MALI: Spendengelder für die Armee – Doch nicht nur die Rebellen sind gefürchtet

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Von Soumaila T. Diarra und Marc-Andre Boisvert

Bamako, Diabaly, Mali, 4. Februar (IPS) – In dem armen westafrikanischen Land Mali greift die Bevölkerung tief in die Tasche, um die Armee im Kampf gegen die Rebellen finanziell zu unterstützen. Spenden kommen von Geschäftsleuten, Privatpersonen und sogar von Studenten. Zwar ist die Erleichterung über die Befreiung der drei größten Städte im Norden aus der Hand der Islamisten groß. Doch die Angst ist geblieben – auch vor Übergriffen der Armee.

In einem offensichtlichen Versuch, die Menschen zur Zahlung von Spendengeldern zu bewegen, hatte das malische Militär am 23. Januar bekannt gegeben, rund 800.000 US-Dollar an Hilfsgeldern von privaten Gebern erhalten zu haben.

Die malische Armee hatte die demokratisch gewählte Regierung im März 2012 gestürzt. Im Rahmen eines Abkommens wurde der damalige Parlamentspräsident Dioncounda Traoré bis zu den nächsten Wahlen als Übergangspräsident eingesetzt.

Spendenkampagnen

Seit dem 11. Januar, als Traoré nach der Rückeroberung der von den Islamisten besetzten Stadt Konna in Zentralmali die Bürger um finanzielle Hilfe bat, wurden landesweit etliche Spendenkampagnen durchgeführt.

Im April 2012 hatte eine Koalition aus mehreren bewaffneten Gruppen, die sich aus Kämpfern der Al-Qaeda im islamischen Maghreb (AQIM), der Bewegung für Einheit und Dschihad in Westafrika und der Tuareg-Islamistengruppe ‚Ansar Dine‘ zusammensetzen, die Kontrolle über den Norden von Mali übernommen.

Die Rückeroberung von Konna, einem für Malis Truppen strategischen Punkt, ist das Ergebnis der französischen Intervention, um die Traoré die Regierung von Staatspräsident François Hollande gebeten hatte. Mit Hilfe eines französischen Luftangriffs gelang es der malischen Armee, das Vordringen der Islamisten in Richtung Süden zu stoppen.

„Am Tag, an dem Konna eingenommen wurde, blieben Schulkinder und Studenten die ganze Nacht auf“, beschreibt Ibrahim Traoré, Generalsekretär von AEEM, der Malischen Vereinigung für Schüler und Studenten, die allgemeine Freude.

Der AEEM-Chef und andere führende Mitglieder der Organisation hatten nach stundenlangen Diskussionen beschlossen, den Krieg gegen die Islamisten finanziell zu unterstützen. Die Studenten stimmten einstimmig dafür, zwei Dollar ihrer staatlichen Förderung für den bewaffneten Kampf abzuzweigen. Ein weiterer Dollar aus staatlichen Zuschüssen für Lehrmaterialien wurde ebenfalls gespendet.

Bisher haben die Schüler und Studenten des Landes an die 800.000 Dollar zusammengebracht. „Die Gelder werden vom Nationalen Universitätsbüro für die Zuwendungen an die Studenten direkt dem Konto der malischen Armee gutgeschrieben“, versicherte Ibrahim Traoré.

Der Kriegsausbruch in Mali steht in Zusammenhang mit dem schwierigen wirtschaftlichen Klima, mit dem sich das Land konfrontiert sieht. Mali gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. 2011 rangierte Mali auf dem Index des UN-Entwicklungsgramms (UNDP) für menschliche Entwicklung auf dem 175. Platz von 187 aufgeführten Ländern.

Die Situation hatte sich seit der Einstellung der internationalen Hilfsgelder nach dem Staatsstreich im März 2012 weiter verschlechtert. Doch auf die Malier sei immer Verlass, heißt es. Auch die Journalisten im Lande hätten ihren finanziellen Teil beigesteuert, erklärt Kassim Traoré, Generalsekretär der Organisation junger malischer Reporter.

Auch aus der Diaspora kommt Unterstützung. Am 18. Januar händigte Habib Sylla, der Vorsitzende des Hohen Rats für im Ausland lebende Malier, der Regierung einen Scheck in Höhe von 200.000 Dollar aus. „Das ist erst der Anfang“, versicherte Sylla vor lokalen Journalisten und erklärte, dass nach der Einnahme von Konna noch mehr Mittel aus der Diaspora zu erwarten seien.

Das Malische Textilentwicklungsunternehmen wiederum hat einen Scheck in Höhe von 120.000 Dollar ausgehändigt. Die Firma hat ferner zugestimmt, der Armee Fahrzeuge mit Vierradantrieb zur Verfügung zu stellen. Auch werden 3.500 Arbeitnehmer Blut für Soldaten spenden, die im Zuge der Kämpfe Blutkonserven brauchen, wie der Firmenchef Salif Cissokho gegenüber IPS betonte.

Angst vor den Rebellen

Doch trotz der Freude über die bisher erzielten Siege über die Rebellen ist die Angst groß in Mali. „Wir wissen, dass sie in der Nähe sind. Wir fühlen uns bedroht“, meint Allassane Traoré aus der kleinen zentralmalischen Stadt Diabaly und zeigt in die Richtung, aus der die Islamisten vor gut zwei Wochen einmarschiert waren.

Traoré ist selbst Muslim und Muezzin. Als er am 14. Januar beobachtete, wie mehrere, mit Al-Qaeda-Kämpfern besetzte Pickups die 250 Kilometer von Bamako entfernte Stadt umkreisten, schickte er seine Frau und Kinder fort. „Die Rebellen waren gewalttätig und haben alles zerstört. Und sie können jederzeit wiederkommen“, sagt er gegenüber IPS.

„Wir haben gesehen, wie sie sich weißes Pulver in die Nase zogen. Sie sind keine guten Muslime.“

Die Islamisten, die nach eigenen Angaben im Norden Malis die Scharia einführen wollen, hatten Diabaly eine Woche lang in ihrer Gewalt. Am 21. Januar wurden sie von malischen und französischen Truppen vertrieben. Ausgebrannte Autos und verlassene Panzer zeugen noch von den Kämpfen in dieser von Reisfeldern umgebenen Stadt.

Ladenbesitzer haben als Zeichen ihrer Dankbarkeit französische Flaggen gehisst. Die Menschen sind fest davon überzeugt, dass die französischen Soldaten sie von der Herrschaft der Islamisten bewahrt haben.

„Obwohl die Terroristen weder lesen noch schreiben konnten, waren sie besser ausgebildet und ausgerüstet als die malische Armee“, berichtet Diakaridia Doumbia, ein ehemaliger Militär, der als Berater der Stadt tätig ist.

„Sie behaupteten, gegen die Regierung, aber nicht gegen das Volk zu sein. Das haben wir ihnen nicht abgekauft“, fügt der Bürgermeister von Diabaly, Oumar Diakité, hinzu.

„Wir haben schließlich von den Amputationen und Misshandlungen gehört. Viele von uns sind aus Angst vor dem, was noch kommen könnte, geflohen.“

Diakité zufolge liegen dem Konflikt keine ethnischen Differenzen zugrunde. „Der erste, den die Islamisten hier ermordet haben, war ein Tuareg“, berichtet er und weist darauf hin, dass sich in Mali Familien durchaus aus unterschiedlichen Volksgruppen einschließlich der Tuaregs zusammensetzen. Mali ist ein multikulturelles Land und wir kommen gut miteinander aus.“

Seitdem die französischen Truppen in Richtung Norden aufgebrochen sind, ist Ruhe in Diabaly eingekehrt. Im Umland gibt es eine kleine malawische Garnison, die in den nächsten Wochen durch 4.500 afrikanische Soldaten verstärkt werden soll.

Angst vor der malischen Armee

Weiter nördlich liegt das Dorf Dogofiri. Hier ist von dem Enthusiasmus, wie er Diabaly vorhanden war, nichts zu spüren. Ganz im Gegenteil. Die meisten Menschen weigern sich, mit Fremden zu reden.

„Wir wissen ganz einfach, dass die Terroristen noch hier sind und sich nur im Busch verstecken“, meint der Ladeninhaber Ousmane Diarra, der aufgeschlossener ist.

Die wenigen Checkpoints, an denen jeweils zwei bis drei malische Soldaten in Plastiklatschen Wache schöben, könnten den Menschen kein Gefühl von Sicherheit geben, sagt er.

„Der malischen Armee ist es bisher noch nie gelungen, die Islamisten aufzuhalten. Wenn es soweit ist, hauen sie einfach ab. Und trotz der Angriffe wurde nichts für mehr Sicherheit unternommen“, kritisiert ein Dorfbewohner, der sich Anonymität ausbat.

Und dann gibt es etliche Menschen, die sich vor der malischen Armee fürchten.

„Die Soldaten haben einen alten Mann verprügelt und mitten am Tag einen anderen hingerichtet, den sie der Kollaboration bezichtigt hatten“, meint ein weiterer Dorfbewohner.

In Dogofiri sind inzwischen alle Tuareg und Araber verschwunden, die in der Vergangenheit ihre Waren auf dem lokalen Markt feilgeboten hatten.

Am 1. Februar hatte die internationale Menschenrechtsorganisation ‚Human Rights Watch‘ der malischen Armee, die die im März letzten Jahres demokratisch gewählte Zivilregierung von der Macht geputscht hatte, vorgeworfen, 13 islamistische Unterstützer umgebracht zu haben.

In einem weiteren Zwischenfall im vergangenen September exekutierte das malische Militär 16 unbewaffnete muslimische Prediger, die die mauretanische Grenze überquert hatten. Die Internationale Menschenrechtsliga berichtete von mindestens elf extralegalen Hinrichtungen durch die Armee im Januar.

Seit in Diabaly zwei ehemalige malische Militärs aus der Region unter den Islamisten gesehen wurden, gehen die Menschen davon aus, dass die Islamisten Rückendeckung aus der Region erhalten.

„Die Menschen, vor allem die Jungen, wollen Rache“, meint dazu der Militär a.D. Doumbia. „Wir haben Kollaborateure identifiziert, die die Terroristen mit Informationen versorgt haben. Für uns sind sie Verräter. Sobald sich der Sturm gelegt hat, will er die Kollaborateure anzeigen und vor Gericht bringen. „Doch jetzt sind wir erst mal im Krieg.“