in Naher Osten

Von Mona Alami – Beirut (IPS) – Der Aufstand sunnitischer Dschihadisten gegen die von Schiiten dominierte Regierung im Irak und der Bürgerkrieg in Syrien geben Anlass zur Sorge, dass die Gewalt in den beiden Nachbarstaaten auf das politisch in zwei Lager geteilte Nachbarland überspringen könnte.

Das Vorrücken der islamistischen ISIS-Fundamentalisten im Irak und in Syrien, die in beiden Ländern ein islamisches Kalifat errichten wollen, gefährdet die fragile Ruhe im Libanon. Am 20. Juni zündete ein Selbstmordattentäter nahe einem Kontrollposten der libanesischen Sicherheitskräfte in Dahr al-Baidar in der Bekaa-Region eine Autobombe. Vermutet wird, dass der Anschlag dem libanesischen Sicherheitschef Abbas Ibrahim galt, der kurz zuvor in einem Konvoi vorbeigefahren war.

Die staatliche libanesische Nachrichtenagentur berichtete, dass bei der Detonation zwei Menschen ums Leben kamen und weitere verletzt wurden.

„Die Gefahr geht von den Schläfern der landesweit existenten Terrorzellen aus. Wir haben allein in der letzten Woche mehrere Komplotte und Sicherheitsverstöße aufgedeckt“, kommentierte den Vorfall ein libanesischer Militärsprecher, der sich Anonymität ausbat.

Wie aus einem Papier des israelischen Geheimdienstes Mossad hervorging, das von der lokalen Zeitung ‚An-Nahar‘ am Tag des Selbstmordanschlages veröffentlicht wurde, hatten Islamisten der Al-Qaeda-nahen Abdullah-Azzam-Brigaden die Ermordung eines hochrangigen Sicherheitsoffiziers geplant. Denkbar ist, dass damit Ibrahim gemeint war.

Sicherheitsplan führt zu Festnahmen

Die Umsetzung eines Sicherheitsplans in diesem Jahr führte zur Festnahme etlicher Terroristen, die für eine Reihe von Bombenanschlägen in den Hisbollah-nahen Schiitengebieten verantwortlich gemacht werden. Die Organisation ist derzeit stark in Syrien involviert. Dort bilden etwa 5.000 Hisbollah-Kämpfer die Speerspitze der Militäreinsätze auf Seiten der Truppen von Präsident Baschar al-Assad, wie aus einer Quelle zu erfahren war, die der Gruppe nahe steht.

Der syrische Aufstand wird weitgehend von Sunniten angeführt, die sich mit der vom Assad-Clan geführten Regierung im Krieg befinden. Die Assads sind Alawiten, die wiederum dem schiitischen Islam angehören.

Der Hisbollah ist es mit seinen Kontrollen in den Grenzgebieten in Syrien gelungen, den Transfer von Bomben und Munition von Syrien in den Libanon nahezu zu unterbinden. Nur in den Regionen Bekaa und Nordlibanon konnten nicht alle Schlupflöcher dichtgemacht werden, wie Wehbe Katisha, ein ehemaliger libanesischer General und Militärexperte, berichtet.

In diesem Zusammenhang haben neue Berichte vor möglichen Angriffen auf den Bezirk Dahieh im Süden von Beirut, einer Hisbollah-Hochburg, gewarnt. Anfang der vierten Juniwoche verstärkten Mitglieder der Hisbollah und der libanesischen Armee die Sicherheitsvorkehrungen um Dahieh. Zuvor waren Pläne über Anschläge einer Terrorgruppe auf lokale Krankenhäuser bekannt geworden.

General Wehbe Katisha zufolge sind die institutionellen Schwächen des Landes, verbunden mit den sich weiter verzweigenden sunnitischen Dschihadisten-Netzwerken und den schiitischen Milizionären, Faktoren, die im Libanon den fragilen religiösen Frieden gefährden könnten.

„Waffen in den Händen der schiitischen Hisbollah und der palästinensischen Fraktionen sind für den Libanon, der ein dauerhafter Kriegsschauplatz ist, eine ständige Gefahr“, so Katisha.

Mobilisierung palästinensischer Flüchtlinge

Palästinensische Flüchtlinge im Libanon hatten bei den Sprengstoffattentaten im letzten Jahr und Anfang 2014 eine größere Rolle gespielt. Der Palästinenserkommandant Naim Abbas hatte ein berüchtigtes Netzwerk, das inzwischen von der libanesischen Armee zerschlagen werden konnte, angeführt: Die Abdallah-Azzam-Brigaden sind eine Unterorganisation der radikal-syrischen ‚Nusra-Front‘.

Die Organisation bekannte sich zu den Zwillings-Selbstmordanschlägen vom November gegen die iranische Botschaft in Beirut. Bei den Tätern handelte es sich um einen Libanesen und einen Palästinenser.

„Berichte legen nahe, dass radikale Palästinensergruppen in den Flüchtlingslagern aktiver werden“, warnte die Sicherheitsquelle.

Die Situation im größten Camp für palästinensische Flüchtlinge im Libanon, Ain al-Hilweh, ist dem Informanten zufolge prekär. Das Lager soll von extremistischen sunnitischen Milizionären aus Syrien und anderen libanesischen Gebieten unterwandert werden. Katisha zufolge lassen sich palästinensische Gruppen leicht von ausländischen Kräften manipulieren.

In einem Versuch, das Land vor der Gewalt im Irak zu schützen, hat die libanesische Armee Razzien in syrischen Flüchtlingslagern in Ersal an der libanesischen Ostgrenze zu Syrien durchgeführt. Am Rande des Dorfes leben mehrere Tausend syrische Rebellen, die sich aus den syrischen Grenzregionen zurückgezogen haben, nachdem diese von den Truppen Assads und der Hisbollah zurückerobert worden waren.

Die Al-Qaeda ist im Libanon zwar nicht offiziell vertreten, doch gibt es Personen, die sich von ihr angesprochen fühlen und danach trachten, aus der zunehmend sunnitisch-schiitischen Rivalität im Libanon Kapital zu schlagen.

„Dort hat man das Gefühl, daß es sich in Syrien, im Irak und im Libanon um denselben Kampf von Sunniten handelt, die von Erfüllungsgehilfen des Iran unterdrückt werden“, meinte der libanesische Salafist Sheikh Nabil Rahim.

Die Botschaft der Al-Qaeda-Ableger, ob sie sich nun ISIS oder Nusra-Front nennen, ist für die libanesischen Sunniten ansprechend, zumal diese die zunehmende militärische Macht der Hisbollah und deren Beteiligung am Krieg gegen ihre sunnitischen Brüder in Syrien beunruhigt.

Seit der Ermordung 2005 von Ministerpräsident Rafic Hariri, einem Mitglied der sunnitischen Gemeinschaft, und seit dem Sturz der Regierung von Ministerpräsident Saad Hariri 2011 sind die libanesischen Sunniten auf Streit mit der Hisbollah aus. Fünf Mitglieder der Milizengruppen stehen derzeit wegen der Ermordung von Ex-Ministerpräsident Rafic Hariri vor dem Sondergericht für den Libanon.

Irak als Spannungsverstärker

„Die jüngsten Entwicklungen im Irak werden sicherlich die religiösen Spannungen in der Region und im Libanon verschärfen. Auch wird die Popularität der ISIS unter Sunniten in bestimmten Regionen zunehmen“, warnt Sheikh Rahim.

Somit scheint der Libanon erneut in den Kreislauf der regionalen Gewalt hineingezogen zu werden. Und es sieht ganz danach aus, als könne die ISIS aus einer Entfernung von hunderten Kilometern radikale Gruppen im ‚Land der Zedern‘ erreichen.

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Kommentar

  1. „Night of the living dead…“
    (Radiointerview in Englisch vom 23. Juni 2014)

    http://tarpley.net/night-of-living-dead-as-neocon-zombies-mccain-graham-wolfowitz-perle-arise-to-demand-new-conflicts-with-syria-russia-iran/
    MUST HEAR mit Webster Griffin Tarpley

    Thema: I.S.I.S: Ein neues Monster, hochgezogen an der Brust westlicher Geheimdienste im Interesse kriegslüsterner Neocons, finanziert von Wüstenherrschern und versteckt von Neoosmanen hat sich erhoben – zum Schrecken des Nahen und Mittleren Ostens.

  2. Ich würde mir mal das Filmchen auf Youtube anschauen, wo Vier-Sterne-General Wesley Clark die Länder aufführt, in denen ein Regierungswechsel seit spätestens 2001 geplant ist.
    Das Interview stammt von 2007.

    Wer kann 10000 Mann ISIS finanzieren, über Monate ausbilden mit der entsprechenden Infrastruktur ausrüsten?