in Naher Osten

Von Thalif Deen – New York (IPS) – Die massive militärische Schlagkraft, mit der Israel derzeit gegen die militante Palästinenserorganisation Hamas im Gazastreifen vorgeht, weckt Erinnerungen an den algerischen Unabhängigkeitskrieg (1954-1962). Damals nutzte die Kolonialmacht Frankreich ihre militärische Stärke, um mit brutaler Gewalt die Rebellen zurückzuschlagen.

Während Frankreich vorgeworfen wurde, Napalm gegen Zivilisten in den Dörfern einzusetzen, beschuldigte man die Algerier, selbstgemachte Bomben in Damenhandtaschen in Cafés, Restaurants und öffentlichen Plätzen zu deponieren, die häufig von Franzosen frequentiert wurden.

In einer denkwürdigen Szene in dem Filmklassiker ‚Schlacht um Algier‘ wird Ben M’Hidi, ein bedeutender politischer Führer des algerischen Befreiungskrieges, der die Guerillaeinsätze der Nationalen Befreiungsfront (NLF) in Algier 1957 koordinierte, einer Gruppe französischer Journalisten in Handschellen vorgeführt.

Auf die Frage eines Reporters, ob es nicht feige sei, Taschen und Körbe von Frauen für Sprengsätze zu verwenden, die vielen unschuldigen Menschen das Leben kosteten, antwortete M’Hidi:

„Und ist es nicht noch feiger, über unbewaffneten Dörfern Napalmbomben abzuwerfen, durch die es tausend Mal mehr unschuldige Opfer gibt?“ Und dann fügte er noch hinzu: „Hätten wir eure Kampfflugzeuge, wäre es für uns natürlich leichter. Gebt uns eure Bomber, dann könnt ihr unsere Handtaschen und Körbe haben.“

Im derzeitigen Konflikt im Gazastreifen würde eine Umkehr der militärischen Machtverhältnisse bedeuten, dass die Hamas mit Kampfflugzeugen, Luft-Boden-Raken und Panzern ausgestattet wäre und Israel mit selbstgemachten Raketen zurückschießen würde.

Kostenlose Waffensysteme aus den USA

Doch was sich dort derzeit abspielt, ist der Kampf der Hamas gegen ein Land, das im Besitz einer eindrucksvollen und ausgeklügelten Kriegsmaschinerie ist, ausgestattet mit Waffensystemen, an die Israel im Rahmen der sogenannten ‚Ausländischen Militärfinanzierung‘ (‚Foreign Military Financing‘ – FMF) der USA gratis gekommen ist.

Jüngsten Zahlen zufolge hat der inzwischen zweiwöchige Konflikt mehr als 1000 Palästinensern, vor allem Zivilisten einschließlich 230 Frauen und Kindern, das Leben gekostet. Mehr als 2.700 weitere Palästinenser wurden verletzt. Auf israelischer Seite starben bisher 50 Soldaten und zwei Zivilisten.

Angesprochen auf das militärische Ungleichgewicht erklärte James E. Jennings, Vorsitzender von ‚Conscience International‘ und Geschäftsführender Direktor der ‚US Academics for Peace‘:

„Solange man nicht selbst auf den Straßen von Gaza die israelischen Truppen erlebt hat oder auf dem Boden unter israelischem Luftangriffen schlafen musste wie ich bei Hilfseinsätzen 1989, 2000 und 2009, kann man sich die Unverhältnismäßigkeit der Macht in diesem Konflikt nicht vorstellen.“

„Ich sah Jungen, die beim Weglaufen von israelischen Soldaten, die in Panzerwesten steckten, mit Uzi-Gewehren in den Rücken geschossen wurden. Und 2009 und 2012 konnte ich mir in Rafah ein Bild von den verheerenden Auswirkungen der technologischen Überlegenheit Israels durch die Koordinierung ausgeklügelter Computer, Drohnen und F-15-Kampfjets machen“, fügte der Friedensaktivist hinzu.

Der wiederholte Raketenbeschuss habe sich offensichtlich gegen junge Männer gerichtet, die durch die Tunnel gekrochen seien, um die abgeriegelte Bevölkerung mit Lebensmitteln und Medikamenten zu versorgen, sagte Jennings. Dabei seien oft hilflose Zivilisten auf der Flucht vor den Bomben getroffen worden.

Die Zahl der Todesopfer in diesem sogenannten ‚Krieg‘ spreche für sich, auch wenn Zahlen allein der Realität bei weitem nicht nahekämen, betonte er.

„Meine Arbeit hat mich mit verletzten Frauen und Kindern in Krankenhäusern in Rafah und Gaza-Stadt zusammengebracht und ich habe geholfen, die Leichen wegzubringen.“

Hamas-Raketen weitgehend wirkungslos

Bei einer Asymmetrie der militärischen Schlagkraft kommt es zu einer Situation, „in der mit Kanonen auf Spatzen geschossen wird“. Was die größtenteils handgemachten Kassam-Raketen der Hamas angehe, zeige sich deren Wirkungslosigkeit an der Zahl der Opfer: Von den 2.000 Raketen seien bisher zwei Israelis tödlich getroffen worden.

„Das sind weit weniger Opfer als die acht US-Amerikaner, die durch Feuerwerksraketen am 4. Juli [US-amerikanischer Unabhängigkeitstag] getötet wurden.“

Verteidigungsanalysten zufolge hat Israel die Milliarden Dollar teuren US-Waffen im Rahmen eines nicht rückzahlbaren FMF-Kredites erhalten. Israel kommt derzeit in den Genuss einer auf zehn Jahre (2009-2018) befristeten Militärhilfe im Wert von insgesamt 30 Milliarden US-Dollar. Und nach Angaben des Forschungsdienstes des US-Kongresses (CRS) ist Israel zudem der größte einzelne FMF-Empfänger. Bis 2015 werden die Kredite einen Anteil an den gesamten auswärtigen US-Aufwendungen von 55 Prozent erreichen. Der Anteil der US-Militärhilfe am jährlichen Militärhaushalt Israels beläuft sich auf 23 bis 25 Prozent.


Created with flickr slideshow.

 

Laut der Militäranalystin Nicole Auger, die bei ‚Forecast International‘ für die Region Nahost und Afrika zuständig ist, importiert Israel quasi alle seine Waffensysteme aus den USA. Dabei handelt es sich weitgehend um hochmoderne Rüstungsgüter, die in Israel nicht selbst produziert werden, oder von denen Israel der Meinung ist, dass es zweckmäßig ist, sie mit US-Hilfskrediten zu bezahlen. Forecast International ist ein weltweit führendes, auf Militärfragen spezialisiertes Marktforschungsinstitut.

Auger zufolge räumt Israel trotz aller Überlegungen, die Bodentruppen aufzuwerten, der Überlegenheit der Luftwaffe Priorität ein. Dies habe dazu geführt, dass das Land zusätzliche F-15I-Düsenflieger bestellt habe, die solange die wichtigsten Kampfjets sein sollen, bis die F-35-Kampfjets aus dem Joint-Strike-Fighter-Programm von der israelischen Luftwaffe verwendet werden können.

Zusammen mit seinen 25 F-15I-Langstreckenbombern (‚Ra’ams‘) verfüge die israelische Luftwaffe zudem über F-16I-Flieger (Soufas), die unter dem ‚Peace-Marble-V-Programm 1999 (50 Plattformen) und 2001 (Option für die Beschaffung weiterer 52 Flieger) angeschafft worden seien, berichtete Auger. Die F-15I- und F-16I-Jets, von denen einige bei Luftangriffen auf den Gazastreifen eingesetzt würden, seien US-Jets, die man den israelischen Bedürfnissen angepasst habe.

Das israelische Waffenarsenal beinhaltet darüber hinaus eine Vielzahl von Kampfhubschraubern. Auger zufolge wurde die Flotte der Transporthubschrauber vom Typ Sikorsky CH-53 mit dem IAI-Elta-EL/M-2160-Raketenfrühwarnsystem aufgerüstet. Darüber hinaus hat Israel seine Kobra-Kampfhubschrauber vom Typ Bell AH-1E/F/G/S modernisiert und seine AH-64A-Apache Helikopter von Boeing zu AH-64D-Apache Longbow-Hubschraubern ausgebaut.

Auf mittlerer Verteidigungsebene stehen aufgerüstete Patriot-PAC 2-Raketenabwehrsysteme (PAC 3) bereit. Außerdem verfügt die Luftwaffe über Laser-gelenkte Paveway-Bomben, BLU-109-Penetrationsgefechtsbomben, einen Nachrüstsatz für diverse ungelenkte Bomben und GBU-28-Panzerbrecher. Seine Bodenfahrzeuge stellt Israel weitgehend selbst her.

Weltweit tolerierte Verstöße gegen das Völkerrecht

Jennings zufolge gibt es zwei Tatsachen, die in der Standardberichterstattung über den Nahostkonflikt zu kurz kommen. So werde das von Israel und seinen Verbündeten in Washington so gern bemühte Recht auf Selbstverteidigung nie auf das Jahr 1948 angewendet, als tausende Palästinenser aus ihren Häusern und von ihrem Land vertrieben wurden, „um in das größte Gefangenenlager der Welt, den Gazastreifen, gesperrt zu werden“.

Außerdem habe die Welt geschwiegen, als Israel mit Unterstützung von USA und Ägypten im wahrsten Sinne des Wortes das Leben der 1,7 Millionen Menschen im Gazastreifen durch den weitgehend wirksamen Sperrgürtel abgewürgt und ein fast vollständiges Embargo auf Güter und Waren verhängt hat – mit weitreichenden Folgen für die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln und Medikamenten.

„Das sind Kriegsverbrechen sowie schwere und fortgesetzte Verstöße gegen internationales humanitäres Recht, die während der letzten sieben Jahre begangen werden, doch denen die Welt den Rücken zuwendet“, meint Jennings. „Der Schmutzfleck dieser schändlichen Vernachlässigung wird noch Jahrhunderte zu sehen sein. Dennoch wundert sich der Westen über den Zorn in Nahost.“

Diese und tausende andere News finden Sie ab jetzt auch auf Krisenfrei.de
  • Deutschlands größte alternative Suchmaschine
  • Über 2000 News aus allen TOP Quellen
  • Unabhängig und Übersichtlich
>>> JA, ich möchte alle alternativen News auf einen Blick


Dein Kommentar

Kommentar

  1. Was wir hier sehen ist ein Genozid. Für die Regierung Israels sind die Palästinenser nur ein ärgerliches Hindernis zu ihrem Traum von einem Groß-Israel. Jeder der das Vorgehen Israels unterstützt, ist mitschuldig und wird hoffentlich später zur Verantwortung gezogen.

  2. Natürlich hat Israel das Recht auf Selbstverteidigung gegen die Indianer, die aus ihrem immer kleiner werdendem Reservat Pfeile heraus schießen.

    Das dürfen sich friedliche Siedler von den Wilden nicht gefallen lassen.

    Die Palis sind alles Terroristen. Für Terroristen gilt das Menschen- wie Völkerrecht nicht.

    Die Juden hingegen wollen nur in Frieden leben – auf dem Land der Palästinenser.

    Ach ja, wer was anderes sagt ist bestimmt ein Antisemit!