in Politik

 

Texte wurden an zentralen Knotenpunkten abgefangen, kopiert und von Schlapphüten gesichtet, geordnet und interpretiert. Der geheimpolizeiliche Vorgang, den ich hier anspreche, ist kein Kind der amerikanischen Totalüberwachung – er ist ein Kind des frühen 19. Jh. und der geistige Vater und Drahtzieher heißt Klemens Wenzel Lothar von Metternich. Die Knotenpunkte waren dabei keine Bündelung von Backbones, die irgendwo unter Wasser oder anderen unzugänglichen Stellen angezapft werden, sondern Poststellen an den Reiserouten der damaligen Welt. Ein ausgeklügeltes Netz von Postlogen, von sogenannten „Schwarzen Kabinetten“, erstreckte sich über Europa. Sie bildeten einen geheimen Briefunterbrechungsdienst, in dem sich eine beträchtliche Schar von Schreiberlingen damit befasste, Siegel zu öffnen, Interzepte anzufertigen und dann mit aller Spionagekunst das beschnüffelte Papier wieder zu verkleben und zu versiegeln, bevor es den mehr oder weniger arglosen Empfänger erreichen sollte.

Ein effizientes Netz von „Confidenten“

Das geheime Polizeiwesen in Österreich und in den Nachbarstaaten schlug 1815 neue Wurzeln und erreichte seine Blüte zwischen 1830 und 1848. Seit dem Wiener Kongress verlegte sich die alte Adelselite mit aller Kraft darauf, veraltete Rechts- und Privilegienstrukturen des Ancien Régimes gegen frische republikanische und liberale Neuerungen zu verteidigen. In einer zentralisierten Geheimdienstorganisation mit schlanken Kommunikationsstrukturen, dem Mainzer Informationsbüro, erkannte Metternich das probate Mittel dazu. Er knüpfte ein Netz von Agenten, den sogenannten „Confidenten“, die aus ganz Europa über aufwieglerische Tätigkeiten berichten sollten, damit Brandherde frühzeitig erkannt und erstickt werden konnten. Die äußersten Punkte dieses Netzes waren Edingburgh, Hamburg, Berlin, Breslau, Malta und Barcelona, und selbstverständlich umschloss es Emigranten-Städte wie Straßburg und Zürich, wohin zum Beispiel Intellektuelle wie Georg Büchner oder Caroline und Wilhelm Schulz vor den Häschern der Fürstenstaaten geflüchtet waren.

Geheimdienste – die wirklichen Hebel der Macht

Wie heute der hunderttausend-mann-starke amerikanische Geheimdienst die Speerspitze einiger Finanzoligarchen bildet – laut einer Princeton-Studie (siehe: journal-neo.org) bestimmen einige wenige Finanzoligarchen über das Geschick Amerikas und damit über jenes der Welt – war das Mainzer Informationsbüro und seine Spitzel die zynische Speerspitze der damaligen Mächtigen und Beherrscher des Alten Kontinents. Sie erlaubte es, die Mehrheit der Menschen zu kontrollieren, sie von wirklicher politischer Mitbestimmung auszuschließen und notfalls zu bekämpfen oder gar zu ermorden.

Codes und die Hacker des 19. Jh.

Wer unter den klugen Köpfen des Jungen Deutschlands glaubte, sich der mächtigen Spitzelmaschine mit verklausulierter Korrespondenz zu entziehen, machte die Rechnung ohne die Raffinesse des Überwachungssystems. Denn großzügig geölt durch die Steuergelder der zahlenden Schäfchen, war es diesem ein Leichtes, auch dagegen einen effizienten Mechanismus einzurichten: die sogenannte Geheime Ziffernkanzlei. Sie war dem kaiserlichen Kabinett eingegliedert und versorgte den Kaiser, Metternich und Josef Graf Sedlnitzky, den Leiter der Polizeihofstelle, täglich mit den Früchten der Dekodierungs- und Schnüffelarbeit.

Henry Kissinger – ein Machtpolitiker, der Metternich studiert hat

Der Spruch, dass sich Geschichte immer wiederhole, scheint sich wieder einmal zu bestätigen. Heute sind es nicht mehr machtversessene Adlige, sondern maßlos gierig gewordene Oligarchen bzw. Konzerne, die über ihre gesponserten politischen Akteure und die Geheimdienste das Geschick der Welt lenken. Hoch interessant, aber keineswegs verwunderlich ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass sich Henry Kissinger, Friedensnobelpreisträger und gleichzeitig schwerer Verbrechen beschuldigt, ausgiebig in Fragen der Machtpolitik gebildet hat – er hat in Harvard die Dissertation A World Restored: Metternich, Castlereagh and the Problems of Peace 1812 – 1822 geschrieben und damit den wohl wichtigsten Strippenzieher des 19. Jh. gründlich studiert. Einen unheimlichen Beiklang erhalten dabei einige seiner auf wikipedia.org festgehaltenen Aussagen: Das heutige, nunmehr globale Westfälische System – das wir umgangssprachlich als Weltgemeinschaft bezeichnen – ist darauf gerichtet, den an sich anarchischen Charakter der Welt durch ein umfangreiches Netz internationaler Rechts- und Ordnungsstrukturen zu bändigen.
Ehrlicher wäre wohl die Formulierung: …durch ein umfangreiches Netz von Wirtschafts- und Stiftungsstrukturen ausschließlich im Interesse der amerikanischen Finanzoligarchie zu bändigen.

Quellen:
Siemann Wolfram. Deutschlands Ruhe, Sicherheit und Ordnung. Die Anfänge der politischen Polizei 1806 – 1866. Max Niemeyer Verlag, Tübingen 1985.
Hoefer, Frank Thomas. Pressepolitik und Polizeistaat Metternichs. Die Überwachung von Presse und politischer Öffentlichkeit in Deutschland und den Nachbarstaaten durch das Mainzer Informationsbüro (1833 – 1848). K.G. Saur Verlag KG, München,1983.

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