US-Dokument von 2012 zu ISIS: “Eine realistische politische Einschätzung“

Lars Schall sprach für Jungle Drum Radio mit Prof. Dr. Günter Meyer, dem Leiter des Zentrums für Forschung zur Arabischen Welt an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Das Thema ihrer Unterhaltung: die für Aufsehen sorgenden “Enthüllungen“ ehemals geheimer Regierungsdokumente der USA aus dem Jahre 2012 zu Syrien und Irak. Nahost-Experte Meyer versteht die ganze Aufregung nicht.

Prof. Dr. Günter Meyer hat seit fast 40 Jahren empirische Forschungen über die soziale, wirtschaftliche und politische Entwicklung in den arabischen Ländern durchgeführt und ist Autor von mehr als 150 Büchern und Artikeln, vor allem über Syrien, Ägypten, Jemen und die Länder des Golf-Kooperationsrats. Er leitet das Zentrum für Forschung zur Arabischen Welt an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz, eines der weltweit führenden Informationszentren für die Verbreitung von Nachrichten und Forschungen zum Nahen Osten.

Professor Meyer ist u.a. Vorsitzender der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Vorderer Orient für gegenwartsbezogene Forschung und Dokumentation (DAVO), Präsident der European Association for Middle Eastern Studies (EURAMES) und Vorsitzender des International Advisory Council of the World Congress for Middle Eastern Studies (WOCMES).

Als Ergänzung zum nachfolgenden Interview empfehlen wir die Lektüre eines Interviews, das Lars Schall mit Prof. Meyer im September 2012 für “Asia Times“ in Hongkong führte: “Zu Syrien und weit darüber hinaus“ – aufzufinden hier.

US-Dokument von 2012 zu ISIS: “Eine realistische politische Einschätzung“

Am 18. Mai wurde durch die konservative Bürgerrechtsvereinigung Judicial Watch eine Auswahl von ehemals vertraulichen Dokumenten veröffentlicht, die vom Pentagon und dem US-Außenministerium stammen. In einem Dokument der Defense Intelligence Agency (DIA), das vom August 2012 datiert und an US-Behörden wie CENTCOM, CIA und FBI ging, hieß es, dass für den Westen, die Länder des Golfes und für die Türkei die Möglichkeit bestünde, „ein erklärtes oder unerklärtes salafistisches Fürstentum in Ost-Syrien“ zu etablieren – was wiederum exakt das sei, was die Unterstützer der syrischen Opposition wollten, „um das syrische Regime zu isolieren“.

Will bedeuten: „Das Dokument zeigt, dass die US-Geheimdienste bereits 2012 den Aufstieg des Islamischen Staates im Irak und in der Levante (ISIL oder ISIS) vorhersagten, aber statt sich von der Gruppe als einem Feind deutlich abzugrenzen, sieht der Bericht die Terrorgruppe als einen strategischen Wert für die USA an“, mit dem sich ein Regimewechsel in Damaskus bewerkstelligen lassen könne, wiewohl al-Qaida in dem Bericht als der treibende Faktor hinter der syrischen Opposition ausgemacht wird.

Der DIA-Report, der mit der Geheimhaltungsstufe „SECRET/NOFORN“ versehen wurde, sagte für den Fall einer „Verschlechterung der Lage“ in Syrien „düstere Konsequenzen für die Situation im Irak“ voraus. Nicht zuletzt würde sich dadurch eine „ideale Atmosphäre für die Rückkehr von al-Qaida in ihre Stammgebiete in Mosul und Ramadi“ ergeben.

Mehr zu dem Dokument finden Sie hier, hier, hier, hier und hier.