in Naher Osten

Das Chaos im heutigen Syrien nach fünf Jahren des Bürgerkrieges ist in ähnlich undurchsichtiger Weise komplex wie in jener Zeit, als das Land aus den Ruinen des Osmanischen Reiches emporstieg.

Lange war das Land ein Mosaik aus Kulturen und Ethnien, die es unter den Sultanen irgendwie immer verstanden hatten, friedlich miteinander zu koexistieren.

Die europäischen Mächte, die nach dem Ersten Weltkrieg das Land übernahmen, verstanden jedoch die einzigartige Ausformung des syrischen Pluralismus nicht und zeigten auch kein Interesse daran, diesen zu bewahren. Heute ist die Rede vom Auseinanderbrechen des Landes, aber die Lektionen aus der Zeit des Osmanischen Reiches und danach haben immer noch ihre Bedeutsamkeit bewahrt. Sie zu verinnerlichen, scheint der einzige Weg, einen Failed State wieder zu einer vereinten und doch diversen Nation zu machen.

In der Zeit der Osmanen war Syrien weniger eine einzelne Einheit als vielmehr ein Geflecht von „Wilayate“, also Provinzen, die geografisch sogar Teile des heutigen Israels oder Libanons umfassten. Auch war die Bevölkerung in keiner Weise homogen. Die osmanischen Wilayate waren die Summe ihrer Ethnizitäten, kulturellen Identifikationen und ökonomischen Strukturen. Nach 400 Jahren osmanischer Herrschaft hatte sich auch vieles von diesen Strukturen in das Denken der Menschen eingebrannt, und so war Syrien bis vor dem Bürgerkrieg auch faktisch in nach kultureller Prägung unterscheidbare Viertel geteilt: armenisch, assyrisch, kurdisch – und zum Markttag kamen sie aus allen Communitys in der jeweiligen Stammestracht, um dort ihre Produkte zu verkaufen.

Weitsichtige Regierungen haben die Autonomie dieser verschiedenen ethnischen und religiösen Communitys auch weiter gestärkt. Die Osmanen wollten damit deren Loyalität zur Hohen Pforte sichern und durch eine identitätsbetonende Politik nationalistischen Gruppierungen den Wind aus den Segeln nehmen. Jede „Millet“ hatte ihren Repräsentanten in Istanbul, durfte die eigenen Angelegenheiten selbstständig regeln, unter anderem die Bildung, die sozialen Dienste, die Wohlfahrt, sogar bestimmte rechtliche Standards. Die Millet regelte selbstständig Fragen wie Ehe, Scheidung, Erbe und die Höhe, Einhebung und Verteilung von Steuern.

Nach dem Ersten Weltkrieg teilten die europäischen Mächte die Reste des untergegangenen Osmanischen Reiches unter sich auf, nötigten den Osmanen Kapitulationsverträge nach ihrem eigenen Gutdünken ab und rissen sich unter den Nagel, was sie bekommen konnten. Das Sykes-Picot-Abkommen war die Aufteilung der Beute durch die Raubmächte Großbritannien und Frankreich, die den gesamten Nahen Osten unter sich aufteilten, ohne in irgendeiner Weise auf gewachsene Zusammenhänge, Loyalitäten und Strukturen Rücksicht zu nehmen.

Die französische Herrschaft veränderte Syrien in gravierender Weise. Mit der Autonomie der Millets war es vorbei. Das Land wurde nach europäischem Vorbild zentralisiert, die Pressefreiheit wurde eingeschränkt, ebenso die politischen Rechte. Die Franzosen praktizierten auch eine Politik des „Teile und herrsche“ und spielten Minderheiten gegeneinander aus. So wurden christliche Maroniten auf Kosten der Sunniten privilegiert, und auch nach der Unabhängigkeitserklärung 1944 hielt die neue Regierung die von den Europäern vorgelebte Praxis aufrecht. Nun waren auch Schiiten, Kurden, Assyrer, Drusen und Armenier marginalisiert und der allmächtige Geheimdienst Mukhabarat blieb die bestimmende Macht im Staat.

Auch heute, nach fünf Jahren des Bürgerkrieges, bleiben die gleichen Probleme bestehen, die bereits vor dessen Ausbruch vorhanden waren. Auch heute versuchen Weltmächte von außen in die inneren Belange Syriens hineinzuwirken und eine bunte Vielfalt von religiösen und ethnischen Gemeinschaften lebt in dem Land. War diese Vielfalt früher ein Quell des Stolzes, ist sie heute ein Aufhänger für Gewalt. Sollte aus dem Chaos des Bürgerkrieges wieder eine zentralistische Ordnung hervorgehen, wie im Fall der früheren französischen Kolonialherrschaft, wird auch diese wieder Hass und Zwietracht anstacheln.

Es gibt aber auch einen anderen Weg, nämlich die Verschiedenheit und Autonomie der Gemeinschaften zu achten und zu stärken. Selbst Bashar al-Assad hat sich als Präsident teilweise bemüht, an das alte osmanische Modell anzuknüpfen und sich in einer Politik der Balance gegenüber den Minderheiten zu versuchen. So konnten drusische Studenten oder Angehörige der kleinen jüdischen Community in Syrien unter dem Schutz der UN-Soldaten auf dem Golan ihre Familien in Israel besuchen.

Dieser Pragmatismus wird auch der einzige Weg sein, wieder an das kulturelle Erbe und die friedliche Vielfalt anzuknüpfen, die in Syrien so lange geherrscht hatte, ehe der moderne Staat und die Fremdherrschaft die gewachsenen Strukturen zu unterminieren begannen. Die Sykes-Picot-Grenzen haben dabei ausgedient, so realistisch sollte jeder sein, das zu begreifen. Es wird kein Weg daran vorbeiführen, sie im Lichte der sozialen und politischen Realitäten zu überdenken, um eine effektive und dauerhafte Lösung für Syrien zu finden.

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Dein Kommentar

Kommentar

  1. Danke! Ein schöner Beitrag, der eine Erklärung anbietet und zum Nachdenken anregt.
    Sowas lese ich gerne (^.^)

  2. Ein absolut lesenswerter Hintergrundsbericht zu den CIA-Aktivitäten in Syrien von Robert F. Kennedy, Jr.
    „Geheime Depeschen der US-amerikanischen, saudischen und israelischen Geheimdienste weisen darauf hin, dass Militär- und Geheimdienstplaner in dem Moment, als Assad das Katar-Pipeline Projekt verwarf, schnell zu dem Konsens gelangten, dass das Schüren eines sunnitischen Aufstands gegen Assad ein gangbarer Weg wäre, um den unkooperativen Bashar al-Assad zu stürzen und das gemeinsame Ziel der Katar/Türkei Verbindung zu erreichen. Gemäß Wikileaks begann die CIA 2009 kurz nachdem Bashar al-Assad die Katar-Pipeline verwarf, mit der Finanzierung von oppositionellen Gruppen in Syrien. Es ist wichtig zu beachten, dass dies vor dem Aufstand gegen Assad stattfand, der vom „arabischen Frühling“ ausging.“ http://www.nachdenkseiten.de/?p=32213

  3. Nicht schlecht, gut verständlich aber …….
    Bürger+Krieg=Bürgerkrieg.
    Frankreich,England,Amis flups in einen Topf =Westmächte.
    Westmächte = Bürgerkrieg = aäh,wo stecken wir noch die
    Türken hin ?
    Die Tradition Fede mit den Kurden und und und.
    Osmanen hin oder her.
    Arabische Mentalität bleibt Arabische Mentalität.