in Lateinamerika

Ein Kommentar von Johan Galtung

In seinem Kommentar schreibt Johan Galtung, Direktor der Transcend-Friedensuniversität, dass ein paar schwarze Flecken auf der Weste des verstorbenen venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez uns nicht davon abhalten sollten, Chávez als großen „Geschichtsschreiber“ anzuerkennen. Der ehemalige Präsident habe Armen zu wirtschaftlichem Reichtum verholfen, habe ihnen politische Partizipation ermöglicht ihnen zugesprochen, stolz auf ihre Errungenschaften und ihre Kultur zu sein. Galtung ist Autor des auf Englisch erschienenen Buches ‚Peace Economics: from a Killing to a Living Economy‘.

Alfaz, Spanien, 12. März (IPS) – Hugo Chávez hatte schwarze Flecken auf der Weste – sowohl, was sein eigenes Leben anging, als auch was seine politische Arbeit betrifft. Aber das ist nur ein Teil der Geschichte und sollte nicht dazu führen, dass wir etwas sehr wichtiges übersehen: Dass Chávez Geschichte geschrieben hat. Der ehemalige venezolanische Präsident hat in seinem eigenen Land dafür gesorgt, dass die Armen wirtschaftlich besser gestellt wurden, dass sie sich an politischen Entscheidungsprozessen beteiligen und stolz auf ihre afrikanischen oder indigenen Wurzeln sein konnten. Gleichheit war für Chávez mehr als eine Angabe des Gini-Koeffizienten.

Das Gleiche hat Chávez für ganz Lateinamerika erreicht: Im Namen des großen Simón Bolívar, des Befreiers der nördlich gelegenen Länder Südamerikas, hat er den marginalisierten Ländern auf die Beine geholfen und ihnen zu mehr politischem Stimmrecht und wirtschaftlicher Prosperität verholfen. Insbesondere gilt dies für Kuba, Nicaragua, Ecuador, Bolivien und Brasilien.

Natürlich hat das eine mit dem anderen zu tun. Kolumbiens von Gewalt geprägte Geschichte dauert seit 1948 an. Um dem Land zu helfen, muss man den Kolumbianern helfen, die ganz am Boden liegen und die Ungleichheit im Land bekämpfen.

Chávez hat mehr erreicht als die europäischen Staats- und Regierungschefs

Chávez war diesbezüglich auf gleicher Linie mit den Staatschefs Fidel Castro (Präsident von Kuba von 1959 bis 2011), Daniel Ortega (erneut Präsident Nicaraguas seit 2006), Rafael Correa (Präsident Ecuadors seit 2007), Evo Morales (regiert Bolivien seit 2006) und Lula da Silva (Präsident von Brasilien von 2003 bis 2011). Die genannten Präsidenten waren und sind ein formidables Team, die viel mehr erreicht haben als die europäischen Staats- und Regierungschefs, die versuchen die Wirtschaftskrise zu managen.

Als der Journalist Christopher Hitchens vor ein paar Jahren Chávez interviewte, fragte er ihn danach, was ihn mit Fidel Castro verbinde und welche Unterschiede es zwischen ihnen gebe. Chávez sagte, dass sie in Bezug auf den US-Imperialismus gleicher Meinung seien. Dennoch, sagte Chávez damals: „Fidel ist ein Kommunist, der an einen Einparteienstaat glaubt, der von der kommunistischen Partei angeführt wird. Ich hingegen bin ein linker Demokrat, der an einen pluralistischen Staat glaubt und an freie Wahlen. Fidel ist außerdem Marxist, der der Meinung ist, dass einzig der Staat die Geschicke der Wirtschaft lenken dürfe. Ich dagegen glaube an ein gemischtes Wirtschaftssystem mit öffentlicher Regulierung und privatem Unternehmertum. Darüber hinaus ist Fidel Atheist. Er glaubt an den wissenschaftlichen Atheismus. Ich bin Katholik und bin mir darüber im Klaren, dass Jesus zwischen den Armen gelebt hat.“

Chávez hat die Bergpredigt aus Matthäus 5 in ein politisches Programm umgewandelt: Es geht nicht darum, die Lebensrealitäten in den Himmel zu heben, sondern darum, die Lebensbedingungen der Menschen auf der Welt zu verbessern. Viele Staaten haben durch ihren Ölreichtum das Geld dafür – und weil die Armen in diesen Ländern die Mehrheit stellen, haben sie auch die politische Legitimität. Doch sie tun nichts – im Gegensatz zu Chávez, der den Ölreichtum Venezuelas mit anderen Staaten Südamerikas und darüber hinaus geteilt hat.

Ist die venezolanische Wirtschaftsweise nachhaltig? Die Wirtschaft steckt in Schwierigkeiten: Es wird zu wenig investiert, und das Geld, das Venezuela dem Handelspartner China schuldet, wird immer mehr.

Nun gilt es die marginalisierten Slumbewohner dazu zu bringen, zum Bruttoinlandsprodukt beizutragen – sowohl als Produzenten als auch als Konsumenten. Viele fühlen sich von den Armen bedroht. Auch von Chávez. Sie stellen sich Fragen wie: „Werden sie uns behandeln wie wir sie behandelt haben?“ Und: „Werden sie uns eines Tages übertreffen?“

Sicherlich werden einige die wirtschaftlichen Errungenschaften sabotieren wollen. Um Chávez zu töten, dafür ist es mittlerweile zu spät. Viele Länder werden sich aber bedroht fühlen, wenn arme Länder zu ihnen aufsteigen – auch aus der Angst, dass ihre „eigenen“ Armen sich nun auch aus ihrer Misere befreien wollen. Und könnten beispielsweise die Schwarzen in den USA sich mit den Bewohnern der karibischen Länder gegen die reichen Länder verbrüdern?

Chávez‘ Tod hat Fragen aufgeworfen, die über die Zukunft Venezuelas hinausgehen. Es wird schwierig für Wirtschaftswissenschaftler sein, angesichts von Chávez‘ wagemutiger Art ihre Illusion des Trickle-Down-Effekts aufrechtzuerhalten. Aber Positivdiskriminierung ist manchmal eine geradezu notwendige Schocktherapie, um die marginalisierten Bevölkerungsgruppen weltweit – Frauen, Farbige, Malaien in Malaysia oder die Kastenlosen in Indien – zu befreien.

Auch das sollte Aufgabe von Ökonomen sein: Diejenigen, die ganz unten sind, auf eigene Füße zu stellen – auch in Staaten, die nicht reich an Ölreserven sind. Zum einen müssen sie diese Probleme sichtbar machen. Zum anderen ist es für christliche Theologen geradezu unmöglich, diese Herausforderungen zu ignorieren: Jesus selbst lebte unter den Armen, und zwar nicht nur, um auf dem Berg Predigten zu halten, sondern um real den Menschen Trost zu spenden und ihnen zu essen zu geben und sie zu beschützen.

Chávez diskutierte nicht, er handelte

Chávez war kein Theologe. Er hat sich nicht an den Diskursen beteiligt, die seit zwei Jahrtausenden als vermintes Gelände gelten. Er handelte einfach.

Nein, die Debatte innerhalb der Kirche ist nicht neu, wie der Schweizer Theologe und Gründer der Stiftung Weltethos, Hans Küng, in seinem kürzlich erschienen Artikel „Is it time, at last, for a Vatican Spring?“ ( Ist es Zeit für einen vatikanischen Frühling? – International Herald Tribune, 1. März 2013) schreibt. Wenn es nicht zu einem solchen Frühling komme sollte, „dann wird die Kirche in ein neues Eiszeitalter fallen und zu einer irrelevanten Sekte zusammenschrumpfen.“ Küng selbst könnte als Papst das Ruder herumreißen.

Selbst für linke Extremisten dürfte es schwierig sein, Fidel Castros Weg als den einzig möglichen anzuerkennen. Westliche demokratische Legitimität dürfte uns viel weiter führen. Doch der Westen hat noch so seine Probleme mit Frieden und Demokratie: Er verwechselt Gewalt mit Konflikt, Waffenstillstand und die Entwaffnung von „Rebellen“ mit Lösungen, pluralistische Demokratie mit Mediation. Menschenrechte sind nicht immer gleich die Rechte der Menschen. Nur ein Genie bringt uns dazu, anders zu denken und anders zu handeln und dabei Geschichte zu schreiben. Chávez war eines. Danke, Hugo!

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