in Naher Osten

Viele Kommentatoren sagen eine False-Flag-Operation mit chemischen Kampfstoffen in Syrien voraus und sehen sich von einer Reihe kursierender Videos bestätigt. Sie hätten besser nachdenken sollen.

Die folgenden Angaben unterfüttere ich nicht mit Verweisen, es wäre zwecklos. Gegen jeden von ihnen ließen sich Gegenbehauptungen finden und auffahren. Ich muß den Leser an eigene Recherchen zur Glaubwürdigkeit widerstreitender Quellen verweisen.

Die Chemiewaffenprogramme Syriens und des Irak datieren aus der Mitte der 70ger Jahre. Sie sollten ein Abschreckungspotential gegen die israelische Atommacht schaffen. Der Einsatz im irakisch-iranischen Golfkrieg war nicht vorgesehen, sondern eine Nothilfe Saddams, gedeckt von seinen damaligen amerikanischen und europäischen Freunden, gegen die sich etwa ab Ende ’81 abzeichnende Niederlage im Irankrieg. Die Produktion der Kampfmittel geschah vor Ort, im Falle des Irak wurden die Rohprodukte nach Absegnung durch das Weiße Haus von heute wohlbekannten amerikanischen und europäischen Firmen geliefert. Das Fertigprodukt war im Falle des Sarin ein binärer Kampfstoff, nicht binäre Munition, wie sie zu dieser Zeit in den USA und der SU erst entwickelt wurde. Ob der ebenfalls ins Gespräch gebrachte, wirksamere und weniger flüchtige Kampfstoff VX in diesen Ländern je produziert, im Irak eingesetzt, oder gar amerikanischer Kampfstoff an den Irak geliefert wurde, ist strittig.

Daß Syrien VX hergestellt und / oder erworben hat, ist eher unwahrscheinlich, weil die geringere Flüchtigkeit des Stoffes seine Abschreckungswirkung vermindert, wenn es nicht um begrenzte militärische Schauplätze und Kampffelder geht, sondern um die Drohung mit dem Einsatz gegen zivile Ziele.

Es ist nicht sicher, ob Syrien eigene Produktionskapazitäten außerhalb der Technologieforschung aufgebaut hat. Falls das geschah, ist das Programm mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit spätestens ’84 eingestellt worden. Denn erstens waren die irakischen Einsatzerfahrungen ’83 katastrophal ausgefallen. Die irakische Armee soll höhere Verluste infolge der Einsätze (Schauplatz habe ich vergessen, es handelte sich um das territorial umstrittene Gebiet im Süden) davon getragen haben, als die iranische, weil sich Ausbreitung und Verbleib des Kampfstoffes im Einsatzgebiet als unkalkulierbar erwiesen.

Anmerkung: Der genozidale Einsatz im ab ca. 86 entbrannten Kurdenaufstand ist eine „andere Nummer“. Er dürfte übrigens schwerlich gegen den Willen der auf Seiten Iraks arbeitenden Offiziere der USAF geschehen sein, in deren Händen ab etwa ’87 die taktische Führung und technische Leitung der wichtigsten Feuerleitsysteme der irakischen Luftwaffe lagen, weil Luft- und Satelliten-Aufklärung von den USA geliefert wurden.

Der Abschreckungszweck des syrischen Waffenprogrammes gegen die IDF hingegen war schon 1981 entfallen, nämlich mit dem israelischen Präventivschlag gegen das Atomprogramm des irakischen Verbündeten der USA in Osirak, das in dieser Phase schwerlich ohne Deckung, mindestens Duldung der US-Administration aufgenommen worden sein konnte.

So war erwiesen, daß die USA aufgrund der atomaren Bewaffnung Israels gegen entschiedene Vorbehalte der Zionisten gegen die US-Strategie im nahen und mittleren Osten (bzw. Eigenwilligkeiten in ihr), machtlos waren und die IDF die Freiheit hatte, das syrische Chemiewaffenprogramm gegen seinen Urheber zu wenden, indem sie Produktions- und Lagerstätten auf der Grundlage ihrer Luftüberlegenheit präventiv würde bombardieren können. Auf dieser taktischen Basis marschierte die IDF 1982 im Libanon ein.

Daher glaube ich den wenigen israelischen „Experten“, die kürzlich abwiegelnd verlauten ließen, falls Syrien noch etwas von seinem Chemiewaffenprogramm zurück behalten habe, sei die Einsatzfähigkeit der Kampfmittel zweifelhaft.

Ein indirekter Beweis, dass Syrien keine chemischen Kampfstoffe, geschweige binäre Munition hat, ist die Entlassung von Makdissi, des Sprechers des syrischen Außenministers, nachdem er sich nicht an vorgegebene Sprachregelungen hielt, und Aussagen machte, die als Eingeständnis syrischen Chemiewaffenbesitzes interpretierbar waren. Das Außenministerium und der Präsident wollten erklärtermaßen offen lassen, ob Syrien über solche Waffen verfügt, die es im Falle einer direkten Intervention einsetzen könne. Doch die syrische Armee will verständlicherweise in diesem Fall nicht Behauptungen stehen lassen, sie habe Waffen, die sie nicht hat.

Warum es von Bedeutung ist, daß die Psy-Op Zwei-Komponenten-Kampfstoffe ins Spiel gebracht hat, und nicht binäre Munition, dazu komme ich weiter unten.

Nimmt man die Punkte zusammen, ist der vielfach kolportierte Schluß, die Psy-Op mit Chemiewaffen stelle eine Art Ultimatum der Koalition der westlichen Angreifer an Syrien unter Führung der USA dar, mit großer Sicherheit falsch.

Die genannten Umstände erlauben vielmehr die Annahme, dass weder die US-Administration noch das Pentagon bereit sind, die zu erwartenden militärpolitischen Kollateralschäden in Kauf zu nehmen, die von einem arg offensichtlichen False – Flag – Einsatz mit Chemiewaffen zu befürchten sind. Zumal sie nicht ausschließen können, dass die russische Diplomatie ihn rasch und mit glaubhaften Dokumenten aufdecken könnte.

Denn sie können umgekehrt darauf pochen, es jederzeit in der Hand zu haben, die Verteidiger Syriens mit Eskalationen der Proxy-Angriffe und insbesondere der türkischen Beteiligung daran, für welche die Türkei nun Patriots aus Deutschland erhalten wird, an der Wiederherstellung und Sicherung der Staatssouveränität zu hindern.

Umgekehrt wird ein Schuh ‚draus! Wenn andere Player gegen den Willen und die Strategie des Weißen Hauses und des Pentagon eine False -Flag Operation durchsetzen, wäre der Schaden für die Autorität der US-Administration und der Militärs katastrophal!

An dieser Stelle ist von Belang, daß Syrien der Besitz von Zwei-Komponenten-Kampfstoffen und eine aktuelle Aufmunitionierung damit unterstellt wird. Binäre Kampfmunition braucht man nur aus dem Lager zu holen und ist jederzeit einsetzbar. Mit bereits zusammengefügten Komponenten gefüllte Munition verfällt hingegen in einer Zeit, die, je nach Qualität, von einigen Tagen, bis zu einigen Wochen reicht. Die Behauptungen über eine im Gange befindliche Aufmunitionierung mit einem Zwei-Komponenten-Kampfstoff stellen daher semantisch ein Ultimatum an die USA bzw. die NATO dar: ‚Etwa vier Wochen habt ihr Zeit, den von uns gewünschten totalen Krieg gegen die syrische Armee vorzubereiten und auf den Weg zu bringen, danach werden wir Euch dazu zwingen‘, lautet es. Ich sage und betone „semantisch“, weil die Wirksamkeit der Drohung natürlich von Faktoren abhängt, in die kaum jemand ausreichend Einblick haben dürfte, nicht einmal die Akteure selbst!

Die Free Syrian Army demonstriert ihre Chemiewaffen an Kaninchen

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=hDtVigGU0U4[/youtube]

Aufgelegt wird die Psy-Op folglich von Leuten, die einen großen Nahostkrieg rasch, möglichst sofort wollen, und insofern muss ich meinen letzten Beitrag zum Thema korrigieren, in dem ich behauptete, das „Sautreiben mit Chemiewaffen“ diene in erster Linie der medialen Lufthoheit der Scharfmacher gegenüber anderen Playern, insbesondere der russischen Kriegsdiplomatie.
Wer könnte das sein? Vielen Lesern wird die Antwort spontan kommen – aber es gibt auch zwei einigermaßen klare Hinweise.

Der Erste ist die Konstruktion mit dem binären Kampfstoff. Die israelischen Geheimdienste behaupten seit Jahr und Tag, das syrische Chemiewaffenprogramm sei nie eingestellt, sondern, im Gegenteil, in den 90ger Jahren modernisiert und erweitert worden. Wenn das so wäre, dann verfügte Syrien allerdings über binäre Munition, und die Angreifer Syriens müßten taktisch jederzeit mit deren Einsatz rechnen und könnten auch nicht darauf zählen, rechtzeitig gewarnt zu werden.

Käme die Psy-Op aus den USA, müßte sie sich auf die angeblichen „Erkenntnisse“ des Mossad stützen, weil auch der CIA, eigenen Dokumenten zufolge, von der frühzeitigen Einstellung des syrischen Chemiewaffenprogrammes überzeugt ist. Hätte Syrien nur binären Kampfstoff, wäre der mit hoher Wahrscheinlichkeit nach fast 40 Jahren Lagerzeit nur zum Teil und mit zweifelhafter Restwirksamkeit einsetzbar. Die Betonung, es handele sich um binären Kampfstoff, stellt also in der Logik der Desinformation ein Entgegenkommen an Zweifler in den USA dar, das nach bisherigen Erfahrungen entfiele, wenn Parteigänger der zionistischen Militäroligarchie aus den USA selbst Propagandalügen auftischen. Obendrein sind zusätzliche, vermeidbare Lügen eine typische Begleiterscheinung der Hybris von Lügnern, die sich Herr der Lage fühlen wollen, obwohl sie aus einer Position der Schwäche lügen, und das trifft auf innenpolitische Akteure in den USA mit über außenpolitische Themen nur voran getriebener Agenda nicht zu. Abseits solcher Psychologisierungen gibt es auch einen halbwegs handfesten Hinweis auf die Urheber.

As-Safir hat am 6.12 auf arabisch, am 7. auf englisch einen Artikel des Pariser Korrespondenten von „Al Manar“, Mohammad Ballout veröffentlicht, der überaus nüchtern über Angaben und Aussagen Bericht erstattet, die der russische Außenminister gegenüber Vertretern der innersyrischen Opposition gemacht habe. Lavrow soll gesagt haben, in den nächsten Wochen werde es voraussichtlich eine große Angriffswelle geben, aber „Wenn Assad [sie] übersteht, werden vor ihm andere Regimes in der Region fallen“ (Quelle)
Lavrow könnte theoretisch Saudi-Arabien gemeint haben – aber genauer besehen ist das unwahrscheinlich. Ein saudischer Politikwechsel, der einen radikalen Wandel der Syrienpolitik brächte, ist schwerlich abzusehen. Aber Netanyahu droht im Januar die Abwahl –

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