in Naher Osten

Vor ein paar Tagen kam im Radio eine Nachrichtenmeldung, dass sich die deutschen Obstbauern aufgrund des russischen Importstopps von europäischen und amerikanischen Agrarprodukten um ihre Erträge dieses Jahr fürchten. Trotz sorgfältiger Pflege ihrer Obstbäume und dem unermüdlichen Einsatz den die Bauern für unser aller gesundheitliches Wohl erbringen, trotz Rekordverdächtiger Ernte fürchten sie sich aber davor dass sie am Ende auf ihren Äpfeln und Birnen sitzen bleiben. Nicht etwa weil Deutschland so viel Obst an Russland liefert, dieser Anteil liegt nur bei etwa 2.4%, sondern weil die Ost- und Südeuropäischen Länder wie Polen, Rumänien, Spanien oder Griechenland ihren Hauptmarkt Russland verloren haben. Man muss daher kein Wirtschaftsprofessor sein um die Vermutung anzustellen, dass dieses nicht verkaufte Obst aus Ost- und Südeuropa den deutschen Markt überschwemmen wird und das zu Preisen, wo unser Bauer Gerhard eben nicht mithalten kann und auf seinen Äpfeln und Birnen sitzen bleibt.

Alles kein Problem heisst es aus Brüssel, man werde mit 125 Millionen Euro die europäischen Bauern unterstützen. Den grössten Teil dieser 125 Millionen Euro werden aber jene Länder erhalten, die am meisten von dem russischen Importstopp betroffen sind, und das ist nicht Deutschland.

Zwar soll mit diesem Geld eigentlich die Überflutung von billigem Obst aus Ost- und Südeuropa zumindest verlangsamt werden, doch es gibt begründete Zweifel dass diese Mittel bei Weitem nicht ausreichen werden.

Es ist jedoch nicht nur die Agrarwirtschaft die von diesem Importstopp betroffen ist. Es ist die ganze Wirtschaft die darunter leidet, und zwar der ganzen Europäischen Union! Und wozu das alles?

Selten konnte man Zeuge dessen werden wie die Politik auf der ganzen Linie versagt hat. Unsere Märkte sind so gut wie ausgereizt, mit der Niedriglohnpolitik Deutschlands wurde zwar der deutsche „Wachstumsmotor“, der Export, auf Kosten der deutschen Nachbarländer angefeuert und gleichzeitig aber entzog man dadurch dem Mittelstand genau die Mittel die den Mittelstand erst ermöglicht haben. Wachstumsraten von über 1% wurden in den Medien als „Boom“ bejubelt, während etwas überheblich auf die europäischen Nachbarn geschaut wurde deren Wirtschaftsleistung sich teilweise auf das Niveau des Jahres 2000 zurückentwickelt hat.

Und mitten in diesem wirtschaftlichen Fiasko haben es unsere Politiker geschafft, sich in der Ukraine Frage so sehr zu verzetteln, dass man keinen anderen Ausweg gefunden hat als sich dem sinnlosen Ruf der USA nach Sanktionen gegen Russland anzuschliessen. Es scheint fast so als ob sich niemand daran erinnern möchte, dass die Gründe für die europäische Empörung in der Ukraine Frage sich nicht so zugetragen haben wie man das behauptet hat (siehe hier, hier und hier). Unsere politische Führung nimmt es sogar billigend in Kauf, wenn Initiativen zu einer friedlichen Beilegung des Konflikts wie jene des deutschen Aussenminister Frank-Walter Steinmeier vom 20. Februar 2014, als er zusammen mit dem deutschen Darling und ex-Boxweltmeister Vitali Klitschko und dem französischen und polnischen Aussenminister einen Vertrag mit Präsident Janukovitsch ausgehandelt hat der dessen geordneten Rücktritt beinhaltete, durch eine eiskalte Bluttat sabotiert wurde die augenblicklich Janukovitsch in die Schuhe geschoben wurde. Wie sich jedoch herausgestellt hat, waren dafür andere Kräfte als der gestürzte Präsident verantwortlich.

Und trotzdem folgt Brüssel dem amerikanischen Sanktionsregime, nicht etwa gegen die Ukraine, sondern ausgerechnet gegen Russland. Genau so wie man es bereits zuvor mit dem Iran gemacht hat, doch tat dieser Schritt damals nicht so sehr weh wie nun jetzt gegen Russland. Während die Europäische Union insgesamt „nur“ etwa 7% des gesamten Exportvolumens durch diese Sanktionen gegen Russland riskiert, immerhin 120 Milliarden Euro von Total 1,7 Billionen Euro Exporte, trifft es aber doch einige EU-Länder deutlich härter als andere. Gerade Spanien oder Griechenland die mit Arbeitslosenquoten jenseits der 20% Marke zu kämpfen haben, verlieren durch dieses Sanktionsregime 22% ihrer Agrarexporte an Nicht-EU-Länder (Spanien), respektive 41% (Griechenland). Der Verlust nur von diesen beiden Ländern beträgt nach Angaben von Professor James Petras voraussichtlich 265 Millionen Euro. Das sind dann schon 140 Millionen Euro über der Summe die Brüssel für die europäischen Bauern bereitstellen möchte. Dazu kommen Verluste in Höhe von 317 Millionen Euro von polnischen Bauern, 308 Millionen Euro von litauischen Bauern und den deutschen Nachbarn Dänemark oder Holland wird es nicht besser ergehen.

Die Polen sind sogar so verzweifelt, dass sie bei Facebook eine „Eat Polish Apples„-Aktion gestartet haben und die USA oder Irland darum bitten, polnische Äpfel zu kaufen. Dabei waren es die Polen, die nebst den Baltischen Staaten am lautesten um amerikanischen Beistand bettelten weil Russland angeblich kurz vor der Invasion dieser Länder stand.

Natürlich ist die Europäische Union besorgt über diese offensichtlich nicht einkalkulierte Reaktion aus Moskau. Doch statt eine eigene verantwortungsvolle und den Interessen der europäischen Länder dienende Politik zu betreiben, entsandte Brüssel ihre Emissäre nach Lateinamerika um die dortigen Geschäftsleute und Politiker davon abzuhalten Geschäfte mit Russland zu machen und sich ebenfalls dem US/EU-Sanktionsregime unterzuordnen. Der ecuadorianische Präsident Rafael Correa liess die Europäer aber wissen, dass Ecuador „niemanden um Erlaubnis fragen muss um Nahrungsmittel an befreundete Länder zu verkaufen.“ Und dann kam ein gezielter Seitenhieb in Richtung Brüssel:

„Soweit es uns bekannt ist gehört Lateinamerika nicht zur Europäischen Union.“

Tja, der russische Präsident Vladimir Putin scheint in Lateinamerika ziemlich schnell auf fruchtbaren Boden gestossen zu sein und wird das in Europa so dringend gebrauchte Geld eben dort ausgeben.

Es ist aber nicht nur Lateinamerika das von dieser desaströsen europäischen Politik profitiert und sich als neue Lieferanten für den russischen Markt anbieten. Insbesondere die Türkei und der Iran werden sehr gerne in diese Bresche springen und Russland mit Früchten, Gemüse und Geflügelprodukten beliefern. Iran meldete zum Beispiel, dass man bereit ist monatlich 5000 Tonnen Eier nach Russland zu liefern. Diese europäischen Sanktionen gegen Russland werden dazu führen, dass der Iran seine Kapazitäten auf dem Gebiet der Geflügelproduktion noch weiter ausbauen wird und somit zu einem der grössten Produzenten in der Region aufsteigen wird. Auch das ist nicht unbedingt beabsichtigt gewesen, immerhin sind die europäischen Sanktionen gegen den Iran noch in Kraft und waren eigentlich dazu gedacht, das Land wirtschaftlich in die Knie zu zwingen.

Der Iran profitiert aber nicht nur aufgrund der Ukraine Krise (siehe auch „Ukraine: Chancen und Gefahren für Iran„), sondern auch von den wahhabitischen Extremisten der ISIS die im benachbarten Irak und Syrien ihr Kalifat, den Islamischen Staat (IS) ausgerufen haben. Die ISIS stellen für Iran keine direkte Gefahr dar, aber sehr wohl für die schiitischen Heiligtümer im Irak und Syrien und natürlich für die Schiiten in diesen Gebieten. Man erinnert sich in Teheran noch mit Schaudern an die mörderische Zerstörungs- und Raubexpeditionen die die Wahhabiten im 19. Jahrhundert gegen die den Schiiten heilige Städte von Najaf und Kerbela (im heutigen Irak) geführt haben, die damals aber unter der Herrschaft des Sultans des Osmanischen Reiches standen (siehe „Aufstieg des Wahhabismus„). Man wird es in Teheran ganz sicher kein zweites Mal zulassen dass Wahhabiten zu einem erneuten Ansturm auf diese heiligen Städte ansetzen.

Wie ich bereits geschrieben habe, stellt die ISIS aber ein Dilemma für den Westen dar. Wie die Jihadisten die insbesondere von den USA während der sowjetischen Besatzung Afghanistans benutzt wurden um die Sowjets aus Afghanistan zu vertreiben, wurden ISIS und deren Vorläufer in Syrien dazu benutzt und ausgerüstet um den syrischen Präsidenten Bashir al-Assad zu stürzen. Und wie in Afghanistan stellten sich die Günstlinge der westlichen und saudischen Geheimdienste gegen ihre Förderer und sollten zur Bedrohung werden. Weder die „afghanischen Mujahedin“, die wie die heutigen Jihadisten internationalen Zulauf hatten, noch Al Qaeda noch sonst irgendeine jihadistische Gruppierung wurde aber so mächtig wie ISIS heute. Die Afghanen wollten nur die fremden Besatzer aus dem Land verjagen; die Taliban blieben in den 1990er Jahren ebenfalls nur in Afghanistan, die Taliban in den 2000er wollten wieder nur die amerikanischen und anderen Besatzer aus dem Land verjagen und richteten sich aber bereits in den paschtunischen Stammesgebieten in Pakistan ein; Al Qaeda hatte überhaupt keine territorialen Interessen und die Vielzahl von anderen jihadistischen Gruppierungen in Pakistan oder Zentralasien blieben auch „nur“ regional tätig.

Es waren bisher nur die Wahhabiten die auf territoriale Ausdehnung aus waren: erst unter der Führung des Al-Saud Stammes während des 19. und 20. Jahrhunderts auf der Arabischen Halbinsel und jetzt ISIS im Kernland des ehemaligen blühenden Abbasidenkalifats.

Sobald es um Land geht, und erst Recht um Land welches strategische Priorität für das weltweite Wirtschaftssystem besitzt, wird es für den Westen und natürlich für die jeweiligen politischen Entitäten vor Ort zu einer Bedrohung. Hätte sich die ISIS auch weiterhin nur auf den Kampf gegen Assad beschränkt, wären die brutalen Exzessen der Wahhabiten nie zu einem Problem für die Gönner aus Washington, London, Paris, Ankara, Riad oder Doha geworden. Aber indem sie eine eigene Agenda von Anfang an verfolgten, aber dankbar die Hand aufhielten solange es eben ging und Waffen, Ausbildung und Geld annahmen, um dann einen eigenen Führungsanspruch in den eroberten Gebieten geltend zu machen, wurden sie erst zu einem Problem. Und trotzdem erhielten sie bis vor kurzem noch eine bevorzugte Behandlung durch die Türkei, die ISIS-Kämpfer in ihren Krankenhäusern wieder aufpäppelte um sie zurück aufs Schlachtfeld zu schicken und es zuliess, dass die Wahhabiten aus Europa und den USA sich ungestört auf türkischem Boden mit ISIS-Vertretern treffen konnten, die sie dann auch weiter zu den jeweiligen Ausbildungslager und Schlachtfelder brachten.

Politisch gibt es keine Lösung mit dem selbsternannten Kalifen des Islamischen Staates, sofern man diesen „Staat“ nicht anerkennen möchte. Bliebe also nur der Kampf gegen ISIS übrig. Und wie ich ebenfalls bereits vor einiger Zeit geschrieben habe, kann dieser Kampf nicht nur im Irak und dort auch nur in der Nähe der kurdischen Gebiete geführt werden, sondern muss auch in Syrien geführt werden. Aufgrunddessen dass die USA, oder sonst irgendein westliches Land (von arabischen Ländern gar nicht erst zu reden), keine Bodentruppen gegen ISIS einsetzen wollen und sie aber aus der Luft nicht zu schlagen sind, zumal sie wohl nach der Einnahme von Militärdepots im Irak und Syrien auch über amerikanische Luftabwehrraketen des Typs „Stinger“ besitzen. Damit nicht genug, ISIS verfügt über so viele amerikanische Waffen und Zubehör, dass die US-Luftschläge gezielt auch diesen eigenen Waffen dienten um sie aus dem Verkehr zu ziehen. Selbst einige syrischen Scud-D Raketen haben sie in ihre Gewalt gebracht, die zwar angeblich laut Expertenmeinung nicht einsatzbereit sind, aber da sich insbesondere die Experten in den letzten Jahren so viel geirrt haben diese Möglichkeit einer operationellen Scud-D Rakete nicht mit letzter Gewissheit auszuschliessen ist.

Und wieso profitiert der Iran von alledem? Da der Westen sein eigenes „Frankensteinmonster“ nicht selbst besiegen kann, braucht es jemanden vor Ort der diese Aufgabe übernehmen kann. Und da die „strategischen Partner“ wie Saudi Arabien, Qatar oder auch die Vereinigten Arabischen Emirate dafür nicht in Frage kommen, bleibt dafür nur noch die stärkste Macht des Persischen Golfes übrig: der Iran.

Als die ISIS-Kämpfer die kurdischen Stellungen ohne Probleme überrannt haben, waren die Iraner die ersten die ihnen Waffen und sicher auch einige Einheiten der Elitekräfte der Revolutionswächter, der Al Quds Force, zur Verfügung stellten. Amerikanische Quellen sagen, dass es eine Übereinkunft zwischen Washington und Teheran gibt, nämlich dass die Vereinigten Staaten iranische Einheiten im Irak im Kampf gegen ISIS akzeptieren, während die USA mit ihrer Air Force aus der Luft zuschlagen wird. Bis jetzt gibt es aber keine richtige Zusammenarbeit auf diesem Gebiet zwischen den beiden Ländern, dafür ist das Misstrauen einfach zu gross.

Schon einmal wurden die Iraner für ihre Hilfe von den Amerikanern blossgestellt, als sie bei der US-geführten Koalition gegen die Taliban im Jahr 2001 behilflich waren und als Dankeschön in der berühmte Rede des damaligen Präsidenten George W. Bush in die „Achse des Bösen“ aufgenommen wurden.

Doch diesesmal könnte es anders ausgehen. Die Vereinigten Staaten von Amerika sind längst nicht mehr die absolute Supermacht. Der feige israelische Krieg gegen eine wehrlose Bevölkerung im Gaza Streifen hat gezeigt, dass die USA nicht einmal mehr durchsetzen können wer denn eigentlich der Sponsor der Waffenstillstandsverhandlungen sein soll. Nachdem US-Aussenminister John Kerry in Kairo vor aller Welt gedemütigt wurde als er und seine Entourage von ägyptischen Grenzbeamten mit Metalldetektoren untersucht wurden, setzte das Weisse Haus auf die Türkei und Qatar als Sponsoren für die Verhandlungen da die Hamas dem ägyptischen Diktator al-Sisi nicht mehr über den Weg traute. Doch Israel und Ägypten machten einfach weiter als ob es die amerikanische Position gar nicht geben würde, was deutlich zeigt wie wenig Einfluss die Amerikaner in dieser Region noch besitzen.

Ausserdem stellt ISIS eine direkte Bedrohung für die Petromonarchien am Persischen Golf und auch Saudi Arabien dar, die allesamt von der ISIS (zurecht) als korrupte und in ihren Augen vom richtigen Glauben abgefallene Herrscher darstellen. Obwohl es genau diese Länder sind die die ISIS unterstützt haben und nach wie vor auch über Umwege unterstützen, werden sie aber auch froh sein wenn diese Bedrohung für ihre Herrschaft nicht mehr besteht. Das bedeutet sie werden sich offiziell nicht darüber beschweren, wenn iranische Bodentruppen es im Irak mit den ISIS-Kämpfern aufnehmen, zumal die oberste geistliche Autorität der Schiiten im Irak, Gross-Ayatollah Ali al-Sistani, ausdrücklich die iranische Intervention gegen die ISIS begrüsst hat.

Was auf den ersten Blick zunächst nach einer idealen Ausgangslage für den Kampf gegen die ISIS aussieht, wirft auf den zweiten Blick aber jede Menge Fragen auf. So hat die syrische Regierung bekannt gegeben dass sie gerne mit den USA gegen die ISIS kooperieren möchte, aber dass sie jegliche Luftschläge oder Aufklärungsflüge die nicht mit Damaskus abgesprochen wurden als „Verletzung der syrischen Souveränität und als Akt der Aggression“ betrachten wird. Natürlich hat Damaskus in diesem Punkt Recht, jegliche Verletzung der syrischen Lufthoheit ist nach geltendem internationalen Recht ein Akt der Aggression gegen den syrischen Staat, genauso wie die israelische Drohne die im Iran abgeschossen wurde ein Akt der Aggression war.
Da die USA aber seit drei Jahren es sich auf die Fahne geschrieben haben Bashir al-Assad zu stürzen, und ihn sogar als Hitler bezeichnet haben, können sie jetzt nicht plötzlich der Welt erzählen dass man auf der gleichen Seite kämpft. Das wäre selbst für die ansonsten äusserst ideenreichen US-Medien zuviel des Guten. Deshalb gab man sich im Weissen Haus kämpferisch und sagte, dass man nicht vor hat „Damaskus um Erlaubnis zu fragen“ wenn man in Syrien Aufklärungsflüge durchführt.
Beide Aussagen sind deshalb nichts weiter als Parolen um die eigenen Seiten zu besänftigen: Damaskus möchte klarstellen dass man keine Verletzung der syrischen Souveränität durch die USA dulden werde, und Washington machten klar dass sie nach wie vor den starken Mann markieren wollen.

Aber die Realität sieht anders aus: wie die Nachrichtenagentur AFP berichtet hat, übermitteln die Amerikaner die Daten aus ihren Aufklärungsflügen via russischen und irakischen Kanälen direkt an Damaskus, so dass diese gezielte Luftschläge und taktische Änderungen auf dem Boden vornehmen können um die Angriffe auf Ziele der ISIS effektiver zu gestalten. Auch die iranischen Einheiten erhalten auf diesem Wege die Koordinaten für ihre Planung.

Dabei ist Teheran aber bedacht sich als wirklicher Partner zu präsentieren, solange das natürlich nicht die Nationale Sicherheit des Irans beeinträchtigt. Man wird die Strategie im Irak und Syrien immer den amerikanischen Aktionen anpassen, sollte sich herausstellen dass die USA mehr als nur den Kampf gegen die ISIS im Sinne haben – wie zum Beispiel die Situation auszunutzen um auch „shock and awe“ Bombardements gegen Damaskus durchzuführen – dann könnte die ganze Situation ausser Kontrolle geraten. Aber das ist meiner Meinung nach eher unwahrscheinlich.

Unwahrscheinlich deshalb, weil es nach wie vor Verhandlungen zu Iran`s Atomprogramm gibt. Und das obwohl die im November 2013 gesetzte Frist bis Juli 2014 bereits abgelaufen ist und die Parteien einer Verlängerung von 4 Monaten zugestimmt haben. Und was auch aufgefallen ist: die Rhetorik aus dem Weissen Haus gegenüber dem Iran hat spürbar an Drohgebärden abgenommen.

Noch im vergangenen Jahr hörten wir immer dass „alle Optionen auf dem Tisch sind – inklusive militärische Optionen“. Diese Drohung haben wir dieses Jahr kein einziges Mal gehört, sehr zum Missfallen von Israel und der zionistischen Lobby in den USA.

Aber auch auf dem Gebiet der Ölproduktion und vor allen Dingen im Export des Schwarzen Goldes konnte Iran dieses Jahr massiv zulegen. Wo noch die Ölexporte vor dem Genfer-Abkommen vom November 2013 bei etwa einer Millionen Barrel pro Tag lagen, und laut dem Genfer-Abkommen nicht die Marke von einer Million Barrel pro Tag übersteigen durfte, exportiert der Iran heute an die 2 Millionen Barrel Öl mit steigender Tendenz. Durch diesen gesteigerten Export hat sich der Iran innerhalb kürzester Zeit vom gemiedenen Ölproduzenten zum drittgrössten Ölexporteur der OPEC aufgeschwungen.

Auch die Produktion von petrochemischen Produkten, sogenannten Petchems, wurde während den massiven Sanktionen als Möglichkeit entdeckt, um zusätzliche Einnahmen zu generieren. Im Jahr 2013 betrug die Gesamtkapazität dieses Wirtschaftszweigs 40 Millionen Tonnen, wovon Petchems im Wert von 9 Milliarden US-Dollar exportiert wurden. Für das Jahr 2014 soll der Export um 3 Milliarden US-Dollar zulegen, eine Steigerung von 33%! Gerade auf diesem Gebiet der erweiterten Ölprodukte bietet der Iran das wohl weltweit grösste Ausbaupotential, was natürlich bei den Ölkonzernen kein Geheimnis ist.

Und dann ist da noch das iranische Gas. Geschäftsleute und Diplomaten aus verschiedensten Teilen der Welt stehen beim iranischen Gasministerium Schlange, um sich entweder nach Investitionsmöglichkeiten oder Liefermöglichkeiten zu erkundigen und sich die besten Konditionen zu sichern. Im letzten iranischen Jahr, das vom 21. März 2013 bis zum 20. März 2014 dauerte, exportierte der Iran mehr als 10 Milliarden Kubikmeter Gas. Die iranische Öl- und Gasmesse vom 23. bis 25. Juni in Teheran, lockte 600 Unternehmen aus 32 verschiedenen Ländern an, darunter Branchenriesen wie Chevron, Shell oder auch SaudiAramco.

Doch das Gas ist nicht nur ein Multi-Milliarden Geschäftsfeld, sondern es ist auch ein geopolitisches Ass das der Iran geschickt ausspielen kann.

Aufgrund der Ukraine Krise und der europäischen Abhängigkeit von russischem Gas ist man in Europa, und insbesondere dabei in Deutschland, darauf bedacht eine Alternative zu Russland zu finden. Kurzfristig wird das nicht möglich sein, aber langfristig kann sehr wohl zumindest eine sehr gute Diversifikation erzielt werden (siehe auch „Ukraine: Chancen und Gefahren für Iran„).

Bisher pumpt Russland das Gas durch Pipelines über ukrainisches Staatsgebiet und durch die North Stream Pipeline nach Europa. Der Teil der Erdgaslieferungen der durch die Ukraine verläuft, hätte (und wird auch noch) über die South Stream Pipeline nach Europa geliefert werden sollen. Doch aufgrund der Ukraine Krise hat die Europäische Union die Freigabe an Moskau zur Gaslieferung via South Stream (noch) nicht erteilt, um so Moskau zu zwingen das Gas auch weiterhin über die Ukraine zu liefern.

Wie ich im Bericht „Warum Syrien?“ geschrieben habe, bevorzugt die Europäische Union auf Drängen der USA hin eine andere Pipeline als die russische South Stream: die Nabucco.

Doch Nabucco existiert bisher nur auf dem Papier und in den Köpfen der Geostrategen in Washington und Brüssel, die um jeden Preis versuchen Russland auszubooten. Ähnlich wie South Stream, sollte Nabucco Erdgas aus Zentralasien unter dem Kaspischen Meer nach Europa transportieren. Das Problem war und ist nach wie vor, dass das Projekt zu teuer ist und das nicht genügend Gas vorhanden war, um Nabucco überhaupt rentabel zu machen. Denn als diese Pipeline konzipiert wurde, wollte man auf gar keinen Fall das iranisches Gas durch Nabucco gejagt wird, und die angedachten Länder wie Turkmenistan und Azerbaijan verfügen schlicht nicht über genügend Gas um diese Pipeline rentabel zu füllen.
Aber auch für diesen Fall hatte Teheran eine passende Antwort: eine Pipeline in den Irak und dann weiter nach Syrien zum Hafen von Tartus, von wo aus das Gas auf den europäischen Markt transportiert werden sollte. Diese Iran-Irak-Syrien Pipeline stellte einen Albtraum für die Geostragen in Washington dar, die damit ihre Pläne für Nabucco endgültig an den Nagel hängen konnten. Für Brüssel wäre diese iranisch-irakisch-syrische Pipeline sehr gelegen gekommen, zumal man kein Geld in dieses Projekt investieren müsste wie bei Nabucco.

Doch ausgerechnet der Stellvertretende iranische Ölminister Ali Mejidi liess erst vor zwei Wochen eine Bombe platzen, als er mitteilte dass Iran zwei „separate Delegationen nach Europa“ entsandt hatte um das Thema Nabucco wieder aufzunehmen. Mejidi sagte: „Mit Nabucco kann Iran Europa mit Gas beliefern. Wir sind die beste Alternative zu Russland.“

Mit diesem Geniestreich der Iraner hauchten sie möglicherweise einem todgeweihten Projekt neues Leben ein, einem Projekt das hauptsächlich für Washington und Ankara wichtig ist. Die ursprüngliche Idee der Iran-Irak-Syrien Pipeline (manche nannten sie auch „Islamische Pipeline“) war es, die Türkei zu umgehen und von Syrien aus direkt den europäischen Markt zu beliefern. Doch mit Nabucco wieder zurück im Spiel, dürfte diese Idee als Joker bei den Verhandlungen benutzt werden um alle Partein davon zu überzeugen, dass dieser Vorschlag eine win-win Situation für alle Beteiligten ist. Die Pipeline bis Syrien kann ja auch gebaut werden sobald sich die Lage irgendwann einmal beruhigt hat. Der erste Teil aus dem Iran in den Irak (97 Kilometer) wurde zumindest gerade erst getestet.

Für die Türkei würde es bedeuten, dass das Land dem Traum von einem Energie Mega-HUB einen grossen Schritt näher gekommen wäre und es keinen Grund mehr geben würde, den syrischen Präsidenten mit allen Mitteln zu bekämpfen.
Der Iran würde sich tatsächlich als eine wichtige Alternative zu russischem Gas entwickeln und hätte sich eine gute Position in den leidigen Atomverhandlungen erarbeitet. Für die Weltwirtschaft, aber auch für die Stabilität in einer der volatilsten Regionen der Welt, ist es von elementarer Bedeutung dass man dem Iran die Rolle wieder zuspricht die dem Land allein schon aufgrund dessen Grösse und regionaler Macht zusteht. Die Containment-Politik der Amerikaner und Europäer, angefeuert durch israelische Manipulationen, hatte immer nur das Gegenteil dessen bewirkt was man eigentlich geplant hat.

Die Administration von Barack Obama hat das natürlich auch alles erkannt und hat mit den Verhandlungen um das iranische Atomprogramm den richtigen Weg eingeschlagen. Allerdings muss gesagt werden das die Hände des amerikanischen Präsidenten in dieser Frage sehr eng angebunden sind. Die grosse Mehrheit in beiden Kammern des Kongresses steht unter enormen Einfluss der zionistischen Lobby (wer sich dafür interessiert wie diese Lobby arbeitet, hier gibt es mehr Informationen dazu) und wird den Präsidenten und jeden anderen massiv attackieren, der es wagen würde normale Beziehungen zum Iran wieder zuzulassen ohne dass Israel damit einverstanden wäre. So irrwitzig das vielleicht auch klingen mag, aber sobald das Weisse Haus die notwendigen Schritte in Richtung Normalisierung mit dem Iran unternimmt, muss es auch zugleich öffentliche Warnungen und Drohungen an dieselbe Adresse aussenden mit der man doch eigentlich genau das Gegenteil vor hat. Ein Drahtseilakt sondersgleichen! Da braucht es nicht viel Vorstellungskraft um zu erahnen wie das auf der iranischen Seite ankommt, wo Präsident Hassan Rohani den selben Drahtseilakt vollführen muss um seinen Kritikern klarzumachen, dass diese Warnungen aus Washington nichts weiter als notwendige Rhetorik ist um einen Schritt vorwärts zu kommen. Auch das alles andere als ein leichtes Unterfangen, zumal dieser Drahtseilakt Ländern wie Israel oder Saudi Arabien einigen Raum bietet um die Annäherung zu sabotieren.

Ob Drahtseilakt oder nicht, durch die Ukraine Krise hat sich die Lage für die Europäische Union deutlich verschlechtert, auch wenn man das mit Statistiken versucht zu vertuschen, während der Iran auf wesentlich stabilerem Fundament steht als noch vor einem Jahr (siehe auch „2014: das Jahr des iranischen Rakhsh“ und „Iran im Zentrum der US-Ausrichtung nach Asien„). Das soll nicht heissen dass alles ohne Probleme ablaufen wird, ganz bestimmt nicht. Alle involvierten Parteien werden versuchen das Maximum aus der jeweiligen Situation herauszuschlagen. Es wird auch weitere Sabotageakte geben die zur Anpassung der Strategien an die jeweiligen Gegebenheiten führen werden.
Doch was als ziemlich sicher betrachtet werden darf, ist die Tatsache, dass man den iranischen Zug nicht mehr stoppen kann. Dafür hat er in den letzten Monaten zu viel Fahrt aufgenommen und der Westen hat durch geplanter und ungeplanter Weichenlegung genau dafür gesorgt.

Diese und tausende andere News finden Sie ab jetzt auch auf Krisenfrei.de
  • Deutschlands größte alternative Suchmaschine
  • Über 2000 News aus allen TOP Quellen
  • Unabhängig und Übersichtlich
>>> JA, ich möchte alle alternativen News auf einen Blick


Dein Kommentar

Kommentar

  1. Diesen Teil verstehe ich nicht: „Unsere politische Führung nimmt es sogar billigend in Kauf, wenn Initiativen zu einer friedlichen Beilegung des Konflikts wie jene des deutschen Aussenminister Frank-Walter Steinmeier vom 20. Februar 2014, als er zusammen mit dem deutschen Darling und ex-Boxweltmeister Vitali Klitschko und dem französischen und polnischen Aussenminister einen Vertrag mit Präsident Janukovitsch ausgehandelt hat der dessen geordneten Rücktritt beinhaltete, durch eine eiskalte Bluttat sabotiert wurde die augenblicklich Janukovitsch in die Schuhe geschoben wurde. Wie sich jedoch herausgestellt hat, waren dafür andere Kräfte als der gestürzte Präsident verantwortlich.“

    Waren nicht die Demonstranten die Bösen? %-/ ???