Sarajewo 1914 – Ukraine 2014: Am Abgrund eines Krieges trotz „Demokratie“?

Neulich gab Bundeskanzlerin Angela Merkel während einer der Reden vor den Kammern des britischen Parlaments eine denkwürdige Erklärung ab, siehe Spiegel:

Deutliche Worte von der Bundeskanzlerin: Europa stehe der Ukraine bei, “wenn es darum geht, Recht und Freiheit zu schützen”, sagte Angela Merkel am Donnerstag in einer Rede in London.

Ein harmloser Satz – wenn er nicht in einem Kontext erschienen wäre, der ihn zu einer versteckten Kriegserklärung an Russland machen würde. Wer hätte das gedacht: zum Jahrestag des ersten Weltkrieges – den damals niemand für möglich gehalten hat – steht die Welt am Rande eines neuen Krieges. Geht nur noch ein wenig fehl, liegen europäische Männer sich wieder in Schützengräben gegenüber.

Wir kennen die Geschichte: „gute“ Oppositionelle gegen „böse“ Diktatoren, Politik verwandelt sich in unserer Zeit regelmäßig in kleine Märchenstunden, in denen es um den Kampf hehrer Ritter gegen böse Drachen geht, einen Kampf, zu dem niemand „Nein“ sagen kann. Vorbei die Zeiten, in denen man noch wusste, dass „gut“ und „böse“ sehr relative Werte sind, weil Geschichte vor allem von Siegern geschrieben wird.

Was glauben Sie, wie die Geschichtsbücher über das Dritte Reich geschrieben hätten, wenn die den Krieg zu einem friedlichen Ende geführt hätten? Da wäre von „notwendigen Sozialreformen“ die Rede gewesen, von einem „legitimen Zurechtstutzen der Auswüchse der Demokratie und des Sozialstaates“, von einer Entlastung der Volkswirtschaft von „Kosten auf zwei Beinen“, „Parasiten“ und „Schmarotzern“ – wir kennen solche Sprüche aus den Nachrichten des 21. Jahrhunderts.

Und die Juden?

Würden mit keinem Wort erwähnt werden, wetten?

Ein Beispiel

Innerhalb weniger Jahrhunderte löschten Siedler aus Europa die Ureinwohner des nordamerikanischen Kontinents nahezu vollkommen aus, 500 Nationen wurden vollständig vernichtet, ihre Medizinmänner gezielt getötet, ihre Heimat geraubt, ihre Goldschätze geplündert und weggeschafft. Man verseuchte ihre Lager mit Decken von Pestkranken – der erste Krieg mit biologischen Massenvernichtungswaffen wurde durch Briten in den USA geführt, später kippte man den überlebenden, dahinvegetierenden Stämmen Atommüll in die Wasserquellen – verglichen damit war der gewählte ukrainische Präsident Janukowitsch ein armes Waisenkind.

Hören wir von diesen Gräueltaten noch etwas? Sie setzen sich bis auf den heutigen Tag fort, doch es interessiert niemanden.

Die USA haben den Krieg gewonnen – also schreiben sie die Geschichte.

Nur noch schattenhaft ist in Erinnerung, dass diese Kultur der Räuberei auch die Sklaverei in einem äußerst exzessiven Ausmaß betrieben hat. Mindestens 10 Millionen Afrikaner sind ihr zum Opfer gefallen. Was haben wir aber geschichtlich in Erinnerung?

„Abraham Lincoln hat die Sklaven befreit!“

Schauen wir aber mal genauer hin, wird auch dieser Triumph der Menschlichkeit schal. In Wirklichkeit wurde nur die Verwertbarkeit von Menschen gesteigert. Für den Plantagenbesitzer waren Sklaven Eigentum, Besitz, um den man sich auch im Alter kümmern musste. Zudem lebte man mit diesen Menschen auf engstem Raum zusammen … so etwas verbindet sogar Feinde. Der Fabrikbesitzer jedoch mietete diese Sklaven für eine kurze Zeit und schmiß sie fort („Entlassung“ ist das schöne Wort dafür), wenn sie nicht mehr die geforderten Gewinne für ihn erwirtschafteten: das war insgesamt kostengünstiger.

Wofür kämpften eigentlich die armen Weißen aus den Südstaaten? Für die Sklaverei?

Nicht ganz. Sie kämpften nicht für etwas, sondern gegen etwas: gegen die Kultur der Banken und Eisenbahnen. Heute nennen wir das Banken und Globalisierung – und haben ebenfalls Probleme damit, denn die Behandlung der arbeitenden Schicht der Bevölkerung durch die absahnende Schicht hat sich nicht sonderlich verbessert.

Ich möchte Ihnen in diesem Zusammenhang einen Mann vorstellen, den Sie wahrscheinlich nicht kennen: Kasernen und Panzer sind nach ihm benannt, er ist ein Held der US-Armee – und Erfinder der „verbrannten Erde“, die er zuerst gegen „weiße“ in den Südstaaten angewandt hatte … und deshalb sehr gefürchtet war: General Phillip Sheridan! Wikipedia beschreibt seine Arbeit treffend:

In seinem Einsatz gegen indianische Völker ließ er die Grundlage ihrer Existenzweise, die Büffelherden, systematisch vernichten und Dörfer niederbrennen. Er war u.a. verantwortlich für den Überfall auf das Indianerdorf am Washita am 27. November 1868, bei dem die schlafenden Indianer überfallen und 100 Cheyenne zusammen mit Frauen und Kindern getötet wurden.

Ein Held, oder? Eine Kaserne auf deutschem Boden wurde nach ihm benannt – nach einem Massenmörder: die Sheridan-Kaserne bei Augsburg. Passend, dass in der Halle 116 dieser Kaserne ursprünglich ein Außenlager von Dachau existierte, welches der Firma Messerschmidt Zwangsarbeiter lieferte.

Die Kultur, die den Massen- und Kindermörder Sheridan feiert, ist heute Leitkultur des europäischen Raumes, kein einziges Wort der Kritik wird laut – im Gegenteil: die NSA-Affäre hat gezeigt, dass unsere Politiker bereit sind, sich vollständig unterzuordnen – der Antrittsbesuch des Frank-Walter Steinmeier in Washington ist geprägt von dieser demütigen, devoten Haltung (siehe Spiegel).

Diese Kultur hat sich seit 1868 auch nicht groß geändert

Nehmen wir ein weiteres Beispiel: den Zweiten Weltkrieg. Wir kennen die Geschichte der Sieger: „böser“ Hitler gegen „gute“ Welt. Nun – der Herr Hitler hat sich nun – wie manch andere Psychopathen der Weltgeschichte – viel Mühe gegeben, wirklich böse zu erscheinen: in Punkto Massenmord stand er den USA in nichts nach, ebensowenig in Punkto Sklaverei. Seine Indianer waren Juden, seine Neger raubte er als Zwangsarbeiter in ganz Europa zusammen. Zudem verfeinerte er die Vernichtungsmethoden der westlichen Welt und führte die industrielle Massenvernichtung von politischen Gegnern  und unliebsamen Zeitgenossen ein, setzte somit einen wichtigen Impuls für den zukünftigen Verlauf der Menschheitsgeschichte, die wir uns zu Zeiten der Aufklärung noch ganz anders vorgestellt hatten.

Wir dachten damals – als in Amerika noch Neger und Indianer in Massen vernichtet wurden – dass die Demokratie uns ewigen Frieden bringen würde … aber dem war nicht so. Der erste Weltkrieg war noch als Unfall verbucht worden, als der letzte Krieg, der jemals geführt werden wird, 25 Jahre später kam der nächste, der noch größer war. In jenem Krieg kam es zu denkwürdigen Erscheinungen, die nie diskutiert wurden, weil die Sieger keinen Wert darauf legten.

Der Zweite Weltkrieg war – ganz im Sinne Sheridans – ein Krieg der verbrannten Erde gegen die Zivilbevölkerung. Sicher, Hitler hatte Guernica und Coventry bombadiert, aber – bitte schön – das war HITLER. Der „böse“. Von dem erwartet man so etwas. Warum aber haben es die bestehenden Demokratien in Großbritannien und den USA ihm nachgemacht? Zeichnet es uns nicht gerade aus, das wir „anders“ sind – und keine Psychopathen in Führungspositionen dulden? Wie ist es zu erklären, dass der böse Hitler auf den Einsatz biologischer und chemischer Massenvernichtungswaffen verzichtet hat, während die „guten“ Demokratien kein Problem mit dem Einsatz von Brand- und Atombomben gegen Zivilisten hatten?

Die Antwort auf diese Frage ist ganz entscheidend für unsere Zukunft, denn wir stehen im Jahre 2014 wieder vor dem Abgrund eines Krieges. Wie 1914 hat Europa eine lange, friedliche Phase hinter sich, wie 1914 dachte man, dass die Bestie Krieg endlich besiegt worden wäre … jedenfalls in Europa. Gut: 1914 hatte man noch Monarchie und Aristokratie, eine Schicht von Menschen, die sehr viel Wirtschaftsmacht in den Händen hielten, mit denen sie jederzeit enormen Druck auf die dann hungernde Bevölkerung ausüben konnten, sie konnten jederzeit jedermann von der Nahrungsmittelversorgung abschneiden und ihn zu mit Gewalt zum Gehorsam zwingen – deshalb haben wir diese Form der Gesellschaftsordnung ja auch abgeschafft.

1939 waren es Demokratien, die den Krieg erklärten. Aus guten Gründen, die ich gar nicht in Zweifel ziehen möchte – mich wundern nur die Methoden, die – was die Kriegsführung betraf – sich nicht von denen des Diktators unterschieden (mal abgesehen von dem Einsatz von Atombomben gegen Zivilisten). Ebensowenig wird diskutiert, dass der Krieg ein Vernichtungskrieg war – anders, als bei kriegerischen Auseinandersetzungen bis dahin üblich, wäre eine Kapitulation nicht akzeptiert worden. Mag sein, dass die außergewöhnliche Bestialität eines Hitler solche Maßnahmen rechtfertigt – aber der sinnlose Bombenkrieg gegen die Zivilbevölkerung verunsichert da zusehends – auch weil er sich aktuell als sich weltweit ausweitender Drohnenkrieg fortzusetzen scheint.

Was beunruhigt, ist: die wilde Jagd der verbrannten Erde des Philliph Sheridan scheint noch nicht zu Ende zu sein. Im Gegenteil – sie überzieht inzwischen den ganzen Globus mit Krieg.

Hatten wir nicht auf endlosen Frieden gehofft, als endlich der kalte Krieg vorüber war? Was gab es da auch noch zu bekämpfen: die Kommunisten waren fort, Russland wurde friedliche Demokratie, vorbei die Bedrohung durch die riesigen Panzermassen der Roten Armee, vorbei die Bedrohung durch eine Gesellschaftsform, die unbegrenztes Privateigentum nicht sonderlich schätzt und auch der Allmacht der Privatwirtschaft skeptisch gegenüberstand: es gab wirklich keinen Grund mehr, da noch an Krieg zu denken.

Und trotzdem kann es sein, dass noch im März die Prophezeiungen von Wahrsagern Realität werden und ein weiterer großer europäischer Krieg ausgefochten wird … weil der Geist von Phillip Sheridan immer noch durch die Welt zieht und „Russen“ ebenso wie „Neger“ und „Indianer“ vernichtet gehören – oder „Islamisten“. Ja: ich habe nicht vergessen, dass – nach offizieller Lesart – Osama bin Laden durch ein Killerkommando der J-Soc im Ausland hingerichtet wurde. Demokratien zeichnen sich eigentlich dadurch aus, dass selbst Massenmördern faire Gerichtsprozesse gewährt werden. Die Meinung von Angela Merkel dazu hat der Stern für die Nachwelt erhalten:

„Ich bin heute ersteinmal hier, um zu sagen: Ich freue mich darüber, dass es gelungen ist, bin Laden zu töten.

Demokratien nehmen auch Rücksicht auf ihre Gegner und wissen, dass man Menschen nicht mit dem Rücken an die Wand drückt … allein schon, weil die dann unberechenbar werden. Man weiß auch genau, was man Russland gerade antut, siehe Spiegel:

Es geht längst nicht nur um ein Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union und auch nicht nur um die Zukunft eines von Korruptionsvorwürfen umwitterten Präsidenten. Es geht um Geopolitik, darum, welche Machtzentren in Europa und dem eurasischen Raum dominieren.

Ausdrücklich weist das Online-Magazin auf den ehemaligen russischen Ministerpräsidenten Jegor Gaidar hin, der 2008 in einem „Hintergrundgespräch“ angedeutet hat, wann Russland mit dem Rücken zur Wand stehen wird:

Wer die Ukraine in die Nato führen wolle wie der damalige ukrainische Präsident Wiktor Juschtschenko, übersehe, dass Russland damit im Ernstfall nicht mehr verteidigungsfähig sei. Man solle, so der Rat des erfahrenen Politikers, davon lieber die Finger lassen.

In diese Situation – nach dem Russland seine Streitkräfte in Alarmbereitschaft versetzt hat – garantiert Angela Merkel die „Freiheit“ der Ukraine … was bedeutet, dass man die legitimen Interessen Russlands ignorant beiseite schiebt.

Richten wir unser Augenmerk auf seltsame Randerscheinungen der aktuellen Eskalation, in der die deutsche Bundeskanzlerin so weit vorgewagt hat, dass man – mit nur wenig Mühe – neue Panzerschlachten um Kursk erahnen kann.

Deutsche Journalisten haben in erster Linie beobachtet, dass die Truppen Janukowitschs mit Gummigeschossen arbeiteten, während die „Rebellen“ scharf schossen (siehe Nachrichtenspiegel), die Toten von Kiew zeigten auch Schusswunden von Jagdwaffen (siehe Neopresse), es gibt eine für Demokratien erstaunlich kritiklose Allianz mit offen agierenden faschistischen Kräften in der Ukraine (siehe Neopresse) während die Medien erstaunlich einseitig berichten (siehe Neopresse) – nach einer Schablone, die wir schon aus dem Irak, aus Grenada, aus Somalia, dem Jemen, dem Iran, Pakistan oder Afghanistan kennen und die uns auch Prozesse in Tunesien, Ägypten, Lybien und Syrien erklären sollte … was eben zu jenem Paradoxon führte, das Korrespondenten zwar selber erlebten, wie die Opposition gezielt scharf schoß und die brutale Berkut mit Gummigeschossen antwortete, aber in ihren Artikeln nur die tödlichen Schüsse der Scharfschützen der Regierung angriff.

Denke wir uns für einen kurzen Moment ein anderes Szenario. Nehmen wir einfach mal an, nächste Woche stürmen hunderttausend bezahlte Demonstranten Berlin, ein paar hundert Bewaffnete aus dem politisch rechtsextremen Spektrum erobern Kanzleramt und Bundestag: würde uns wirklich interessieren, für welche Ziele sie das tun? Würden wir – als Demokratie – dies wirklich so einfach hinnehmen … und auch nur mit Wasserwerfern arbeiten?

Ich erinnere an einen Zwischenfall während der Blockupy-Demos in Frankfurt …. und einen kleinen Dialog zwischen Bürgern und Polizei, veröffentlicht in der Frankfurter Rundschau:

Ob der Polizist denn Angst vor ihm habe, will der junge Mann wissen. „Nein, wenn Sie mich angreifen, erschieße ich Sie“, blafft der Beamte. „Eine Kugel zwischen die Augen, und gut is‘.“

Deutschland 2013 – eine Demokratie, „Freund und Helfer“ im Dialog mit dem Bürger. Da auch wir Siegergeschichte auswendig lernen, beurteilen wir diesen kleinen Moment anders als jene in der Ukraine.

Dort geht es immerhin um die engültige Auslöschung der „roten Gefahr“ – darin sind die Cowboys Meister.

Es wird langsam Zeit, dass wir uns ganz gezielt darüber Gedanken machen, was in unseren „Demokratien“ eigentlich falsch läuft.

Kann es sein, dass dies nur der Aufkleber auf unserem Gesellschaftspaket ist – wir aber im Inneren noch etwas ganz anderes als gestaltende Kraft wirken haben … etwas, über das man so wenig spricht wie über die weiter laufenden Völkermorde an den Indianern, Negern und Islamisten?

Die Antwort auf diese Frage scheint nicht unwichtig – möglicherweise befinden wir uns wieder am Vorabend eines großartigen Völkerschlachtens, zu dem Angela Merkel jetzt in London schon mal eine Beistandserklärung für die teilweise extrem rechtsradikalen „Revolutionäre“ abgegeben hat.