in Politik

Grossoffensive des Militärs gegen die Jihadisten

Von Arnold Hottinger

Im Norden Nigerias weitet sich der Einfluss radikaler Jihadisten immer weiter aus. Gegen ihr Terrorregime hat die nigerianische Armee jetzt eine Offensive gestartet – mit wenig Aussicht auf Erfolg.

Goodluck Jonathan, der Präsident Nigerias, hat den Notstand in drei der Gliedstaaten des Landes ausgerufen: Yube, Borno und Adamawa.

Alle drei liegen an der Nordostgrenze Nigerias und grenzen an Niger, Tschad und Kamerun. Sie gehören zu den ärmsten Regionen des Landes; sie liegen weit entfernt von den Erdölgebieten im Süden und von der Hauptstadt Abuja im Zentrum.

Der Präsident gestand, dass in diesen Gebieten der Staat nicht mehr die volle Herrschaft über seine Territorien ausübe. Er erklärte, er wolle nicht von seinem Recht Gebrauch machen, die Gouverneure der Gliedstaaten abzusetzen, doch das Heer habe Befehl, die dortigen Terroristen unbarmherzig zu jagen.

Was ist Boko Haram?

Boko Haram hat seine Aktivitäten 2002 im Gliedstaat Borno begonnen. Boko Haram ist der volkstümliche Namen einer radikalen islamistischen Gruppe, die sich selbst in klassischem Arabisch „Jamaatu Ahlul Sunna wa Lidda’wati wal Jihad“ nennt, „Gemeinschaft der Sunna-Anhänger und des Aufrufs (zum Islam) sowie des Jihad“. Der volkstümliche Namen: Boko Haram, bedeutet in Hausa, der lokalen Landessprache, „westliches Lernen ist verboten“ oder etwas weiter gefasst: „westliche Kultur ist verboten“. Boko kommt von „book“ und steht für die westliche Bildung. Die Bezeichnung wurde zuerst von Kritikern der Gruppe angewandt. Doch sie bürgerte sich ein, weil sie eine Realität widerspiegelte.

Boko Haram hatte Vorläufer in einer Gruppierung, die 2002 unter einem gewissen Muhammed Ali die Hauptstadt verliess und eine Hijrah durchführte. Nach dem Vorbild des Propheten verliessen ihre Anhänger die „korrupte“ Stadt Maiduguri, die Hauptstadt des Gliedstaates Borno, und zogen sich in die Wildnis zurück, wo sie in Kanama, im Yobe-Staat an der Grenze zu Niger, ihren eigenen „Gegenstaat“ gründeten, wie der Prophet 622 in Medina.

Der korrupten Staat reinigen

Sie glaubten daran – und ihre Nachfolge-Gruppe, Boko Haram, sollte an diesem Grundglauben festhalten -, dass ihr Gottesstaat unter dem Gottesrecht der Scharia notwendigerweise blühen und wachsen werde – so wie die Gemeinschaft der ersten Muslime. Schliesslich, so glaubten sie, würden sie den gesamten korrupten nigerianischen Staat überwinden und reinigen.

Dass es in Nigeria viel zu reinigen gibt, darüber dürften sich so gut wie alle Nigerianer einig sein.

Die Gefolgsleute Muhammed Alis stiessen in Kanama mit der Polizei zusammen. Diese hatte in einen Streit mit der lokalen Bevölkerung eingegriffen, bei dem es um Fischereirechte in einem der dortigen Seen ging. In diesem Streit überfielen die Sektierer eine Polizeitruppe und bemächtigten sich ihrer Waffen. Die Polizei schritt darauf zu einer Grossaktion, in deren Verlauf 70 Mitglieder der Sekte – und auch ihr Führer, Muhammed Ali – erschossen wurden.

Eigene Schulen, eigene Moschee

Die Geflüchteten sammelten sich später neu und kehrten nach Maiduguri zurück. Ihr neuer Führer wurde Muhammed Yussuf, der eine charismatische Persönlichkeit und ein grosser Prediger gewesen sein muss. Er baute Islamschulen im traditionellen Stil auf, die im Gegensatz zu den modernen, westlichen „Boko“-Schulen des Staates und der christlichen Missionare standen. Viele der ärmeren Familien vom Lande und aus den Vorstädten schickten ihre Kinder in diese Islamschulen – aus finanziellen und aus Glaubensgründen. Die Schulen dehnten sich aus zu einem Netz, das die nördlichen Gliedstaaten Borno, Bauchi, Yobe, Niger und auch Adamawa sowie Katsina umspannte.

Zentrum der Gemeinschaft wurde ihre eigene Moschee in Maiduguri, die sie Taimiyya Masjid nannten, nach dem damaszener Gottesgelehrten Ibn Taymiyya (1263-1328), der die Grundlagen für die Lehren der strengen fundamentalistischen Glaubensrichtung legte, die heute als jene der Salafiya bekannt ist. Die Gemeinschaft übte auch Wohltätigkeit. Flüchtlinge aus Tschad und viele arbeitslose junge Leute stiessen zu ihr. Woher sie ihre Gelder bezog, ist unklar. Muhammed Yussuf ist zweimal auf Pilgerfahrt in Saudi-Arabien gewesen.

Mord im Glaubensstreit

Im Jahr 2007 wurde ein orthodoxer Gelehrter, der gegen die Sekte gepredigt hatte, ermordet. Boko Haram übernahm die Verantwortung, Seither gilt Boko Haram als gewalttätige Organisation. Seither auch war ihr die Rückkehr zu einem „normalen Islam“ versperrt.

Im Jahr 2009 kam es zu einem neuen Zusammenstoss mit der Polizei. Eine Gruppe von Sektenmitgliedern, die gemeinsam reiste, wurde an einer Strassensperre angehalten. Es kam zu einem Streit über Sturzhelme, die Motorradfahrer hätten tragen sollen. Die nigerianische Polizei ist bekannt dafür, dass sie an Strassensperren Gelder erpresst. Ein Sektenmitglied soll einen der Polizisten erschossen haben. Yussuf veröffentlichte DVD-Aufnahmen, in denen er den Staat offen bedrohte. Diese DVD-Dokumente fanden eine weite Verbreitung.

In der Folge führte die Polizei im Staat Bauchi eine Razzia gegen die Sekte durch, während der etwa 70 Personen erschossen wurden. „Nicht-gerichtliche-Exekutionen“ gehören zu den Methoden der nigerianischen Polizei.

Hinrichtungen

In Maiduguri, Borno, kam es ebenfalls zu einer blutigen Razzia. Einer grösseren Zahl von Gefangenen der Polizei gelang es auszubrechen. Sie stürmten ein Polizeiquartier und bewaffneten sich. Sie verteilten sich über die Stadt und hielten diese drei Tage lang in ihrer Gewalt, bevor sie von der Polizei überwältigt wurden. Muhammed Yusuf wurde gefangen genommen und „starb in Polizeigewahrsam“. Seine Leiche wurde am Fernsehen gezeigt. Die Polizei erklärte, er sei auf einem Fluchtversuch erschossen worden, doch die meisten Beobachter glauben an eine „Hinrichtung“.

Über 100 Personen wurden damals erschossen und Tausende wurden gefangengenommen. Sie blieben verschollen. Wie viele von ihnen wirklich zu der Sekte gehörten, bleibt ungewiss. Ihre Hinterbliebenen sagen in vielen Fällen, sie seien unschuldig in die Fänge der Polizei geraten.

Jihad gegen den nigerianischen Staat

Diese Ereignisse von 2009 markieren den endgültigen Übergang der Sekte zur Gewalt „gegen den Staat“. Zunächst flohen die Überlebenden über die Grenzen und fanden in der Wüste Kontakt mit den verschiedenen Kampfgruppen von Jihadisten, die dort Zuflucht gesucht hatten. Darunter waren solche aus Mali und Algerien. Sie kamen unter die Führung eines Kollegen und Freundes von Muhammed Yussuf, Abu Bakar Shekau. Beide waren zusammen Theologiestudenten (arabisch:Tullab, persich: Taleban) gewesen. Shekau betrieb nun den Jihad gegen den Staat systematisch. Shekau selbst fand zunächst Zuflucht in einem Versteck in Kamerun.

Die Gruppe baute ein Netzwerk aus Zellen im Inneren Nigerias auf. Es soll aus 30 verschiedenen Abteilungen bestehen, die von je einem von 30 Ratsmitgliedern geleitet werden. Shekau steht als Emir über ihnen. Die Ratsmitglieder kommen nur selten zusammen, und sie haben kaum direkten Kontakt mit Shekau. Sie verkehren normalerweise untereinander und mit dem Emir über Handys. Die Kämpfer und Mitglieder kennen nur ihre nächsten Vorgesetzten in der Zelle. Sie alle kämpfen für einen idealen Scharia-Staat, der bestmögliche aller Staaten. Er soll später das gesamte korrupte nigerianische Staatsgebiet umfassen. Doch viele Kämpfer werden auch von Rachegelüsten getrieben.

Anschläge „auf den Staat“

Die Kämpfer von Boko Haram konzentrierten sich auf Anschläge auf die Polizei und auf andere Symbole des Staates. Von Motorrädern aus verüben sie Anschläge und werfen Bomben. Auch Selbstmordattentate werden so verübt. Normalerweise richteten ihre Anschläge sich gegen den nigerianischen Staat, nicht gegen „westliche Ausländer“. Ein Anschlag auf die Uno-Vertretung in der Hauptstadt Abuja von 2011 blieb eine Ausnahme. Viele der Anschläge richteten schweren Schaden an. Einer in Kano im Januar 2012 gegen das Polizeihauptquartier, das Einwanderungsamt und die Staatssicherheit verursachte über 200 Todesopfer. Auch Banken wurden zerstört und ausgeraubt, Schulen und Zeitungsverlage wurden in Brand gesteckt. Im März 2012 brannten in einer Nacht in Maiduguri zehn Schulen. 10‘000 Schüler verloren dadurch ihre Schulplätze. Diese Anschläge waren Rache dafür, dass der Staat das traditionelle, islamische Unterrichtswesen der sogenannten Koran-Schulen, in Nigeria „Tsangaya“ genannt, zu unterbinden versuche.

Die Zahl der „öffentlichen Enthauptungen“ nahm zu. Es scheint, dass diese Aktionen sich gegen „Abweichler“ der Gruppe richten. Abu Bakar Shekau begann Video-Clips zu veröffentlichen, auf denen er gleich auftrat wie seinerzeit Osama Bin Laden. Auf einem dieser Videos, das kurz nach dem verheerenden Anschlag von Kano gedreht wurde, sagte er: „Ich geniesse es, jeden zu töten, von dem Gott befohlen hat, ihn zu töten – so wie ich es geniesse, Hühner oder Hammel zu töten“.

Die Armee zerstört Maiduguri

Insgesamt sollen die Anhänger von Boko Haram gegen 1‘800 Personen umgebracht haben. Ihre Sprecher sagen, ihnen sei bewusst, dass es der Islam verbiete, Muslime oder Christen zu töten. Doch die Feinde des Islams müsse man töten, und ihre Opfer seien solche Feinde. Personen westlicher Bildung gelten ihnen als Gegner des Islams. Die Boko Haram-Anhänger verstehen unter „Islam“ eine Gesellschaftsordnung, die möglichst in jedem Detail jener gleicht, die unter dem Propheten in Medina bestand.

Die Aktivitäten von Boko Haram führten zu einem ersten Eingriff der Armee in Maiduguri im Jahr 2011. Während einer umfangreichen Razzia der Regierungstruppen wurden grosse Teile der Stadt in Brand gesteckt und zerstört. Menschenrechtsorganisationen schätzten die Zahl der Toten auf 2‘000. Tausende wurden gefangengenommen und in lagerartige Gefängnisse gesteckt, – „Guantanamo“ im Volksmund genannt -, ohne vor ein Gericht gestellt zu werden. Sie kehrten bisher nicht zurück. Ihre Angehörigen, meist Frauen mit Kindern, erhalten keine Nachrichten über ihr Schicksal.

Die Militärs empfahlen den Bewohnern, ihre Stadt zu räumen, damit sie die Boko Haram ungestört bekämpfen könnten. Wer es vermochte, folgte diesem Aufruf. Viele der Häuser, die nicht verbrannt wurden, stehen heute leer. Jene, die blieben, galten der Truppe als Leute von Boko Haram und wurden dementsprechend behandelt.

Waffen aus Libyen und aus Iran

Doch die Angriffe von Boko Haram auf die Polizei und Regierungsbeamten dauerten an. Die Gruppe bewaffnete sich besser. Wahrscheinlich konnte sie sich schwere Waffen aus den libyschen Beständen verschaffen. Im Jahr 2010 wurde in einem Schiff, das in Lagos anlief, Waffen aus Iran beschlagnahmt. Der Transport, 13 Container mit Waffen, darunter Raketen, Mörser und Granaten, die als Baumaterialien deklariert waren, wurde von einem Iraner begleitet, Azim Aghajani. Er wurde in Lagos festgenommen und zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Nach amerikanischen Erkenntnissen ist er Mitglied der iranischen Revolutionsgarden. Er sei bekannt für „Terrorismus und weltweiten Extremismus.“ Er selbst streitet alles ab.

Jedenfalls verfügen die Kämpfer von Boko Haram heute über Luftabwehrraketen und Maschinengewehre, die sie auf Lastwagen montiert haben. Sie haben Trainingslager in dem Wildschutzgebiet von Sambisa eingerichtet, das etwa 70 km südlich von Maiduguri liegt. Die ersten Aktionen der Armee richten sich gegen diese Lager. Die Armee ist bereit, all ihre Mittel, einschliesslich der Luftwaffe, gegen sie einzusetzen.

Die Beobachter vor Ort meinen, der Armee werde es nicht schwerfallen, die Lager zu zerstören. Doch viel schwieriger werde es sein, die Mitglieder der Sekte in den Städten Nordnigerias aufzuspüren, wo sie unter gewöhnlichen Bürgern untertauchen.

Die Blutspur der Sicherheitskräfte

Die Erfahrungen der Nigerianer mit der Polizei und auch mit der Armee sind nicht gut. Ihren Eingriffen folgen regelmässig bittere Klagen darüber, dass sie Unschuldige erschossen hätten und auf den kleinsten Verdacht hin Häuser in Brand steckten. Die Soldaten werden offensichtlich von den Einheimischen ebenso sehr oder noch mehr gefürchtet als die Leute von Boko Haram.

Für die Boko Haram-Mitglieder haben viele eine gewisse Sympathie. Der Gedanken an einen Scharia-Staat ist in Nordnigeria beliebt. Die nördlichen Staaten Nigerias haben einen langen und bitteren Streit um die Einführung der Scharia geführt. Dies war für die Muslime ein begehrtes Ziel. Die Agitation um die Scharia dauerte Jahre lang an. Die zentralen Mächte stemmten sich dagegen. Sie befürchteten zu Recht, der Übergang zur Scharia würde zu Spannungen und Zusammenstössen zwischen den Christen und den Muslimen Nigerias führen. Doch den einfachen Muslimen des Nordens erschien die Scharia als das Gottesgesetz, das – wenn es nur endlich durchgesetzt werde – Korruption und Machtmissbrauch ein Ende bereiten würde.

Nach der Scharia die „wahre Scharia“

In neun nördlichen Staaten wurde die Scharia vom Jahre 2000 an in der Tat eingeführt. Der Umstand, dass dies das Leben der Muslime nicht merklich verbesserte, muss zur Entstehung der radikalen Gruppen beigetragen haben. Ihre These erschien glaubwürdig: Offenbar war die Scharia nicht streng genug angewendet worden: gewissermassen nur so zum Schein. Wenn man wirklich auf eine Erlösung durch das Gottesgesetz hoffen wollte, müssten die Scharia-Gesetze ganz streng befolgt werden. Alle Anzeichen der als ungläubig einzustufenden „westlichen“ Aussenwelt, von ihrer Bildung über ihre Kleidung bis zu ihren Bräuchen und bis zum Umgang mit ihnen, mussten abgelehnt werden. Nur so könne der „wahre Islam“ in seiner verheissenen Grösse und Macht aufblühen.

Der zentralen Regierung wurde vorgeworfen, sie trete nicht für die Muslime in Nigeria ein, sondern vielmehr für die Christen. Es gibt ungefähr gleich viele Christen wie Muslime unter den 160 Millionen Nigerianern. Im Süden leben vor allem Christen und Anhänger von Naturreligionen, der Norden ist zu über 90 Prozent muslimisch. In der Mitte, auf dem zentralen Plateau, stossen die beiden Religionen aufeinander, und es gibt dort eine Art von Dauerkrieg zwischen Christen und Muslimen, dessen Zentrum in der Stadt Jos liegt. Diese Wirren hatten anfänglich nichts mit Boko Haram zu tun, doch allmählich scheint diese Kampfgruppe auch im Zentrum auf Seiten der Muslime eingegriffen zu haben. Bombenanschläge werden auch Kirchen und jene Gaststätten verübt, die Alkohol anbieten.

Die Zentralregierung ist darauf angewiesen, für ihre Belange das säkulare Gesetz anzuwenden, das auf dem englischen Common Law beruht. Im Norden hatte Grossbritannien, das dort vom frühen 20. Jahrhundert an bis 1960 regierte, die Scharia unter gewissen Einschränkungen geduldet. Doch der neue „Boko“-Nationalstaat hatte sie abgeschafft und erst nach langem Ringen in den nördlichen Gliedstaaten wieder zugelassen.

Kontraproduktive Sicherheitskräfte

Wenn Boko Haram auch diesmal nicht endgültig bekämpft werden kann, dürfte es nur eine Frage der Zeit werden, dass ihre Kämpfer mit ihrem ganzen Gewicht in den oftmals blutigen Dauerstreit zwischen den Christen und Muslimen auf dem zentralen Plateau eingreifen. Wahrscheinlich mit verheerendem Resultat. Folge könnte die Spaltung Nigerias in südliche und ein nördliche und eine südliche Hälfte sein. In den zentralen Gebieten könnte es dann zu „ethnischen Säuberungen“ kommen.

Den Militärs ist es bisher nicht gelungen, der Bewegung Herr zu werden. Die Polizei hat sogar nachweislich zu ihrer Ausbreitung und Radikalisierung beigetragen. Die Armee hat nun zu einem neuen Versuch angesetzt, die Kampfgruppe zu eliminieren. Doch die Kämpfer von Boko Haram haben ihrerseits schwere Waffen und bessere Schulung. Sie sind auch in der Lage über die Grenzen hinweg durch die offene Savanna nach Niger, Tschad und Kamerun auszuweichen und in den Weiten der Wüste Unterstützung von anderen islamistischen Kampfgruppen zu erhalten.

Während die Armee in den drei Notstandsprovinzen begann, Säuberungsaktionen durchzuführen, kam es bereits an einem Ort, in der Provinz Katsina zu Schiessereien und Überfällen auf Polizeiposten. Katsina liegt auch an der Nordgrenze Nigerias und grenzt an Niger.

Spaltung von Boko Haram

Seit Januar 2012 gibt es eine neue, möglicherweise noch kämpferischere, Jihadgruppe, die sich „Jamiat Ansarul Muslimina Fi Biladis Sudan“ nennt, „Gemeinschaft der Helfer des Islams in den Ländern Schwarzafrikas“, wobei der Begriff „Helfer“ sich spezifisch auf die Gefährten Muhammeds in Medina bezieht. Man weiss nicht viel über sie. Wahrscheinlich hat sie sich von Boko Haram abgespalten. Vielleicht, weil sie eine unterschiedliche Strategie verfolgt, nämlich die internationale Linie des weltweiten Kampfes gegen die Führungsmacht „Amerika“, nach dem Vorbild Bin Ladens.

Ihr Chef nennt sich Abu Osamata al-Ansary, doch dies ist vielleicht nur ein Kriegsnamen. Diese Gruppe nimmt Europäer als Geiseln. Die Tore befestigter Lager, in denen sich die Europäer befinden, werden mit Dynamit aufgesprengt. So wurden mehrere westliche Vertreter gefangengenommen, so kürzlich der französische Ingenieur Francis Colomp in Rimi, 25 Km von Katsina City entfernt sowie sieben „Ausländer“ von Setraco, einer libanesichen Baugesellschaft: zwei Syrier, zwei Libanesen, ein Grieche, ein Engländer und ein Italiener. Sie alle wurden im Staat Bauchi aus einem befestigten Lager entführt. Mindestens drei weitere Ingenieure, ein Engländer, ein Italiener und ein Deutscher, haben als Geiseln der Ansaru ihr Leben verloren, anscheinend nach missglückten Befreiungsversuchen.

Globalisierung des Jihad

Man kann vermuten, dass die Ansaru, mehr als Boko Haram, die internationale Linie des Jihadismus vertreten, die weltweit kämpfen will, in erster Linie gegen Amerika, aber heute in der Sahara natürlich auch – wegen der Mali-Aktion – gegen Frankreich. Doch es ist offensichtlich, dass auch Boko Haram sich in dieser Richtung bewegen wird, falls die Organisation die gegenwärtige Offensive der Armee überlebt. Dies schon wegen der Solidaritäten, die dadurch zu gewinnen sind, sowie zur Waffen- und Geldbeschaffung.

Über den Ausgang der gegenwärtigen Regierungsoffensive sind viele der Beobachter skeptisch. Boko Haram hat schon zwei Offensiven der Sicherheitskräfte überlebt, zwar mit schweren Verlusten, jedoch immer neu belebt und neu radikalisiert unter neuer Führung und mit neuer Ausrichtung. Das Geheimnis ihrer Langlebigkeit und Regenerationskraft dürfte in erster Linie im Verhalten der Sicherheitskräfte liegen. Sie gehen dermassen brutal gegen die ganze Bevölkerung vor, dass sie stets neue Ressentiments und Rachebedürfnisse schaffen und die ideologische Lehre von den Verheissungen des Scharia-Staates und seinem erwarteten Endsieg über die Korruption von „Boko“ neu festigen. (Erschienen auf: www.journal21.ch)

Inside Story – Boko Haram and the battle for Nigeria’s north

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