in Naher Osten

Von Giuliana Sgrena

Tunis, 8. April (IPS) – Wenn nachts das Telefon läutet oder jemand an die Türe pocht, kommt die Angst. Denn dann müssen tunesische Familien mit der Nachricht rechnen, einen Sohn, Bruder oder Ehemann an den ‚Heiligen Krieg‘ (Dschihad) in Syrien verloren zu haben.

In einem solchen Fall haben sie keine Möglichkeit, die Verschwundenen zu kontaktieren. Sie wissen nicht, ob ihr Angehöriger freiwillig oder unfreiwillig in den Krieg gezogen ist. Haben sie Glück, meldet sich der Betroffene von Libyen aus per Telefon, um sich in dürren Worten zu verabschieden.

Danach keine Nachrichten zu erhalten, ist eine gute Nachricht. Denn in den meisten Fällen, in denen die Familien erneut kontaktiert werden, erfahren sie vom ‚Märtyrertod‘ ihres ‚verlorenen Sohns‘. Manchmal finden sie am nächsten Morgen eine DVD über das Begräbnis auf der Türschwelle.

Die Zahl junger Tunesier, die sich der Freien Syrischen Armee (FSA) angeschlossen haben, um zum Sturz des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad beizutragen, ist unbekannt. Experten und Zivilaktivisten stimmen jedoch darin überein, dass sie steigt.

Am 29. März berichteten tunesische Medien, dass schätzungsweise bis zu 10.000 Männer das Land verlassen haben. Die algerische Presse spricht gar von 12.000. Betroffene Familien haben IPS berichtet, dass die ‚Dschihadisten‘ das Land in der Regel nachts und unter falschen Namen verlassen, was die Suche nach ihnen unmöglich macht. Die Rekrutierung läuft ihrer Ansicht nach über Moscheen und Hilfsorganisationen.

Tunesien gilt als ‚Wiege der Revolution‘. Es hat sich dank seiner starken Demokratiebewegung den Ruf erworben, ein progressives Land zu sein, dem es gelungen ist, den ehemaligen Diktator Zine Abadine Ben Ali loszuwerden. Der Wahlsieg der moderaten Islamistenpartei ‚Ennahda‘ im Oktober 2011 gab der Hoffnung auf eine inklusive Zukunft weiteren Auftrieb.

Salafisten als Strippenzieher

Doch hinter den Kulissen zieht eine ultrakonservative Strömung aus Salafisten die Strippen. Sie dominieren die Fath-, Ennassr-, Ettadhamen- und die große Ben-Arous-Moschee am Rande von Tunis. Die Imame dieser Moscheen stammen oft aus den Golfstaaten und sind darin geschult, junge Männer aus armen Familien anzuwerben, damit sie den „syrischen Brüdern“ gegen Assad zur Seite stehen.

Wohlfahrtsorganisationen wie ‚Karama wa Horrya‘, ‚Arrahma‘ und ‚Horrya wa Insaf‘ sollen ebenfalls eine wichtige Rolle in diesem Netzwerk spielen, das die künftigen Kämpfer zunächst nach Libyen schafft und nach einem kurzen Zwischenstopp in der Türkei an die syrische Front im Nordwesten Syriens oder in die Stadt Aleppo schickt. Die erste Anlaufstelle der jungen Kämpfer vor Ort ist die ‚Jabhat al Nusra‘ (Front zur Unterstützung des syrischen Volkes), der aggressivste militante Arm der FSA.

Außer vagen Details ist in Tunesien nur wenig über den Rekrutierungsprozess bekannt. Die einzig glaubwürdigen Informationen liefern die Dschihadisten selbst, wenn sie wegen einer schweren Kriegsverletzung nach Tunesien zurückkehren. Allerdings sind die meisten von ihnen viel zu verängstigt, um über ihre Erfahrungen in Syrien zu berichten.

Tunesiens junge Leute, die maßgeblich zum Gelingen der Revolution von 2011 beigetragen haben, sind in der Bewertung des syrischen Aufstands gespalten. Semi Ghesmi, ein salafistischer Student und Leiter der Nationalen Studentenunion, etwa steht vollständig hinter dem Kampf der syrischen Rebellen gegen das Assad-Regime. Er spricht von der „moralischen Pflicht, den Krieg der guten Muslime gegen die ‚Kafirs‘ oder Ungläubigen in Syrien zu unterstützen“.

Doch Nassira, eine Studierende der Manouba-Universität in Tunesien, ist anderer Meinung. Für sie ist der syrische Konflikt mit der tunesischen Revolution nicht zu vergleichen. Jede Revolution müsse wie in Tunesien vom Volke und nicht wie in Syrien von Extremisten anderer Länder ausgehen.

Die Meinungsunterschiede traten auch auf dem Weltsozialforum, das vom 26. bis 30. März in Tunis stattfand, offen zutage. Dort verbrannten Teilnehmer Flaggen der FSA auf den Straßen.

Dschihadisten oder Verbrecher?

Die meisten Familien, mit denen sich IPS unterhalten konnte, wollten aus Sicherheitsgründen anonym bleiben. Sie vermuten, dass hinter dem Schmuggel von Kämpfern einflussreiche und wohlhabende Kräfte stecken. Denn für jeden Rekruten wurden viele von ihnen mit 4.000 US-Dollar ‚entschädigt‘. Viele der Angehörigen sind zudem überzeugt, dass auch die Vermittler bezahlt werden und die Regierung den Menschenhandel toleriert.

Ein lokaler Journalist, der seinen Namen ebenfalls nicht nennen wollte, ist davon überzeugt, dass die tunesische Regierung an dem Handel beteiligt ist. Er und andere interpretieren eine Mitteilung des Ennahda-Chefs Rachid Ghannouchi, die vom Religionsministerium verbreitet wurde, als Eingeständnis der Regierung, weder die Praxis zu beenden noch die an dem Handel beteiligten Personen festzunehmen. Ghannouchi hatte gesagt,

„dass wir jungen Leuten nicht nahe legen, das Land zu verlassen, (…) aber nicht das Recht haben, sie daran zu hindern.“

In die gleiche Richtung weist das Abkommen, das Ghannouchi mit dem ehemaligen Chef des Syrischen Nationalrats Burhan Ghalioun und dem früheren Vorsitzenden des Nationalen Übergangsrats Mustafa Abdel Jalil, in Libyen am 11. Dezember 2011 unterzeichnet hatte. Darin verpflichteten sich die tunesischen und libyschen Vertragspartner, Syrien mit Waffen und Kämpfern zu unterstützen. Der Inhalt des Abkommens war im letzten Jahr in die Öffentlichkeit durchgesickert.

Unzufrieden damit, dass sich bisher vor allem tunesische Männer am Dschihad in Syrien beteiligen, haben einige geistliche Führer Tunesiens Frauen und Mädchen aufgefordert, den Kampf der Dschihadisten zu unterstützen, indem sie nach Syrien reisen und sich den Anti-Assad-Kämpfern als ‚Ehefrauen‘ anbieten. Das Phänomen hat an Boden gewonnen, seitdem der saudische Religionsführer Mohamed al-Arifi im Dezember 2012 eine Fatwa zugunsten von ‚Ehen auf Zeit‘, auch für wenige Stunden, zwischen tunesischen Mädchen und syrischen Kämpfern erließ.

Zwar hat al-Arifi die Fatwa nach einem öffentlichen Aufschrei der Empörung widerrufen. Doch Experten gehen davon aus, dass solche Ehen auf Zeit praktiziert werden, zumal in den letzen drei Monaten mehrere Mädchen verschwunden sind. Kritikern zufolge wird dem Sexhandel durch eine neue Form von Religiosität Tür und Tore geöffnet.

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Dein Kommentar

Kommentar

  1. Der saudische GeistesgestörteHassprediger Mohamed al-Arifi sollte sich für eine ‘Ehen auf Zeit’,wenn auch für wenige Stunden ,den kämpfenden männern beider Seiten zur verfügung stellen.
    Dann kann er selbst am eigenen Leib erfahren ,wie es ist hass zu predigen.

    So einer gehört für immer in die Irrenanstalt .

  2. In die Irrenanstalt gehoeren auch jene aus westlichen Laen-
    dern, die Terroristen bewaffnen und staendig andere Laender
    befreien wollen und eine „Demokratie“ aufzwingen moechten!

  3. Was hält der Prediger davon, wen er erstmal seine Töchter für soetwas zur verfügung stellt?
    Arschloch…..
    Ich bin moslem und habe selber Töchter…..
    das ist das letzte für mich …..

  4. Ich bin selber Sunnite aber ich hoffe vom ganzen Herzen das bashar diese Heuchler und verbreche dahin schickt wo sie hin gehören , unter der Erde . Diese Müchtegern Kämpfer sollten lieber Israel bekämpfen anstatt unnötiges arabisches Blut zu vergießen , Feige Säcke Israel hätten die längst ein nehmen können aber nein die können nur gegen einander kämpfen