in Naher Osten

2009 hielt Barack Obama in Kairo seine grosse Nahost-Rede. Und wieder knüpften viele Ägypter ihre Hoffnungen an die USA. Dann kam der Aufstand von 2011, die SCAF-, dann die Islamisten-Herrschaft, schliesslich die Absetzung Mursis – und die US-Administration versagt und versagt. Heute sind die USA in Ägypten auf dem Tiefpunkt ihrer Glaubwürdigkeit und prinzipiell an allem schuld. Die enttäuschte Liebe der Ägypter zu den USA ist fast 100 Jahre alt.

An der Pariser Friedenskonferenz von 1919 setzte US-Präsident Wilson das Selbstbestimmungsrecht der Völker auf die Tagesordnung. Aus Ägypten reiste damals eine Delegation nach Paris, um für ein selbständiges Ägypten zu werben. Ohne Erfolg, wie auch Delegationen aus Korea, Indien, China. Dazu kamen viele abgewiesene Bittsteller aus Europa: Albaner, Kroaten, Katalanen, Iren, Ukrainer… Dass die kolonisierten Völker als politisch unterentwickelt galten, ist das eine. Entscheidend ist aber die Einsicht, dass die Grossmächte nach dem 1. Weltkrieg jeder Entwicklung den Riegel geschoben haben. Der engstirnige Nationalismus in der Dritten Welt, das Misstrauen gegen das Völkerrecht, die Rücksichtslosigkeit von Führern wie Ho Chi Minh, Ghaddafi oder Nasser – das ist bis heute auch ein Resultat leerer Versprechungen und enttäuschter Hoffnungen. Ein Stück ägyptische Geschichte.

Zwei Paukenschläge

Vor 100 Jahren begann der 1. Weltkrieg. Grossbritannien verschärfte sofort seine Herrschaft über Ägypten und erklärte das Land zum Protektorat. Mit massiven Zwangsrekrutierungen, Lebensmittelrequisitionen und dem völligen Ausschluss der Ägypter aus der Regierungsbeteiligung ruinierten die Briten in wenigen Jahren den letzten Rest an Sympathie – es gärte in ganz Ägypten.

Aber nicht nur in Ägypten, auch in Indien, China, Korea, auf den Philippinen – überall in den Kolonien kämpften Gruppen seit Jahren gegen die Kolonialherrschaft. Auch in Europa gab es Regionen, die ihre nationale Selbständigkeit erstrebten: Albaner, Katalanen, Iren, Ukrainer… Am Ende des Weltkriegs gab ein erster Paukenschlag den Bewegungen einen riesigen Auftrieb:

US-Präsident Woodrow Wilson trat mit einer neuen Idee an die Weltöffentlichkeit. Die neue Weltordnung sollte auf der Gleichberechtigung aller Nationen beruhen, auf der Regierung durch Volkswillen und auf einem Völkerbund zur Regelung aller Streitfragen. Diese Ideen wurzelten nach Wilson in den „Gefühlen und Überzeugungen der Menschheit“ und gipfelten in der Formel „Selbstbestimmungsrecht der Völker“.

Wenige Tage nach dem Waffenstillstand in Europa (November 1918) sprach denn auch eine ägyptische Delegation unter dem Volkshelden Saad Zaghoul in Kairo beim britischen Hochkommissar Sir Reginald Wingate vor und bat ihn, in London oder an der Pariser Friedenskonferenz die Forderung nach Unabhängigkeit vortragen zu dürfen. Zaghoul wollte ein unabhängiges Ägypten, das sich dem zukünftigen Völkerbund unterstellen würde, aber nicht einer Kolonialmacht.

Die Antwort waren ein klares Nein und ein Ausreiseverbot. Wie Wingate fand auch Hampson Gary, US-Generalkonsul in Ägypten, die ägyptischen Massen seien „politisch unterentwickelt“ und daher zur Selbstregierung unfähig. Als Folge vervielfachten sich die Demonstrationen und Streiks im ganzen Land, worauf die Briten Saad Zaghloul auf die Insel Malta verbannten. Dies war Öl aufs Feuer der Proteste, die im März 1919 zur ersten Revolution Ägyptens führten. Die Briten mussten Zaghloul freilassen, der umgehend ein Schiff nach Frankreich bestieg, um an der Pariser Friedenskonferenz die ägyptische Sache vorzubringen.

Nun wandten sich die Briten hilfesuchend an die USA, sie möge das britische Protektorat anerkennen und damit den ägyptischen Nationalisten den Wind aus den Segeln nehmen. Wilson gab nach, noch bevor Zaghlouls Schiff Marseille erreicht hatte… Dieser zweite Paukenschlag war das Ende der gemässigten Unabhängigkeitsbewegung. In der Folge herrschte ein zugespitzter Nationalismus, der bis heute oft fremdenfeindliche Züge trägt.

Wilsons Motive

Wilson war ein Theoretiker mit schwachen internationalen Kenntnissen. Dies bekennt er auch im Juni 1919 nach dem Selbstbestimmungs-Debakel freimütig:

Als ich diese Worte (Recht auf Selbstbestimmung) aussprach, sagte ich sie, ohne zu wissen, dass Nationen existieren, die Tag für Tag bei uns anklopfen würden. Sie können nicht wissen und sich nicht vorstellen, was für Ängste ich durchlebt habe wegen der vielen Millionen Menschen, deren Hoffnungen ich durch meine Worte entzündet habe.

Wie kam Wilson auf seine explosive Parole? Wilson war – obwohl Demokrat – ein konservativer Südstaatler. Als Rektor der Princeton-Universität hatte er verboten, dass weisse Studenten neben den Schwarzen als Hilfspersonal in den Uni-Mensen arbeiteten, denn das würde bei ihnen „zu einem unweigerlichen Verlust der Selbstachtung führen“. Auch aussenpolitisch trat er meist vorsichtig auf. So war es für ihn selbstverständlich, dass die junge US-Kolonie Philippinen nicht einfach ihre Unabhängigkeit fordern konnte.

Der Schlüssel zu Wilsons Kehrtwende ab 1917 war wohl, dass er die USA im Hinblick auf die Nachkriegszeit international positionieren wollte: einerseits gegenüber den klassischen Kolonialmächten wie England und Frankreich, dann auch gegenüber Lenin, der mit der gleichen Parole die unterdrückten Völker zum Aufstand gegen die Kolonialherrschaft ermutigte. Die Selbstbestimmung war zudem ein Grundthema der Gründerväter der USA und damals international im „Trend“. Dies kündigte sich schon 1916 an, als Wilson mit Blick auf die US-Kolonie Philippinen behauptete:

Die amerikanische Flagge steht für die Rechte der Menschen, wo immer sie leben, was immer ihre Voraussetzungen sind, was immer ihre Rasse ist. Sie steht für das absolute Recht auf politische Freiheit und freie Selbstregierung.

Menschenrechte als liberales Credo, um als „Land der Freiheit“ eine führende Rolle im internationalen Konzert zu spielen! Dass er damit eine Lawine von Bewegungen lostreten würde, das ahnte der Uni-Politologe Wilson nicht. Den universellen Geltungsanspruch der Selbstbestimmung reflektierte er nicht; er dachte nur an Europa – die „Dritte Welt“ hatte er noch gar nicht im Auge.

Als dann die anderen Grossmächte panisch eine Kurskorrektur verlangten, gab Wilson schnell nach. Wichtiger als der Kampf um politische Emanzipation war ihm eben doch eine führende Stellung der USA im Konzert der Grossen.

„The Wilsonian Moment“

Zu diesem Blog hat eine neuere Studie des Historikers Erez Manela viel beigetragen. Wer Englisch kann, dem kann ich dieses Buch sehr empfehlen!

Manelas Studie zeigt, wie wenig bisher die Pariser Konferenz von 1919 im globalen Zusammenhang gesehen wurde. Bekannntlich hat sie den „Versailler Vertrag“ verabschiedet, der als „Schandvertrag“ Hitler den Weg zu einem übersteigerten, rassistischen Nationalismus geebnet hat. Dass der nationalistische Reflex auch grosse Teile der Dritten Welt befallen hat und für die Unterentwicklung mitverantwortlich ist, ist weniger bekannt. Die Enttäuschung und der Groll sassen tief bei den Ägyptern, Koreanern, Chinesen, Indern… Dies wird in der letzten (vergeblichen) Eingabe Saad Zaghlouls vom November 1919 an Präsident Wilson deutlich:

Da das ägyptische Volk an Ihre Prinzipien glaubte, muss es heute leiden unter der barbarischen Behandlung durch die britischen Behörden.

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