in Naher Osten

Am 19.2. titelte „Debka.file“, das Journalisten aller Couleur als eine Plattform des Mossad für Des-Information ansehen, „Die Truppen Assad’s ziehen sich vom Golan zurück, überlassen Israel den Angriffen der Islamisten„. Die Überschrift gibt gleich einen Eindruck von der Sorte Humor, den man bei Debka pflegt, um so mehr, wenn man ihre Schlagzeile vom Vortag, dem 18.2. in Rechnung zieht: „Syrische Islamisten packen die Hisbollah bei den Eiern – mit Waffen aus dem Kosovo und Bosnien„*.

Darin erfahren wir, die islamistischen Terrorgruppen in Syrien hätten „erstmals“ schwere Waffen erhalten, die aus den genannten Ländern stammen sollen, vor allem panzerbrechende Waffen vom Typ „Kornet“ und „Fagot“. „Erstmals“ ist die erste Lüge. Seit dem Kampf um Homs vor einem Jahr hat die syrische Armee etliche Tonnen schwerer Kriegswaffen beschlagnahmt. Doch die Absicht der Lüge bleibt zunächst dunkel. Anschließend lesen wir (Hervorhebung von mir):

Schwer zu sagen, wer die neue See-Route für Waffenlieferungen nach Syrien organisiert und finanziert. Eine Theorie dazu lautet, es sei die Albanische Mafia.

Der „Merker“ ist der Widerspruch zwischen der Sicherheit, mit der der Autor behauptet, es gebe „eine neue Seeroute“, obwohl er nicht wisse, wer die Lieferungen organisiert. Es könnte demnach also auch eine der bekannten libanesischen oder türkischen Seilschaften sein. Diesen Widerspruch ent- wie verdeckt der Autor mit der hanebüchenen Behauptung,  die Albanische Mafia könne dahinter stecken. Die Mafia im Balkan ist an Geld und guten Verbindungen interessiert, hat auch sicher gute Verbindungen in die Türkei und in den Libanon (Drogen- und Geldwäschegeschäfte), aber selbst wenn sie – was so gut wie auszuschließen ist – bereit wäre, das organisatorische Risiko der Auslieferung ab Anlandungshafen zu übernehmen, es würde ihr gewiß nicht überlassen. Die Aufgabe erfordert  Know-How und Verbindungen, die nicht sie, sondern allenfalls ihre Konkurrenz in den Zielländern hat, falls das ausreichen sollte.  So oder so gäbe es keine „neue Seeroute“, weil die nicht durch den Austausch eines Verschiffungshafens entsteht. Selbst solch ein Austausch wäre zweifelhaft. Dass es im Kosovo Trainingscamps für syrische Terroristen gibt und die US-Basis Camp Bondsteel eine gewichtige Rolle bei mittelöstlichen Operationen der CIA und des Pentagon spielt – schon im Falle Libyens – ist in halbwegs informierten Kreisen strassenbekannt. Dennoch mag dieser „Gipshaxn“ bei flüchtiger Lektüre nicht gleich auffallen. So setzt der Autor nach:

Erstmals stehen Waffenlieferungen an syrische Rebellen nicht unter der Kontrolle westlicher oder arabischer Agenten, die in den syrischen Aufstand verwickelt sind.

Dasselbe Thema, wie oben, nur diesmal ohne semantische Schlupflöcher: Entweder die letzte Behauptung ist eine Lüge, oder die voran gegangene, weil  der Autor genau weiß, wer die Lieferungen organisiert und finanziert. Weder können sie beide stimmen, noch können sie beide falsch sein, denn die zweite Lüge machte die erste irrelevant. Folglich, zeigt der Autor an,  stimme die  zweite Behauptung. Mit dieser Logik arbeitet die (Des)information Debka’s regelmäßig.
Den Firlefanz um diesen Kern herum können wir ignorieren.

Damit wissen wir natürlich noch nicht, wer die Waffen liefert, obwohl die Antwort „Israel“ nahe liegt. Warum sollte sich eine Fraktion aus London, Paris, Berlin, Washington, aus einem arabischen Land, die mit Restriktionen für Waffenlieferungen an die Terrorbanden nicht einverstanden ist, bemüßigt sein, eine neue logistische Route aufzulegen? Es ist doch bekannt, an welche Adressen z.B. in Dubai, Doha, Istanbul, İskenderun man sich da wenden kann, und wer sie nicht kennt, kann vertrauensvoll Mouaz al Khatib befragen, den Strongman der „nationalen Koalition syrischer Revolutionäre“.

Die Waffen kommen aus Kroatien, sagen die Syrer

Einen neuen Hinweis erhalten wir von Al Manar. Der Fernsehsender, der von der Hisbollah betrieben wird, berichtete am 23.2. im täglichen Überblicksartikel seiner französischsprachigen Redaktion unter Berufung syrische Informanten,  man habe bei den Terroristen erstmalig panzerbrechende Waffen folgender Typen aufgefunden bzw. beobachtet:  M60 (panzerbrechendes Gewehr), Osa M79 (Raketenwerfer), RPG-22  und MGL/RBG Granatwerfer. Dieses Arsenal, heißt es dazu, zähle zur Ausstattung der kroatischen Armee. Es sei zuerst in der Provinz Idleb beobachtet worden, doch anschließend sehr rasch im Raum Damaskus aufgetaucht. (Siehe Update am Ende des Artikels)

Letztere Information ist von entscheidender Bedeutung, weil die Kriegsparteien in letzter Zeit übereinstimmend mitteilen, die jordanische Grenze sei geschlossen und Lieferungen über die libanesische Grenze sehr erschwert **. Im Raum Damaskus operierende „Rebellen“ werden, wie kürzlich ITAR-TASS bestätigte, mit Leichtigkeit aus dem Irak aufgestockt und bewaffnet.  Warum sollte Debka nicht mitteilen, die neuen Waffen kämen (vermutlich) über die irakische Grenze, sondern eine falsche Spur in den  Libanon legen, die den syrischen Angaben entgegen steht, die neuen Waffentypen seien zuerst in Idleb aufgetaucht? Genau: Wenn der Autor die plausible Variante ausschließen will, weil ihm daran liegt, durchblicken zu lassen, von wem die Waffen in Wahrheit kommen. Zum Beispiel, weil er es denjenigen unter der Entourage des Herrn Obama mitteilen will, der keinen Zugang zu Geheiminformationen der NSA hat.

Bleibt, wenn wir dem Autor die „neue Route“ abnehmen, der Weg über den Golan übrig, ergänzt durch eine andere, wenig bekannte Route, die exzellente Beziehungen zwischen Israel und der kurdischen Feudalherrschaft im Irak zur Verfügung stellen könnte. Das Verhältnis steht unter dem Stern, „der Feind meiner Feinde ist mein Freund“ ***.
Dazu passt die Differenz der Herkunftsangaben zwischen Debka (Kosovo/Bosnien) und Hisbollah/Syrien (Kroatien). Israel pflegt beste politische und Handelsbeziehungen mit Kroatien, bessere, als mit allen anderen Ländern Ex-Jugoslaviens, Montenegro vielleicht ausgenommen.

Schließlich wird durch diese Lösung auch die Eingangslüge von „erstmaliger“ Lieferung schwerer Waffen plausibel. In Israel weiß man bestens – und hat dies mehrfach verlauten lassen – dass eine Aufrüstung die Terrorbanden nicht in den Stand versetzen kann, die syrische Armee zu überwältigen – in der erreichten Kriegsphase, in der sie es zunehmend mit Volksverteidigungsmilizen zu tun bekommen,  schon gar nicht mehr. Sie taugt nur, das Land unrettbar ins Chaos zu stürzen und zu zerlegen. Das aber ist  Israels Forderung an den Westen, wie der seinerzeit amtierende israelische Außenminister Amos Yadlin anlässlich der „Münchner Sicherheitskonferenz“ der Öffentlichkeit fast unverblümt mitteilte: Israelische Diplomatie deutet Junktim zwischen Israels Bestand und Syriens Somalisierung an. An diesem Ziel bemessen hatten die Terrorbanden, wie die lange Kriegsdauer beweist, nie genug Mordmaschinen.

Eine russische Wortmeldung

Bleibt dem Chronisten, auf einen Artikel von Dmitry MININ in Strategic-culture.org aufmerksam zu machen. Minin hat kürzlich kein Hehl daraus gemacht, dass er den sog. „Syrienkonflikt“ am Liebsten  beendet sähe, indem russische und amerikanische Armee Seite an Seite in Syrien einmarschieren, wenn man in Amerika nur darauf verzichten wollte und könnte, das Land zu einer Basis für weiter greifende, aggressive Regionalstrategien zu machen. In einem langen Essay zur amerikanischen Imperiumsstrategie, anhand einer ihrer Schlüsselfiguren, Zbigniew Brzezinski as a mirror of American devolution (II), hat Minin generell russische Teilhabe an einer westlichen Weltordnung (gegen die aufstrebenden asiatischen Ökonomien) befürwortet und eingefordert. Die zionistischen Ambitionen und außenpolitischen Freiheiten Israels spielen in diesem Konzept die Rolle eines notorischen Störfaktors, den nicht einzudämmen zu können oder zu wollen, einen Teil der  – in Minins Augen – bedauerlichen Schwächen, Irr- und Abwege der US-Politik aufzeige.
Deshalb wundert es mich nicht, dass Minin die Des-Information Debka’s ohne Abstriche weitergibt. Er durchschaut sie gewiss, mochte aber nicht darauf verzichten, sie den Amerikanern unter die Nase zu reiben : ‚Da seht ihr, was ihr davon habt, wenn ihr gegen uns agiert, statt mit uns.

Noten:

* „bei den Hörnern packen“ wäre der Sprachebene des Originals, „Syrian Islamists meet Hizballah head-on“, sicherlich angemessener, aber sinngemäß halte ich die Gossensprache für treffender.

** Letzteres bestätigt der Debka-Artikel mittelbar, wenn man in Rechnung zieht, daß nach Angaben von Al Akhbar, das Rechercheure vor Ort hat, die libanesisch – syrische Grenze nach dem Zwischenfall von Ersal sehr ruhig ist und die libanesische Armee beträchtliche Truppenkontingente entsandt hat, damit das so bleibt.

*** Es gibt verstreute Meldungen dazu, die ich jetzt nicht parat habe, und die selbstverständlich leicht angreifbar sind. Es ist, angesichts der Plausibilität dieser Allianz,  eher umgekehrt: Der hier berichtete Vorgang liefert einen Hinweis, dass sie stimmen könnten.

Update 25.2.
Gestern abend nahm ein Artikel von Liz Sly and Karen DeYoung in der Washington Post das Thema auf, ohne Bezug zu „Debka.file“. Die Autorinnen betonen mehrfach, es bleibe ein Geheimnis, wer die Waffen geliefert habe, wenn auch „verbreitet angenommen“ werde, Saudi Arabien spiele dabei die Hauptrolle „mit Unterstützung arabischer, amerikanischer und europäischer Alliierter“. Auch die Darstellung der WP hat einen Gipsfuß. Er betont, niemand werde ernsthaft erwarten können, die Aufrüstung werde den „Aufständischen“ zum Durchbruch verhelfen und zitiert anonyme, arabische  Quellen mit der Angabe, ausschließlich säkulare Kräfte in der „Opposition“ erhielten die neuen und wirksameren Waffen, um ihnen ein Gegengewicht  zu den Islamisten, günstigenfalls ein Übergewicht über sie  zu geben.  Wenn Saudi Arabien dies aus Rücksicht auf islamische Glaubensbrüder nicht bekannt werden lassen will – die plausible Erklärung für die Geheimniskrämerei in der Darstellung der WP – warum sollten sie sich dann überhaupt einmengen und das große Risiko eingehen, dass jemand „quatscht“? Es wäre um so unnötiger, als die WP entgegen entschiedenen Dementis aus Amman behauptet, die Lieferungen erfolgten über die jordanische Grenze. Amman, aber auch die in Jordanien, der Türkei und selbst im Libanon (Unifil) stationierten europäischen und amerikanischen Streitkräfte wären in diesem Szenario die „natürlichen“ und schadlos ins Spiel zu bringenden Verdächtigen.

Am Schluss des Artikels heißt es, die neue Bewaffnungsrunde sei „wahrscheinlich“ gedacht, das „syrische Regime“ zu einer „Verhandlungslösung“ zu zwingen. Dies bestätigt abermals, dass es den Angreifern in diesem Krieg praktisch  nur noch darum geht, dass, wann und auf welche Weise Herr Bashar al Assad der unhintergehbaren Forderung Obamas gemäß persönlich beseitigt wird. Doch das wird ein Thema in einem neuen Artikel.

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Kommentar

  1. Teile der Waffen werden auch in Suedafrika hergestellt. Und andere Teile davon sind auch im Besitz von Bosnien und Herzegowina. Das eben auch Kroatien die Waffen besitzt, heisst nicht das Kroatien die Waffen liefert. Es ist lediglich eines der moeglichen Laender die es liefern koennten. Und der Verweis das Israel und Kroatien Handelsbeziehungen haben ist ebenfalls nicht ein Indiz dafuer das ueber Israel, potenziell in Kroatien hergestellte Waffen geliefert werden.

    Diese Waffe stammt aus Russland.
    http://de.wikipedia.org/wiki/RPG_(Waffe)#RPG-22_Neto
    Die Bosnier haben diese Waffe, die Kroaten laut der Listen hingegen nicht:
    http://en.wikipedia.org/wiki/M60_machine_gun

  2. Diese wird zwar in Suedafrika wie auch in Kroatien hergestellt:
    http://en.wikipedia.org/wiki/Milkor_MGL

    http://en.wikipedia.org/wiki/M79_Osa
    The M79 Osa was designed and manufactured in the former Yugoslavia. It has continued production in Serbia, the Republic of Macedonia, and in Croatia as the RL90 M95
    Bosnien hat die Waffe ebenfalls.

    Also, es gibt 4 Waffentypen. Von denen hat Kroatien 2 nicht. Die Türkei besitzt die M60.

    Bosnien besitzt 2 der 4 Waffenarten.

  3. http://en.wikipedia.org/wiki/Rocket-propelled_grenade
    Yugoslavia
    During the Yugoslav Wars (1991-1995), RPGs were used by all sides with great effect. RPGs used were M-79 Osa, RPG-7, RB M-57 and M-64 ‚Zolja‘. RPGs were used with great effect in the famous Battle of Vukovar by the Croatian army, during which more than 300 tanks, APCs and vehicles were put out of action.

    Ich muss korigieren die Waffe M60 gibt es nicht in Kroatien, aber in der Tuerkei und Bosnien und Herzegowina. In Bosnien gibt es auch die RPG.

    Die RPG wurden in Afghanistan benutzt wie auch ueberall am Balkan waehrend des Krieges.

    Also, eindeutig zu sagen welches Land die Waffen liefert ist schwierig.

  4. „Also, eindeutig zu sagen welches Land die Waffen liefert ist schwierig.“
    Richtig.
    Inzwischen wurden die Angaben der Syrer, die ich von Al Manar habe (und die z.B. darauf basieren könnten, daß man schriftliches Material, Verpackungen etx. aus Kroatien fand) von Chivers in der NYT bestätigt, der das zusätzliche Herkunftsland Ukraine benennt und sich u.a. auf Beobachtungen ungewöhnlichen Frachtflugverkehrs zwischen Kroatien und Jordanien beruft.
    Das ARGUMENT meines Artikels ist nur gar nicht die TATSÄCHLICHE Kauf- oder Werksadresse der Waffen, die ist bei diesem Zeugs einigermaßen beliebig, sondern die Absichten, mit denen OHNE NOT – denn niemand will genaueres wissen oder sagen – Länder wie Kroation, Ukraine INS SPIEL gebracht werden.

  5. (Fortsetzung) bzw. in der Fassung von Debka der WIDERSPRUCH, daß es sich um eine Lieferlinie handele, die Kontrollen und Restriktionen der Türken / des CIA u.a. umgehe, wenn doch seit langem bekannt ist, daß die Logistik der Söldner die genannten Abgangsadressen Bosnien und Kosovo enthält.

    Unterdessen ist das „Problem“ der Psy-Op ja ein anderes, nämlich die alberne Behauptung, das Zeug ginge exklusiv an „säkulare“ und „nationalistische“ Abteilungen unter den Banden.

    Dazu, bzw. eher zum Umfeld der Ankündigung Kerry’s in London, man wolle die europäischen NATO-Staaten in Rom dazu nötigen, das eben erst verlängerte Waffenembargo der EU zu brechen und damit einer EU-Außenpolitik ein finales Grab bereiten, mehr in einem kommenden…

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  • Anonymous 27. Februar 2013

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