in Naher Osten

Von Mona Alami – Beirut (IPS) – Der Krieg in Syrien hat das Konzept des ‚Dschihad‘ wieder aufleben lassen. Zehntausende Kämpfer stehen sich in einem bewaffneten Konflikt gegenüber, den sie als ‚Heiligen Krieg‘ begreifen.

Auf beiden Seiten des religiösen Grabens bedienen sich libanesische Kämpfer der gleichen Argumente, um das zu rechtfertigen, was sie unter einem endlosen Überzeugungskrieg verstehen. Das ist in einer Region, in der die Glaubens- und nicht die Nationalitätenfrage für die Identität der Völker entscheidend ist, extrem gefährlich.

An einem kalten Morgen wälzt sich eine Autokolonne durch die geschäftigen Straßen von Dahiyeh, einem Viertel der syrischen Hauptstadt Beirut und einer Hochburg der schiitischen Hisbollah. Angeführt wird der von bewaffneten Milizionären eskortierte Zug von einem Fahrzeug, das mit Blumen geschmückt ist.

Alle paar Minuten ist das Stakkato von Schüssen zu hören, gefolgt von den Ululationen, den Heullauten der Menschenmenge. Männer in Kampfanzügen schwenken die gelben Banner der ‚Gottespartei‘. „Labayka Ya Hussein“, meint ein Milizionär und nimmt damit Bezug auf den Märtyrer Hussein, der für viele Schiiten eine wichtige Bezugsgröße ist.

Was wie ein Hochzeitskorso wirkt, ist tatsächlich ein Trauerzug für einen in Syrien getöteten Hisbollah-Führer. Was überrascht, ist, dass die Beerdigungen schiitischer Hisbollah-Kämpfer Ähnlichkeiten mit den ‚Hochzeiten der Märtyrer‘ sunnitischer Dschihadisten aufweisen, die in Palästinenserlagern im Libanon oder in Jordanien zelebriert werden.

Feinde mit ähnlichen Anschauungen

Die große Ähnlichkeit zwischen sunnitischen und schiitischen Trauerprozessionen, die als Feierlichkeiten inszeniert werden, zeigen im Grunde, dass die Kämpfer beider Lager unter einem Dschihad mehr oder weniger das Gleiche verstehen. Seit Beginn des Syrienkriegs unterstützen die Sunniten die Aufständischen und die Schiiten das Regime von Präsident Baschar al-Assad, einem Mitglied der schiitischen Glaubensgruppe der Alawiten.

Sowohl die schiitischen als auch die sunnitischen Dschihadisten waren anfänglich von dem Wunsch beseelt, ihren jeweiligen Glaubensbrüdern zu Hilfe zu eilen.

„Wir kämpfen, um die Frauen und Kinder zu schützen, die vom Assad-Regime abgeschlachtet werden“, meint Abu Hureira, ein libanesischer Dschihadist aus Tripolis, der in Kusseir gekämpft hat.

Im April 2013 bediente sich der Hisbollah-Führer Said Hassan Nasrallah des gleichen Arguments, als er von der Verteidigung der Schiiten von Kusseir im Westen Syriens sprach:

„Wir werden die libanesischen Einwohner von Kusseir nicht im Stich lassen“, erklärte er.

Je mehr die Kämpfe in Syrien an Intensität zulegten, umso mehr polarisierte sich der politische Diskurs auf beiden Seiten der libanesischen Dschihadisten unter Zuhilfenahme religiöser Motive. „Glaubensargumente werden häufig eingesetzt, um die Massen zu mobilisieren“, meinte dazu der schiitische Kleriker Said Hani Fahs.

Libanesische Scheichs auf beiden Seiten bedienen sich religiöser Textstellen, um ihren Aufruf zum Dschihad, zum ‚Heiligen Krieg‘, zu legitimieren. Der Dschihad wird im Koran, den Heiligen Buch von Sunniten und Schiiten, 150 Mal erwähnt.

„Der Dschihad in Syrien ist für alle Sunniten Pflicht“, erklärte der Salafist Scheich Omar Bakri in einem Interview. Zwar hat die Hisbollah nicht offiziell zum Dschihad aufgerufen, doch ließen Kämpfer wie Abu Ali wissen, dass „jeder, der in den Syrienkrieg zieht, eine ‚taklif sharii‘ (einen religiösen Befehl) erhalten hat“.

Milizionäre aus Beirut, die Bekaa und Tripoli, beides Schiiten und Sunniten, sind dem Ruf, in Syrien zu kämpfen, gefolgt.

In diesem Jahr wurden mindestens 100 (sunnitische) Männer aus dem Nordlibanon in Kalat el Husn in Homs getötet“, hieß es aus einer Quelle des Militärs, die sich Anonymität ausbat.

Sie gehörten der ‚Dschund al Sham‘ an, einer Al-Kaida-ähnlichen Organisation.

Andererseits gibt es Schätzungen, wonach mehr als 5.000 Hisbollah-Kämpfer in Syrien aktiv sind. Eine der Miliz nahestehende Quelle schätzt, dass mindestens 500 ihrer Mitglieder in Syrien getötet wurden. „Wenn ich sterbe, ist mir ein Platz im Himmel sicher, und meine Familie wird versorgt“, meinte Abu Ali, der mehrfach in Kusseir, Kalamun und Damaskus im Einsatz war. Abu Ali argumentiert wie viele andere Kämpfer der Hisbollah, indem er erklärt, für seine Gemeinschaft, seine religiösen Anschauungen und die Würde seiner Glaubensgruppe einzutreten.

14 Jahrhunderte alte Feindschaft

Die sunnitischen und schiitischen Glaubensgeschichten, auf die im Syrienkrieg Bezug genommen wird, sind die Überreste einer 14 Jahrhunderte alten Feindschaft. In etlichen Reden beschwören Hisbollah-Führer die mit Angst besetzten Erinnerungen an die Ereignisse herauf, die zur sunnitisch-muslimischen Spaltung führten. Sie erbeten sich den Schutz der schiitischen Religionsschreine wie dem von Sajeda Seinab, der von den Schiiten verehrten Tochter des Imams Ali.

„Es gibt keine größere Befriedigung als im Kampf für den Schutz des religiösen Schreins von Sit Seinab zu sterben“, erklärte ein weiterer Hisbollah-Kämpfer unter dem Deckmantel der Anonymität.

Dieses Argument ist vielen Schiiten geläufig, insbesondere wenn sie an die von Rebellengruppen vorgenommenen Enthauptungen denken.

In einem jüngsten Interview mit der Rebellenorganisation ‚Freie Syrische Armee‘ an der libanesischen Grenze in der syrischen Region Kalamun räumte der weltliche Kämpfer ein, dass die Rebellen beider Seiten häufig auf die Taktik zurückgreifen, durch Enthauptungen ein Exempel an Verrätern zu statuieren. Die Schiiten erinnern die Hinrichtungen an die Enthauptung von Hussein, Seinabs Bruder, während der Schlacht um Karbala.

Die religiöse Ideologie wirkt sowohl für schiitische als auch sunnitische Kämpfer als Magnet, ihr Leben für die religiöse Causa hinzugeben.

Ein Bericht des Internationalen Zentrums für die Erforschung von Radikalisierungstrends (ICSR) am ‚King’s College‘ in London gibt die Zahl der ausländischen sunnitischen Dschihadisten in Syrien mit rund 10.000 an. Laut Michael Knights, einem Nahostexperten am ‚Washington Institute for Near East Policy‘ (WINEP), einem Ableger des ‚American Israel Public Affairs Committee‘ (AIPAC), sind zwischen 800 und 2.000 irakische Schiiten in Syrien. Zusammen mit den Hisbollah aus dem Libanon wären es 6.000 schiitische Kämpfer.

Gefahr eines Flächenbrands

Die Armageddon-Ideologie, die im Syrien-Konflikt eingesetzt wird, hat die schiitisch-sunnitische Feindschaft sowohl im Libanon als im Rest der Region angefeuert.
Den Konflikt dort auf einen innerislamischen Kampf zu reduzieren birgt die Gefahr, dass es zu einem größeren Konflikt kommen könnte, der dort Chaos und Verwüstung anrichtet, wo die Spaltung unter den Muslimen besonders tief geht und die religiöse Identität eine größere Rolle spielt als die Nationalität.

„Es gibt keinen Unterschied zwischen ausländischen Dschihadisten und Hisbollah-Milizionären, die in Syrien kämpfen. Beide praktizieren den politischen Terrorismus“, meint der schiitische Kleriker Fahs.

Er sieht die einzige Chance für beide Religionsgemeinschaften darin, dass sie in der Identitätsfrage die religiöse Zugehörigkeit durch die Staatsbürgerschaft ersetzen.

Bericht über die Zerissenheit und den Sunnitisch- Schiitischen Konflikt im Libanon von RT:

 

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Kommentar

  1. Schaut man sich die häufig auftretenden Bombenanschläge im Irak kurz nach der „Befreiung“ an, so könnte einem der Verdacht kommen, dass einige davon vom CIA verübt wurden, um Zwietracht zwischen Sunniten und Schiiten zu sähen. So stehen sie nicht mehr geeint gegen den Invasor.

    Auch im Nahen Osten stehen Nato-Interessen im Raum.

    Die Hisbollah, vom Iran unterstützt fügte dem israelischen Landräuber jüngst eine empfindliche militärische Niederlage im Libanon zu und stützt das Assad-Regime. Israel will die weg haben.

    In Syrien liegen zusätzlich größere Gasvorkommen im Osten. Dann soll dort noch eine wichtige Pipeline verlaufen.

    • Damit noch nicht genug wurden jüngst im Mittelmeer vor Syrien, Griechenland und Zypern größere Gas- und Ölvorkommen entdeckt, siehe Griechenlandkrise.

      Israelische Bohrkolonnen sind bereits auf Zypern.

      Assad wird einen Teil des Mittelmeergases für Syrien beanspruchen, das wollen aber us-Konzerne und Israel. Assad muß weg und mit ihm die Hisbollah.

      Sunnitische Extremisten, sponsert bei Saudis sind da nützlich – nützliche Idioten.