in Politik

Wenn man versucht sich etwas über ein bestimmtes Land vorzustellen das man weder bereist noch sonstwie in Berührung gekommen ist, ist man zwangsläufig auf Klischees, Gehörtes oder Gelesenes angewiesen um wenigstens eine gewisse Kontur eines Bildes zu erhalten.

Versucht man sich nun etwas über den baltischen Staat Litauen vorzustellen, schiessen einem vermutlich die verschiedensten Bilder durch den Kopf. Die wenigsten von diesen Bildern werden aber mit Politik zu tun haben. Noch viel weniger kann man sich vorstellen dass ein so kleines Land wie Litauen, das nicht einmal so viel Einwohner wie die deutsche Hauptstadt Berlin hat, in dem erneuten Konflikt des Westens gegen Russland eine prominente Rolle spielt.

Und dennoch ist es so. Seit der aus den Vereinigten Staaten zurückgekehrte Valdas Adamkus 1998 (bis 2003) zum ersten Mal Präsident Litauens wurde, stellte er die aussenpolitischen Weichen des Landes auf nahezu bedingungslose Bindung an die USA. Ob es der NATO-Einsatz in Afghanistan, die US-Invasion des Iraks oder die UN-Beobachtermission in Süd-Libanon war, überall schickte Adamkus litauische Soldaten als Zeichen der Loyalität gegenüber dem Weissen Haus hin.
Manche mögen jetzt vielleicht denken dass Litauen angesichts der 45-jährigen Besatzung durch die Sowjetunion und gerade wegen der Tatsache, dass es sich um ein sehr kleines Land handelt, gar nichts anderes übrig blieb als sich eine andere Macht zu suchen die für die Sicherheit Litauens garantieren würde.

Das stimmt nur zum Teil. Nachdem die Entscheidung nach der Erlangung der Unabhängigkeit 1990 getroffen wurde einen Staat nach westlichem Muster zu bilden, betrieb Vilnius folgerichtig eine Politik zur Annäherung und schliesslichem Aufnahmeprozess in die Europäische Union. Mitte der 1990er Jahre wurde auch der Aufnahmeprozess in die NATO initiiert – als die US-Administration von Bill Clinton die Versprechen seiner Vorgänger und Alliierten brach und die Erweiterung der Transatlantischen Allianz östlich der neuen deutschen Grenze genehmigte – um die erforderlichen Kriterien und Standards zur Aufnahme zu erreichen.
Im Jahr 2004 war es dann schliesslich soweit. Litauen (zusammen mit den anderen baltischen Staaten) wurde in die Europäische Union und die NATO aufgenommen. Sowohl die EU als auch die NATO konnten so ungeachtet der Proteste aus Russland ihre Grenzen weiter nach Osten ausdehnen.

Spätestens ab diesem Zeitpunkt hätten die Sorgen Litauens um die eigene Sicherheit der Vergangenheit angehören sollen. Als vollwertiges NATO-Mitglied stünde im Falle eines Falles nach Artikel 5 die gesamte Allianz an der Seite des knapp 3 Millionen Einwohner grossen Landes. Mit diesem Wissen im Rücken hätte Litauen sich gemütlich um wirtschaftlichen Verflechtungen mit der EU und natürlich den Nicht-EU Staaten kümmern, sowie eine besonnene Aussenpolitik mit den Nachbarn verfolgen können. Ideale Voraussetzungen also um sich als kleines Land an der östlichen Peripherie der EU erfolgreich zu positionieren.
Doch es sollte alles anders kommen. Bei den Präsidentschaftswahlen 2002 in Litauen verlor Valdas Adamkus haushoch gegen seinen deutlich jüngeren Herausforderer Rolandas Paksas.

Das Problem von Adamkus war von Anfang die Tatsache, dass er in Litauen selbst als Exilant ohne richtige Basis und der Elite angehörig betrachtet wurde. Die erste Amtszeit verdankt Adamkus zu einem grossen Teil der litauischen Exilgemeinde in den USA, die sehr viel Geld in seine Wahlkampagne gesteckt hat, was natürlich von der Opposition bemängelt und immer wieder gegen ihn angewendet wurde.

Rolandas Paksas` Erfolg war nur von kurzer Dauer. Nach nur einigen Monaten im Amt entbrannten Korruptionsvorwürfe und Missbrauch seines Amtes, was zu einem in der Geschichte der EU einmaligem Amtsenthebungsverfahrens gegen einen Präsidenten führte. Paksas wurde schliesslich im Jahr 2004 des Amtes enthoben. Neuer Präsident wurde erneut sein Vorgänger Valdas Adamkus (von 2004 bis 2009). Paksas wies immer wieder die Vorwürfe gegen ihn zurück und betonte das es sich dabei um eine von den USA gesteuerte Kampagne handelte, weil er keine geheimen CIA-Foltergefängnisse in Litauen zulassen wollte.

Tatsächlich liess der neue/alte Präsident Adamkus den öffentlichen Wirbel um die CIA-Foltergefängnisse unter den Teppich fallen, und beteuerte noch im Jahr 2014 dass es nie irgendwelche solche Gefängnisse in Litauen gegeben hätte. Allerdings bestätigte Adamkus` Nachfolgerin (und auch aktuelle Präsidentin), Dalia Grybauskaite, in einem Interview Ende Dezember 2009 dass die litauische Untersuchung zu diesem Thema ergeben hat, dass es doch Beweise für ein CIA-Foltergefängnis von 2005 bis 2006 in Litauen gegeben hat.

Diese Episode um die CIA-Folter in Litauen und die Amtsenthebung von Rolandas Paksas weist die Korruptionsvorwürfe gegen ihn natürlich zurück; aber es verleiht seinen eigenen Beteuerungen zumindest etwas mehr Gewicht, zumal er ab 2009 als EU-Parlamentsabgeordneter Litauens in Brüssel sass.

Für die künftige Orientierung des litauischen Staates aber war das Jahr 2004 von besonderer Wichtigkeit. Das Jahr fing mit Feierlichkeiten zur Aufnahme in die Europäische Union und NATO an und erlebte die Absetzung eines gewählten Präsidenten. Für die Bevölkerung und Medien eine geballte Ladung an Emotionen die es zu verdauen galt. Während die Bevölkerung mit solchen Themen beschäftigt war, suchte Präsident Adamkus nach Wegen die neu gewonnenen Mitgliedschaften auszunutzen um Litauen neu aufzustellen. Der von Paksas eingeschlagene Weg der Distanzierung von den USA sollte korrigiert werden.
Litauen sollte nach Adamkus` Vorstellung zum Motor der EU-Erweiterungspläne weiter in Richtung Osten werden. Er betrachtete Litauen als „demokratische Barriere“ vor den ehemaligen sowjetischen Ländern in der Nachbarschaft und machte keinen Hehl von seiner Verachtung gegenüber Russland. Diese strategische Ausrichtung Litauens passte perfekt mit den Plänen der Vereinigten Staaten von Amerika für diese Region überein, was Adamkus als ehemaliger amerikanischer Staatsbürger natürlich ganz genau wusste.

Eine erste grosse Chance sich für die USA, NATO und EU unverzichtbar zu machen, bot sich Litauen im Herbst/Winter 2004 bei der sogenannten „Orangenen Revolution“ in der Ukraine. Der polnische Präsident Aleskander Kwasniewski war bereits vor Ort in Kiev um zwischen den Parteien zu „vermitteln“, und bat Adamkus die Einladung des ukrainischen Präsidenten Leonid Kutschma zur Mithilfe in der Krise anzunehmen.

Die „erfolgreiche“ Vermittlung der polnischen und litauischen Präsidenten während der „Orangenen Revolution“ veranlasste Adamkus dazu, diese Position weiter auszuspielen. Eine US-Depesche vom 03.06.2005 bezeichnet das mit dem Titel „Litauen sucht (den Weg) für die Ukraine nach Brüssel“.

Auf der litauischen Agenda stand aber nicht nur die Ukraine, sondern auch Weissrussland, Moldawien und Georgien. Wobei es aus den WikiLeaks Dokumenten klar hervorgeht, dass Weissrussland und Ukraine oberste Priorität besassen. Diese Priorität ging sogar soweit, dass das litauische Aussenministerium einen Berater für das ukrainische Aussenministerium in Kiev zur Verfügung stellte, um einen gemeinsamen NATO-Membership Action Plan (MAP = eine Art Businessplan die jede Regierung für sich erstellen muss um den Aufnahmeprozess überhaupt beginnen zu können) zu erarbeiten. Für die Kosten dieses litauischen Beraters kam grösstenteils Großbritannien im Rahmen des Ukraine-EU Integration Coordination Project auf.

Interessant ist auch zu sehen mit welchen Ködern Adamkus versucht hat die Ukraine in die NATO zu locken. Er schmeichelte Viktor Janukovitsch der zu diesem Zeitpunkt (2006) Ministerpräsident der Ukraine war und ihn als „den einzigen“ nannte der die Ukraine in die NATO führen könnte, während der litauische Verteidigungsminister Janukovitsch als „weniger pro-russisch als gedacht“ bezeichnete. Ausserdem solle der zwischen Litauen und Ukraine gemeinsam ausgearbeitete MAP nicht offiziell am NATO-Gipfel genannt werden, da es Janukovitsch zwingen würde ein Referendum dazu in der Ukraine auszurufen und dieses dann „sicherlich abgelehnt würde„.

Nachdem Valdas Adamkus in Litauen nach der Stabilisation der Lage in der Ukraine 2005 als „Held von Kiev“ gefeiert wurde, kümmerte er sich um den zweiten wichtigen Punkt der ganz oben auf der Agenda stand: Weissrussland.
Er sorgte bereits dafür, dass die European Humanities University, eine der besten Universitäten Weissrusslands, 2005 in Vilnius wiedereröffnen konnte nachdem sich die Universität geweigert hat den staatlichen Interferenzen in Minsk weiter Folge zu leisten, was zur Schliessung des Instituts im Jahr 2004 führte. Finanzielle Unterstützung erhielt die Universität von der Open Society Stiftung des Milliardärs George Soros, der schon zuvor in Litauen aktiv war. Auch die US-Botschaft in Vilnius begrüsste diese Entwicklung und Involvierung von George Soros, als auch die allgemeine Bemühung Litauens die „Demokratie nach Weissrussland zu bringen“, was der Politik der US-Regierung entsprechen würde.

Sobald irgendwo in Osteuropa die Demokratie eingeführt werden sollte, war natürlich die EU und die NATO nicht weit weg. Litauen bot sich an, in ihrer Botschaft in Minsk einen NATO-Point of Contact zu eröffnen, wo ganz klassische Werbung (manchen würden es als Propaganda bezeichnen) für die NATO betrieben werden sollte. (Bis heute führte Litauen diese Rolle für die NATO in Weissrussland, Ukraine, Moldawien und Georgien aus.)

Diese Selbstwahrnehmung als wichtiger Partner in Fragen Osterweiterung der EU und/oder NATO in die Länder der ehemaligen Sowjetunion konnte Litauen aber nur solange ausführen, bis es zu keiner deutlichen Annäherung zwischen EU/NATO und Russland gab. Würde es eines Tages eine Union in egal welcher Form zwischen diesen zwei mächtigen Blöcken geben, würde diese Realität Litauen wieder in eine ihrer Grösse entsprechenden Rolle zurückdrängen. Oder um es anders zu formulieren: es lag im Interesse Litauens in den Ländern Weissrussland, Ukraine, Moldawien und Georgien gerade soviel Spannung zu erzeugen, so dass diese inneren Spannungen dieser Länder eine negative Auswirkung auf die Beziehung zwischen EU/NATO und Russland haben.

Oder wie es der Direktor für Aussenpolitische- und Sicherheitsfragen des litauischen Aussenministeriums Tomas Gulbinas stolz formuliert hat:

„Litauen ist der Unruhestifter in der EU in russischen Belangen“.

Ganz nach dem Motto gab Gulbinas bei einem Gespräch mit dem US-Botschafter in Vilnius an, er würde zusammen mit Polen das neue EU-Russland Partnership and Cooperation Agreement „blockieren“ und dass es Litauens Absicht wäre, die EU dazu zu drängen die ukrainische öffentliche Meinung zugunsten der pro-westlichen Kräfte zu bringen.

Das ist schon knallharter Tobak, erst recht für ein so kleines Land wie Litauen. Kein Wunder bestätigte die US-Botschaft in Litauen in einer Depesche an das Aussenministerium in Washington, dass „Litauen die US-Agenda verfolgt“ und das es „effizient an unserer Demokratie Agenda in Weissrussland, Ukraine, Georgien und Moldawien arbeitet“!

Ja, Präsident Valdas Adamkus gab trotz seines recht hohen Alters in dieser Frage Vollgas. Er besuchte in den fünf Jahren seiner zweiten Amtszeit insgesamt 29-mal die Ukraine und Polen, was die Nähe der aussenpolitischen Linie zwischen Litauen und Polen in Fragen der „Ostpolitik“ zeigt.

Auch wenn sich selbst heute noch ein tiefer Graben durch die Bevölkerungen Polens und Litauens aufgrund der Geschehnisse im Zweiten Weltkrieg zieht, bildeten sie dennoch über mehrere Jahrhunderte hinweg ein gemeinsames Volk unter der polnischen Krone: das Königreich Polen-Litauen.


Ich sage es immer wieder weil es bei jedem territorialen Konflikt auf der Welt gültig ist: man muss die Vergangenheit kennen um die Gegenwart zu verstehen.

Was auf den ersten Blick vielleicht seltsam anmutet wenn man sich die heutige Landkarte anschaut und sich dabei die Frage stellt, wieso ausgerechnet Litauen gemeinsame Sache mit Polen macht. Ist man sich aber der Tatsache bewusst dass sie zusammen über Jahrhunderte hinweg eine Union gebildet haben, zusammen über weite Teile Osteuropas geherrscht haben (fast das ganze moderne Baltikum, grosse Teile der modernen Staaten Ukraine und Weissrussland, sowie Moldawien) und beide streng Katholisch sind, dann lässt sich doch so einiges besser verstehen.

Sie teilten sich aber nicht nur viele Jahrhunderte gemeinsamer Geschichte in Europa, sie teilten sich auch die gleiche jüngere Geschichte als Exilanten in den Vereinigten Staaten von Amerika während sich der Eiserne Vorhang über ihre Länder legte.
Hervorragend organisiert und vernetzt bildeten die Exilanten Osteuropas in den USA unter der von der CIA gegründeten Organisation ACEN (Assembly of Captive European Nations = Vereinigung gefangener europäischer Nationen) einen höchst einflussreichen Faktor in Washington. Eines der prominentesten Vertreter dieses Netzwerks ist sicherlich Zbigniew Brzezinski, der es bis zum Sicherheitsberater des US-Präsidenten Jimmy Carter geschafft hat. Brzezinski und seine Familie waren Polen aus der heutigen Ukraine, die während dem Zweiten Weltkrieg in die USA geflohen sind. Diese Zeit als Sicherheitsberater eines US-Präsidenten ist zwar schon längst vorbei, doch sobald die US-Politik irgendwie auf Russland zu sprechen kommt, mischt die Familie Brzezinski noch heute in destruktiver Art und Weise mit. Von seinem Hass gegen Russland hatte „Zbig“ Brzezinski noch nie einen Hehl gemacht, was sich offenbar auch auf seine Kinder ausgewirkt hat.

Obwohl der Kalte Krieg seit 25 Jahren zu Ende ist und die ACEN-Organisation nur noch in den Geschichtsbüchern zu finden ist, üben Organisationen wie der Polish-American Congress , Ukrainian Congress Committee of America   oder eben auch Lithuanian-American Community immer noch Einfluss als Wählerblock und Lobbyisten aus, was in der Formulierung der US-Politik für Osteuropa nicht unberücksichtigt gelassen werden kann.

Ob es nun die Ukraine, Weissrussland, Moldawien oder Georgien ist: Litauen und Polen betreiben nahezu eine Tandempolitik die perfekt auf die US-Pläne ausgerichtet ist. Wenn US-Senatoren sich auf eine Reise nach Litauen begeben, werden sie von der dortigen US-Botschaft mit einer Art Lageplan zu Litauen begrüsst. Wenn die Situation der Nachbarländer Litauens beschrieben wird, steht das jedesmal unter folgendem Titel: „Ein Feind von Litauen ist ein Feind der USA“. Natürlich spiegelt sich in diesem Titel viel Rhetorik, Chauvinismus und „Jingoismus“ wider, aber es steckt auch mehr als nur ein Fünkchen Wahrheit darin.

Als unmittelbares Nachbarland von Litauen nimmt Weissrussland (nebst der Ukraine) eine wesentliche Rolle in der Aussenpolitik des kleinen baltischen Landes ein. Die Hauptstadt Vilnius beherbergt nicht nur die weiter oben erwähnte weissrussische „Exiluniversität“, sondern auch einige Organisationen die man im Westen als „NGO`s“ bezeichnet und die in Weissrussland und der Ukraine aktiv sind. Dabei möchte ich aus Zeitgründen exemplarisch auf eine Organisation kurz eingehen die sich zwar vordergründig um die Errichtung allgemein gültiger Normen nach westlichem Charakter in Weissrussland kümmert, deren kompromisslose Formulierung der Forderungen nur durch einen Regimewechsel in Minsk zu erreichen wäre. Genau deswegen sind ihre Strukturen so komplex aufgebaut, dass einerseits das Zielpublikum nicht abgeschreckt wird und andererseits aber die unsichtbaren Kanäle nach Brüssel und Washington weit offen stehen.

EUROBELARUS ist solch eine Organisation, oder ein „Konsortium“ von verschiedenen Organisationen wie sie sich auch selbst bezeichnen. Das Ziel des Regimewechsels in Weissrussland wird selbstverständlich nicht in dieser Art und Weise formuliert, ist aber aus der eigenen Zielbeschreibung deutlich wahrnehmbar:

  1. Ausbau und Entwicklung einer politischen Linie in Weissrussland mit Beteiligung der Zivilgesellschaft zur Bildung von Grundsätzen der Kompetenz, Offenheit, Transparenz und öffentlicher Kontrolle.
  2. Verbesserung der Qualität von Informationen und Analysen die für Vertreter der Zivilgesellschaft wie auch für ihre lokalen und internationalen Partner zur Verfügung gestellt werden.
  3. Organisationsentwicklung von zivilen Organisationen, deren aktive und bewusste Teilnahme an den Prozessen der de-Sowjetisierung, Bildung des weissrussischen Nationalbewusstseins, und Europäisierung.
  4. Entwicklung von Kommunikationsarenen und andere Arten von Plattformen zur Diskussion von Problemen zu weissrussischer-europäischer Beziehung und aktive Bürgerschaft in Weissrussland und Europa.

Dieses Programm sieht für Weissrussland nur eine einzige Richtung vor: nach Europa und konsequenterweise in die Europäische Union. Eine andere Möglichkeit wird hier weder in Betracht gezogen noch hinterfragt, ob die weissrussische Bevölkerung überhaupt diesen einzigen Weg gehen möchte. Natürlich ist es völlig legitim wenn eine Organisation für sich solche Ziele setzt und versucht Anhänger dafür zu finden. Es ist aber etwas ganz anderes wenn diese Organisation, beziehungsweise dieses Konsortium stellvertretend für alle anderen bekannten und unbekannten Teilnehmer daran, staatliche und supra-staatliche Unterstützung erhält.

EUROBELARUS ist offiziell als NGO in der litauischen Hauptstadt Vilnius registriert. Sämtliche Führungsköpfe der Organisation leben aber in Weissrussland. Die Internetpräsenz der Organisation ist auf Herrn Uladzislau Vialichka in Minsk/Weissrussland angemeldet, Mitglied des weissrussischen Interim Coordination Committee des „Eastern Partnership Civil Society Forum„. Dieses Forum ist Bindeglied zwischen der Europäischen Union (durch das Europäische Nachbarschaftspolitik Programm) und den von der EU gesetzten Zielländer Osteuropas: Weissrussland, Ukraine, Moldawien, Georgien, Armenien, Azerbaijan.
Zwar hat sich Weissrusslands Regierung entschieden offiziell an diesem EU-gesponserten Programm teilzunehmen, aber nicht in der von der EU gewünschten Geschwindigkeit oder Substanz. Diese Entscheidung wird in Brüssel nicht etwa respektiert, sondern es wird vorerst in etwas abgeschwächter Form mit Regierungsopponenten wie Vialichka und Organisationen wie EUROBELARUS so getan, als ob es die Regierungsentscheidung nicht gegeben hätte. Eine wichtige Funktion in dieser komplexen Beziehung fällt Litauen zu.

Als „Gastland“ für EUROBELARUS bietet Litauen der Organisation nicht nur eine formale Sicherheit als NGO in einem EU-Land, sondern eröffnet gleichzeitig der litauischen Regierung bzw. litauischen Parteien die Möglichkeit zur Einflussnahme für ihre eigenen aussenpolitischen Ziele und Visionen.

So ist beispielsweise die Organisation „Lawtrend“ Teil dieses Konsortiums von EUROBELARUS mit Sitz in Minsk/Weissrussland. Registriert ist die Internetpräsenz auf einen Herrn Mark Bernshtein , einem weissrussischen Geschäftsmann der sich auch im jüdisch-kulturellen Rahmen engagiert. Etwas weniger bekannt ist sein Engagement für die Oppositionspartei „Vereinte Bürgerpartei – UCP“, welche wiederum eine Kooperationsvereinbarung mit der litauischen mitte-rechts Partei „Heimatland Union – Litauische Christdemokraten“ zur Demokratisierung Weissrusslands geschlossen hat. Damit schliesst sich der Kreis wieder in Vilnius/Litauen.

Meiner Meinung nach handelt es sich bei EUROBELARUS um eine Briefkastenfirmierung in Litauen, um den verschiedenen Oppositionsgruppierungen in Weissrussland eine Art organisierte Dachgesellschaft – oder Konsortium – zu bieten, aber eben auch um den diversen ausländischen Gegnern Weissrusslands eine Anlaufstelle bieten zu können. Ich könnte mir sehr gut vorstellen dass EUROBELARUS eine ähnliche Aufgabe hat wie AMCOMLIB während des Kalten Krieges. Was ich zumindest ausschliessen kann ist, dass EUROBELARUS an der angegebenen Adresse in Vilnius tatsächlich so etwas wie eine physische Organisation betreibt. Der Weinhändler „Burbulio Vynine“ um die Ecke bestätigte mir in einer telefonischen Auskunft, dass er keine Organisation mit diesem Name kenne und dass ausser einem kleinen Modeverkäufer die untere Etage der Hausnummer 5 seit Jahren leer steht.

Sitz von EUROBELARUS soll gemäss eigenen Angaben in diesem Haus sein / Bilder von Google Maps
In der aktuellen Krise in und um die Ukraine ist Litauen einer der lautesten EU-Mitglieder der nach Sanktionen gegen Russland ruft. Erst kürzlich akzeptierte das EU-Parlament die litauische Hardline-Version zur Verurteilung Russlands, die von Gabriel Landsbergis verfasst wurde. Landsbergis steht der gleichen Partei vor die auch aktiv Weissrussland „Demokratisieren“ möchte: Heimatland Union – Litauische Christdemokraten.

Kein Wunder fand die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel bereits 2008 ein sehr offenes Ohr in Litauen, wo sie ihrer ganz offensichtlichen Abneigung gegenüber dem russischen Präsident Vladimir Putin freien Lauf geben konnte. So beklagte sie sich beim damaligen Aussenminister Pavilionis das Russland „die EU innerhalb und gegen die USA spalten wolle„, und dass Moskau nach dem Georgien Krieg „alles Vertrauen zerstört hat dass es in den letzten 20 Jahren aufgebaut hat„. Sie schlug damals vor, eine internationale Konferenz als Zeichen der Solidarität gegenüber dem georgischen Präsidenten Mikhail Saakashvili einzuberufen und hoffte, dass der Kriegsverbrecher und Vize-Präsident der USA, Dick Cheney, teilnehmen würde.

Dazu passt natürlich auch, dass des Deutschen liebster Boxer Vitali Klitschko während der Proteste auf dem Maidanplatz in Kiev Ende 2013 im regen Austausch mit Berlin und Vilnius stand. Und glaubt man den mittlerweile berüchtigten (und verdrängten) „Klitschko E-Mails“ mit dem litauischen Präsidentenberater Laurynas Jonavicius (auch ein Hardliner im Umgang mit Russland), dann hatte nicht nur Victoria Nuland eigene Pläne für die Ukraine, sondern eben auch Litauen.
Wie wir heute wissen hat sich natürlich Victoria Nuland durchgesetzt und Litauen für einen kurzen Moment klargemacht, dass Litauen nicht in der Liga der Schwergewichte boxt. Weiter laut den „Unruhestifter in der EU“ gegenüber Russland spielen darf Vilnius aber weiterhin.

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Dein Kommentar

Kommentar

  1. Hi, ich finde deinen Artikel gut recherchiert und spannend geschrieben. Ich wohne selbst jetzt seit einem Jahr in Litauen und bekomme als Ausländer noch nicht die tief schürfenden Details mit, die du hier teilweise beschreibst.
    Ich muss aber anmerken, dass mich eine Sache an deinem Artikel ernsthaft stört. Du zeigst zwar auf, wie Litauen außenpolitisch agiert, stellst aber nicht die Frage nach dem Warum.
    „Ich sage es immer wieder weil es bei jedem territorialen Konflikt auf der Welt gültig ist: man muss die Vergangenheit kennen um die Gegenwart zu verstehen.“
    Wenn du nämlich nach dem Warum suchst wirst du erkennen, dass in Litauen ( und ich denke mal in allen post-soviet Ländern) -> Teil 2

  2. eine große Angst der Menschen vor den Russen immer noch da ist. Ich kann aus meiner Erfahrung nur von Litauen und Lettland sprechen. In Litauen leben noch eine Menge Russen mit litauischem Pass, die kein Wort der Sprache sprechen.
    Das ist in soweit kritsch, da die Russen über Jahrzehnte hinweg probiert haben den Litauern ihre Kultur und Sprache auszutreiben und es für viele ein Affront darstellt, wenn sie von Russen wie oben herab behandelt werden.
    Dies alles ist nur verständlich, wenn man sich überlegt, wie ein Volk seiner Identität beraubt wurde, reihenweise Menschen deportiert wurden und Russland auch heute immer wieder mit den Säbeln in Richtung Baltikum rasselt.
    -> Teil 3

  3. Das alles was ich hier schreibe ist nur ein Bruchteil meiner Eindrücke. Und aus Erzählungen weiß ich, dass die Spannungen zwischen Letten und dem russischsprachigen Teil der Bevölkerung ,die noch wesentlich größer ist als in Litauen, noch erheblich stärkere „postkoloniale“ gesellschaftliche und soziale Spannungen herrschen.
    Es tut mir leid, ich werde müde, aber ich würde mich über eine Antwort von deiner Seite her freuen.
    Lg