in Naher Osten

Samarra, Irak, 13. März (IPS) – „Seit dem Abzug der US-Amerikaner im Dezember habe ich kein Geld gesehen. Sollte das so weitergehen, werde ich diesen Checkpoint hier verlassen müssen“, sagt Saif Ahmed. Er ist einer der Milizionäre, die von sich behaupten, die Al Kaida im Irak besiegt zu haben.

In Samarra, einer sunnitischen Stadt 150 Kilometer nördlich von Bagdad, ist die Enttäuschung unter den Sahwa-Kämpfern so greifbar wie der hier reichlich vorhandene Staub. Die Männer, die sich als Bollwerk gegen den Terrorismus betrachten, fühlen sich im Stich gelassen. „Wir, und nicht die Amerikaner, haben die Al-Kaida im Irak besiegt“, unterstreicht auch Sheik Khalid Fleieh, ein Mitbegründer der Sahwas oder ‚Erweckungsräte‘, in seinem schwer bewachten Haus im Zentrum von Samarra.

Die Sahwa-Milizionäre, auch als ‚Söhne des Irak‘ bekannt, waren eine paramilitärische Gruppe, die 2005 von einer Koalition aus Stammesführern gegründet wurde, um für Sicherheit in den Gemeinschaften zu sorgen. Aktiv waren sie vor allem in den sunnitischen Regionen Anbar and Salahadin im Zentralirak. In weniger als einem Jahr entwickelten sie sich zu einer starken parallelen Kampftruppe.

„Al Kaida kam kurz nach der (US-geführten) Invasion unter dem Vorwand in unser Land, die Besatzer zu bekämpfen. Zunächst waren wir auf ihrer Seite – bis sie kurz darauf begannen, unsere eigenen Leute wie Stammesführer, Anwälte, Lehrer und Ingenieure umzubringen“, berichtet Fleieh. „Alle, die eine sichtbare Rolle in unserer Gesellschaft spielten, wurden automatisch zu ihrem Ziel.“

Seitenwechsel

Tatsächlich sind viele Sahwa-Milizionäre ehemalige Al-Kaida-Kämpfer, die irgendwann einmal die Fronten gewechselt haben und sich auf Regierungsseite schlugen. Nach der Gründung der Erweckungsräte 2005 erhielten die ‚Söhne des Iraks‘ ein Salär von monatlich 250 US-Dollar. Sie hielten die Stellung an den Kontrollposten und führten Patrouillen durch. Doch diese Einnahmen sind seit dem Abzug der US-Amerikaner weggebrochen.

„Der ursprüngliche Plan war es, unsere Männer schrittweise in die irakischen Sicherheitskräfte zu integrieren. Doch nun müssen wir erkennen, dass man uns falsche Versprechungen gemacht hat“, klagt Abdullatif Majid Latif, der Kommandant der Sahwa-Miliz von Samarra. „Ich befehlige 2.000 Männer, die ihre Familien versorgen müssen, sich aber in einer verzweifelten Situation befinden. Sie alle sind Sheikh Khalid Fleieh treu ergeben, doch frage ich mich noch wie lange.“

Abdullatifs Kämpfer sind Teil der insgesamt knapp 100.000 Sahwa-Milizionäre, die noch im Einsatz sind. In einer ersten Phase soll ein Viertel dieser Männer in den Sicherheitsapparat aufgenommen werden. Doch die Dinge entwickeln sich nicht so, wie erwartet. Und inzwischen stellt sich die Frage, was mit den vielen bewaffneten Männern geschehen soll.

Für Abdulljabar Abdulrahim steht fest: Sollte er im auch im April vergeblich auf seinen Sold warten, wird er sich nach einer anderen Arbeit umsehen – entweder im Baugewerbe oder im Reinigungssektor, wie der Kämpfer betont.

Abdulrahim sieht nicht wirklich wie ein Sahwa aus. Statt in einem Kampfanzug steckt er in einer Jogginghose. Allerdings hält er ein AK-47-Sturmgewehr im Arm. „Meine Uniform ist nach vier Jahren im Dienst verschlissen“, berichtet er. „Ich kann mir keine neue leisten, denn ich habe schon Schwierigkeiten, meine Kinder zu ernähren“, sagt er, während er mechanisch den Verkehr in seinem Stadtteil im Norden Samarras regelt.

Bei vielen Menschen vor Ort löst die verzweifelte Lage der Sahwa-Milizionäre Mitgefühl aus. „Die armen Kerle warten jetzt ab, bis sie von einem Terroristen getötet werden, weil sie einen Job tun, den keiner bezahlt“, meint Yousef Abdulhamid, der Inhaber eines Ladenlokals in der Nähe des Minaretts. Wenige Meter entfernt hängt das Bild von Nasaif Omar Jassim, einem vor zwei Monaten von mutmaßlichen Al-Kaida-Kämpfern getöteten Sahwa-Kämpfer.

Sunniten-Milizen im Irak fürchten Gewalt nach Abzug der USA (oder doch nur den Verlust ihres Jobs?)

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„Benutzt und weggeworfen“

„Mir ist das Schicksal dieser Leute völlig gleich“, meint hingegen Rahim, ein örtlicher Taxifahrer. „Sie haben sich den Invasoren angeschlossen, wurden benutzt und anschließend weggeworfen. Was ist von den Amerikanern schon anderes zu erwarten?“ Inzwischen hätten die USA einer neuen Besatzungsmacht Platz gemacht: dem Iran über die amtierenden schiitischen Parteien.

Der Bürgermeister von Samarra, Omar Hassan Mohammed, ist mit der Sicherheitslage in der Stadt zufrieden, seitdem sie von den Einsatzkräften der Zentralregierung und des Innenministeriums und Sahwa-Milizionären gemeinsam gewährleistet wird. Tatsächlich zweifelt niemand daran, dass die ‚Söhne des Irak‘ maßgeblich dazu beigetragen haben, die Gewalt im Lande zu verringern.

Allerdings gibt es kritische Stimmen, die warnen, dass die Milizionäre zu einer unberechenbaren Gefahr für das Land werden könnten. Ministerpräsident Nouri al Maliki sieht die Gefahr, dass sie sich zu einer bewaffneten sunnitischen Opposition auswachsen. Andere fürchten, dass vielen von ihnen nichts anderes übrig bleiben wird, als bei Al Kaida anzuheuern. (Karlos Zurutuza/IPS/kb/2012)

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