ÄGYPTEN: Zornige junge Islamisten – Experten warnen vor Radikalisierung der Muslimbruderschaft

Von Hisham Allam

Kairo, 16. August (IPS) – Nach dem Massaker in Kairo am 14. August an mehr als 500 Muslimbrüdern ist eine Radikalisierung der jungen Parteimitglieder zu befürchten. Sie im Zaun zu halten, könnte sich als schwierig bis unmöglich erweisen, warnen Experten.

Wie der ehemalige Jugendführer der Muslimbruderschaft, Haytham Abu Khalil, erklärte, sind die jungen Mitglieder wütend, verwirrt und verunsichert. Seit der blutigen Räumung des Protestcamps der Anhänger des abgesetzten Staatspräsidenten Mohamed Mursi fühlten sie sich unterdrückt. Eine der Konsequenzen werde sein, dass sie gegen die moderate Führungsebene innerhalb der Partei aufbegehrten und deren Sturz betrieben.

Khalil erwartet, dass viele junge Muslimbrüder zu radikaleren Gruppen wechseln werden. Die größte unmittelbare Gefahr drohe durch neue militante Splittergruppen.

„Ich schließe nicht aus, dass zornige Mitglieder eigene Gruppen bilden, die nichts mit der Führung der Muslimbruderschaft zu tun haben wollen.“

Jeder Schritt in Richtung Verbot politischer Parteien mit religiösen Grundsätzen werde deren Anhänger nur in die Arme radikal-islamischer Gruppen treiben.

Nach Ansicht von Amr Hashem Rabie, dem Leiter der Abteilung für Ägypten-Studien am Al-Ahram-Zentrum für politische und strategische Studien, könnte sich innerhalb der Gruppen die Tendenz verstärken, feststehende Grundsätze des Gehorsams zu beseitigen. Dies würde zu einem Ungleichgewicht innerhalb der Muslimbruderschaft führen, weil sich viele Jugendliche davon angezogen fühlen könnten.

„Die Jungen haben jetzt das Gefühl, in eine blutige Konfrontation geraten zu sein“, sagte Rabie.

„Diejenigen, die die aktuelle Führung ablehnen, werden die Bruderschaft verlassen. Entweder werden sie die politische Arbeit aufgeben oder sich bewaffneten Milizen wie den Salafisten anschließen.“

Führende Mitglieder wollten die politische Rolle der Partei stärken und nicht wieder in die „Dunkelheit“ zurückkehren, meinte er. „Bald wird sich aus dem Innern die Stimme der Neo-Reformer erheben.“

Die Jungen könnten Muslimbruderschaft dominieren

Nach dem Massaker in Kairo weiß derzeit niemand, wie es mit der Muslimbruderschaft weitergehen wird. Viele politische Beobachter glauben, „dass die Zukunft der Bewegung nun in der Hand der Jungen liegt.“ Viele von ihnen greifen inzwischen zu Gewalt, weil sie sich als Opfer einer religiösen Verfolgung betrachten.

Laut dem politischen Analysten Wahid Abd-al-Majid läuft das brutale Vorgehen der Armee einerseits auf eine Konfrontation zwischen Militär und Polizei hinaus und könnte außerdem zur Folge haben, dass sich die Muslimbruderschaft zunehmend bewaffnet.

„Ich weiß, dass einige führende Mitglieder die Eskalationsstrategien der einflussreichsten Protestgruppe ablehnen“, sagte der Experte. Sie seien aber angewiesen worden, diese Haltung nicht öffentlich zu vertreten. Aus der Bruderschaft seien bereits mehrere bewaffnete Gruppen hervorgegangen, die von jugendlichen Anhängern von Gewalt und Dschihad angeführt würden. Diese Gruppen gewännen weiter an Stärke, warnte er.

„Sie würden um der Bruderschaft willen und im Namen Allahs und des Islams töten.“

Seit der Revolution vom 25. Januar habe sich die Muslimbruderschaft gespalten, sagte Abd-al-Majid. Auf der einen Seite stünden friedliche Gruppen wie die ‚Brüder ohne Gewalt‘ und die ‚Freien Brüder‘. Andere hätten sich um abtrünnige Führer der Bruderschaft gruppiert oder seien kleineren politischen Parteien wie ‚Al-Wasat‘ und ‚Masr-al-Qaweya‘ beigetreten.

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Die militante Gruppe der Muslimbruderschaft sei jedoch dominanter, erklärte er. Sie leisteten ihren Führern vollen Gehorsam. Reformer innerhalb der Bewegung würden nun darauf hinarbeiten, die Jungen zu einer aggressiven Oppositionshaltung zu bringen.

„Sie benutzen die Jugendlichen als Treibstoff für Gewalt, werden sie aber bei nächster Gelegenheit im Stich lassen.“