in Naher Osten

Von Jasmin Ramsey

Washington, 11. Juli (IPS) – Im Mai 2011, knapp eineinhalb Jahre nach der Selbstverbrennung eines Straßenverkäufers, die in Nahost eine Welle von Aufständen auslöste, befand sich die bahrainische Journalistin Nazeeha Saeed 13 Stunden lang in Haft. Sie wurde gefoltert und zur Unterzeichnung eines Geständnisses gezwungen, das sie nicht lesen durfte.

Saeed, die für den internationalen Nachrichtensender ‚France 24‘ über die bahrainische Pro-Demokratiebewegung berichtete, war einer Aufforderung gefolgt, sich in einem Polizeirevier in der zweitgrößten bahrainischen Stadt Riffa zu einer Befragung einzufinden. Dort verband man ihr die Augen und setzte sie schweren Misshandlungen aus.

Sie wurde beschuldigt, Nachrichten fingiert und mit iranischen und libanesischen Sendern kooperiert zu haben. Außerdem warfen ihr die Polizisten vor, Mitglied einer terroristischen Zelle zu sein. Das einzige ‚Beweismaterial‘, das sie zu Gesicht bekam, war ein Foto, das sie zeigte, wie sie über eine Protestaktion in der Hauptstadt Manama berichtete.

Nach einer Beschwerde von France24 leitete das bahrainische Innenministerium eine Untersuchung ein, die zur Entlassung einer Polizistin zwei Jahre später führte. Saeed wurde nie vor Gericht gestellt und verurteilt. Sie war so schwer traumatisiert, dass sie erst nach sechs Monaten ihre Arbeit wieder aufnehmen konnte.

Obwohl König Hamad, ein Mitglied der regierenden sunnitischen Al-Khalifa-Familie, im mehrheitlich schiitischen Inselkönigreich auf Reformen drang, sind Versammlungsfreiheit und Internetaktivitäten stark eingeschränkt. Auch gelangen bis heute immer wieder Vorwürfe von Folter und unfairen Prozessen in die Öffentlichkeit.

Mehr als 60 Menschen sind seit Protestbeginn im Februar 2011 ums Leben gekommen. Nach Angaben von Regierungsvertretern wurde am 9. Juli in einem schiitisch-dominierten Dorf ein Polizist getötet. Mindestens drei weitere trugen Verletzungen davon. „Vor Februar 2011“, erklärte Saeed im IPS-Interview, „hatte es in meinem Land keine Gewalt gegeben.“
Es folgen Auszüge aus dem Interview.

IPS: Wie ist es in Bahrain um die Pressefreiheit bestellt?

Nazeeha Saeed: In den letzten zwei Jahren ist es für Journalisten schwierig, ihrer Arbeit nachzugehen. Die gewohnten Freiheiten wurden eingeschränkt. Wir müssen uns vorsehen, was wir sagen und was wir in unseren Berichten schreiben. Wir können jederzeit festgenommen und verhört werden.

IPS: Was geschah vor zwei Jahren?

Saeed: Vor zwei Jahren und vier Monaten begann der Aufstand in Bahrain. Menschen, durch den Arabischen Frühling inspiriert, gingen auf die Straße, um Freiheit, Demokratie und Rechenschaftspflichtigkeit zu fordern. Doch es folgte eine umfassende Niederschlagung der Proteste, und das ist möglicherweise der Grund, warum die Menschen in Washington und anderen Städten der Welt nicht wirklich mitbekommen haben, was damals geschah.

Mitbekommen haben sie wahrscheinlich, dass die Menschen einen Monat lang auf dem Perlenplatz in Manama demonstriert haben. Doch mehr ist wahrscheinlich nicht nach außen gedrungen, weil die meisten Demonstranten entweder verhaftet wurden, ihren Arbeitsplatz verloren oder das Land verlassen haben, weil sie sich bedroht fühlten. Einige wurden getötet.

IPS: Was ist Ihnen in Polizeigewahrsam widerfahren?

Saeed: Am 22. Mai 2011 erhielt ich einen Anruf vom Innenministerium, in dem mir mitgeteilt wurde, dass ich mich in einem Polizeirevier zu einem Verhör einfinden müsse. Manchmal erscheinen sie bei dir zu Hause, manchmal rufen sie dich an. Ich bin Journalistin und dachte damals, dass es gut sei, zu kooperieren. Da ich davon ausging, in einigen Stunden zurück zu sein, verständigte ich meine Familie nicht. Wohl informierte ich von unterwegs France 24.

Ein männlicher Beamter nahm mich in Empfang und erklärte mir, dass es besser für mich sei, ihm alles zu erzählen anstatt zu lügen. Er behauptete, im Besitz sämtlicher Videos, Telefonmitschnitte und Bilder zu sein, die meine Schuld bewiesen.

IPS: Was wurde Ihnen angelastet?

Saeed: Es gab drei Anschuldigungen: Berichte und Nachrichten erfunden und mit iranischen und libanesischen Sendern zusammengearbeitet zu haben. Auch warf man mir vor, Mitglied einer terroristischen Zelle zu sein. Ich fragte den Beamten, wie er all diese Dinge wissen könne, zumal ich sie nicht der Wahrheit entsprächen. Daraufhin forderte er mich erneut auf, nicht länger zu lügen.

Dann kam eine weibliche Beamtin in den Raum, schlug mich und zog mich an den Haaren. Sie schrie mich an: „Lüg nicht, lüg nicht, du bist eine Lügnerin. Du bist eine Safawidin.“ In Bahrain ist das ein Schimpfwort für Schiiten, die angeblich dem Iran treu ergeben sind. Danach betrat eine weitere Polizistin den Raum, riss mich ebenfalls an den Haaren und warf mich auf den Boden. Dann begannen alle damit, auf mich einzutreten. All dies geschah in einem Büro mit einem Tisch, auf dem ein Computer stand.

Sie machten sich über mein Aussehen und meinen Kleidungsstil lustig. Eine Polizistin steckte mir einen Schuh mit den Worten in den Mund, er sei sauberer als meine Zunge. Fast 40 Minuten lang musste ich mit dem Schuh im Mund ausharren.

Dann wurde ich in einen anderen Raum geführt, in dem sich weitere weibliche Gefangene aufhielten. Ich konnte nur ihre Stimmen hören. Immer, wenn sie mich von einem in den anderen Raum führten, zerrten sie mir so heftig an den Haaren, dass ich noch Tage danach Schmerzen hatte. Sie befahlen mir, mich mit dem Gesicht zur Wand aufzustellen und meine Arme hoch zu nehmen. Nach 30 Minuten kehrten sie zurück, um mich von allen Seiten mit einem Schlauch zu verprügeln. Es war ein Kommen und Gehen. Wenn deine Augen verbunden sind, weißt du nicht, wer als nächster reinkommt.

Dann gingen sie professioneller vor. Sie folterten mich mit Elektroschockern. Jedes Mal, wenn ich mich aufbäumte, brachen sie in Gelächter aus. Dann holten sie mich aus dem Zimmer, drückten mich auf einen Stuhl und schlugen mit einem Schlauch auf meinen Rücken, Kopf, meine Beine und Fußsohlen ein. Sie beschuldigten mich, mit einem iranischen Fernsehsender zu kooperieren, und wiederholten ununterbrochen, dass ich mit meinen Berichten über Menschen, die von der Armee getötet wurden, dem Ansehen Bahrains geschadet habe.

Während einer der Sitzung versuchte eine Polizistin mir Urin einzuflößen. Ich stieß die Flasche von mir, was sie in Rage brachte. Sie schüttete mir die Flüssigkeit schließlich ins Gesicht, die bei mir eine allergische Reaktion auslöste. Zudem zerrte sie mich an den Haaren zur Toilette. Nach 13 Stunden kam ich wieder frei.

IPS: Was war das, was Sie vor Ihrer Entlassung unterschrieben haben?

Saeed: Das weiß ich nicht. Mir wurde nicht erlaubt, das Dokument zu lesen. Mir wurde lediglich die Stelle gezeigt, wo ich unterschreiben sollte.

IPS: Die bahrainische Regierung stellt die Proteste als vom Iran angezettelte Aktionen dar. Sie selbst haben viele Demonstranten interviewt. Wie ist Ihre Meinung?

Saeed: So etwas ist auf dem Perlenplatz in Manama niemals ein Thema gewesen. Ich habe keinen iranischen Einfluss erkennen können. Ich kann sicher nicht für alle Demonstranten sprechen. Vielleicht gab es den einen oder anderen Sympathisanten. Ich weiß es nicht. Doch die Forderungen der Demonstranten waren klar. Einige forderten den Sturz des Regimes, andere Freiheit, Demokratie, Rechenschaftspflichtigkeit und ein Ende der Korruption.

IPS: Was kann getan werden, um die Bewegung für Demokratie und Menschenrechte zu unterstützen?

Saeed: Alle Regierungen der Welt sollten Druck auf unsere Regierung ausüben, damit es zu fairen Prozessen kommt und die Gewalt gegen Journalisten aufhört.

Links:
http://www.france24.com/en/
http://www.ipsnews.net/2013/07/qa-no-justice-for-tortured-bahraini-journalist/

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