Al Naqba – die Katastrophe – jährt sich wieder

Am 15. Mai ist es wieder soweit, die Naqba (arab. Katastrophe) jährt sich bereits zum 68. mal. Was für die Palästinenser ein Tag der Trauer ist, ist für die Israelis ein Tag der Feier: sie feiern den Unabhängigkeitstag.

Das Symbol der Naqba ist der Schlüssel geworden, den die Vertriebenen von ihren Häusern in der Hoffnung mitgenommen hatten, eines Tages wieder in ihre Häuser zurückzukehren. Diese Hoffnung ist so alt wie die Katastrophe selbst. Die Generation die davon berichten könnte und für die dieser Schlüssel der wichtigste Besitz geblieben ist, stirbt langsam aber sicher aus. Zwar werden die Schlüssel innerhalb der Familie weiter in Ehren gehalten, aber die persönlichen Erinnerungen und Emotionen sind unwiederruflich mit der Generation „Naqba“ zu Grabe getragen worden.

Es ist deshalb wichtig das Narrativ der Naqba immer wieder zu betonen, zumal es gerade in Deutschland unter massivem Angriff der zionistischen Lobby steht, wie es ein Fall in Freiburg gezeigt hat.

Naqba, das arabische Wort für Katastrophe, ist in der persönlichen Bedeutung für hunderttausende direkt betroffene Palästinenser und deren Nachkommen in etwa gleichzusetzen mit dem Wort Shoa (hebräisch für Genozid an den Juden) für die Juden Europas, welche die dunkelste Seite des menschlichen Wesens zu spüren bekamen.
Millionen Juden wurden durch das brutale Nazi-Regime aus ihrer jahrhundertealten Heimat entrissen und in die berüchtigten Konzentrationslager gesteckt. Der grösste Teil von diesen unschuldigen Menschen musste einen grausamen Tod sterben. Diejenigen die das Glück hatten diesem Wahnsinn zu entrinnen, fanden sich plötzlich ohne Heimat wieder und ihrer gewohnten Lebensweise beraubt. Der Weg zurück in die Heimat blieb versperrt, nicht nur durch physische Hindernisse, sondern mit Hindernissen die schwerer wogen als ein Grenzzaun oder Stacheldraht: die Gewissheit das es diese Heimat nicht mehr gab, dass alles was einem lieb und teuer war, Traditionen und Kultur, nicht mehr da sein würde.

Seit den ersten russischen Pogromen an den Juden in den 1880er Jahren und dem sich bildenden Nationalismus in Europa, arbeitete eine neue jüdisch-nationalistische Bewegung – die Zionisten – unermüdlich an der Errichtung einer eigenen „Heimstätte“. Von einem Staat nach heutigem Verständnis war damals keine Rede, gehörte doch diese Möglichkeit ins Reich der absoluten Utopie.

Die Zionisten erkannten aber schnell, dass ihr Projekt nur dann eine Chance haben würde, wenn sie die Allianz mit einer Grossmacht suchen würden. Sie versuchten es bei dem Sultan des Osmanischen Reiches in Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, welches seit dem 16. Jahrhundert über das „Heilige Land“ herrschte, und erhielten erwartungsgemäss eine negative Antwort auf ihre Anfrage einer jüdischen Autonomie in Palästina. Beim deutschen Kaiser Wilhelm II. fanden die Zionisten ebenfalls kein Gehör. Schliesslich blieb nur noch Grossbritannien übrig, welches aus eigenen religiösen Gründen der zionistischen Sache nicht von vornherein abgeneigt war.

Unter der Führung von Chaim Weizmann, einem hochintelligenten Mann aus der jüdischen Elite Russland`s der 1904 nach London kam und während des Ersten Weltkrieges sozusagen auch die erste zionistische Lobbyarbeit in den Korridoren der Macht betrieb, wurde die Allianz zwischen dem britischen Empire und den Zionisten geschmiedet.
Das Resultat dieser Lobbyarbeit war die berühmte „Balfour Deklaration“ von 1917, verfasst vom britischen Aussenminister Lord Arthur James Balfour. Die Zionisten instrumentalisierten diese „Deklaration“ umgehend als politischen Sieg und als ein hochoffizielles Dokument der britischen Regierung. Diese „Deklaration“ war aber keineswegs eine offizielle Erklärung oder Politik der Regierung, sondern lediglich ein Brief von Lord Balfour an den jüdischen Baron Edmond James Rothschild. Der Inhalt dieses Briefes lautete:

„Die Regierung Seiner Majestät betrachtet mit Wohlwollen die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina und wird ihr Bestes tun, die Erreichung dieses Zieles zu erleichtern, wobei wohlverstanden nichts geschehen soll, was die bürgerlichen und religiösen Rechte der bestehenden nicht-jüdischen Gemeinschaften in Palästina oder die Rechte und den politischen Status der Juden in anderen Ländern in Frage stellen könnte.“

Was nach einer offiziellen Linie klang, adressiert an einen Banker der englischen Krone, war eine Taktik der britischen Regierung um das weltweite Judentum inklusive dessen (vermeintlicher) Finanzkraft für die Seite der Alliierten im Ersten Weltkrieg zu gewinnen. Was aber Chaim Weizmann nicht wissen konnte und als Beweis dahingehend gedeutet wird, dass es sich eben nicht um eine offizielle britische Politik handelte, war die Tatsache dass London bis zur letzten Minute mit der Veröffentlichung der „Balfour Deklaration“ wartete um zu sehen, ob sich der arabische Aufstand im Nahen Osten gegen die Türken mit Hilfe des legendären Lawrence von Arabien nach Plan entwickelte. Und das tat er auch, nur nicht schnell genug. Damaskus, als letzte Bastion der türkischen Herrschaft über diese Region, war das Ziel der britischen Militärstrategen in Kairo. Oder aber auch das berühmte „Syces-Piccot Abkommen“ von 1916, mit welchem London und Paris sich den Nahen Osten nach Belieben aufteilten, war Chaim Weizmann und den Zionisten nicht bekannt. Ebensowenig wie den Arabern selbst, welche zum gleichen Zeitpunkt davon ausgingen ein eigenes Königreich im Gegenzug für ihren Kampf auf der Seite der britischen Krone zu erhalten.

Als die Nachricht der „Balfour Deklaration“ auch in den arabischen Gebieten (insbesondere in Palästina, Syrien, Libanon, Ägypten) die Runde machte, wurde jedermann schnell klar, dass die Briten ein klassisches Täuschungsmanöver geführt haben und die involvierten Parteien nur ein Spielball in der Strategie des Krieges waren.

Für die Zionisten bedeutete das Ende des Ersten Weltkrieges einen wichtigen Sieg in der Eroberung Palästinas. Mit Hilfe von schwerreichen Juden wie die Rothschild- oder Montefiori Dynastie, aber auch mit organisierten „Fundraisings“ in den USA, fingen sie an, massive Landkäufe in Palästina zu tätigen. Diese Landkäufe brachten einige Probleme mit sich, da sich die Grundstückspreise massiv verteuerten und der überwiegende Teil der Bevölkerung dieser Entwicklung äusserst kritisch gegenüber stand. Aber auch die Fellachen, also die Bauern die seit Jahrhunderten das Land der Grossgrundbesitzer bestellten, wurden von den neuen jüdischen Besitzern von ihrer einzigen Erwerbsquelle verjagt und mittellos gemacht, da diese auch auf dem zu bestellenden Land gelebt haben.

Mythos vom Land ohne Volk

Von den Zionisten wurde während dieser Zeit mit grösster Sorgfalt ein Mythos in Europa und den USA gepflegt, nämlich dass sie in ein Stück Land gehen möchten, welches Wüstengleich brach liegt und nur darauf wartet von Juden bevölkert zu werden, weil kein anderes Volk diese Erde bewohnt. Und das obwohl es selbst in den eigenen Reihen höchst kritische Stimmen zu solch einem Vorgehen gab, wie beispielsweise Asher Ginzberg, welcher ebenfalls eine prominente Rolle in der frühen zionistischen Lobby in London spielte. Ginzberg kritisierte das Verhalten der jüdischen Einwanderer und deren „repressive Brutalität“, als Folge dessen wenn „Sklaven zu Königen“ werden.

Gegen wen sollten denn diese jüdischen Einwanderer Brutalität anwenden, wenn niemand vor ihnen da war?
Noch besser entkräftigt diesen Mythos vom Land ohne Volk die Volkszählung in Palästina während der britischen Mandatszeit. Im Jahr 1922 lebten 590`000 Palästinenser und knapp 89`000 Juden in ganz Palästina, fast zehn Jahre später waren es 760`000 Palästinenser und 175`000 Juden!

Die Jahre zwischen der ersten und der zweiten Volkszählung sollten die friedlichsten Zeiten zwischen den Palästinensern und Juden auf gemeinsamen Raum bleiben. Mit dem Aufstieg von Adolf Hitler an die Macht in Deutschland 1933, sollten auch die Probleme in Palästina zunehmen. Immer grössere Menschenströme trafen auf den Küsten des „Heiligen Landes“ ein und führten zu Protesten und Aufruhr der palästinensischen Bevölkerung. Die Stimmung kippte und wurde immer aggressiver, was nach Provokationen von einer Seite zu blutigen Vergeltungen auf der anderen Seite führte. Die britische Besatzungsmacht sah sich mit einer Situation konfrontiert, welche so nicht geplant war und mit brutaler Unterdrückung beantwortet wurde.

Der Unterschied zu diesem Zeitpunkt zwischen den Palästinensern und den Juden war der, dass die Ersteren nicht organisiert waren und im Grunde nur ein normales Leben führen wollten, und die Letzteren sehr gut organisiert waren und ein klares Ziel vor Augen hatten. Noch bevor in den 1930er Jahren die lokale Bevölkerung gegen die britische Besatzung und jüdische Einwanderung rebellierte, veröffentlichte Ze`ev Jabotinsky 1923 sein Manuskript „The Iron Wall“, also Die Eiserne Mauer.
Seine Worte sind einfach viel zu wichtig, auch im Hinblick auf den heutigen Konflikt, als dass man sie abkürzen oder zusammenfassen könnte. Daher hier Teile davon in voller Länge:

„Ein freiwilliges Abkommen zwischen uns und den Arabern von Palästina ist nicht durchführbar, weder jetzt noch in absehbarer Zukunft. Jede einheimische Bevölkerung wird fremden Siedlern widerstehen solange sie eine Hoffnung sehen, diese Gefahr einer ausländischen Besetzung eigenhändig abzuschütteln. Das ist es wie sich die Araber verhalten und auch weiter verhalten werden solange sie einen Funken Hoffnung besitzen, um zu verhindern dass Palästina das Land von Israel wird. Wir müssen daher entweder unsere Siedlungsanstrengung suspendieren, oder diese weiter vorantreiben ohne Rücksicht auf die Meinung der Einheimischen. Die Besetzung kann sich daher unter dem Schutz einer Kraft entwickeln welche nicht abhängig von der Lokalbevölkerung ist, (sondern) hinter einer eisernen Mauer, welche sie nicht runter reissen können.

Ich meine nicht, dass überhaupt kein Abkommen mit den Arabern des Landes Israel möglich ist. Aber ein freiwilliges Abkommen ist einfach nicht möglich. So lange die Araber einen Funken Hoffnung behalten dass sie es schaffen werden uns los zu werden, wird nichts auf der Welt diese Hoffnung zerstören können, genau deshalb weil sie kein Pack sind sondern lebende Menschen. Und lebende Menschen werden erst dann in solchen schicksalhaften Dingen nachgeben, wenn sie ihre gesamte Hoffnung aufgegeben haben um die fremden Siedler los zu werden. Nur dann werden extremistische Gruppen mit ihren Slogans wie „Nein, niemals“ ihren Einfluss verlieren, und nur dann wird ihr Einfluss zu moderateren Gruppen transferiert. Und nur dann werden die Moderaten Empfehlungen für einen Kompromiss abgeben. Nur dann werden sie beginnen, mit uns über praktische Dinge zu verhandeln, solche (Dinge) wie Garantien das wir sie nicht hinauswerfen, und Gleichstellung von zivilen und nationalen Rechten.“

Jeder Versuch der Beschwichtigung seitens der zionistischen Hasbara UND der westlichen Mächte, nämlich das Israel aufgrund eines internationalen Konsens entstand, straft das Manuskript Jabotinsky`s Lügen. Den frühen Zionisten welche das Land Palästina besiedeln wollten, war absolut klar, dass es dort eine einheimische Bevölkerung gab, welche nicht freiwillig das Feld räumen würde. Es stellte sich also (aus ihrer Sicht) die existenzielle Frage, ob das zionistische Projekt als gescheitert betrachtet werden muss, oder ob man die Besiedelung und Besetzung von Palästina ohne Rücksicht auf die einheimische Bevölkerung unter dem Schutz einer „Eisernen Mauer“ durchführt .
Sogar der spätere unangefochtene Nationalheld und Staatsgründer Israels, David Ben Gurion, äusserste sich 15 Jahre nach Ze`ev Jabotinsky in ähnlicher Weise (1938 während einer Rede vor seiner Mapai-Partei) :

„Lasst uns nicht die Wahrheit unter uns ignorieren. Politisch sind wir der Aggressor und sie verteidigen sich bloss selbst. Das Land ist ihres, weil sie es bewohnen, während wir hierher kommen und uns niederlassen wollen, und in deren Sicht wollen wir ihr Land von ihnen wegnehmen.“

Die „Eiserne Mauer“ sollte die Haganah werden, eine schlagkräftige und später von britischen Offizieren ausgebildete Untergrundarmee, welche als militärischer Arm der „Jewish Agency“ fungierte. Insbesondere die Eliteeinheit der Haganah, der Palmach, wurde während des Zweiten Weltkrieges von den Briten gefördert.

Teilung Palästinas wird 1937 empfohlen

Als sich die Übergriffe auf beiden Seiten in Palästina mehrten und die Briten selbst unter Bedrängnis gerieten, entsandte die britische Regierung eine Untersuchungskommission unter der Leitung von Sir William Peel nach Jerusalem um einen Plan zur Stabilisierung zu erarbeiten. Das Ergebnis sollte als die „Peel Commission 1937“ in die Geschichte eingehen, wobei zum Ersten Mal die Teilung Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Staat empfohlen wurde, sowie die Heiligtümer in Jerusalem unter der Mandatsverwaltung bleiben sollten.

Verständlicherweise akzeptierten die Palästinenser (und die Araber im Allgemeinen) diesen Teilungsplan nicht, da dieser ohne ihre Mitbestimmung oder Einverständnis erklärt wurde. Aus ihrer Sicht würden die einwandernden Juden für ihre Besetzung noch zusätzlich mit einem eigenen Staat belohnt, mit Land welches hauptsächlich von der einheimischen palästinensischen Bevölkerung bewohnt war. So sollten ganze Landstriche welche seit über 1000 Jahren von ein und derselben Bevölkerung bewohnt waren den „fremden Eindringlingen“ zugesprochen werden.

Der von Sir William Peel vorgeschlagene Teilungsplan fiel aber auch nicht auf breite Zustimmung innerhalb der zionistischen Führung. Chaim Weizmann beispielsweise befürwortete den Plan umgehend, war dieser doch das Ziel seiner Lobbyarbeit in London. David Ben Gurion befürwortete den Plan nur unter Vorbehalt, er betrachtete den Plan in erster Linie als ersten Schritt zur territorialen Expansion. Auf gar keinen Fall sollten diese Grenzen die endgültigen Grenzen den neuen Jüdischen Staates sein. Für andere Zionisten wiederum kam dieser Teilungsplan überhaupt nicht in Frage, da sie zu keinerlei Kompromissen und Konzessionen bezüglich des von Gott versprochenem Gelobten Land bereit waren.
David Ben Gurion liess seinen Gedanken in einem Brief an seinen Sohn Amos freien Lauf (05.10.1937):

„Ich bin sicher das wir uns in allen anderen Teilen des Landes niederlassen werden können, ob durch Abkommen und gemeinsames Verständnis mit unseren arabischen Nachbarn, oder auf irgendeinem anderen Weg. Meine Seele und mein Herz wollen einen Jüdischen Staat auf einmal errichten, sogar wenn es nicht im ganzen Land (Palästina) ist. Der Rest wird im Laufe der Zeit kommen. Er muss kommen.“

Zwar wurde am 20. Weltzionistenkongress im August 1937 in Zürich der Teilungsplan der Peel-Kommission mit deutlicher Mehrheit angenommen, doch zeigt Ben Gurions Brief an seinen Sohn deutlich, welcher langfristige Plan hinter des zionistischen Projektes steckte: die Annektierung des gesamten Mandatsgebiets von Palästina.

Als aber der Zweite Weltkrieg ausbrach, stoppte die britische Regierung ihr Bemühen um die Umsetzung der Peel-Kommission, und das gesamte Projekt eines Jüdischen Staates schien in Gefahr zu sein. Ausserdem fehlte es der Jewish Agency, welche mit der Repräsentation der Juden auf der ganzen Welt sowie deren Emmigration nach Palästina beauftragt war, an der wichtigsten Ressource für einen Staat, nämlich Einwohner. Während in Europa der Krieg tobte, organisierte die Jewish Agency unter der Leitung von David Ben Gurion die Überführung und Finanzierung von Einwanderungswilligen Juden. Doch ihre Zahl hielt sich nach wie vor in Grenzen, der allergrösste Teil der jüdischen Flüchtlinge zog es vor, in die Vereinigten Staaten von Amerika auszuwandern. Dort wo schon zuvor der Ruf des „American way of Life“ unwiderstehlich laut zu vernehmen war, da wollten die Menschen ihre Zukunft aufbauen. Und nicht in einem unterentwickelten Palästina. Viele die nach Palästina aus ideologischen Gründen auswanderten, verliessen das Land frustriert und enttäuscht in Richtung USA.

Gleichzeitig aber baute die Jewish Agency ihre militärische Macht, die „Eiserne Mauer“, immer weiter aus nachdem klar wurde, dass die Schutzmacht Grossbritannien aus völliger Desillusionierung und aus Mangel an finanziellen Möglichkeiten ihr Mandat über Palästina am 15.05.1948 an den Völkerbund (Vorgängerorganisation der UNO) übergeben würde. Jüdische militante Untergrundorganisationen in Palästina wie die Stern-Gang (der spätere Ministerpräsident Itzak Schamir gehörte dieser Gruppierung an) oder Irgun (dieser Gruppierung gehörte der spätere Ministerpräsident Menachem Begin an), setzten den Briten mit Terroranschlägen massiv zu, wie der Anschlag auf das King David Hotel in Jerusalem am 22.07.1946, wo sich das Hauptquartier der Briten befand, deutlich zeigte. Unterdessen blieben die Palästinenser weiter unorganisiert und ohne jegliche effektive Form der Verteidigung gegen die Juden.

David Ben Gurion spielte auch in der Formierung einer schlagkräftigen jüdischen Armee, der Haganah, eine zentrale Rolle. 1946 übernahm er die Verantwortung über das Verteidungsportfolio Jewish Agency und bereitete sich seit diesem Zeitpunkt auf einen Krieg gegen die Araber vor. Er wusste seit den 1930er Jahren, dass sich die palästinensische Bevölkerung nicht freiwillig einem neuen Jüdischen Staat, dem Land Israel, beugen würden.

Als in Europa die unmenschliche Tragödie um die Juden seinen Lauf nahm und Millionen von unschuldigen Menschen ihr Leben in den Vernichtungslagern der Nazis liessen, erhöhte sich der Druck auf die Weltgemeinschaft, insbesondere in den USA, etwas in Richtung eines Jüdischen Staates zu unternehmen. Nach dem Tod von Präsident Franklin D. Roosevelt 1945 wurde sein unerfahrener Vize Harry Truman zu seinem Nachfolger gewählt. Während Roosevelt nur eine Woche vor seinem Tod einen Brief an den saudischen König Ibn Saud schrieb, worin er versprach „keine feindselige Handlung gegen Araber vorzunehmen, und dass die USA nichts an ihrer grundsätzlichen Haltung zur Palästina Frage ändern würden, ohne vorher sich mit Juden und Arabern abgesprochen zu haben.“

Obwohl Harry Truman von diesem Brief und der Haltung seines Vorgängers wusste, hegte er eine andere, eine persönliche Sicht auf die Frage eines Jüdischen Staates basierend auf seiner streng religiösen Erziehung. Damit erwies er sich offener für die massive Lobbyarbeit der zu diesem Zeitpunkt grössten zionistischen Organisation in den USA, der „Zionist Organisation of America“.
Truman machte sich in der erst kürzlich gegründeten UNO für eine Teilung Palästinas stark, was schliesslich zur historischen UN-Resolution 181 am 29.11.1947 führte.
Was zwischen dem Teilungsplan von Sir William Peel und diesem von der UN verabschiedeten Resolution 181 auffällt, ist die Zerstückelung Palästinas zugunsten der Juden, respektive zu ungunsten der Palästinenser. In dieser Konstellation würden in dem Jüdischen Staat 500`000 Juden leben, aber auch fast nochmal soviel Palästinenser (400`000). Diese Resolution sorgte zugleich für Jubel und absolute Hochstimmung bei den Juden, aber auch zu grosser Sorge ob der demographischen Verhältnisse, und auf der anderen Seite zu Trauer und Wut in der arabischen Welt.

Heute wird von vielen Politikern in den USA, insbesondere aber von zionistischen Vertretern darauf verwiesen, dass die Araber nicht von Anfang an einen Staat an der Seite der Juden haben wollten, da sie ansonsten die UN-Resolution 181 ebenfalls akzeptiert und nicht glattweg abgelehnt hätten. Aber diese Behauptung grenzt bereits an böswilligem Zynismus und entbehrt jeder Logik. Während die Juden mit allen Mitteln an der Errichtung eines eigenen Staates arbeiteten, versuchten die Palästinenser ihren Grund und Boden vor der Enteignung zu beschützen. Während die Jewish Agency eine schlagkräftige Armee aufbaute, vertraute die Masse der Palästinenser den Versprechungen der arabischen Führer dass die USA einer Teilung nicht zustimmen würden. Als dann der 29. November 1947 kam und sie feststellen mussten, dass eine fremde Macht sozusagen über Nacht ihr gesamtes Leben auf den Kopf gestellt hat und sie ihr Hab und Gut verlieren würden, wer hätte so einer Resolution zugestimmt?

Aber auch innerhalb der zionistischen Bewegung gab es Unmut. Menachem Begin, der Anführer der Terrorgruppe Irgun und spätere Ministerpräsident Israels, sagte kurz nach der Verlautbarung der UN-Entscheidung:

„Die Teilung von Palästina ist illegal. Es wird niemals akzeptiert werden. Jerusalem war und wird für immer unsere Hauptstadt sein. Eretz Israel wird für die Menschen von Israel wieder erstellt werden. Das Ganze Land und für immer.“

Mythos von der versammelten arabischen Armee gegen Israel

Bereits am 01.01.1948 traf sich David Ben Gurion mit seinen militärischen Beratern um die Stärke und Schlagkraft der arabischen Armeen einzuschätzen. Er erwartete ganz klar einen Krieg. Die Analyse bestärkte ihn jedoch nur in seinem Plan zur Annektion von weiteren Territorien auf palästinensischer Seite. Die militärischen Berater schätzten die lokale Gefahr als gering ein, und abgesehen von der jordanischen Armee waren die anderen arabischen Armeen ebenfalls schlecht ausgerüstet und ausgebildet. Sie empfahlen Ben Gurion den arabischen Aufstand mit harten Schlägen auszuschalten. Nicht der Frieden wurde gesucht, sondern der Kampf!
Die arabischen Staaten indes vermieden es in einen offenen Krieg einzutreten, und liessen der kriegerischen Rhetorik aber nur Ausrüstung für die lokalen Widerstandsgruppierungen folgen.

Transjordanien hingegen ging bereits vor der UN-Resolution vom 29.11.1947 einen Pakt mit Golda Meir ein, der aus den USA stammenden „harten Lady“ in der Führung der Jewish Agency.
König Abdullah von Transjordanien, der sein Reich der britischen Krone zu verdanken hatte nachdem sein Vater, der Sharif von Mekka, von Grossbritannien schändlich im Stich gelassen wurde und sie von den Wahhabiten unter Ibn Saud von der Arabischen Halbinsel verjagt wurden, hinterging die Palästinenser und deren nationalenen Widerstand, indem er mit Golda Meir vereinbarte, diesen Widerstand nicht zu unterstützen. Als „Geschenk“ für diesen Verrat sollte König Abdullah die Palästinensergebiete westlich des Flusses Jordan erobern, also die West Bank, und den jüdischen Bestrebungen nicht im Wege stehen.

In den ersten drei Monaten von 1948 stiess die Armee der Jewish Agency, die Haganah, auf unerwartet heftigen Widerstand der Palästinenser. Trotz der im Grunde korrekten Einschätzung der militärischen Beratern Ben Gurions über die Stärke der Palästinenser, unterschätzten sie aber den Willen zur Aufopferung für ihr Land. Die Haganah musste im Februar 1948 sogar starke Verluste im Kampf um die überlebenswichtige Versorgungslinie Tel Aviv-Jerusalem hinnehmen, ja die Palästinenser schafften es sogar diese Linie zu durchbrechen.

Angesichts dieser unerwarteten Wendung entwickelten die Strategen der Haganah einen neuen Plan, den sogenannten Plan D oder Plan Dalet. Dieser Plan ging über die bisherige Strategie der reinen Verteidigung hinaus. Obwohl ebenfalls als Verteidigungsplan konzipiert, beinhaltete Plan D auch Elemente von offensiver Natur in palästinensischen Dörfern und Städten, welche als strategisch wichtige Punkte betrachtet wurden. Dieser neue Ansatz sollte für das zionistische Projekt von elementarster Wichtigkeit werden und für die Palästinenser zum reinsten Albtraum. Insbesondere dieser Teil von Plan D sollte die ethnische Säuberung begünstigen, wenn auch nicht direkt als operatives Ziel definiert sein:

„Operationen gegen feindliche Bevölkerungszentren ausführen welche innerhalb oder nahe an unseren Verteidigungslinien sind um zu verhindern das diese als Basis durch eine aktive bewaffnete Kraft genutzt werden. Diese Operationen können in folgende Kategorien geteilt werden:
1) Zerstörung von Dörfer (niederbrennen, in die Luft sprengen, und Minen in den Ruinen aufstellen), insbesondere jene Bevölkerungszentren welche schwierig sind permanent zu kontrollieren.
2) Such- und Kontrolloperationen gemäss folgenden Richtlinien ausführen: Umkreisung des Dorfes und die Durchsuchung darin. Im Falle eines Widerstandes muss die bewaffnete Kraft zerstört werden und die Bevölkerung muss über die Staatsgrenze vertrieben werden.“

Diese „Richtlinien“ ermöglichten erst den Verlust jeglicher Moral einzelner Kommandeure der Haganah und erst recht der militanten-terroristischen Organisationen wie Irgun oder Stern-Gang. Diese „Richtlinien“ waren es erst, welche die Massaker im Dorf Deir Yassin oder Beit Daras und viele weitere ermöglichten und damit die Grundlage für den Beginn einer Flüchtlingswelle schufen, die nahezu die gesamte palästinensische Bevölkerung in den Gebieten des zu entstehenden Jüdischen Staates erfasste.

Und erst als diese Massaker an der palästinensischen Bevölkerung begangen wurden und im Zuge dessen ganze Dörfer vor den jüdischen Angreifern flohen, entschieden sich die arabischen Staaten, einen Teil ihrer erst noch in der Kinderschuhen stehenden Armee nach Palästina zu entsenden. Als diese dann tatsächlich am 15. Mai 1948, einen Tag nach der Unabhängigkeitserklärung und der Ausrufung eines neuen Staates Israel, in Palästina einmarschierten, war ein Grossteil der palästinensischen Bevölkerung bereits geflohen und vertrieben.

Die arabischen Armeen wurden von der offiziellen zionistischen Geschichtsschreibung als zahlenmässig deutlich überlegen gegenüber der israelischen Haganah porträtiert. Diese Legende sollte für die Entwicklung des neuen Staates von immenser Bedeutung sein, spiegelte es doch das biblische Bild vom Kampf David gegen Goliath wider. Doch die Dokumente dieser Zeit sprachen eine ganz andere Sprache.

Zum Zeitpunkt der „arabischen Invasion“ am 15.05.1948 waren es über 35`000 israelische Soldaten, und nur 25`000 arabische Soldaten. Bis Mitte Juli mobilisierte Israel weitere 30`000 Mann und deren Zahl stieg noch weiter bis total 96`441 Mann im Dezember 1948. Zwar erhöhten auch die Araber ihre Truppenkontingente, doch konnten sie zu keinem Zeitpunkt des Krieges auch nur annähernd eine Parität mit den israelischen Truppen erreichen. Die Niederlage stand somit von Anfang an fest, auch angesichts der nur halbherzigen Teilnahme von König Abdullah aus Transjordanien. Als der dritte Waffenstillstand schliesslich am 07.01.1949 in Kraft trat, hat Israel weitere Gebiete dazu erobert und Transjordanien das westliche Jordangebiet.

Die Palästinenser aber blieben in diesem Konflikt auf der Strecke. Nicht nur das etwa 800`000 Menschen zu Staatenlosen Flüchtlingen wurden und ihr gesamtes Hab und Gut verloren haben, sie haben gleichzeitig ihren zugesprochenen Platz in der internationallen Gemeinschaft verloren.

Was bis heute fehlt, insbesondere von Israel, Europa und den USA, ist die Anerkennung ihrer eigenen Schuld, das nur drei Jahre nachdem sie die Tore von Auschwitz und den anderen Konzentrationslagern geöffnet haben, sie es zugelassen haben, dass wieder ein Volk zu hunderttausenden aus ihrer Heimat vertrieben wurden und in Lagern Schutz suchen mussten (und bis heute! dort leben müssen). Dass diese Anerkennung noch heute, 68 Jahre später, diesen Ländern so schwer fällt, und dies angesichts der eigenen, schweren Geschichte, ist tatsächlich eine Katastrophe.