, verfügt er über eine Reputation das er auf verbrecherische Taktiken zurückgreift um die Ziele der CIA zu erreichen„, meinte Wayne Madsen, ein US-Analyst. Auch der Umstand, dass zum selben Zeitpunkt Söldner von Greystone in der Ukraine auftauchten, zeugt von der Handschrift von Brennan`s CIA.

Nur kurze Zeit später zeigte sich der Grund von Brennan`s Besuch in Kiev, als das Putschistenregime einen als „Anti-Terror-Operation“ bezeichneten Krieg gegen die russischsprachige Bevölkerung der Ost-Ukraine begann. Sinn und Zweck dieses Krieges war es eine „ukrainische Falle“ für Russland zu stellen, ähnlich wie es in Afghanistan schon einmal zum Erfolg aus amerikanischer Sicht geführt hat. Nur war der Einsatz diesesmal noch viel höher, da es im Gegensatz zu Afghanistan nicht nur um strategische Fragen ging, sondern auch um den Schutz der russischsprachigen Bevölkerung der Ukraine. Diesen Punkt hatte man offensichtlich als Achillesferse des russischen Präsidenten Vladimir Putin ausgemacht und kalkuliert, dass Russland nicht lange zuschauen wird wie unschuldige „Brüder und Schwestern“ getötet werden und erneut in die Falle tappt. Brutale Morde wie jene durch die Neo-Nazis des Pravy Sektor in Odessa nahm man dabei billigend in Kauf in der Hoffnung, dass diese die gewünschte Entscheidung in Moskau herbeiführen werden.

https://www.youtube.com/watch?v=QTAGcV6_o1w

Bis jetzt ging diese letzte Analogie zwischen Afghanistan und Ukraine für die USA aber nicht auf. Man hat in Washington und Langley offensichtlich vergessen, dass in Moskau nicht mehr das Sowjetregime herrscht das auf kommunistische Ausweitung des Riesenreiches aus war, sondern ein knallharter Realist im Kreml sitzt der zwar nationalistische Töne spuckt, aber ganz genau weiss was den Zusammenbruch des sowjetischen Regimes herbeigeführt hat.