in Naher Osten

Zeitgenossen, die in ihrem Leben ein Sachbuch über Kriege oder historische Bücher im Allgemeinen gelesen haben, haben sicher einmal festgestellt, dass darin oft Landkarten enthalten sind. In der Regel sind es Karten über die Front- bzw. über Grenzverläufe zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Ohne diese Karten muss es selbst Ortskundigen schwerfallen den Verlauf des Krieges zu erfassen.

Karten dokumentieren nicht nur den Stand des Krieges, sie können ebenso den Verlauf verschiedener Ereignisse erklären. Auch in den Printmedien der Vergangenheit waren Landkarten zur Erläuterung, speziell bei Kriegsberichten, normal. Heutzutage wird man hiernach allerdings lange suchen dürfen.

Auch heute gibt es noch Kriege. Auch heute gilt noch der Satz: „Die Wahrheit ist das erste Opfer des Krieges“. Karten lügen nicht so leicht wie Texte. Warum also finden sich keine Karten zu den Kriegen in Syrien, der Ukraine usw. in den deutschen Medien?

Glücklicherweise gibt es heute das Internet. Hier finden sich Seiten, die den Kriegsverlauf auf Karten dokumentieren und die uns helfen können Antworten zu finden. Was kann man also aus diesen Karten zum Syrienkonflikt lesen, worüber nicht bereits in anderen Medien berichtet wurde?

Raqqah

Nun beispielsweise, dass die durch amerikanische Soldaten unterstützten kurdischen Einheiten ihren Vormarsch durch IS-Gebiet nach Süden fast überall entlang des Flusses Euphrat gestoppt haben und dort auf die von Südwesten kommenden Einheiten Assads gewartet haben. Die Kurden haben nur an einer Stelle den Euphrat nach Süden überschritten, um einen Flughafen (haben die Kurden Flugzeuge?) nahe „Ar Raqqah“ zu sichern, während im Gegenzug Assads Leute bei „Deir ez Zor“ den Euphrat nach Norden überschritten, um zwei Dörfer zu sichern.

Dieses „magische“ Zusammenspiel der beiden feindlich gesinnten Armeen kann nur aufgrund einer Absprache zustande kommen, denn Armeen halten nicht zum Spaß in der Wüste und sie warten nicht darauf dass der Feind Gebiete erobert, die sie selbst besetzen könnten.

Schutzschild Euphrat

Zweites Beispiel: Erdogan propagierte 2016 die Militäroffensive „Schutzschild Euphrat“. Die Türkei wollte bis zum Euphrat vordringen und eine Sicherheitszone errichten, um die Türkei vor den syrischen Kurden zu schützen. Ein Blick auf die Karten reicht, um zu beweisen, dass der Marsch der Türken zum Euphrat, von Killis (Türkei) aus nach Osten, nur einen unbedeutenden Bruchteil der türkischen Grenze vor den syrischen Kurden schützt.

Zudem deutet die Namensgebung der Offensive darauf hin, dass die Türken bei Beginn der Operation deren endgültiges Ziel (das Gebiet zwischen Killis und dem Euphrat im Osten) kannten, was wiederum eine Absprache mit den Amerikanern auf der anderen Seite des Flusses voraussetzt. Diese militärische Kooperation war möglich, trotz der ständigen öffentlichen Anfeindungen der Verbündeten in den Massenmedien.

Dass trotz einer möglichen Absprache schlussendlich die Kurden unter amerikanischem Schutz die Stadt Manbdisch westlich des Euphrats vom IS erobert haben, könnte erklären warum Erdogan bis heute eine Eroberung der Stadt durch türkische Truppen propagiert. Denn obwohl direkt an der türkischen Grenze mehrere kurdisch kontrollierte Städte liegen, ärgert sich Erdogan hauptsächlich über Manbidsch (rund 20 km Luftlinie von der türkischen Grenze entfernt).

Afrin

Drittes Beispiel: Momentan erobert Erdogan mit seiner Armee und den sogenannten syrischen Rebellen (zufälligerweise ethnische Türken und ehemalige IS-Kämpfer) die Provinz Afrin, diese wird durch deren Bewohner (Kurden) verteidigt. Der Blick auf die Karte zeigt, dass aus militärischer Sicht Afrin von Anfang an umzingelt war (Kesselschlacht). Die Einwohner bzw. Kurden hatten nie eine Chance. Aus den Medien kann man nun entnehmen, dass auch Assad Truppen zum Schutz Afrins gegen die Türken geschickt hat.

Wer die Karten in diesen Tagen betrachtet hat, durfte bemerken, dass nichts im Leben umsonst ist. Ein Deal war auffällig. Als Assads Truppen den Kurden um Afrin zur Hilfe kamen, verschwand plötzlich ein kurdisch beherrschter Fleck von der Karte. Die Kurden haben gleichzeitig das Stadtviertel Sheikh Maqsood in Aleppo geräumt und Assad so die Kontrolle über ganz Aleppo übergeben.

Türkische Außenposten

Zu guter Letzt finden sich seit einiger Zeit türkische Außenposten in den Gebieten der echten syrischen Rebellen (Provinz Idlib). Die Türkei sichert sich militärisch einen Teil Syriens. Dieses Vorgehen der Türkei in Syrien kann man leicht mit den Ereignissen in Nordzypern vergleichen. Dort sind seit rund 40 Jahren türkische Soldaten stationiert und sie werden auch nicht so schnell verschwinden.

Aufteilung Syriens

Ein Blick auf die Karten reicht, um zu erkennen, dass Syrien in drei Teile geteilt wurde (US-Kurdisch, Türkisch und Assad-Russisch) und dass das Ende des Krieges erreicht ist, sobald jede Partei die volle Kontrolle über ihr Gebiet erlangt hat. Die Amerikaner haben ihren Teil, fehlen noch Assad und Erdogan. Lange kann es nicht mehr dauern, denn die Grenzen der drei Teile sind bereits erkennbar. Schon heute beschränken sich alle Kampfhandlungen nur noch auf die Region Afrin (vergleichbar mit der Größe des Saarlandes) und auf die Vororte von Damaskus, die unter dem Namen Ost-Ghuta bekannt geworden sind (vergleichbar mit der Fläche des Bezirks Neukölln in Berlin).

Warum aber berichten andere Medien in Deutschland nicht über diese auffälligen Zusammenhänge bzw. Zufälle? Warum stellen sie beispielsweise keine Fragen zu türkischen Außenposten mitten in Syrien? Meiner Ansicht nach sind diese Massenmedien weniger daran interessiert tatsächliche Veränderungen zu hinterfragen, sie beschränken sich lieber darauf offensichtliche Ereignisse ins rechte Licht zu rücken oder moralisch zu kommentieren. Das nennt sich dann Qualität.

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Kommentar

  1. Sehr gut beobachtet, dass ein Normalbürger ohne erläuternde Karten einen Kriegsverlauf nicht „lesen“ kann. Die schriftlichen Erläuterungen darüber, wie die USA, die Türkei und die Kurden dabei sind, sich ihre Scheibchen vom syrischen Staat abzuschneiden, sind dennoch überzeugend. Besser wäre allerdings ein Link zu geeignetem Kartenmaterial im Internet. Es gibt dort zwar viele Karten, allerdings herrscht da ein fürchterliches Durcheinander (s. Google: Karten + Krieg + Syrien).

  2. Sehr gut beobachtet, um anhand der Geografie die Geostrategie (das Kriegsziel) der US-Nato (mit Türkei und Israel) aufzuzeigen: Wenn schon nicht die gesamte Zerstörung/Eroberung Syriens gelingt, dann wenigstens eine Dreiteilung das bisherigen Staatsgebiet von Syrien. Beispiele für Teilungen sind Deutschland, Vietnam, Korea und Zypern.

    Der Autor stellt die deutschen Massenmedien als sehr harmlos dar und übersieht deren eindeutig parteiische Kriegshetze. Fassbomben, Chemiewaffen, zerbombte Krankenhäuser und Schulen, tote Kinder gibt es nur in Guta, aber nicht in Afrin beim Nato-Partner Türkei, wenn überhaupt über dieses Kriegsgebiet berichtet wird, und nur dann, wenn Assads Truppen dort „eindringen“, obwohl es ihr eigenes Staatsgebiet ist.