in Naher Osten

Der von Russland und den USA ausgehandelte Waffenstillstand in Syrien ist nicht nur ein eventueller erster Schritt hin zum Frieden in Syrien.

Vielmehr handelt es sich hierbei auch um eine insgeheim von der Türkei unterstützte Option, die es erlaubt, den von den USA und der Türkei unterstützten Rebellen in Nordwestsyrien eine Atempause zu verschaffen, nachdem Russland diese für Wochen aus der Luft bombardiert hatte. Dabei nimmt das militärische Überleben der Turkmenen-Milizen in Syrien für Ankara eine herausragende geostrategische Bedeutung ein.

Für die Türkei sind die syrischen Grenzregionen Bayırbucak, auch Turkmenen-Berge genannt, und die Provinz Aleppo von strategischer Bedeutung. Die russischen Angriffe gegen all jene Truppen, die in den Regionen aktiv sind, vor allem gegen vergleichsweise moderate Turkmenen-Rebellen, haben Ankara entrüstet.

Laut der staatlichen Hilfsorganisation der Türkei AFAD (Disaster and Emergency Management Presidency) haben allein 3000 Turkmenen aus Bayırbucak im Zuge der von Russland und der syrischen Regierung gestarteten Offensive in der Provinz Latakia im Februar dieses Jahr Zuflucht in der Türkei gesucht.

Die Bayırbucak-Region, die fast ausschließlich von syrischen Turkmenen besiedelt ist, besteht aus zwei geografisch verbundenen Teilen: Bayır und Bucak. Während Bayır die Gebirgsregionen, einschließlich das Turkmenen-Gebirge, und 22 Dörfer und 35 kleinere Siedlungen umfasst, finden sich in Bucak, das zur syrischen Mittelmeerküste führt, 21 größere Dörfer und eine kleine Siedlung wieder. Vor dem Arabischen Frühling umfasste die türkische Bevölkerung in Bayırbucak ziemlich genau eine Viertelmillion Menschen. Wie viele Menschen heute übrig geblieben sind, ist unbekannt.

Bayırbucak, an die wichtige Grenzstadt Yayladagi grenzend, ist von strategischer Bedeutung für die Türkei. Zuvorderst weil die Region von lokalen Turkmenen besiedelt ist, einer pro-türkischen Minderheit im Nachbarland. Turkmenen sind in zahlreichen bedeutsamen Anti-Assad-Rebellenmilizen organisiert. Sollten diese Turkmenen gemeinsam mit anderen oppositionellen Milizen wieder die Kontrolle über ihr historisches Siedlungsgebiet erringen, wären sie sehr schnell in der Lage, eine geografische Verbindung vom Rebellengebiet in Idlib und Aleppo zum Mittelmeer freizukämpfen.

Das Turkmenen-Gebiet wäre dann nicht zuletzt ein Aufmarschkorridor gegen die Provinzhauptstadt Latakia, eine wichtige Hochburg der al-Assad-Regierung. Außerdem betrachtet Ankara die Präsenz der Turkmenen als entscheidendes Gegengewicht zum syrischen PKK-Ableger, der YPG, welcher der Türkei gegenüber feindlich gesinnt ist und die nationale Sicherheit bedroht. Hervorzuheben bleibt, dass die türkische Gesellschaft wegen der engen kulturellen, ethnischen und historischen Bindung zu den Turkmenen im Nachbarland hohes politisches Interesse für deren Schicksal signalisiert hat.

Eine mögliche weitere Verwicklung der syrischen Turkmenen in den Bürgerkrieg bleibt deshalb ein Faktor, der die türkische Außen- und Militärpolitik mit Blick auf Syrien tangieren wird. Auch vor dem Abschuss des russischen Bombers vom Typ Su-24 im türkisch-syrischen Grenzgebiet am 24. November 2015 hatten sich die Beziehungen zwischen Ankara und Moskau in negativer Weise zugespitzt. Die Türkei empörte sich, dass Russland die syrischen Turkmenen Bayırbucaks unter dem Vorwand, gegen Dschihadisten vorzugehen, konzentriert bombardierte. Dieser Faktor trug zur aggressiven Reaktion Ankaras bei, den russischen Bomber abzuschießen.

Zwei im Verhältnis große Turkmenen-Milizen kämpfen gleichzeitig gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“ und die Armee al-Assads: Die „Sultan Murat“-Brigade in der Provinz Aleppo und eine bewaffnete FSA-Küstenfraktion in Lazkiye (Latakia). Beide Einheiten werden von der Türkei unterstützt. Dazu kommen zahlreiche kleinere, sehr lokal organisierte Turkmenen-Milizen, die nicht mehr als 500 Mann auf sich vereinen, wie die Abdul Hamid Han-Brigade in den Turkmenen-Bergen oder Muntesir Billah, die in der Provinzhauptstadt Aleppo operiert. Mindestens 10,000 Turkmenen sind in diverse Strukturen der Freien Syrischen Armee organisiert, geht aus öffentlich zugänglichen Quellen hervor. Der Vorsitzende des syrischen Nationalrates der Turkmenen, Abdurrahman Mustafa, betonte:

„Die turkmenischen Einheiten in Aleppo führen einen bedeutsamen Kampf gegen den IS und die al-Assad-Regierung in Aleppo. Wir kämpfen mit all unserer Kraft, um unsere Turkmenen-Dörfer unter IS-Kontrolle zu befreien. In der jüngsten Operation [10. Januar] nahmen wir die Turkmenen-Dörfer Karaköprü, Karamezra, Kızıl und Harava vom IS zurück. Die Truppen der Türkei unterstützten uns im Rahmen ihrer Einsatzregeln mit Artilleriebeschuss.”

Für die Provinz Aleppo spielen die Turkmenen ebenfalls keine zu minder einzuordnende Rolle. Die türkische Regierung unter Premierminister Ahmet Davutoglu betrachtet, Aleppo – das wirtschaftliche Herz Syriens – als osmanisches Hinterland. In Aleppo leben turkmenischen Angaben zufolge bis zu eine Millionen Turkmenen. Ankara hofft, dass sich über die Turkmenen in Aleppo langfristig ein pro-türkisches Sprungbrett in die arabische Welt etablieren könnte. Nach Damaskus ist Aleppo die wichtigste politische und wirtschaftliche Zentrum Syriens.

Indem sich die Türkei als Schutzpatron der moderaten Opposition in der Syrien-Politik positioniert, verschafft Ankara nicht zuletzt den Turkmenen-Milizen Gewicht. Militärisch versucht Ankara sicherzustellen, dass Syriens Turkmenen-Rebellen die Kontrolle über ihre natürlichen Siedlungsgebiete aufrechterhalten.

Für die Türkei war es besonders wichtig, dass sich die syrischen Turkmenen der säkularen Opposition anschließen. Das war auch das Thema der Gespräche zwischen dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan und dem Turkmenen-Führer Abdurrahman Mustafa in Istanbul am 8. Januar. Mustafa sollte in letzte Minute noch als Repräsentant der syrischen Turkmenen-Milizen zu den dritten Genfer Friedensgesprächen über Syrien eingeladen werden.

Infolge der letzten Genfer-Friedensgespräche, die am zweiten Februar ohne Durchbruch endeten, nahmen Regierungstruppen al-Assads, Schiiten-Milizen gemeinsam mit der russischen Luftwaffe und weitere in die Auseinandersetzung involvierte Spezialeinheiten Russlands Bayırbucak größtenteils von den lokalen Turkmenen-Kräften ein. Andere Rebellenkräfte sollten sich dem Kampf der Turkmenen anschließen, auch solche, die sich dem salafistischen oder dschihadistischen Spektrum zuordnen, wie Ahrar al-Scham oder die al-Qaida-nahe Nusra-Front. Auch sollen sich zahlreiche Bürger aus der Türkei zwischenzeitlich dem Kampf der Turkmenen angeschlossen haben.

Am 12. Februar erklärte Abdurrahman Mustafa, dass sich die Turkmenen allmählich konsolidieren konnten. Die Rebellen kontrollieren dennoch nur noch vier Dörfer in Bayırbucak. Mittlerweile zogen sich die Turkmenen vielmehr nur noch auf einen Hit-and-Run-Krieg gegen die materiell überlegenen gegnerischen Kräfte zurück, die starre Ziele binnen kürzester Zeit aus der Luft ins Visier nehmen.

Sollten die Turkmenen Bayırbucak verlieren, ginge der Verlust mit einer strategischen Niederlage Ankaras in Syrien gegen Damaskus, Iran und Russland einher, die Ankara trotz des Mangels an Optionen nicht bereit ist, zu akzeptieren.

Zunächst aber wird der angebrochene Waffenstillstand beweisen müssen, dass er fähig ist, nachhaltig die Fronten zu neutralisieren. Sollte er halten, wird Ankara sich darauf konzentrieren, diplomatische Wege zu suchen, um die Interessen der Turkmenen in einem Nachkriegssyrien zu verteidigen.

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Dein Kommentar

Kommentar

  1. … und, könnten wir uns evtl. auch mal dazu herablassen über die berechtigten Interessen der Kurden im Nachkriegssyrien zu berichten, oder liegt das außerhalb jeden Denkvermögens !?

    „… die Ankara TROTZ des Mangels an Optionen nicht bereit ist, zu akzeptieren.“

    Und, was wollen sie dann machen – zelebriert dann das Gummibärchen-Gesicht mit dem chinesischen Dauergrinsen Davutoglu seine Trotzphase zusammen mit der trotzigen Merkel, in der Hoffnung, der große Bruder wird’s schon richten ?!

    Baut euch doch eine Trotzburg im türkischen Hinterland und spielt : die beleidigte Leberwurst !

  2. die türkenbrut ist doch ohne ihre usraelisches_nato
    zweckbündis ein zahloser tiger…..
    die russen hätten den erdlochstaat doch gerade zerissen, wären hier nicht ihre christlichen wallstreet genossen die ihren hund erdo hänseln wie sie wollen.

    geschäfte mit flüchtlingen, terroristen, eigenzerfleischung, falschpässen,
    blutöl, fremdsozialgeldern etc.etc. sind die errungenschaften dieser verirrten moslemischen ziegenabkömmlinge.

    und jetzt wollen uns die amis diese meische noch via merkel visafrei auf europa verteilen.
    nicht die usagentin merkel ist durchgeknallt, sondern
    das deutsche volk, das dies zulässt.

  3. Ich glaube kaum das Russland, auch wenn es militärisch mächtiger ist, die Türkei „zerreissen“ würde…
    Wir sprechen hier vom zweitgrößten Militärapparat der NATO, nach den USA!