in Lateinamerika

Von Emilio Godoy – Mexiko-Stadt (IPS) – Die Festnahme des Rauschgiftbarons Joaquín ‚El Chapo‘ Guzmán, dem Chef des Pazifikkartells, wird nach Ansicht von Experten an der Dynamik des Drogenhandels in Mexiko wenig ändern. Doch biete sie dem Land immerhin die Chance, ihre Strategie im Kampf das organisierte Verbrechen zu überdenken und zu reformieren.

Das Organigramm des ehemaligen Sinaloa- und heutigen Pazifikkartells zeige eindrucksvoll die Schwäche des mexikanischen Staates, meint Edgardo Buscaglia, Vorsitzender des Instituts für bürgerliche Aktion für Gerechtigkeit und Demokratie, einer mexikanischen Nichtregierungsorganisation (NGO).

Der nordwestliche Bundesstaat Sinaloa war bis zu Guzmáns Festnahme am 22. Februar das Operationszentrum des meistgesuchten Drogenbosses der Welt gewesen. Buscaglia zufolge haben die beiden vorherigen Regierungen der rechten Partei der nationalen Aktion (PAN) lediglich die kriminellen Gruppen entwaffnet, die dem Staat nahestanden, ohne diese jedoch durch staatliche Sicherheitskräfte zu ersetzen.

Buscaglia zufolge gilt es zunächst dem Geflecht aus Politik und Wirtschaft auf den Zahn zu fühlen, das den Aufstieg des Sinaloa-Kartells erst ermöglicht habe. Das Pazifik-Kartell gilt als das mächtigste kriminelle Netzwerk Mexikos, das mit mindestens weiteren sieben Gangs um die Kontrolle des Drogenhandels in Richtung USA kämpft.

Mexikanische Marinesoldaten hatten den 56-jährigen Guzmán nach einem Hinweis der US-Anti-Drogen-Behörde DEA in einem Apartmentgebäude der mexikanischen Ferien- und Hafenstadt Mazatlán festgenommen. Für den Drogen-Capo ist es bereits die zweite Verhaftung, nachdem er 2001 aus einem Hochsicherheitsgefängnis im westlichen Bundesstaat Jalisco geflohen war.

Seither hat Guzmán mit Unterstützung von Ismael ‚El Mayo‘ Zambada und Juan José ‚El Azul‘ Esparragoza ein internationales Imperium mit Tentakeln in 58 Ländern Lateinamerikas, Europas, Asiens und Afrikas aufgebaut. Dieses transnationale Netzwerk sorgt dafür, dass das Pazifikkartell an die Grundstoffe zur Herstellung von Drogen und an Waffen kommt, Geld waschen sowie Produktions-, Lager- und Verteilungszentren schaffen kann.

Festnahme als Vorführeffekt

Die erneute Festnahme von Guzmán sei vorhersehbar gewesen, weil Drogenbarone von den politischen Machthabern gern dazu instrumentalisiert würden, der Öffentlichkeit weiszumachen, dass Mexiko ein Rechtsstaat sei, meint Javier Oliva, Professor an der Fakultät für politische Wissenschaften an der Nationalen Autonomen Universität.

„Während der Präsidentschaft von Felipe Calderón (2006-2012) bestanden innerhalb des Kabinetts Rivalitäten. Doch inzwischen wird der Anti-Drogen-Kampf besser koordiniert und es gibt eine gewisse Kontinuität, weil die Streitkräfte den Kampf gegen die Drogenmafia anführen“, betont Oliva.

Bei seinem Amtsantritt im Dezember 2012 hatte Calderóns Nachfolger Enrique Peña Nieto von der Partei der Institutionalisierten Revolution (PRI) versprochen, einen anderen Sicherheitskurs zu fahren als sein Amtsvorgänger, dessen Anti-Drogen-Politik mehr als 100.000 Menschen das Leben kostete. Doch tatsächlich wurden nur die Nuancen geändert, denn auch Peña Nieto setzt auf die Streitkräfte im Kampf gegen Drogenkartelle und deren Anführer.

Im Juli letzten Jahres war den Sicherheitskräften Miguel Ángel Treviño ‚El Z-40‘ ins Netz gegangen, der Anführer der ‚Los Zetas‘. Diese Bande war Anfang des letzten Jahrzehnts von ehemaligen Mitgliedern einzelner Eliteeinheiten der mexikanischen Armee gegründet worden. Seit der Festnahme von Treviño ist die Gewalt leicht zurückgegangen. Landesweit wurden nach offiziellen Angaben 2012 38.052 Menschen und im Jahr darauf 34.648 Personen ermordet.

Um einer erneuten Flucht Guzmáns vorzubeugen, wird derzeit die Auslieferung an die USA in Erwägung gezogen. Washington hatte auf den wegen Drogenhandel und Geldwäsche steckbrieflich gesuchten Anführer des Pazifikkartells ein Kopfgeld in Höhe von fünf Millionen US-Dollar ausgesetzt.

Die Festnahme erfolge zwei Tage nach dem sogenannten ‚Gipfel der drei Freunde‘ in der mexikanischen Stadt Toluca. Dort hatten sich der kanadische Regierungschef Stephen Harper, US-Präsident Barack Obama und dessen mexikanischer Amtskollege Peña Nieto aus Anlass des 20-jährigen Nordamerikanischen Freihandelsabkommens getroffen.

„Sicherheitslücken schließen“

„Wenn ein einst autoritärer Staat abrüstet, entsteht ein Vakuum, das wiederum dem organisierten Verbrechen mehr Macht verschafft. Die mexikanischen Gangs haben von dieser Abwesenheit des Staates profitiert“, meint Buscaglia.

Nach Ansicht des Autors des Buches ‚Vacíos de poder en México‘ (‚Lücken der Macht in Mexiko‘) seien diese Sicherheitslücken noch nicht geschlossen worden.

Dem NGO-Chef zufolge steht das Land zudem vor der Herausforderung, die Drogenproduktion zu regulieren und die Anreize für die Fabrikation schädlicher Substanzen zu unterbinden, die sich aus dem Kontrastprogramm eines überkontrollierten Absatzmarktes USA und eines unterkontrollierten Produktionsmarktes Mexiko ergäben.

„Wenn sich diese Chancen, das große Geld zu machen, unterbinden ließen, verlören auch die kriminellen Banden an Einfluss“, sagt Buscaglia, ein vehementer Verfechter der Entkriminalisierung weicher Drogen. Die US-Zeitschrift Forbes‘, die Guzmán 2009 und 2012 auf ihrer Liste der Multimillionäre führte, schätzt das Vermögen des Capo auf drei Milliarden Dollar.

Seit Beginn des militärisch geführten Krieges gegen Drogen im Jahr 2006 haben die mexikanischen Sicherheitskräfte mehrere Drogenbarone getötet: Arturo Beltrán Leyva 2009, den Guzmán-Freund Ignacio Coronel 2010 und Antonio Cárdenas Guillén vom Golfkartell im gleichen Jahr.

Auf dem Internetportal ‚Historias del Narco‘ (Geschichte des Drogenhandels‘) wird inzwischen über die Nachfolge von Guzmán spekuliert. Demnach wird Dámaso López Jr. alias ‚El Mini Lic‘, ein Patenkind von Guzmán, dessen Platz einnehmen. López, der ebenfalls aus Sinaloa stammt, wurde vom US-amerikanischen Justizministerium als Guzmáns rechte Hand bezeichnet. Er soll zudem eine als ‚Grupo Ántrax‘ oder ‚Los Ántrax‘ bekannte Jungendgang anführen.

Auf die Festnahme von Guzmán reagierte Phil Jordan, der ehemalige Chef des DEA-Büros in der US-mexikanischen Grenzstadt El Paso, überrascht, zumal Guzmán den Wahlkampf von Peña Nieto mitfinanziert haben dürfte, wie Jordan gegenüber dem US-Fernsehsender ‚Univisión‘ erklärte. Die PRI sei seit jeher in den Drogenhandel verstrickt, und es gebe Geheimdienstinformationen, die belegten, dass das Pazifik-Kartell in der mexikanischen Politik mitmische, betonte er.

Dass Guzmán von der Regierung Peña Nieto festgenommen wurde, deutet er als Zeichen dafür, „dass offenbar etwas schiefgelaufen ist“ zwischen PRI und El Chapo. Möglich ist seiner Meinung auch, dass der Drogenbaron selbst seine Festnahme ausgehandelt hat. Bisher haben weder Washington noch die mexikanische Regierung zu den Äußerungen Jordans Stellung bezogen.

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