in Naher Osten

Es war eine angespannte Woche im Büro des israelischen Ministerpräsidenten Binyamin Netanyahu. Damit jüdische Israelis ungestört den Purim Feiertag verbringen konnten, ließ Verteidigungsminister Moshe Ya`alon die gesamte West Bank abriegeln und Millionen Palästinenser sozusagen unter Hausarrest stellen.

Und dennoch kam es in Hebron zu einem Zwischenfall, der nicht nur das Purim Fest der Regierungsvertreter verhagelte, sondern ein ernstzunehmendes politisches Problem für Israel darstellte. Dieses „Problem“ war die Exekution des 21-jährigen Abed al-Fattah Yusri al-Sharif durch den zwei Jahre jüngeren israelischen Soldaten El-Or Azarya. Nicht dass die israelische Regierung Probleme mit Exekutionen hätte, zwei Drittel der 203 seit September 2015 getöteten Palästinenser kann man als Exekutionen klassifizieren.

Was aber den Vorfall in Hebron so besonders macht und sich von allen anderen Bildern und Videos unterscheidet, ist die heimlich aufgenommene Szenerie im Vorfeld des kaltblütigen Mordes. Man sieht wie al-Sharif verletzt am Boden liegt und keinerlei Gefahr mehr von ihm ausgeht, sofern überhaupt eine Gefahr von ihm ausgegangen ist. Ein Krankenwagen steht zwar bereit, aber die israelischen Soldaten lassen keine Erste Hilfe Massnahmen zu und laufen stattdessen in scheinbar völliger Ruhe mehrmals an dem Verletzten vorbei. Plötzlich sieht man wie der 19-jährige Azarya, Soldat einer Medic-Einheit, sein Maschinengewehr in die Hand nimmt, zu al-Sharif hingeht, und ihm aus nächster Nähe in den Kopf schiesst.

Eine klassische Exekution, festgehalten auf einem Video. Dieser Mord ereignete sich am 24. März, einen Tag vor Karfreitag, dem Beginn des Osterfestes für tausende christliche Pilger in Palästina und Millionen weltweit. Als sich das Exekutionsvideo innerhalb von kurzer Zeit rasend schnell im Internet verbreitet hat, reagierte Ministerpräsident Netanyahu in Erwartung von massiver internationaler Kritik noch am selben Abend. „Was in Hebron passiert ist, repräsentiert nicht die Werte der Israel Defence Forces (IDF)“ und dass die Armee „erwartet, dass ihre Soldaten kühl und in Vereinbarung der Einsatzregelungen handeln“, sagte er in einer Ansprache im Fernsehen.

Doch der erwartete Sturm der Entrüstung blieb aus. Europa war noch zu sehr mit den Terroranschlägen von Brüssel beschäftigt, um sich mit einem Mord auseinanderzusetzen. Aus Amerika war ohnehin außer leeren Worten nichts beängstigendes zu erwarten gewesen und dann waren ja auch noch die Osterfeiertage dazwischen. Nicht eine einzige offizielle Erklärung erfolgte. Nicht einmal von jenen, die sonst nicht müde werden, zu betonen, dass die EU oder Amerika für die Einhaltung der westlichen Grundwerte kämpfen.

Allerdings wehte Netanjahu aus Israel selbst eisiger Wind entgegen. Seine politischen Kontrahenten, allen voran die rechtsgerichteten Naftali Bennett und Avigdor Lieberman, beschuldigten ihn der Koketterie mit dem Westen. Sie erinnerten Netanyahu daran, dass er und der Verteidigungsminister ja selbst in der Vergangenheit immer wieder die Erschießung von Palästinensern direkt am angeblichen Tatort befürwortet haben und er jetzt nur aus Angst vor dem Westen die israelischen „Helden“ verrät. Nachdem der Ministerpräsident tatsächlich keine weiteren Auswirkungen aus dem Westen zu erwarten hatte (mal betrachtet sich Israel als Mitglied des Westens, mal als Opfer des Westens/Anm.), änderte er seinen Standpunkt:

„Die Hinterfragung der Moral der IDF ist unerhört und nicht akzeptabel. … IDF Soldaten, unsere Kinder, halten einen hohen moralischen Standard ein wenn sie es mit blutrünstigen Mördern zu tun haben. … Wir alle müssen den IDF Stabchef, die IDF und die Soldaten unterstützen, die uns beschützen.“

Betrachtet man sich die Umfragen, die in Israel nach der Hebron-Exekution gemacht wurden, wird schnell klar, weshalb Netanyahu seine Meinung geändert hat. Unglaubliche 82% der israelischen Bevölkerung befürworten die Handlung von El-Or Azarya. Eine Online-Petition hat in nur vier Tagen über 50`000 Unterschriften gesammelt hat, die von der Regierung verlangt, Azarya eine Medaille für seinen Mord zu verleihen. Die Gemeinde von Bet Shemesh, aus der der Soldat stammt, stimmte einer Demonstration an Ostermontag zu und finanzierte sogar die Plakate, auf denen „Ein Zeichen der Unterstützung für die Freilassung unseres Helden“ zu lesen war.

Vor dem Militärgericht, das den Fall von El-Or Azarya am Dienstag verhandelte, versammelten sich hunderte Israelis die „Wir wollen das Kind zurück“ (Azarya) und „Hoffentlich brennt dein Dorf ab“ skandierten. Mit „hoffentlich brennt dein Dorf ab“ meinten sie Imad Abu Shamsiyya, der die Exekution aufgenommen hatte und prompt in der Nacht auf Mittwoch von israelischen Soldaten in seinem Haus in Hebron überfallen wurde.

Unter den Protestierenden vor dem Militärgericht war auch der ehemalige Aussenminister Avidgor Lieberman, der die Regierung für das „rüde Verhalten“ gegenüber Azarya beklagte. Woher kommt dieser rassistische Hass auf die Palästinenser? Es reicht nicht, diesen Hass mit den Messerattacken seit September 2015 zu begründen, wie es viele zionistischen Kommentatoren in Israel und im Ausland tun. Das reicht nicht aus, um eine 82%-ige Befürwortung für einen kaltblütigen Mord zu erklären, den man von A bis Z auf dem Bildschirm vor sich sehen kann.

Erinnern wir uns daran, was der israelische Präsident Reuven Rivlin vor zwei Jahren gesagt hat: „die israelische Gesellschaft ist krank.“
Diese „Krankheit“ kommt aber nicht von ungefähr: sie ist Folge von rassistischer Indoktrinierung durch Rabbiner wie beispielsweise den Chef Rabbi Yitzhak Yosef einer ist. Vor kurzem erklärte er in seiner Samstagspredigt:

„Wenn jemand mit einem Messer kommt, ist es ein Gebot ihn zu töten. Wenn jemand kommt um dich zu töten, töte ihn zuerst. Fange nicht an, Angst vor allen möglichen Dingen zu  haben, dass sie danach eine Anklage gegen dich erheben, oder dass irgendein Stabschef kommt und irgendetwas anderes sagt. […] Wenn ein Terrorist mit einem Messer kommt und er weiss, dass er nicht lebend zurückkommen wird, wird sie das abschrecken. Deshalb ist es ein Gebot sie zu töten.“

Er ist beileibe nicht der einzige oder der erste Rabbi der solche Gebote von sich gibt. Würde das gleiche in der muslimischen Welt passieren, würden wir es umgehend als „islamistische Fatwa“ brandmarken, obwohl es genau dasselbe ist. Wie man aber anhand der Exekution in Hebron feststellen kann, finden seine Worte durchaus Gehör. Der Chef Rabbi der Sephardischen Juden (ursprünglich aus Spanien stammende Juden/Anm.) erklärte auch, daß Nicht-Juden nicht im Heiligen Land leben dürften, da man sie aber brauche, um der jüdischen Bevölkerung zu „dienen“, müsse man sie eben im Land lassen bis sie selbst die Regierung inne haben.

Während manch einer solche Worte als religiösen Militantismus abtun würde, gibt es sie auch aus dem Innersten der Regierung. Minister Israel Katz forderte auf einer Konferenz die „gezielte Tötung der zivilen BDS-Führung“, was keiner weiteren Erläuterung mehr bedarf. Es ist der gleiche Minister, der bereits nach den Terroranschlägen in Brüssel die Belgier verspottete, sie „sollen Terror bekämpfen statt Schokolade essen“.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis die rassistische Vorgehensweise von vielen Soldaten der israelischen Armee international bekannt wurde. Der Fall von El-Or Azarya ist keine Ausnahme, sie ist leider zu einer Regel geworden. In seinen Facebook Kommentaren und Einträgen wimmelt es nur so von rassistischen Anfeindungen gegenüber Palästinensern. Dabei ist er nicht einmal ein gebürtiger Israeli, sondern ein Franzose. Das spielt für eine israelische Gesellschaft, die unter extremem Militarismus und Rassismus leidet, keine Rolle. Oren Hazen, ein Knessetabgeordneter (Knesset ist das israelische Parlament) der Likud Partei von Ministerpräsident Binyamin Netanyahu, äusserte sich denn auch bei einer Veranstaltung im Heimatort des Mörders entsprechend:

„Es ist an der Zeit, damit aufzuhören, politisch korrekt zu sein und das auszusprechen was jeder sagen will: Jeder Vorfall muss mit einer Kugel im Kopf des Terroristen enden, Punkt. Zu all denen die `Staatsfeind` sagen (gemeint ist der Schütze El-Or Azarya/Anm.), sage ich `israelischer Held!` Wir werden nicht aufgeben und ich verspreche euch, dass er nach Hause kommen wird.“

In der Tat könnte der Parlamentsabgeordnete recht behalten. Denn obwohl die Autopsie des getöteten Abed al-Fattah Yusri al-Sharif zweifelsohne ergeben hat, dass er an der letzten Kugel in den Kopf gestorben ist, wurde der Vorwurf des Militärgerichts von Mord auf Totschlag herabgestuft. Deshalb, so fordern Menschenrechtsorganisationen von Frankreich, sollte Azarya nicht in Israel wegen Mordes verurteilt werden. Stattdessen sollte der französische Generalstaatsanwalt Anklage wegen Kriegsverbrechen gegen ihn erheben.

Selbst wenn Frankreich tatsächlich solch einen Schritt unternehmen würde, was angesichts der sehr einflussreichen zionistischen Lobby in der Grande Nation eher unwahrscheinlich ist, wird Israel niemals den jungen Soldaten an Paris überführen. Der Druck all jener in Israel, die ihn jetzt als Helden feiern, ist schlicht zu stark und könnte sehr schnell zum Sturz der Regierung Netanyahu führen. Wer dann allerdings auf den zur Disposition stehenden Stuhl des Ministerpräsidenten folgen soll, haben diejenigen, die seinen Sturz fordern, schon klar gemacht: Naftali Bennett oder Avigdor Lieberman.

Spätestens dann dürften jene Stimmen verstummen, die selbst noch heute nicht müde werden zu betonen, dass Israel die „einzige Demokratie im Mittleren Osten“ ist oder die „gleichen Werte vertritt“ wie etwa Deutschland oder Frankreich. Gideon Levy, einer der bekanntesten Journalisten in Israel und deshalb auch ein Dorn in den Augen vieler Israelis, beschrieb den Zustand seines Landes mit diesen Worten: „Israel ist als Monster wiedergeboren – und niemand wird es stoppen.“

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Dein Kommentar

Kommentar

  1. Der Hass auf Aussenstehende ist in Ideologien und Religionen systemimmanent. Das zeigt sich auch in Israel. Die diffamierenden und bedrohlichen Inhalte der Tora, der Bibel und des Korans gegenüber Nicht- oder Andersgläubigen werden ja von religiösen Kreisen gerne mit dem theologischen Taschenspielertrick der Interpretation abgewiegelt.

    Und so lassen wir das gegenseitige Morden weitergehen, anstatt völlig inhumane Weltanschauungen endlich über Bord zu werfen. Unter wahrer Religionsfreiheit verstehe ich das Fehlen von Religion.

  2. „Sie zu töten ist ein Gebot !“
    Ach was !
    Da gibts noch eins, das steht im Koran !
    Aber was sind schon 31 Tote und 340 Verletzte in Brüssel, gegen einen Palästinenser in Israel !?
    Wie furchtbar, dass Europa nicht nach Israel schaute !
    EIN auf der Welt vergessener Ermordeter, wie scheußlich !
    Geht der Autor etwa davon aus, dass Politik und Terror Verschiedenes ist ?

    • Zum unterstützen braucht man kein fehlendes Gewissen, unterstützen tut ja nicht weh, aber selber machen, ist schon eine ganz andere Hausnummer !
      Das überlässt man dann doch lieber anderen.
      Vielleicht sind sie Gewissenlos, vielleicht auch nicht, aber auf jeden Fall, sind sie feige bis zum „Anschlag“ !

Webmentions

  • Was Amerika darf, dürfen wir auch | textblätter 7. April 2016

    […] in Hebron eines jungen palästinensischen Mannes durch einen israelischen Soldaten, ein Dreiteiler (Teil 1 und Teil 2) geworden. Ich habe es im zweiten Teil bereits geschrieben, dass mich dieser Fall sehr […]