in Politik

Von Sam Olukoya – Lagos, Nigeria, 23. April (IPS) – In Nigeria sitzt der Schock der Erkenntnis tief, dass die Bevölkerung jederzeit Opfer eines terroristischen Anschlags werden kann. Denn für Selbstmordattentäter und Terroristen ist es ein Leichtes, moderne Waffen über die poröse Landesgrenze zu schmuggeln.

Eigentlich hatte Ngupar Kemzy vor, die Osterferien mit seinem Cousin Andy Nepli zu verbringen. Doch der 32-jährige Nepli gehörte zu den 75 Menschen, die am 14. April bei zwei schweren Bombenexplosionen auf einem Busbahnhof in Nyanya, einem Viertel der nigerianischen Hauptstadt Abuja, ums Leben kamen.

Viele der Opfer waren bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt worden. „Wir konnten Andy nur anhand seiner Kleidung und seines Ausweises identifizieren“, berichtet Kemzy, der sich nach den Explosionen am Ort des Geschehens eingefunden hatte.

„Überall lagen menschliche Körperteile verstreut auf dem Platz.“

Am gleichen Abend machte die Horrornachricht die Runde, dass 129 Schülerinnen aus einem Wohnheim in Chibok im nordöstlichen Bundesstaat Borno verschleppt worden seien.

Die Islamistengruppe ‚Boko Haram‘, die mit Waffengewalt die Einführung des islamistischen Rechts (Scharia) vorantreibt, hat sich zu den Bombenanschlägen in Abuja bekannt. Angenommen wird, dass die Miliz auch hinter der Entführung steckt. Denn Bombenanschläge, Kidnapping und eine Politik der verbrannten Erde, in deren Folge ganze Dörfer mit ihren Bewohnern ausradiert werden, gehören zum Repertoire der Extremisten.

Boko Haram, der Beziehungen zur ‚Al-Qaeda‘ und deren Verbündeten wie die ‚Al-Qaeda im islamischen Maghreb‘ und der in Somali agierenden ‚Al-Shabaab‘ nachgesagt werden, ist vor allem im Norden Nigerias aktiv.

1.500 Tote in drei Monaten

Nach Erkenntnissen der Menschenrechtsorganisation ‚Amnesty International‘ wurden in den ersten drei Monaten des laufenden Jahres 1.500 Menschen von Boko-Haram-Kämpfern und „unkontrollierten Vergeltungsschlägen der Sicherheitskräfte“ getötet.

Für die Eskalation der Gewalt wird vor allem der leichte Zugriff auf moderne Waffen verantwortlich gemacht, der auch einer Reihe ethnischer Milizen in die Hände spielt. So haben die vor allem in der Landesmitte aktiven Gruppen längst aufgerüstet: von Knüppeln, Macheten und unhandlichen Gewehren zu tödlicheren und modernen Waffen wie MGs und raketenbetriebenen Granaten.

„Diejenigen, die im Besitz von hochwertigen Waffensystemen sind, gehen mit einer Unverfrorenheit zu Werke, die sie nie an den Tag legen würden, stünden ihnen nur einfache Waffen zur Verfügung“, meint Steve Obodokwe vom Zentrum für Umwelt, Menschenrechte und Entwicklung. „Die modernen Waffen führen dazu, dass die Gruppen die Kühnheit besitzen, sogar Militärkasernen anzugreifen.“

Angenommen wird, dass einige Waffen aus regionalen Konfliktstaaten wie Libyen und Mali stammen. Nach Ansicht des ehemaligen nigerianischen Verteidigungsministers Olusola Obada wurden einige Rüstungsgüter während des Aufstands in Libyen, der zum Sturz und der Ermordung von Revolutionsführer Muammar Gaddafi (1942-2011) führte, aus dortigen Waffenbeständen gestohlen.

Ebenso wird angenommen, dass einige der Waffen, wie sie insbesondere von Boko Haram verwendet werden, über das Al-Qaeda-Netzwerk nach Nigeria gelangen.

„Es ist nicht abwegig, davon auszugehen, dass einige der Rüstungsgüter von in Somalia und Mali aktiven islamistischen Gruppen nach Nigeria geschleust werden“, meinte Obodokwe.

Die Verbindungen zur Al-Qaeda und der Waffennachschub haben Boko Haram in die Lage versetzt, in Nigeria mehrere wirkungsvolle Terroranschläge durchzuführen. Dazu gehören Anschläge auf Militärstützpunkte und die Bombenanschläge 2011 auf die Nationalpolizei und das UN-Hauptquartier in Abuja.

„Entmystifzierung der Sicherheitskräfte“

„Diese erfolgreichen Anschläge haben zu einer Entmystifizierung der nigerianischen Sicherheitskräfte geführt“, meint Ifeanyi Okechukwu vom Westafrikanischen Netzwerk für Friedensaufbau, das in Zusammenarbeit mit internationalen Organisationen bewaffneten Konflikten vorzubeugen sucht.

Okechukwu zufolge haben die Erfolge von Boko Haram gepaart mit dem Wissen, dass die Sicherheitskräfte machtlos sind, auch andere Gruppen dazu animiert, mit Waffengewalt gegen ihre Gegner vorzugehen.

Der Konflikt hat einen hohen Preis. So führten allein die Übergriffe von Boko Haram zur Vertreibung von fast einer halben Million Menschen, wie Konfliktforscher der ‚International Crisis Group‘ (ICG) schätzen. Hinzu kommen die Zerstörung hunderter Schulen und Regierungsgebäude sowie der weitere wirtschaftliche Niedergang einer ohnehin schon von Armut geprägten Region.

Die ICG befürchtet, dass die Gewalt auf andere Teile des Nordens sowie auf Nachbarländer wie Niger und Kamerun überspringen könnte, die viel zu arm und schwach seien, um den schwer bewaffneten radikal-islamistischen Gruppen Widerstand zu leisten.

Angesichts der Gefahr, dass die Bürger das Vertrauen in die Fähigkeiten der regulären Sicherheitskräfte verlieren, betont die Regierung immer wieder, dass sie den Kampf gegen den Terrorismus gewinnen wird.

„Die Terroristen und diejenigen, die sie sponsern, werden Nigeria nicht vom Weg des Fortschritts abhalten können. Wir werden immer weiter an Stärke gewinnen“, meinte der nigerianische Präsident Goodluck Jonathan nach den Bombenanschlägen auf den Busbahnhof in Abuja.

In Nigeria, wo im nächsten Jahr gewählt wird, ist es üblich, dass Politiker ihre Anhänger bewaffnen. Doch angesichts der vielen schwer bewaffneten Gruppen und der illegal in Umlauf befindlichen Rüstungsgüter könnte Nigeria zu einem Pulverfass werden, dass sich nicht mehr kontrollieren lässt.

Diese und tausende andere News finden Sie ab jetzt auch auf Krisenfrei.de
  • Deutschlands größte alternative Suchmaschine
  • Über 2000 News aus allen TOP Quellen
  • Unabhängig und Übersichtlich
>>> JA, ich möchte alle alternativen News auf einen Blick


Dein Kommentar

Kommentar